Verdammt! Ich blicke zwischen meinem Handydisplay und der Busanzeigeleiste hin und her. Bis gerade eben hatten alle Stationen noch gestimmt. Und jetzt? Auf einmal hat die nächste Station auf meinem Handydisplay noch nicht einmal mehr annähernd Ähnlichkeiten mit dem, was gerade an der Leiste angezeigt wird. Ich bleibe noch eine Station sitzen. Nachdem sich die Bustüren geschlossen haben und der Name der nächsten Haltestelle aufleuchtet, der auch wieder nicht den Schriftzeichen entspricht, die auf dem von meiner Gastmutter zugesandten Busfahrplan zu lesen sind, entschließe ich mich dazu, hinten aus- und vorne wieder einzusteigen und frage direkt beim Fahrer nach. Dieser gibt mir zu verstehen, dass ich noch ein wenig stehen bleiben soll, hält zwei Minuten später an, und zeigt auf die andere Straßenseite. Dort scheint die Station zu sein, zu der ich will. Nun gut.
Dabei hatte bisher alles so reibungslos funktioniert. Die Bahnhaltestelle hatte gestimmt, die Subway hatte die zahlreichen Stationen in deutlich kürzerer Zeit zurückgelegt als von meiner Hostmum prophezeit und die Busnummmer hatte ich auch sofort an der Haltestelle gefunden –nun das. Auch jetzt wird es nicht besser. Ich habe keine Ahnung, nach was ich Ausschau halten soll und die einzige Information, die ich von meiner Gastmutter erhalten habe, ist, dass ich 650 Meter von der Haltestelle aus bis zum Veranstaltungsort zurücklegen muss. Ich laufe also wahllos in eine Richtung und spreche Menschen an. Betont hilfesuchend zeige ich ihnen den Screenshot eines Plakates der heutigen Veranstaltung, auf der klein die Adresse abgedruckt ist. Das Bild ist durch das Heranzoomen verschwommen, aber die Passanten können die Zeichen dennoch entziffern und eine sehr hilfsbereite Dame, gibt die Adresse schließlich in ihr Handy ein. Daraufhin lotst sie mich zur Bushaltestelle zurück und gibt mir zu verstehen, dass ich wieder ein Kilometer zurückfahren muss. Zurück? In die Richtung aus der ich gerade gekommen bin?
Doch wohin bin ich eigentlich an diesem Samstagabend um 18:00 unterwegs? „Möchtest du auf eine internationale Feier?“ Mit dieser Anfrage hatte meine außergewöhnliche Samstagabendplanung vor drei Tagen seinen Anfang genommen. Es stellte sich heraus, dass einer der Bekannten meiner Gastmutter für ein Eventunternehmen arbeitet, das diesen Samstag eine Party für Ausländer veranstalten würde. Er könne mir eine Karte geben, die normalerweise 250 Yuan koste, wie sie betont. Warum nicht – internationale Zusammenkünfte können stets interessant werden. Ich schickte also sogleich meinen vollständigen Namen ab, sodass man mich auf die Gästeliste setzen konnte.
Als ich schließlich am Eingang des Gebäudes ankomme, fällt mir als erstes die amerikanische Flagge auf, die scheinbar als Symbol der „Ausländer“ an der Eingangstür aufgehängt wurde. Die weitere Dekoration besteht aus Luftballons und Blumen. Ich muss meinen Namen nennen, bekomme ein rotes Papierbändchen ums Handgelenk gebunden und soll mich gleich über einen QR-Code mit einer Wechat-Gruppe verbinden, in der sich alle Gäste des heutigen Abends registrieren werden. Typisch China. Doch wie habe ich es endlich geschafft, hier anzukommen?


Nachdem ich tatsächlich mit dem Bus eine Station zurückgefahren bin, mache ich mich zu Fuß wieder auf den Rückweg. Schließlich hatte es ursprünglich geheißen, dass ich 650 Meter von der Bushaltestelle aus zu laufen hätte und wenn es stimmt, dass die neue Bushaltestelle, so wie es die App der Passantin mir angezeigt hat, sich einen Kilometer von der alten entfernt befindet, müsste der Ort des Geschehens doch irgendwo dazwischen liegen!? Meine Füße in Flip-Flops schmerzen und an den Stellen, die sich direkt an den Rändern der Gummibänder befinden, kann ich die beginnende Blasenbildung bereits sehen, ohne mich bücken zu müssen. Da meine Ballerinas, die ich in der Tasche habe, auch nicht gerade geeigneter für lange Spaziergänge sind, lege ich den weiteren Weg einfach barfuß zurück. Irgendwann bin ich wieder an meinem Ausgangspunkt angelangt. Dort überquere ich nun die Straße und frage am Wachposten einer Wohncommunity nach. Letztendlich leitet mich eine sehr freundliche Dame, die ich dort antreffe, an einen Taxifahrer weiter. Mir ist inzwischen alles egal, so lange ich an meinem Zielort ankommen werde. Dann mache ich eben zum ersten Mal hier in China Erfahrung mit einer Fahrt in einem dieser gelben Vierrädler. Als ich einsteige zeigt der Fahrer belustigt mehrmals auf meine nackten Füße. Barfuß falle ich als Deutsche also noch mehr auf. Gut zu wissen. Tatsächlich fährt der Taxifahrer nachdem er sich von seinem Lachen erholt hat, erst einmal eine ganze Strecke zurück – noch deutlich weiter an der Haltestelle vorbei, an der ich das zweite Mal ausgestiegen bin, dann irgendwann biegt er nach rechts ab. Das hätte ich ja nie alleine gefunden. Da hat mir meine Gastmutter mit der angeblich 650 Meter entfernten Bushaltestelle wohl eine falsche Information gegeben.

