Dazu Rock Carvings – Chinesische Kultur trifft internationalen Austausch – Der Monatsausflug im Juli

Zwar hatte ich das Gelände bereits im Zuge eines Ausflugs mit meinen Eltern erkundet, aber in den Bereich mit den eigentlichen Highlights, nämlich den kunstvollen Felsenskulpturen, war ich damals noch nicht eingetreten. Lediglich die Außenanlagen hatten wir durchschlendert. War auch schön gewesen, aber nun war ich doch neugierig, von den Skulpturen einmal mehr als nur Fotos zu sehen.
Außerdem war ich neben dem Ausflugsziel an sich auch auf die Personen gespannt, mit denen ich dorthin fahren würde. Während zu Beginn meines Aufenthaltes im März neben mir nur noch eine Dänin im Programm war, begann zwei Monate später eine 23-Jährige aus Italien ihren Au-Pair-Aufenthalt in Chongqing, sodass die bisherigen Aktionen wie das Mah-jong Spielen oder der Besuch der Revolutionsstraße immer in einer recht kleinen Gruppe verlief. An diesem Samstag würde ich nun zum ersten Mal mit vier weiteren Deutschen und einer Norwegerin in Kontakt treten, die innerhalb der letzten drei Wochen in der chinesischen Metropole angekommen waren. Also: meine Zusage stand nach einer kurzen Absprache mit meiner Gastfamilie fest.
Stück für Stück sammelt sich dann die Gruppe. In Abhängigkeit unserer Wohnorte treffen wir in der Bahn, an der Umsteigestation, vor dem Office, oder dann endgültig vor dem Ausflugsziel selbst aufeinander, sodass unsere Truppe Stück für Stück wächst. Nachdem die Namen ausgetauscht sind, geht es mit Gesprächsthemen vom kalten Wetter in Norwegen und damit der Person unter uns, die sich heute eigentlich am meisten über die hohen Temperaturen beklagen müsste, über Tierrechte und Umgang mit Haustieren in unseren unterschiedlichen Herkunftsländer, besonders im Unterschied zu China, über die Fußballstimmung und Verarbeitung der Enttäuschung direkt vor Ort in Deutschland, die ich erfrage, hin zu den persönlichen Details jedes Einzelnen: woher kommst du, was möchtest du studieren, wie bist du auf dieses Programm aufmerksam geworden. Viele Gesprächsthemen sind interessant – und selbst wenn einmal nicht, genießt man schlichtweg die Zeit, einen Tag lang mit anderen Menschen als Gastschwester und Gasteltern in Kontakt zu stehen.


