Das Chongqing-Paradox – wie man sich gleichzeitig winzig und doch wieder groß fühlen kann

 

Besonders als ich von Moskau einfliege und mich erneut auf der Rückfahrt von Flughafen in die Wohnung meiner Gastfamilie befinde, stechen sie mir wieder sofort ins Auge – all diese hohen Gebäude! Es ist wirklich unglaublich. Bereits auf den Fotos, die ich mir vor meiner Anreise zur Vorbereitung anschaute, hatte ich das Gefühl, von diesen riesigen Bauwerken halb erschlagen zu werden. Egal wo man hinblickt – nichts als Hochhäuser. Schlanke, breite, mal mehr, mal weniger modern ragen sie in die Höhe. Ich persönlich habe jeden Abend vorm Einschlafen oder am nächsten Morgen beim Aufwachen die Befürchtung, in einer Computersimulation oder im Jahre 2060 gelandet zu sein, denn selbst wenn nicht alles modern ist und die meisten Wolkenkratzer auch nichts wirklich Schönes an sich haben, wirkt diese Gebäudeansammlung auf mich doch sehr futuristisch. Besonders in der Nacht. Die Fassaden der Bürogebäude sind beleuchtet, überall blinkt es in den verschiedensten Farben und Muster werden auf die Betonwände projiziert. Als ich jetzt aus Moskau zurückkomme, muss ich zugeben, dass ich diesen Anblick tatsächlich etwas vermisst habe.

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Dabei bin ich im Grunde genommen kein Großstadt-Fan. Geboren bin ich auf dem Land und mein 1800 Einwohnerdorf würde hier noch nicht einmal den Wolkenkratzer, in dem ich aktuell wohne, füllen. Alleine 19. Stock sagt schon viel und bereitet einen wunderschönen Ausblick – das denkt man aber auch nur, bis man zum ersten Mal eine Wohnung im 33. Stockwerk besucht und dort an das Geländer des Balkons tritt. Unglaublich der Rundumblick in einer solchen Höhe.
Ich habe es stets genossen, in einem kleinen Dorf direkt am Waldrand aufzuwachsen und zählte nie zu der Art Jugendlicher, die sich ab einem gewissen Alter bei den Eltern beschweren, warum sie in einem solchen „Kaff“ versauern müssen. Und doch reizt mich das Leben hier in der Großstadt Chongqing. Ich weiß nicht, ob ich es gleich mehrere Jahre lang hier aushalten könnte – aber sechs Monate lassen sich doch gut ertragen.
Natürlich sind die Straßen überfüllt, die Subways zu den Hochzeiten ins Stadtinnere vollkommen verstopft und auch der Schulweg wird besonders an Regentagen angesichts der dichten Bevölkerung fast schon zum Schlangestehen. Schließlich müssen all die Menschen auch irgendwo hin. Und dann noch all die Baugebiete. Tag und Nacht ist der Baulärm zu hören – und das nicht nur in der Wohnung meiner Gastfamilie, sondern überall wo ich bisher zu Besuch war. Selbst in den Massagestores und im Fitnesscenter, in dem ich trainiere, ist er zu hören und ein Blick in die Höhe verrät, dass in den kommenden Jahren noch viel mehr Menschen in Chongqing ihr Lager aufschlagen werden. Wenn man sich überlegt, wie viele Personen alleine in den zwölf Hochhäusern wohnen, die eine kleine Gated-Community Einheit bilden, wird einem umso mehr bewusst, dass man selbst nur ein kleines Menschlein in einer riesigen Welt ist.
Man fühlt sich wirklich sehr klein in Chongqing. Zumindest von der eigenen Bedeutungslosigkeit sowie den Riesengebäuden her betrachtet. Körpergrößenmäßig jedoch ist genau das Gegenteil der Fall. Selbst wenn ich nicht im tiefsten Süden angekommen bin, wo die kleinsten Asiaten hausen, ist doch auch schon im eher zentral gelegenen Chongqing auffällig, dass die Menschen im Durchschnitt nicht so hoch ans Metermaß ragen, wie die Deutschen. Ich bin hier nicht plötzlich ein Riese unter Zwergen und muss mich die ganze Zeit bücken, aber doch bemerke ich, dass ich mehr Menschen in die Augen blicken kann, ohne meinen Kopf extra anheben zu müssen und mehrmals fällt mir auf, dass ich sogar der ein oder anderen Person problemlos auf den Kopf spucken könnte. So z.B. den Eltern meiner Gastmutter und einigen älteren Damen, denen ich auf der Straße begegne. Aber auch unter den jungen Studierenden finden sich viele Frauen in meiner Größe. In Deutschland hingegen haben meine bisherigen Erfahrungen gezeigt, dass ich auf Seminaren unter 300 Teilnehmern lange suchen muss, bis ich auf die maximal zwei Menschen stoße, die nicht über mich hinausragen.
Für mich ist es hier also ideal Kleidung sowie Schuhe zu finden. Besonders bei letzterem haben Menschen mit „großen“ Füßen (ab Größe 42) tatsächlich Schwierigkeiten, blasenfrei in China über die Runden zu kommen. Die Schuhmode der kleinen Chinesen muss man aber auch erst einmal mögen. Viele laufen mit Plateauschuhen durch die Gegend, die Ausmaße bis in die Zehnerzentimeterbereiche annehmen können. Ich habe bisher auf den Kauf derartiger Modelle verzichtet – wenn ich diese Schuhe hier in Chongqing trage, fühle ich mich bei meiner Rückkehr nach Deutschland sicher nur noch kleiner.
Nicht nur die Mischung aus kleinen Personen und riesigen Gebäuden, sondern auch meine Rollen hier in China beinhalten einen Gegensatz. Auf der einen Seite bin ich die nicht chinesisch sprechende und daher häufig auf Hilfe angewiesene Ausländerin, auf der anderen Seite werde ich dadurch mit besonderem Respekt behandelt und von egal wem als Autoritätsperson anerkannt – und ich fungiere als Lehrerin und „große Schwester“ für die beiden Mädchen in meiner Gastfamilie, sodass ich mich durch Zweiteres eher älter und größer fühle.
In diesem Paradoxon wird mein Leben in China nun erst einmal weitergehen. Spannend wird es erst, wenn ich wieder nach Deutschland zurückkehre – werde ich mir als 1,54m kleines Wesen nach meiner Rückkehr nach Deutschland, wie ich aktuell vermute, tatsächlich noch kleiner vorkommen, als vor meiner Chinareise? Hängt es vielleicht von der Architektur in der Stadt ab, die ich letztendlich als Studienort wähle? Es bleibt abzuwarten.

 

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