Brückenreperatur mit Rakijaintus – 10 Tage in Trsc, einem Dorf in der Nähe der Serbischen Stadt Losniza

Heilfroh bin ich, als ich am Bahnhof in Loznica eine Frau mir zuwinken und die Frage „Are you Lilith?“ zurufen höre. Denn nur zehn Minuten zuvor hatte ich den leider kein Wort Englisch sprechenden Busfahrer gefragt, ob wir denn tatsächlich pünktlich ankommen würden – und er hatte noch nicht einmal auf den Stadtnamen Losniza reagiert, was mich sehr beunruhigte. Doch nun bin ich samt all meiner Gepäckstücke angekommen. Bei einer schnellen und kurvigen Autofahrt zu meinem Aufenthaltsort der kommenden zehn Tage kann ich nicht nur die schöne Hügellandschaft mit den idyllischen vereinzelten Häusern genießen, sondern lerne auch bereits eine der beiden Campleiterinnen sowie einen Teilnehmer aus Russland kennen.
An unserer Unterkunft angekommen, wird mir erst einmal serbischer Kaffee und natürlich Rakija serviert. Zwar hatte ich heute Morgen bei der Führung schon Honigrakija testen dürfen, jetzt erwartet mich aber das durchsichtige, deutlich stärkere Originalgetränk „für Männer“ anstelle der versüßten und abgedämpften Likörvariante „für die Frauen“. Kaffee und Schnaps stellen die Begrüßung unseres Gastgebers dar. Er besitzt ein kleines Café am Waldrand mit einem über ein kleines Wiesenstück erreichbares Gästehaus. Ich werde direkt in die Mitte der bereits angereisten Teilnehmer gesetzt und die Gespräche beginnen. Ein Linguistikstudent ist dabei, ein Ingenieur, ein Mädchen, das Naturwissenschaften und Geologie studiert, eine Pädagogin, eine angehende Lehrerin, eine Physiotherapeutin… ähnlich gemischt wie die Studiengänge und Arbeitsbereiche sind auch Alter und Herkunft. Von 18-31 reicht das Alter der Teilnehmer und wir kommen aus Griechenland, der Türkei, Spanien, den Niederlanden – und neben mir sind noch zwei weitere Deutsche mit dabei.


Das erste über was ich mich freue: Die Umgebung. Nach den vielen Monaten Stadtleben in einer überfüllten chinesischen Metropole tut es wie erwartet sehr gut, mich nun wieder einmal im Grünen zu befinden. Ich atme die frische Luft ein, freue mich darüber morgens und abends wieder zu frieren und auch endlich wieder lüften zu können und genieße die Bienen, die um unseren Tisch herumschwirren.
Neben Bienen werden uns in den nächsten Tagen auch zahlreiche Katzen und Hunde begegnen – die meisten von ihnen: herrenlos. Etwas, das einem in Deutschland kaum noch begegnet. Die Katzen betteln am Tisch nach Essen und eine schwarze schwangere Hündin beginnt damit, uns auf Schritt und Tritt zu folgen, und direkt auf der Matte vor dem Gästehaus zu schlafen. Auch einem kleinen Welpen begegnen wir regelmäßig. Doch – uns um herrenlose Tiere kümmern ist auf diesem Workcamp nicht unsere Hauptaufgabe.
„The secret of a different alphabet“ heißt der Titel des zehntägigen Freiwilligenaufenthalts, an dem ich Ende August teilnehme. Der Name rührt von dem berühmtesten Bürger Trsc her. Der Mann, der im 19. Jahrhundert damit begann, Lieder und Erzählungen aus ganz Serbien zu notieren und diese in Wien zu veröffentlichen. Seine wichtigste Leistung war das Erstellen des heutigen serbischen Alphabets, durch das es einem großen Teil der Bevölkerung ermöglicht wurde, das Lesen und Schreiben zu lernen.
Über Sprache unterhalten wir uns auf diesem Workcamp sehr viel. So lernen wir Worte auf Serbisch, Katalanisch und Griechisch und versuchen und in jeweils unseren eigenen Sprachen mit dem Niederländer zu unterhalten, was sehr amüsant wird. Doch auch nur das machen wir neben unserer Hauptarbeit. Worin besteht diese nun?
Das Windelbaby
„Careful, this is a very soft one!“ ruft Amana und bricht noch bevor sie das Bündel in ihrer Hand zu Jorem werfen kann, in Gelächter aus. Auch ich kann mich nicht mehr halten und mein Körper bebt vor Lachen, während ich im Boden weiter nach Müll buddele. Für den heutigen Tag ist Müllsammeln angesagt. Nachdem wir an Waldwegen Plastikflaschen, Chipstüten und Coladosen aufgesammelt haben, sowie Styroporteile, die irgendein Idiot im Wald verteilen musste, stieß unsere Müllsammeldreiergruppe bestehend aus Amana, Jorem und mir auf unseren „Schatz“. Eine Grube voller Müll. Nach dem Herausziehen eines Schuhs und eines Regenschirms sowie zerschnittenen Plastikflaschen gelangen wir an den Hauptmüll in dieser Grube: Windeln. Ja, es ist wirklich nicht gerade appetitlich. Die anfängliche Wut und das Unverständnis, wie man nur so gedanken- und respektlos den Wald als Müllhalde verwenden kann, sind gewichen und nun machen wir uns aus dieser absurden Situation unseren Spaß.

