Bananenschalen und leere Batterien in einem Müllsack – die Umweltambivalenz der Chinesen

UMWELT
Gegen 22 Uhr über eine der vielen Brücken in Chongqing zu fahren hat wirklich etwas. Es herrscht eine tolle Atmosphäre, wenn um diese Uhrzeit das Stop- and Go nicht mehr ganz so ausgeprägt ist und man von der mit Lichterketten ausgestatteten Brücke auf all die beleuchteten Hochhäuser blickt. Ganze Lichtinstallationen lassen sich dort bestaunen, helle Streifen klettern an den riesigen Bürogebäuden hinauf und hinunter. Selbst an Baustellen sind die hohen Kräne beleuchtet. Für mich ist Chongqing um 10 Uhr am Abend am schönsten und beeindruckendsten.
Auch wenn mich dieser Anblick immer und immer wieder fasziniert – was ich hier in dieser Riesenstadt stets bedauere, ist die Unmöglichkeit, ein einziges Fleckchen zu finden, das nicht zubetoniert ist. Zwar bemühen sich die Chinesen, sich in Parks einen Ort der Natur und Erholung aufzubauen, doch auch diese werden mehr von Beton und künstlich angelegten großen Teichen beherrscht als von wirklich natürlichen Elementen. Gehen wir in einen der Wanderparks, so besteht auch dieser rein aus Treppen. Ich vermisse es, auf einen Baum zu klettern und einfach einen um mich herumliegenden Wald mit all seinen unterschiedlichen Pflanzen und Tieren zu beobachten (auch wenn man nun natürlich darüber diskutieren kann, wie sehr überhaupt dieser noch naturbelassen ist). Wahrscheinlich bin ich durch das Verbringen meines bisherigen Lebens in einem kleinen Dorf und einem Haus mit Garten, der direkt an den Wald grenzt, einfach naturverwöhnt.

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Die Beziehung der Chinesen zur Natur und ihrer Umgebung ist in unseren Augen ohnehin seltsam. Im modernen städtischen China wird eine einzige Pflanze in einem Topf bereits als Natur bezeichnet. Das Treppensteigen ist gleichzusetzen mit einer Wanderung „in der Natur“ und in den „grünen“ Parks sucht man vor dem Stadtverkehr und den erdrückenden Hochhäusern Zuflucht – was also sollte man vermissen?
Auch macht es den Chinesen nichts aus, wenn diese Orte durch Plastik- und andere Abfälle verdreckt werden. In den Parks gibt es zwar die ständig mit einem Wischmopp durch den Garten ziehenden Reinigungskräfte, die den Boden nasswischen, und mit ihren Scheren die Büsche penibel perfektioniert trimmen, sodass alles seine Ordnung hat, aber auf Bergen bspw. in Nationalparks, kann es doch passieren, dass man auf einen Müllberg trifft. Ganz so offensichtlich und extrem, wie es mir in Afrika vor Augen geführt wurde, sind die Plastikhaufen hier nicht, aber ganz deutlich tritt in Erscheinung, dass den meisten Chinesen aus den Städten eine wirkliche Verbindung zur Natur und somit auch zu einem Umweltbewusstsein fehlt. Im Gegensatz zu Deutschen, die oftmals nicht aus Bewusstseinsmangel, sondern aus Bequemlichkeit sich weiter in ihr Auto setzen, obwohl sie wissen, dass das Fahrrad deutlich umweltschonender wäre, so haben Chinesen überhaupt keine Vorstellung von einem umweltfreundlichen Lebensstil. Sie verstehen nicht, warum sie beim Verlassen des Zimmers das Licht ausschalten müssen, warum sie ihre Plastiktüten doch wenigstens mehrmals verwenden sollten – Plastiktüten kosten hier nichts und werden massenhaft bei jedem Artikel dem Kunden hinterhergeworfen; einzelne Äpfel werden genauso in eine durchsichtige Tüte gewunden, wie bereits in Plastik eingepackte Erdnüsse. Reste bei einem Essen werden, wenn sie von einem Restaurant nach Hause transportiert werden sollen, einfach in an den Tisch gebracht Plastiktüten gelöffelt…
STRAßEN
Das Autofahren spielt hier nicht nur aufgrund der Bequemlichkeit, sondern besonders aufgrund des Ansehens und der Angeberei eine entscheidende Rolle. Gleichzeitig darf man aber auch nicht vergessen, dass die Regierung hier doch hinterher ist. In Peking beispielsweise ist die Anzahl an Autos mit Verbrennungsmotoren begrenzt und es wird unter den Bewerbern gelost, wer sich denn eines anschaffen darf zudem sind an manchen fogg-Tagen sind Autos mit einer bestimmten Kennzeichennummer verboten. Stattdessen werden Elektroautos gefördert. Und nicht nur die Vierrädler werden vermehrt elektrisch betrieben. Massenhaft finden sich Elektroroller, die wie kleine Mopeds aussehen sowie Elektrofahrräder mit Minireifen, auf denen man im Gegensatz zu den Deutschen E-Rädern noch nicht einmal treten muss. Diese sind mit Kosten in Höhe von 200€ zudem sehr preiswert.
Vielmehr als im Verkehr und im Plastikverbrauch fehlt es den Chinesen aber am Bewusstsein über ihren Fleischkonsum. Die vegetarische Welle ist hier noch lange nicht angekommen und die Chinesen verzehren gleich mehrmals am Tag nicht nur kleine Mengen von Tieren. Wenigstens scheint innerhalb der letzten Jahre die Nachfrage nach biologischem Fleisch, aber auch Biogemüse und -obst leicht angestiegen zu sein. Dies ist zumindest nach meinen Beobachtungen und Unterhaltungen in Chongqing aber ein sehr, sehr langsamer Prozess und vielen Chongqingern ist es bislang noch vollkommen egal, wo und wie das, was letztendlich auf ihrem Teller landet, produziert wird.
Zu befürworten ist auf der anderen Seite wiederum die Anstrengung der Regierung, die erneuerbaren Energien auszubauen. Dabei sieht sich China dem Problem gegenübergestellt, ein solch riesiges Land zu sein und in einigen Regionen viel zu viel Strom über erneuerbare Energien produzieren zu können, als vor Ort benötigt wird, in anderen aber gar keinen. Oftmals lohnt sich in solchen Fällen ein Transport des Stroms nicht, sodass besonders zu Beginn des „Elektroenergie“-Hypes tlw. Projekte gebaut wurden, die nun zu 90% ungenutzten Strom produzieren, da schlichtweg der Standort zu ungünstig gewählt wurde. Inzwischen hat sich jedoch einiges verbessert und das Ziel Chinas, bis 2020 15% des Stroms aus erneuerbaren Energien abzudecken, wird voraussichtlich übererfüllt werden. Da kann Deutschland, das seine Ziele lieber verwirft, anstatt Strategien für deren Einhaltung zu entwickeln, nur den Hut ziehen.
Bananen und Batterien in denselben Eimer?
Die Mülltrennung ist hier ein großes Thema für sich. Denn es gibt einen Abfallbehälter für „recyclebar“ und einen für „sonstiger Müll“ Was denn in welchen Behälter hineinsoll, das wird unter anderem in kleinen Videoklips erläutert, die ab und an zwischen den Werbeblöcken gezeigt werden, die auf kleinen Bildschirmen in den Subwaywagons ununterbrochen mit laut aufgedrehtem Ton laufen. In einem dieser spuckt der Müllbehälter sogar Einzelteile eines Fahrrads aus, das sich einfach zusammenbauen lässt, als eine Dame ihre Plastikflasche in den richtigen Behälter wirft. So ganz haben die meisten Chinesen die Mülltrennung aber wirklich nicht verinnerlicht. Der Höhepunkt meines Kopfschüttelns über die fehlende Trennung des Abfalls erfolgt, als ich meiner Gastmutter leere Batterien und eine Bananenschale zeige und frage, in welchen Müll das denn käme. Als sie mir beides abnimmt und es gemeinsam in ein und dieselbe Plastiktüte wirft, bin ich doch etwas sehr schockiert.
Interessant ist zudem, dass es hier in China zwar kein Pfandsystem gibt, aber dass das Abgeben von Plastikflaschen an Mülldeponien trotzdem ein wenig Kleingeld einbringt. So muss man sich nicht wundern, wenn man auch in China „Plastikflaschensucher“ bei ihrer Arbeit beobachten kann. Meistens ältere Herrschaften.