FAST AM ZIEL

Es ist wirklich ein sehr amüsanter Anblick. Die beiden Männer in ihrer Wachuniform funken sich über die Straße hinweg zu. Ihr Abstand beträgt gerade einmal zehn Meter und sie könnten sich auch zuschreien. Was sie da reden? So im Detail kann ich es nicht verstehen (der schnellgesprochene Chongqinger Dialekt ist für meine bisherigen Chinesischkenntnisse dann doch noch etwas zu schwer), fest steht jedoch, dass sie darüber diskutieren, wie sie mir am besten helfen können. Denn der Ort, an dem ich die Taxitüre hinter mir geschlossen habe, scheint doch noch nicht ganz richtig zu sein. Ich befürchte bereits das Schlimmste – schließlich hat der Taxifahrer nur einen flüchtigen Blick auf mein Handybild genommen und anschließend auch kein Navigationssystem verwendet. Vielleicht wollte er einfach einmal eine „Weiße“ auf seinem Beifahrersitz haben und hat daher wissend getan?
Meine Bedenken sind unnötig, denn schließlich fährt ein Auto aus dem Eingangstor der gegenüberliegenden Community und mir wird zu verstehen gegeben, dass die dieses Auto steuernde Frau ebenfalls zu der Veranstaltung möchte, deren Werbeplakatscreenshot ich einem der beiden Guards zuvor unter die Nase gahalten hatte. Als ich die Dame in Ballkleid erblicke und am Fuße des Beifahrersitzes Absatzschuhe entdecke, schenke ich dem mir Gesagten Glauben.
Nach zwanzig Metern die Straße entlang parkt die Frau. Ich habe kaum Zeit mich anzuschnallen, da hält sie auch schon wieder an. Ich blicke etwas verdutzt. Warum bitte haben wir dieses kurze Stück nun mit dem Auto zurückgelegt? Nun gut. Hauptsache ich bin da.
Meine Befürchtung, zu spät zu sein, bewahrheitet sich ganz und gar nicht, als ich eine halbe Stunde nach offiziellem Beginn um 18 Uhr, eintrete. Nur vereinzelt sitzen Gäste an Tischen und auf kleinen Sesseln. Die Kuchenstückchen und das Obst an den Theken ebenso wie die Weingläser scheinen noch vollkommen unberührt. Ich gebe meine Tasche ab und erhalte im Gegenzug ein kleines Zeichen auf meinem Papierband um mein linkes Handgelenk und mache es mir mit meiner Chinesischlernapp auf meinem Handy in einer Sofaecke bequem.


Zu Beginn entdecke ich tatsächlich deutlich mehr Chinesen als Ausländer. Aber nach einiger Zeit kommen dann doch immer mehr Nicht-Asiaten hinzu. Ein paar aus Frankreich, Griechenland, Italien, aus dem Kongo und Somalia… nachdem das Buffet eröffnet wird, das aus kleinen süßen und salzigen Snacks sowie zu meiner besonderen Freude aus Obst besteht, unterhalte ich mich mal hier mal da mit dem Ein oder Anderen. Bevor um 20 Uhr dann die Tanzmusik angeschalten wird und sich ein Tanzlehrer auf der kleinen Fläche hinter dem Buffett bereit macht, kann ich mir die Wartezeit zudem damit vertreiben, mir Hausmodelle und Kataloge sowie eine Diashow anzuschauen. Denn scheinbar wird dieser Raum abgesehen von Samstagabenden als Schauraum und Werbezimmer für ein Bauunternehmen genutzt. Überall stehen Modelle von Luxuswohnungen und es wird Werbung dafür gemacht, eine dieser Wohnungen zu erwerben. Riesige Wohnzimmer mit einem für 16 Personen und für ein Mehrgängemenü gedeckten Tisch, Swimmingpools, weitläufige Terrassen… Vielleicht denken die Chinesen, sie hätten bei den „reichen“ Ausländern Erfolg damit und würden einige der Apartments an den Mann bringen.
Zwischen ein wenig Essen und Trinken, dem Tanzen an sich und den ein oder anderen Gesprächen auf Englisch, Französisch und in Chinesischbruchstücken bleibt am Ende des Abends nicht vielmehr, als ein Haufen neuer WeChat Kontakte von begeisterten Chinesen, die unbedingt meinen QR Code einscannen möchten und mit denen ich in Zukunft wahrscheinlich keinen einzigen Chat beginnen werde. Ob Abendveranstaltungen in China wohl immer so ablaufen? Mal sehen, vielleicht werde ich mich in den kommenden Wochen noch ein wenig abendteuerlustig zeigen und alleine die ein oder andere Bar oder andere Veranstaltungen aufsuchen, um mir ein besseres Bild machen zu können.

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