IMG_20180826_123141281Während wir in der Erde buddeln und immer wieder auf neue aufgerissene Plastiktüten mit Windelinhalt stoßen, fangen wir an, darüber zu philosophieren, welche Gründe der Verursacher dieses Mülls gehabt haben könnte. Unsere einzige logische Erklärung: Er oder sie wollte verheimlichen ein Kind zu haben und die Nachbarn hätten die Windeln im Mülleimer gesehen. Daher sammelte er sie statt sie regulär zu entsorgen in Plastiktüten, die er dann gesammelt hier hoch in den Wald brachte.

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Es hört und hört nicht auf. Immer tiefer buddeln wir uns in den Boden und ziehen mehr Windeln heraus. Inzwischen haben wir ein effektives System zur Reinigung entwickelt: Fließbandarbeit. Wir werfen uns die Windeln gegenseitig zu und transportieren sie so an den Grubenrand, wo wir sie in die Müllsäcke stopfen können. Dabei halten wir uns durch Anmerkungen wie „Careful, this is a very heavy one“ sowie Witzen darüber, an der Form und am Gewicht der Windel herausfinden zu können, welche Lebensmittel das Baby zu sich genommen hat, bei Laune. Die Säcke schließlich zum nächsten Müllcontainer zu bringen, wird noch einmal eine ganz besondere Meisterleistung. Sie sind unheimlich schwer, sodass wir sie wie ein Baby am Bauch transportieren müssen. Froh sind wir schließlich als wir mit der Säuberung dieser Grube fertig sind. Doch es geht weiter. An einem anderen Wanderweg entdecken wir eine Böschung voller Tüten, Flaschen, Kleiderfetzen und verfaulten Töpfen. Wirklich unheimlich schade, wie Menschen so achtlos mit der Natur umgehen können.

Vogelhaus mit einem Hammer

„Was? Ist jetzt endlich ein Hammer da?“ Ich fülle gerade meine Wasserflasche auf, als mich diese freudige Nachricht erreicht. Wir sollen seit heute Morgen Vogelhäuser bauen – haben dafür aber nur zwei Sägen, einige etwas schwierig zu verarbeitende Holzplatten und – Nägel, aber keinen Hammer. Nun ja, dass die serbische Organisation doch um einiges anders ist als die deutsche, erleben wir in diesen Tagen eindeutig. Nicht nur müssen wir häufig warten, Pläne werden umgeworfen und Uhrzeiten regelmäßig um eine halbe Stunde nach hinten verschoben, nein, auch an ausreichendem Material fehlt es. Wir versuchen also, uns an die guten alten Zeiten zurückzuerinnern und die Nägel mit einem Stein in die Bretter zu schlagen – aber das gelingt mehr schlecht als recht, sodass wir uns ans Warten machen.

