29 Stunden-Flug samt Koffersuche – wie ich es endlich nach Moskau schaffte

Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie häufig mein Traum, nach Moskau zum IPT zu kommen, in den letzten Wochen fast geplatzt wäre. Jedes Mal, wenn ich wieder eine Nachricht las, was nun noch an Dokumenten fehlt, was nun wieder schiefgelaufen sei, was noch zusätzlich zu erledigen sei… Irgendwann stellte ich mir die Frage, wann der Punkt erreicht sein würde, an dem ich aufgeben würde. (siehe:Bürokratiemarathon) Glücklicherweise erreichte ich diesen Status nie, und somit begebe ich mich in der Nacht von Samstag auf Sonntag genau zwischen den Monaten März und April einmal wieder an den Riesenflughafen in Chongqing.
Erstaunlich schnell finde ich mich auf dem chinesischen Flughafen zurecht und zu meiner Verwunderung reicht tatsächlich das Aushändigen meines Passports aus, um meinen Bordingpass zu erhalten. Noch nicht einmal meine Ticketnummer wird nachgefragt.
Dennoch bin ich bevor ich mein erstes Flugzeug besteige zunächst verwirrt. Einmal muss ich das Gate wechseln, was netterweise noch in einer Lautsprecherdurchsage verkündet wird, die eine Massenwanderung an Passagieren zur Folge hat, an die ich mich einfach anschließen kann. Doch als auch eine halbe Stunde nach eigentlich geplanter Abflugszeit selbst am neuen Gate noch nicht einmal das Priority Boarding begonnen hat, werde ich doch etwas nervös. Ich checke erneut die Flugnummer, gleiche alle Informationen am Bildschirm mit meinem Ticket ab. Dass Inlandsflüge häufig Verspätung haben, habe ich schon oft genug in Reiseführern gelesen, dass an dem Monitor aber immer noch steht „In Time“ und sich dieser Schriftzug einfach nicht in „Delayed“ verwandeln möchte, beunruhigt mich ungemein. Nun ja, vielleicht verstehen die Chinesen unter pünktlich alles, was im 1h Range liegt? Meine Sorgen sind umsonst und dreißig Minuten später nehme ich meinen Sitzplatz ein. Besser gesagt nicht nur einen, sondern drei, denn meine gesamte Flugbank bleibt auf diesem Kurzstreckenflug leer, sodass ich mir schon einmal eine Stunde Schlaf gönne – schließlich weiß ich nicht, wie bequem die Sitze an meinem Umsteigeflughafen sein werden.
15-einhalb Stunden. 15-einhalb Stunden werde ich an diesem sitzen. Kein Wunder, wenn man erst fünf Tage vor Abflug buchen kann, weil vorher die Wahrscheinlichkeit, das Visum in time zu erhalten noch zu gering war. Nun ja. So erweitern sich die reinen knapp 14 Stunden Flugzeit eben auf 29 Stunden – nur gut, dass ich auf dem Weg nach Russland fünf Stunden geschenkt bekomme.
Nun komme ich aber erst einmal in Wuhan an. Ein junger Mann, vielleicht 22 Jahre alt, hatte mich bereits im Flugzeug die ganze Zeit betrachtet, ich hatte aber nach drei Mal hinüberschauen und der Erkenntnis, dass er danach immer noch in meine Richtung blickte, entschlossen, ihn einfach zu ignorieren. Als der Ausstieg am anderen Ende des Flugzeugs beginnt, gesellen sich drei weitere Personen zu ihm, eine junge Frau, die sich als die jüngere Schwester des ersten herausstellt, beginnt mit mir zu kommunizieren. Doch da ich bisher vielleicht zehn Sätze Chinesisch spreche und die vier kein Wort Englisch zu verstehen scheinen, gestaltet sich die Unterhaltung sehr holprig. Dennoch verstehe ich, dass sie mir fünf Mal anbieten, mich in ihrem Auto nach Hause zu fahren und ich brauche fünf Anläufe, bis alle verstehen, dass ich einen weiteren Flug nach Russland nehmen muss und gar nicht in Wuhan bleibe. Nachdem das geklärt ist, reden sie weiter auf Chinesisch auf mich ein, bis wir uns schließlich in Wechat verbinden und ich die Translate-Funktion dieser App entdecke. So schreiben wir uns gegenseitig, lassen dann Wechat übersetzen und können so zumindest ein paar Sätze austauschen.
