14 Stunden und ein Abstecher in Doha– meine Reise nach Chongqing

Als ich den Flugzeugbegleitkatalog aufschlage, muss ich erst einmal schmunzeln. Mir lächelt der Redaktionsleiter in langem weißen Schleier entgegen und seine Begrüßung ist in arabischer Sprache verfasst. Lese ich das Magazin andersherum, kann ich es tatsächlich dank englischer Ausgabe auch verstehen, aber die arabische Schrift finde ich viel origineller. Schließlich fliege ich zum ersten Mal mit KatarAirlines.
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Bereits beim Boarding und auch beim Umherschweifenlassen meines Blickes im Flugzeug, erblicke ich eine Mischung aus europäisch, arabisch und asiatisch aussehenden Menschen. Wirklich eine bunte Mischung, die sich hier versammelt hat. Die Filme, die im Medienangebot zur Verfügung stehen, stammen größtenteils aus Bollywood, aber ich habe ohnehin kaum Zeit, da ich mir für den Flug das Pauken einiger chinesischer Ausdrücke vorgenommen habe – los geht‘s.
Nach ein paar Stunden Flug, entschließe ich mich dazu, meine Uhr umzustellen – am besten gewöhne ich mich so schnell wie möglich an die chinesische Taktung, um den Jet lack zu minimieren. Einen so wirklich ausgefeilten Schlaf-Wach-Plan, wie ich es am besten anstellen soll, um nicht die nächsten zwei Wochen nur im Bett oder müde auf der Coach zu verbringen, so wie es dem ersten Au-Pair, das meine chinesische Gastfamilie hatte, erging, habe ich tatsächlich nicht so richtig. Soll ich nach deutscher Zeit einschlafen? Oder doch mich schon nach der chinesischen Zeit richten? Wann genau sollte ich mich wachhalten und wann vielleicht doch während des Fluges keinen Kaffee trinken? Ich versuche einfach eine Strategie als Mischung aus körperlichem Schlafgefühl und rationalem Denken sowie Tipps, die mir Jet-Lack-Erfahrene mit auf den Weg gegeben haben. Wird schon irgendwie – bei den elf Stunden Flug und sieben Stunden Zeitverschiebung nach Japan hat es schließlich auch problemlos geklappt.
Gurte wieder zuschnallen, Rückenlehnen hochklappen, Tische einfalten… die Flugbegleiter gehen durch die Gänge, damit sich alle Passagiere auch ordnungsgemäß auf die bald eingeleitete Landung vorzubereiten. Wenige Stunden nach Abflug in Frankfurt beginnt das Flugzeug nun wieder seinen Sinkflug. Wenige Stunden? Bin ich wirklich schon bald in China? Nein. Denn erst einmal erfolgt ein Umstieg in Doha, der Hauptstadt von Katar.
Kurz bevor die Rollen des Flugzeugs auf der Landebahn aufsetzen, leuchtet der Bildschirm an der Rückenlehne meines Vordermannes auf. Ähnlich wie das Sichereinweisungsvideo zu Beginn jedes Fluges scheint auch der nun ablaufende Spot für jeden Passagier verpflichtend, denn nicht nur der kleine Bildschirm vor mir hat sich ganz von alleine angeschaltet, sondern an allen Rückenlehnen läuft nun ein Werbespot für den Flughafen in Doha ab. Neben Zahlen und Fakten zu Größe, Baujahr und Passagierzahlen, die hier tagtäglich ankommen und abfliegen, erscheint auf einmal das Fußballteam des FC Bayern München. Was bitte haben die in einem Werbefilm eines Flughafens in Katar zu suchen? Sie laufen an den einzelnen Gates vorbei, sammeln ihre Koffer am Kofferband ein und unterschreiben schließlich das Trikot eine kleinen Jungen, der scheinbar FC Bayern München Fan ist. Nationalstolz hin oder her – dass Fußball wirklich das erste ist, was Nichtdeutschen einfällt, wenn man erzählt, dass man aus „Germany“ kommt, ist dann doch nicht unbedingt das, was ich möchte. Besonders wenn man nicht gerade Fan der riesigen Machinerien ist, die hinter dem eigentlichen Sport stehen – aber Kritik nun erst einmal beiseite. Denn jetzt möchte ich mir den Flughafen doch erst einmal live und ohne Bayern München Promis anschauen.