Super interessant ist es dann aber auch, wenn man doch wieder an die Familie denkt und sich mit den anderen darüber austauscht, was für Erfahrungen sie bereits gemacht haben. Selbst wenn manche erst eine Woche hier sind – es ist spannend, wie unterschiedlich die Gastgeschwister ihre Ferien verbringen und welche unterschiedlichen Erwartungen an uns als Au-Pair gestellt werden. Ich würde wirklich gerne in die andere Familien reinschauen. Einer berichtet von seinen beiden Gastbrüdern, die von morgens um 8 bis abends um 17 Uhr in Vorbereitungskursen für das nächste Schuljahr sitzen und nur abends mit ihm Kartenspielen. Schon ein wenig beneidenswert, denn ein bisschen mehr „Freizeit“ würde ich mir momentan auch wünschen. Als 24 h Bespaßung, da meine Familie alle Kurse außerhalb abgesagt hat, komme ich momentan kaum noch zu meinen eigenen Arbeiten geschwiege denn zum Chinesischlernen, was trotz enger Beziehung zu meiner Gastschwester schon sehr deprimiert. Ein anderes Au-Pair beschreibt, dass das Kind in all den drei Wochen, die sie bislang in der Familie ist, nur vorm Fernseher sitzt und aggressiv wird, sobald man mit ihr lernen möchte, wieder eine andere beschreibt die Villa, in der ihre Gastfamilie haust, samt zahlreicher Autos und keinem Mangel an Personal, darunter Gärtner, Chauffeur, Köchin, Nanny.
Spannend ist, dass ich nun auf einmal die „Erfahrene“ bin. Ich kann die anderen schon einmal vor unserer unorganisierten Uni warnen, ihnen von Eigenheiten der chinesischen Sprache und Kultur ein Lied singen und sie in ihrer Chongqing-Orientierung bzgl. Subways und anderer Transportmittel unterstützen. Ähnlich wie ich am ersten Abend von den beiden deutschen ehemaligen Au-Pairs viele Fragen beantwortet bekam, finde ich mich an diesem Tag in der anderen Rolle wieder. So schnell kann es gehen.
Nach einer 90 Minuten Fahrt mit zum Glück nicht allzu vielen Staus, folgt dann der interessanteste Teil des Tages:
Der Besuch der berühmten Rock Carvings. Nachdem wir zehn Minuten in der Sonne – zum Glück alle mit Sonnenkappen, Sonnencreme und für die schon vollkommen assimilierten mit Sonnenschirm ausgestattet – auf die versprochene Touristenführerin warten, wird auf einmal durchgegeben, dass sich aufgrund der hohen Temperaturen nur ein englischsprachiger Guide vor Ort befindet, und dieser gerade beschäftigt sei. Nun dann – eben auf eigene Faust. Auf ganz Chinesische Art nehmen wir den kleinen elektrischen offenen Bus hin zum Eingangsgate, auf dessen anderer Seite die beeindruckenden Schätze liegen.
Sehr schnell wird klar, dass wir auch ganz gut ohne Touristenführer zurechtkommen. Dank RisingStar Angestellter, die sich extra im Vorhinein für uns schlaugemacht hat, und unterstützt von den Zusatzinformationen auf den Steintafeln haben wir die Möglichkeit, recht viel an Wissen über Kultur und Religion mitzunehmen.
Die Geschichten reichen von einer Reihe Kuhszenen, die die Erziehung und Entwicklung eines Mannes repräsentieren über die Darstellung des im Buddhismus so wichtigen Lebensrats und der Wiedergeburt bis hin zu detaillierten Darstellungen von Foltermethoden in der Hölle. An einer Stelle bewachen mehrere fratzenziehende Wächter den folgenden Felsabschnitt und an einer anderen stehen drei seit jeher erhaltene Buddhastatuen mit langen Gewändern. Eine von ihnen trägt eine 180cm hohe und 500kg schwere Pagoda in den Händen. Beeindrckend, wie stabil und gleichzeitig kunstvoll das alles gestaltet ist. Wir wandern um all das betrachten zu können auf einem Felsstreifen abgesichert mit Stahlgeländer in einiger Höhe herum.
Foto Gold: einer der beeindruckendsten Schätze: Ein Buddha mit über tausend Händen in denen sich neben Augen allerlei Gerätschaften finden lassen. Der Geschichte nach zu urteilen wurden Hände und Augen von Buddha an eine gütige Frau auf Erden gegeben, der er ausreichende Mittel zum Helfen und Problemlösen Anderer zur Verfügung stellen wollte. Nach ausreichend geschossenen Fotos geht es weiter.
Natürlich werden auch wir als Gruppe von „Weiguoren“ (Ausländer) wie erwartet zur Attraktion und müssen für das ein oder andere Foto sowie für einige kurze Gespräche zur Verfügung stehen.
FOTO
Für eine höhere Akzeptanz der buddhistischen Religion unter den Anhängern des Konfuzianismus‘, die es besonders schlimm bewerteten, dass Buddha sein Leben anderen als seiner Familie gewidmet hat, versuchte man Verbindungen und Parallelen zwischen den Glaubensrichtungen aufzuzeigen. So wird auch hier an einer Wand die Wichtigkeit der Mutter aufgezeigt. Kunstvoll gestaltet können wir die Strapazen der Mutter von Schwangerschaft bis Erwachsenenalter betrachten.
Immer wieder werden wir darauf hingewiesen, wie intelligent der Designer und Planer der ganzen „Anlage“ war. So hat er z.B. in einer Höhle mit einem Buddha und zahlreichen buddhistischen Mönchsstatuen über dem Eingang einen Lichtschacht genau so konstruiert, dass ein betender Mönch in der Mitte besonders beleuchtet wird und für den Rest ausreichend Licht bleibt, damit die Kunstwerke gut betrachtet werden können, gleichzeitig aber auch nicht beschädigt werden. Auch das Wasserproblem wurde elegant gelöst: Überschüssiges Wasser, das der Farbe Schaden könnte, läuft an einer Stelle zusammen und fließt dann über eine Halbröhre im Stein und über einen Drachenkopf in eine Schale.
Ein anderes beeindruckendes Beispiel ist ein riesiger Buddha, dem gerade von seinen Schülern die Grabgeschenke gereicht werden. Der Buddhakörper ist jedoch nur halb zu sehen, bevor auf der rechten Seite der normale Fels weiter verläuft. Die andere Hälfte befindet sich mehrere hundert Kilometer entfernt an einer anderen Denkmalstätte. Dadurch soll dem Betrachter verdeutlicht werden, wie „groß“ Buddha bzw. wie weitreichend sein Wirken ist.
Die letzte Aktivität des Ausfluges endet nur ganz knapp nicht mit Verletzten. Mit geschlossenen Augen müssen wir auf geradem Weg ein Loch im Fels ertasten. Aber nicht irgendein Loch. Am Stein gegenüber des Startpunkts ist das Zeichen für Glück geschrieben. Treffen wir also das Loch, so ist uns das Glück garantiert.

Auf dem Rückweg sind wir doch etwas von der Hitze und dem Herumwandeln vor den Skulpturen ermüdet und die Gesprächsrate im Auto fährt ein wenig herunter. Was dann letztendlich interessanter war – der Besuch der beeindruckenden Skulpturen samt Erklärungen der dahintersteckenden Geschichten, oder der Austausch mit den anderen Au-Pairs über Kultur in Italien, Norwegen, Dänemark, Deutschland, sowie der Vergleich zwischen unseren Gastfamilien, bleibt offen. Insgesamt eine super Abwechslung zum Alltag als Ferienlehrerin und -bespaßerin.

Werbeanzeigen