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Viele Menschen, viele Häuser
Wenn ich diese riesige Baustelle sehe, muss ich immer wieder daran denken, was sich auf diesem Gelände wohl vorher befand. Hohe Bäume, Wälder, ein Gewässer, ein paar kleine Häuschen. Vielleicht. Mit Sicherheit irgendetwas, das von meiner Gastmutter als „Natur“ bezeichnet wird, als ich sie darauf anspreche. Innerhalb von wenigen Jahren ist all dies plattgemacht worden. Meine Gastmutter scheint sich an der Verschlechterung des Ausblicks im Gegensatz zu dem Baulärm aber kaum zu stören. Und nicht nur auf den Baustellen hinter dem Haus entstehen gerade neue Wohnmöglichkeiten, auch dort, wo ich gerade sitze, an den Koordinaten dieses Hochhauses, hatten vor zehn Jahren noch Vögel gesungen.
Meine Gastgeschwister wünschen sich tatsächlich nichts mehr, als in einem Haus anstelle einer Wohnung in einem Hochhaus zu leben und einen Garten zu besitzen. Sie sind neidisch, als ich ihnen Bilder aus Deutschland zeige und ich muss einiges an Überzeugungsarbeit leisten, um ihnen klarzumachen, dass nicht nur Deutschland schöne Ecken hat, sondern dass China im Grunde genommen über noch mehr naturbelassene Gebiete verfügt und es auch hier beeindruckende Landschaften gibt. Nur eben nicht in der Chongqinger Innenstadt.

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Auch meine Gastmutter redet häufig mit mir darüber, dass ihr die Häuser und all die Menschen zu viel sind. Auch sie würde lieber mehr in der Natur leben. Vielleicht wenn sie älter ist, so ihre Hoffnung. Das kann ich vollkommen nachvollziehen. 23 Jahre lang, wie sie nun bereits in Chongqing lebt, würde ich es hier auch nicht aushalten.
Interessant ist zudem, dass Chongqing zwar eine 30 Mio. Stadt ist, dadurch dass die Hochhäuser aber jeweils Communities bilden und ihre eigenen kleinen Wege und Teiche haben, die die Hochhäuser miteinander verbinden, wird wenigstens versucht, die Wohnatmosphäre heimelich zu gestalten und in der Riesenstadt kleine Stadtbezirke und Umkreise zu errichten.

 

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