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Beim Umsteigen des Flugzeugs gibt es stets zwei Strategien: entweder man bucht die Flüge so, dass man darauf spekuliert, dass eine halbe Stunde Umsteigezeit ausreicht und man sich fließend von einem in den nächsten Passagiersitz fallen lassen kann, geht damit aber gleichzeitig das Risiko ein an einem Flughafen in einem fremden Land ziemlich unter Stress zu geraten, falls der erste Flug Verspätung haben sollte, oder es irgendwie zu Komplikationen kommt. Besonders wenn die beiden Flüge von unterschiedlichen Fluglinien angeboten werden. Oder – man wählt die sichere Alternative bei der dieses Risiko flach fällt. Der dabei eingebaute Zeitpuffer für Verspätungen oder Komplikationen resultiert dann jedoch leider in einem zweieinhalbstündigen Warten auf dem Flughafen. Nachdem ich einmal über den Flughafen gelaufen bin und mir die bereits im Video angepriesene Eingangshalle samt Riesenteddy angeschaut habe, setze ich mich vor mein Gate auf einen der Stahlsitze, lege mein Handgepäck unter die Sitzgelegenheit und versuche ein paar neue Chinesischvokabeln in meinen Kopf zu bekommen. Aber vergeblich. Ich bin einfach zu müde. Also ziehe ich mir die Kapuze meiner Jacke über den Kopf und döse vor mich hin, bis endlich der Aufruf zum Boarding aus den Lautsprechern ertönt.
Die Frau, die bereits neben meinem Platz in der Maschine sitzt, zögert nicht lange, bis sie mit mir ein Gespräch anfängt. Die Chinesen scheinen tatsächlich wie bereits von anderen europäischen Chinabsuchern, mit denen ich mich im Voraus ausgetauscht habe, erzählt, sehr interessiert an allen „Großaugenmenschen“ zu sein. Und obwohl ich angesichts meiner Größe mich sehr gut unauffällig unter die chinesische Bevölkerung mischen könnte, falle ich mit meinen blauen Augen und blonden Locken doch deutlich auf. Geschätzt hätte ich meine Nebensitzerin nach einem kurzen ersten Blick auf vielleicht 21, nachdem sie mir jedoch erzählt, dass sie inzwischen in Kassa Blanka lebe, wo ihr Mann seit zwei Jahren arbeite und sie selbst zuvor schon sieben Jahre lang als Kinderpädagogin in China angestellt gewesen sei, hat sie mir unverkennbar klar gemacht, dass ich im Chinesenalterschätzen wirklich noch einiges zu lernen habe. Aber stimmt es nicht wirklich, dass man Asiaten im Alter zwischen 21-34 kaum ihrem richtigen Geburtsjahr zuordnen kann? Zumindest haben mir gegenüber auch einige Einheimische, die ich seit meiner Ankunft in China kennengelernt habe, zugegeben, dass selbst sie Schwierigkeiten damit haben.
Aber zurück ins Flugzeug: Aufgrund der Neugierde meiner Sitznachbarin entwickelt sich ein interessantes Gespräch in dem sie mich über Deutschland und Europa ausfragt und ich die Gelegenheit dazu nutze, bereits einen „Erster-Eindruck-Fragenkatalog“ über China mit den Antworten der ersten Einheimischen zu füllen. So sprechen wir etwa über das Schulsystem, über die Freizeitgestaltung, das Essen, politische Themen, wie das Wahlsystem, Immigration und gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität… besonders interessant ist, dass meine neue chinesische Bekanntschaft nicht nur ihre Erfahrungen als Chinesin mit mir teilt, sondern auch Eindrücke aus ihrem Leben in Marrokko einwerfen kann, sodass wir sozusagen einen Dreiervergleich ziehen können. Wie ich erfahre, reist sie gerade nur für einen Urlaubsmonat zurück nach Chongqing um dort Freunde sowie Familienangehörige zu besuchen – und das original chinesische Essen zu genießen, das sie – wie sie mir verrät – trotz chinesischem Koch in der Firmenkantine, am meisten an ihrem Heimatland vermisst.
Wie das in China so üblich ist, tauschen wir am Ende unserer Unterhaltung unsere WeChat-Kontaktdaten aus, sodass ich die Chance habe, in den nächsten Wochen auf ihr Angebot, mir einige Regionen in Chongqing zu zeigen, zurückgreifen werden kann. (Dazu in den nächsten Artikeln ein wenig mehr).
Nach dem „Abendessen“ – ich habe aufgehört mich zwischen deutscher und chinesischer Zeit zu orientieren und mir zu überlege, was das für eine Mahlzeit es sich bei dem servierten Plastikschälchen gerade eigentlich handelt – wird schließlich das Licht im gesamten Flugzeug gedimmt und wir müssen die Läden an den Fensterluken schließen – Kollektivschlafen, oder was? Scheint so, denn außer mit Taschenlampe habe ich wirklich keine Möglichkeit, etwas anderes zu machen, als zu schlafen. Zwar bringt das nun all meine Überlegungen zur Jetlackvermeidung durcheinander aber – was solls. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, meinem Körper nun noch ein paar Stunden Ruhe zu gönnen, um in China dann ganz besonders fit zu sein.