Schließlich wollen sie unbedingt, dass ich mit ihnen in einen kleinen Laden trete – der scheinbar einzige, der in der Nacht auf diesem Flughafen geöffnet hat. Ich versuche ihnen klar zu machen, dass ich keinen Hunger hätte, schließlich führen sie mich aber an ein Regal und ich muss mir eine Packung Kekse aussuchen. O.k. wenn ich sie damit glücklich mache. Ich zeige also auf ein paar Nussriegel. Als das Mädchen weitere drei Packungen auswählt, vermute ich, dass auch sie sich noch einiges an Verpflegung kaufen möchten. Ich werde an das zweite Regal geführt. Dieses Mal soll ich Kuchenstücke auswählen, dann noch eine Packung Kaugummi- Da ihr meine Entscheidung jedes Mal zu wenig zu sein scheint, packt sie auch hier stets noch drei weitere Packungen ein. Als das dann alles in einer gemeinsamen Tüte landet, die mir in die Hand gedrückt wird, bin ich doch etwas überfordert – meine Vermutung der Eigenverpflegung stimmte also nicht, sondern alles war wirklich für mich gedacht. Naja, egal. Manchmal kann man eben doch davon profitieren anders auszusehen und so lässt es sich ab und an recht gut ertragen, wenn auch nur aufgrund der äußerlichen Andersartigkeit, zur kleinen Berühmtheit zu werden. Ich zu meinem Teil werde mein Esspacket einfach an das deutsche Team verteilen, sobald ich in Moskau ankomme. Das zählt dann immerhin schon einmal als kleine Entschädigung dafür, dass die anderen aus meiner Mannschaft zwei Stunden auf mich am Flughafen warten werden. Ich bedanke mich also und wir fünf laufen zum Ausgang.
Tatsächlich bin ich überrascht, wie ausgestorben der Flughafen in der Nacht ist. Eine einzige Person ist zu entdecken, die uns schließlich die Tür aufmacht, sodass ich zumindest in die Vorhalle komme. Einziges Problem: Mein Koffer ist nirgends zu sehen. Aber, vielleicht hatte ich die Dame auch falsch verstanden und ich muss das Gepäck doch nicht doppelt einchecken? Naja, hoffen wir es mal. Um diese Uhrzeit kann ich nun ohnehin nichts mehr verändern. Im Kopf gehe ich durch, was ich denn vermissen würde, wäre mein Koffer wirklich abhandengekommen. Nicht gerade angenehm, aber alles zu verkraften. So lange mein Laptop mit den Wettbewerbspräsentationen im Rucksack steckt, kann ich beruhigt sein.
Im vierten Stock ist die Check-in Halle wirklich vollkommen leergefegt. Ein einziger Aufpasser läuft durch die Gegend – natürlich auch nur chinesischsprechend. Nachdem ich ihm mein Ticket gezeigt habe, klopft er auf seine Armbanduhr und ich versuche ihm in Körpersprache klarzumachen, dass es mir bewusst sei, dass es noch 14 Stunden bis zu meinem Anschlussflug dauern wird. Irgendwie verstehe ich schließlich, dass ich nicht hier, sondern zwei Stockwerke tiefer warten müsse. Auch nicht schlecht. Dort liegen tatsächlich schon einige Passagiere quer über den Metallstühlen und machen den Anschein zu schlafen, andere tippen auf ihren Smartphones vor sich her. Als ich meinen Rucksack an eine Doppelsitzbank stelle, blicke auch ich auf meine Uhr. 2:30 Uhr. O.k. dann versuche ich mal zu schlafen, um den Jet-lag möglichst gering zu halten und am Sonntag fit für strategische und physikalische Gedankengänge zu sein. Während ich es mir auf der Metallbank „bequem“ mache, lobe ich mir wirklich meine kleine Größe: würde ich zwanzig Zentimeter mehr in die Höhe ragen, würde ich niemals auf diesen Doppelsitz passen. Aber so stört mich nur die automatsche Stimme der Rolltreppe, die irgendeinen chinesischen Satz wiederholt und wiederholt sowie das Licht. Ich decke mein Gesicht mit einem Pulli ab und schaffe es schließlich, wegzudösen.