Manchmal wird man echt aggressiv. Ich habe im Augenblick wirklich den Eindruck, im Sägen komplett untalentiert zu sein, denn der Schlitz im Brett, das ich gerade durchtrennen möchte, wird und wird einfach nicht größer. Das Gute daran: die angestaute Aggression verleiht neue Energie, sodass weitergesägt werden kann – und, nach einigen Minuten ist das Holz endlich durch. Tatsächlich erweise ich mich im Hämmern und Nägeln wirklich nicht als ungeschickt. Denn es gibt einfach Hölzer, die sehr hart sind und schlecht durchgehen und in denen Nägel minutenlang stecken bleiben, und sich keinen Millimeter weiter hinein bewegen. Bei anderen Holz-Sägen-Nägel-kombinationen verhält es sich ganz anders und die Arbeit fließt auf einmal super gut. Geduldsproben und Erfolgserlebnisse halten sich also die Waage. Zudem gewinnt man nach den ersten Schnitten und Hämmerungen an Übung, sodass wir alle mit der Zeit schneller werden und die Arbeit routinierter verläuft.

Als dann auch noch die Farbe angeliefert wird, werden die Bretter wirklich in wunderschöne Vogelhäuser verwandelt. Da werden sich die Vögel sowie Spaziergänger freuen!

Vom Brückenbau bis hin zum Städtemarterpfahl

Neben dem Müllsammeln und Vogelhäuschenbau gehört auch die Reparatur von Brücken auf Wanderpfaden und das Herstellen und Aufstellen eines Städtemarterpfahls zu unseren Aufgaben. Fleißig sortieren wir Äste, zersägen diese und Hämmern Lücken in Fußgängerbrücken damit zu. Wenn sich einmal wieder zu wenige Hammer finden lassen, verbringe ich die Zeit mit ein wenig Adrenalintraining und schaffe es tatsächlich komplett ohne Hilfe über das Brückengeländer hin und zurück zu balancieren.


Für den Städtepfahl recherchieren wir zu jedem unserer Herkunftsorte die Distanzen, gestalten schöne Schilder, Hämmern diese an einem dicken Ast fest – und: graben schließlich ein tiefes Loch, um den Pfahl aufzustellen. Das ist besonders witzig, da wir um eine höhere Tiefe zu erreichen immer neue Materialien ausprobieren. So befördern wir z.B. mangels Schaufel mithilfe einer Teetasse die Erde aus dem Loch – Kreativität in den Problemlösungen und der Aufgabenbearbeitung sind also in jedem Fall gefragt.

Gespräche und Freizeit
In unserer Freizeit beobachten und schmusen wir nicht nur mit Hunden und Katzen. Meine Vorliebe zum Bäumeklettern kann ich hier voll und ganz ausleben und auch auf Wanderschaft z.B. zu einem nahegelegenen kleinen Kloster begeben wir uns. Kulturell erfahren wir besonders etwas über den bereits erwähnten Erschaffer des serbischen Alphabets und besichtigen zudem ein Freilichtmuseum. Auch das Essen ist typisch serbisch: zwei Mal am Tag gibt es unterschiedliche Eintöpfe und Suppen. Wirklich lecker, aber ich freue mich nach der langen Zeit mit Stäbchen und jetzt zehn Tagen, in denen ich mit nichts als einem Löffel als Besteck ausgekommen bin, doch auch wirklich sehr auf Messer und Gabel. Auch auf Körnerbrot und Pumpernickel. Denn hier in Serbien gibt es keine Abwechslung zu dem hellen baguetteähnlichen Brot, das zu jeder Mahlzeit mit auf dem Tisch steht.