Als ich aus dem Flugzeug steige, kommt mir wie erwartet zunächst einmal eine Wärmewand entgegen. Nicht umsonst starrte ich völlig erstaunt den Bildschirm an, als ich vor ein paar Tagen noch in Deutschland die Wettervorhersagen für Chongqing abcheckte, um meine Kofferpackpläne evtl. daran anzupassen. 23 Grad zeigte zu diesem Zeitpunkt das Chongqinger Thermometer, als mir in Deutschland bei Temperaturen um die 0°C meine Finger draußen selbst samt Handschuhen abfroren. Dementsprechend habe ich auch mein Flugzeugoutfit gewählt: Zwiebellook, sodass ich mir die oberste Schicht, meine Jeans und Jacke, schon im Flugzeug kurz vor dem Ausstieg ausziehen kann und meine Jacke um meine Hüften wickeln.

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Bisher verlief alles reibungslos, ab jetzt fühle ich mich ein bisschen sehr unter die Lupe genommen. Zwei Mal werde ich befragt, was ich hier in China vorhabe und ich habe keine Ahnung mit welcher Antwort sie mich gleich wieder in den Flieger zurückgeschickt hätten – ich sagte einfach die Wahrheit und werde tatsächlich durchgelassen. Gut zu wissen, dass eine deutsche Au-pair-Englischlehrerin und Chinesischstudentin für das Land keine Gefahr darzustellen scheint. Am Kofferband muss ich zunächst eine halbe Ewigkeit lang warte, lerne dort aber einen Deutschlehrer kennen. Seine Fächer, die er in Deutschland studierte und unterrichtete: Geographie und Geschichte, mit seiner Qualifikation kann er aber sogar ohne Zusatzprüfung als Deutschlehrer an einer chinesischen Universität arbeiten. Interessant. Sowohl, dass das möglich ist, als auch dass Chinesen überhaupt ein Interesse am Deutschlernen haben. Bisher hatte ich nur auf dem Schirm, dass die meisten Kinder inzwischen Englisch lernen, die Menschen ansonsten aber recht wenig Interesse für Fremdsprachen aufzubringen wissen.

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Die erste Toilette, die mir am Flughafen begegnet – daran kann ich mich für die kommenden sechs Monate gleich mal gewöhnen.

Das Warten auf mein Gepäck kommt mir zwar wie eine Ewigkeit vor, ist jedoch nichts Im Vergleich zum Anstehen an der anschließenden Gepäckkontrolle. Es reicht scheinbar nicht aus, dass direkt neben dem Gepäckband ein Hund samt Polizist steht, die im Team tatsächlich Gepäckstücke herausfischen und diese separat durchwühlen – zum Glück scheint das Tier keine Auffälligkeiten an meinem Koffer festzustellen – nein, die Gepäckstücke müssen auch noch durchleuchtet werden. Vielleicht haben die Chinesen ja ein extra Detektierlicht entwickelt, dass alleine anhand der Reflexionsstrahlung chinastaatskritische Skripte und Dateien in Printformat sowie in elektrischen Geräten aufspüren kann – wer weiß?
Bis ich schließlich aus der Schlange herauskomme und das „Lilith“ Schild erblicke, mit dem meine Gastmutter samt einer Mitarbeiterin der Organisation aufgeregt auf mich warten, vergehen seit Einrollen der Maschine insgesamt eineindreiviertelstunden. Dies ist zum Teil auch der Tatsache geschuldet, dass es sich bei der Annahme, chinesische Bürger wissen nicht, wie man sich anstellt, tatsächlich einiges dran ist. So erinnert das Gebilde vor der Gepäckkontrolle eher an einen Haufen mit undefinierbarer Anzahl an eher schlangenlinienförmigen als geraden Schlangen, wodurch man sich wie in einem Stau auf der Autobahn fühlt, bei der die weißen Linien als Begrenzungen der Spuren vergessen wurden und in dem man andauernd das Gefühl hat, sich nun wieder falsch „eingeordnet“ zu haben.