 Der verschwundene Koffer
Zum dritten Mal stehe ich nun vor ein und derselben China Southern Mitarbeiterin. Mein Entschluss steht fest. Ich lasse mich nicht noch ein weiteres Mal ohne personelle Begleitung in den zweiten Stock schicken, um diesen Schalter zu finden, an dem ich angeblich nach meinem Gepäck fragen kann. Schon zwei Mal zuviel habe ich den gesamten zweiten Stock abgesucht. Ich versuche die Dinge positiv zu sehen und betitle die Suchaktion einfach als Morgenspaziergang. Wieder kommunizieren wir mit einer Übersetzungsapp und ich mache der Dame am Schalter klar, dass meine Suche auch das zweite Mal erfolglos war. Dass noch nicht einmal die Beamten am Flughafen Englisch sprechen? Wenigstens ist die Dame freundlich und hebt nun endlich ihr Telefon ab. Wenige Minuten später kommt eine weitere China Southern Mitarbeiterin auf mich zu, die mich nach unten begleitet.
Wie konnten die mich nur zwei Mal alleine nach unten auf die Suche nach meinem Gepäck schicken? Selbst die Mitarbeiterin, die nun neben mir läuft, scheint wenig Ahnung zu haben, an wen genau sie sich wenden soll. Sie fragt zunächst bei der Polizei am Ausgang nach und schließlich treten wir in einen Raum mit der Aufschrift „Stuff only“ ein. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dort zu klopfen. Es handelt sich hierbei um den Security Check-In der Mitarbeiter dieses Flughafens. Meine Begleiterin kann sich wenigstens auf Chinesisch verständigen und fünf Minuten später halte ich meinen Koffer wieder in den Händen. Na also, geht doch. Immerhin war meine Entscheidung, drei Stunden vor Abflug zum Check-In-Schalter zu laufen, doch nicht so schlecht, denn nachdem ich nun ein wenig umgepackt und meinen Koffer registriert habe, werde ich auch noch in die falsche Handgepäckkontrollschlange geschickt. Also – wieder einmal zehn Minuten umsonst angestanden, wieder über den halben Flughafen und in die nächste Schlange. Wenn das so weitergeht, habe ich das Reclam-Heft, das ich während des Anstehens in den Händen halte bestimmt bis zu meiner Ankunft in Moskau durchgelesen.
Eigentlich fliege ich gerne, wobei das im Grunde genommen meinen ökologischen Werten widerspricht. Fliegen verpestet die Umwelt einfach viel zu sehr, sodass ich wenn möglich darauf verzichte und für die Abschaffung aller Inlandsflüge plädiere. Doch diese Einstellung hindert mich nicht daran, wenn ich dann einmal im Flugzeug sitze, es auch zu genießen. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich immer schön entspannen kann, sobald ich auf meinem Platz sitze – denn in diesem Moment weiß ich, dass nichts mehr schieflaufen kann. Vielleicht liegt es daran, dass ich als kleine Person die Sitze gar nicht als zu eng und das Arbeiten oder Lesen während des Fluges gar nicht als so unbequem empfinde. Jedenfalls sitze ich am Sonnntagnachmittag nach chinesischer Zeit endlich im Flieger nach Moskau.
Das einzige was mich während des Fluges stört: Das Kollektivschlafen. Bereits bei meiner Einreise nach China ist mir das aufgefallen. Zwischen den servierten Mahlzeiten wird einfach alles abgedunkelt, die Fensterjalousien geschlossen – und wenn man in diesen Zeiträumen auch nur wagt, das Licht einzuschalten, oder die Taschenlampenfunktion seines Handys zu nutzen, um z.B. zu lesen, richten sich gleich mindestens zwanzig vorwurfsvolle Augen auf einen. Somit bleibt einem entweder nur das Schlafen oder das Nutzen des Medienangebots am direkt vor einem prangernden Monitor übrig. Nun ja – eine Mischung aus beidem lässt die achteinhalb Stunden dann doch im wahrsten Sinne des Wortes im Fluge vergehen.
Endlich da!
Ich winke ihm zu. Unser Teamleader, der am unteren Ende der Rolltreppe steht, hat mich, kaum dass ich aus der Passkontrolle herauskomme, entdeckt. Sehr gut. Auch wenn sich ihre Wartezeit nun um 45 Minuten verlängert hat, da auch noch mein zweites Flugzeug an diesem Wochenende Verspätung haben musste, treffe ich auf sechs ganz zufrieden, wenn auch müde wirkende Deutsche. Mein Team. Endlich bin ich in Moskau. Nach all dem Aufwand des letzten Monats kann nun nichts mehr schief gehen.
Wollt ihr wissen, wie der Wettbewerb gelaufen ist? Das könnt ihr in dem Artikel Vom MIPT bis zum Kreml – Acht ereignisreiche Tage in der russischen Hauptstadt – Teil I nachlesen.

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