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Die Abende verbringen wir an einem kleinen Lagerfeuer mit Gesprächen und Diskussionen. An einem Abend veranstalten wir zudem mit Beamer und Leinwand ein Freiluftkino. Und auch selbst drehen wir einen Film. Neben all den TV Teams, die uns besuchen, und für die wir für Interviews bereitstehen, ergreifen wir selbst die Initiative und erstellen als Abschiedsgeschenk für unseren Gastgeber, den Besitzer des Cafés und unserer Unterkunft, ein etwas chaotisches, aber dafür von Herzen kommendes Video.
An unserem freien Samstag fahren wir mit vollgepackten Autos etwa 20 Minuten lang an einen Park. Ganz so viel wie uns versprochen wurde, erwartet uns vor Ort dann doch nicht, aber immerhin gibt es nette Steinstrände am Ufer des Flusses Drina, wir können im Wasser ein wenig „Planschen“ da die Strömungen für richtiges Schwimmen doch deutlich zu stark sind – und erfreuen uns nach einem Picknick bei einem Volleyballmatch am tollen und nicht zu heißen Wetter.
Rakija und türkisch Delight
Der ein oder andere Abend endet tatsächlich in sehr witzigem Verhalten einiger angetrunkener Teilnehmer. So liebt es unser Host, Rakija auszugeben und nach einigen Gläsern dieses starken Getränks und der Idee, diesen mit Bier zu mischen, gibt es doch einige Toilettenfälle. Doch alles halb so schlimm.
„Pumpernickel is a German bread that lasts very long without becoming bad. It was used when…” Heute ist der Kulturabend. Alle Teilnehmer sollen etwas über ihr Herkunftsland erzählen. Ich nutze eine modifizierte Version der Präsentation, mit der ich in chinesischen Schulen über Deutschland berichtete und werde von meinen deutschen Kolleginnen mit mitgebrachtem Pumpernickel und der Geschichte vom Rattenfänger von Hameln ergänzt. Von den anderen bekommen wir eine Videovorführung von „America first, Netherlands second“, lernen einen serbischen Tanz und können die süßen Türkish Delights kosten.

Ein Abend nutzen wir zudem dazu, den Geburtstag unseres serbischen „Chauffeurs“ zu feiern. So kommen wir auch zum Kosten serbischen Kuchens.

Fünf Minuten in Bosnien-Herzegowina
„Come on, quickly!“ ich bewege mich auf den Rest der Gruppe zu, die bereits für das gleich zu schießende Selfie posieren. Denn natürlich muss es auch einen Beweis geben, dass wir alle einen Fuß auf bosnisches Gebiet gesetzt haben, genauer gesagt auf Land der Republika Srpska.


Trsc liegt 6 km von der Bosnisch-Serbischen Grenze entfernt, was uns in diesem Camp zum Segen wird. Denn: Nachdem der Campbetreuer versuchte, uns bei der Polizei zu registrieren kam es bei allen Ausweisdokumenten bis auf einem einzigen zu Komplikationen. Entweder wurde es komplett vergessen, bei der Einreise einen Stempel zu machen, oder wir waren bereits über 24 Stunden in Serbien, sodass die Registrierungsfrist bei der Polizei abgelaufen war. Ich z.B. schien mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug gesprungen zu sein, denn bei mir war keine Einreise vermerkt.
Die Lösung: Wir wurden alle in zwei Autos gepackt und fuhren an die Grenze. „Der Polizist ist mein Nachbar“ wurde uns noch angekündigt, bevor wir uns dem amüsanten Prozedere aussetzten. Auf der einen Seite auf die Brücke, die über den Fluss „Drina“ führt, ein wenig dort herumlaufen und Fotos schießen – und dann auf der gegenüberliegenden Seite, am genau gleichen Polizeioffice wieder zurück. So erhielten wir alle unseren Stempel und waren nun rechtmäßig nach Serbien eingereist. Um nicht ganz unnötig in die Gegend gefahren zu sein, machen wir auf dem Rückweg noch einen kurzen Zwischenstopp an einem Uferrand des Flusses und kühlen uns im wirklich kalten Flusswasser ab.
Fazit
Nun habe ich also neben dem touristischen Hauptstadtbesuch auch in einer ländlichen Region einen wirklich tiefen Einblick in das Land Serbien erhalten. Dennoch bleibt weiterhin viel zu entdecken und ich hoffe in Zukunft sowohl wieder nach Serbien zurückkommen zu können, als auch wieder einmal die Zeit zu finden, an einem Workcamp teilzunehmen.

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