Schließlich entdecke ich das besagte Schild und erkenne Crystal von ihrem WeChat Profilbild wieder, sowie meine Host-Mutter von dem Familienvorstellungsschreiben. Doch da stehen noch zwei weitere Personen, die mir noch nicht bekannt sind. Sarah und Lisa, wie ich im nächsten Moment erfahre. Dass sie mit hier am Flughafen sind? Zufall. Bei ihnen handelt es sich um ehemalige Au-pairs. Sarah hatte nach Abschluss ihres viermonate-Vertrags im Dezember und nach zwei Monaten Aufenthalt in Deutschland nun doch wieder Lust auf ein weiteres Semester an einer chinesischen Universität bekommen und Lisa hatte ihren Vertrag von 12 Monaten unterbrochen, um sich nun mit Sarah zusammen auf das chinesische Studentenleben zu konzentrieren und nur noch ab und an ein paar Unterrichtsstunden bei ihrer Hostfamilie zu erteilen. Die beiden haben sich für die kommenden Monate bis Ende Juli ein dometory gemietet – für 50€ im Monat: ein kleines Zimmer ausgestattet mit zwei Betten und einem „Bad“, das man (Kloloch und Duschkopf ohne Aufhängevorrichtung) doch sehr schwer als solches identifizieren kann. Aber es muss schließlich nicht immer luxuriös sein und auch ich hätte mich an ihrer Stelle gut an diese Bedingungen gewöhnen können. Vergleicht man die Unterkunft jedoch mit deutschen Verhältnissen ist auffällig, dass hier die Zimmer deutlich kleiner und bescheidener sind – nicht umsonst also der enorm niedrige Preis. Sarah ist heute ganz zufällig im selben Flugzeug angereist, wie ich. Spontan werden die beiden mit zum Abendessen eingeladen, das meine Hostfamilie samt zwei Mitarbeiterinnen von RisingStar sowie der Familie der Schwester meiner Hostmutter verbringen. Wirklich praktisch, denn so kann ich die beiden deutschen Sprachstudentinnen schon einmal über ihre bisherigen Erfahrungen in China ausfragen und erhalte Tipps sowie Informationen rund ums Bezahlen in China, die Zusammenarbeit mit der Organisation, sehenswerte Ausflugsziele, die Uni… Gleichzeitig bin ich sehr froh über ihre Information, dass wir die einzigen drei Deutschen am Campus und soweit sie wissen auch in der Wohnumgebung sind. Schließlich ist es ganz nett, sich mit Deutschen ab und zu auszutauschen und hin und wieder auch die eigene Muttersprache zu sprechen, dennoch bin ich in erster Linie hier um die chinesische Sprache sowie Kultur kennenzulernen – da können zu viele Deutsche nur schaden.
Am Abend werde ich schließlich in mein neues temporäres zu Hause geführt. Ich habe mein eigenes kleines Zimmer in der Wohnung der Familie, die im 19. Stock eines der vielen riesigen Hochhäuser liegt. Zum Glück habe ich keine Höhenangst, sodass ich den beeindruckenden Ausblick von den beiden Balkonen der Wohnung sowie durch das Fenster in meinem Zimmer wirklich genießen kann. Ich komme mir wie in einer futuristischen Welt oder einem Computerspiel vor – so viele Riesenhochhäuser, die bis zum Horizont ragen und egal wo ich in den nächsten Wochen hinfahren werde, scheinbar nirgendwo ein Ende finden, sind wirklich etwas ganz Neues für mich. Schließlich wohnen alleine in dem Riesenhochhaus meiner Familie fast genauso viele Menschen, wie in dem Dorf in Deutschland, in dem ich meine letzten 11 Lebensjahre verbrachte. Und auch mit Berlin, das ich durchaus schon häufig besuchte, sind diese Dimensionen wirklich nicht zu vergleichen.
Als ich meinen Koffer fertig ausgepackt habe, sind die Kinder erst einmal neugierig. Ich rede ein bisschen mit ihnen, bevor sie zu Bett gehen und ich mich noch weiter mit der Mutter austausche. Dabei bin ich doch recht positiv von den bereits vorhandenen Englischkenntnissen aller drei überrascht. Schließlich gehe ich ausreichend spät – um wenigstens zu versuchen, meinen Schlafrhythmus aufrechtzuerhalten – ins Bett.
Mein Plan scheint zwar nicht vollständig aufzugehen, denn die nächsten Tage fühle ich mich noch ungewohnt häufig und zu seltsamen Zeiten müde, insgesamt komme ich aber doch recht gut mit der Zeitumstellung klar. Die Familie ist sogar so sehr positiv davon überrascht, auf wie viele Spiele- und Zeitverbringenanfragen der Kinder ich bereits kurz nach meiner Ankunft reagiere, dass sie dies gleich der Organisation mitteilt. Sitze ich abends noch bis zum 24 Uhr am Tisch im Wohnzimmer, um zu arbeiten oder zu lernen, fragen sie nur, ob ich denn nicht müde sei, und warum ich denn so viel Energie hätte 😉
Mein Jet-Lack-Vermeidungssystem hat also zum größten Teil gut funktioniert.

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