Die Patchworkstadt Belgrad – Tage in Freiheit

Zum zweiten Mal Moskau in nur fünf Monaten
12 Stunden Aufenthalt in Moskau. Wäre es eine andere Hauptstadt gewesen, so hätte ich vermutlich sogar die einstündige Fahrt in die Innenstadt in Kauf genommen und mich ein wenig umgesehen, aber Moskau hatte ich nun schon an zwei Tagen ausführlich besichtigt, und nur um ein weiteres Museum zu besuchen, lohnte sich der Geldumtauschaufwand wirklich nicht. Also freute ich mich umso mehr, als ich mir am Gate an der Charging Station einen richtigen kleinen Arbeitsplatz samt „Stehtisch“ und W-Lan einrichten konnte. Ganz besonders viel zu tun hatte ich dadurch, dass ich nun endlich kein VPN mehr nutzen musste. So kam ich nicht nur ohne den VPN Umweg in meinen Mailaccount, sondern musste auch mein Handy vorm Explodieren bewahren, als es auf einmal wieder What’s App Nachrichten anzeigte und über 2000 Text- und Bildnachrichten direkt an mich und in diversen Gruppen nachludt. Das Dauerbvibrieren war also die Weise meines Handys zu sagen: Herzlich willkommen in der VPN-freien Welt.

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Sonnenuntergang am Moskauer Flughafen

Tage zwischen den Ländern
Ich ertappe mich dabei, wie ich mir beim Fragen am Gate die chinesischen Worte zurechtlege. Schließlich sehen die russischen Zeichen an der elektronischen Anzeigetafel nicht so aus, als könnten sie „Belgrad“ bedeuten und auch die Abflugzeit ist eine andere. Es wäre jetzt wirklich die Ironie des Schicksals, wenn ich nach 12 Stunden Wartezeit meinen Flieger nach Serbien verpassen würde. Gerade als sich der Angestellte mir gegenüber aus seiner gebeugten Position heraus aufrichtet, muss ich erkennen: nein, das ist kein Asiate. So switsche ich schnell zum Englischen. Er nickt nur auf meine Frage. Dann scheint also etwas mit der Anzeigetafel falsch zu sein und meine Gateangabe auf dem Ticket zu stimmen.
„My young lady! Is this plane flying to Belgrad?“ schnauzt mich seine Kollegen eine Viertelstunde später an. Ekatarina heißt sie und der Name bestätigt meine am Akzent festgemachte Vermutung über ihre Herkunft. Ich liebe sie, die russische Freundlichkeit. Zeit dazu, ihr klar zu machen, dass ihr Kollege Schuld daran trägt, dass ich nun eine Viertelstunde lang umsonst gewartet habe, bleibt nicht, denn ich werde sofort unsanft zur Seite gestoßen. Vielen Dank. Ich hetze nun also zur Anzeigetafel. Gate 35.
Das Boarding geht und geht nicht los – da war meine Viertelstunde in der falschen Schlange stehen zum Glück kein Beinbruch. Als dann endlich die Angestellten an die Zugangstüren treten, habe ich inzwischen einen weiteren Artikel fertiggeschrieben und bin daher perfekt eingestimmt auf die kommenden zweieinhalb Stunden Dösen und in der Flugzeugzeitschrift Blättern.
Die zweite Nacht in Folge, die ich in Kombination in der Luft und am Flughafen verbringe. Durch die Ankunft in Belgrad top fit, nachdem ich durch die Passkontrolle geschritten bin und auch mein Gepäck erfolgreich in die Wartehalle geschleift habe, nutze ich ein weiteres Magazin, um mich müde zu lesen. Dieses ist wirklich interessant und berichtet über die Serbische Kultur, die Serbische Küche und eine Französische Botschafterin, die bereits in Serbien, China und Russland gearbeitet hat. Auch erfahre ich, dass 18 Kaiser des Römischen Reiches auf Serbischem Boden geboren wurden – die zweitmeisten nach Italien.
Schließlich hole ich mein Flauschhandtuch heraus, das ich seit Beginn meiner Reise zur Decke umfunktioniert habe und versuche mir auf den stählernen Sitzen ein „Schlafnetz“ zu bauen. Nicht wirklich leicht. Abwechselnd lege ich meinen Kopf auf meinem Kofferstapel ab, dann wieder auf ein zusammengelegtes T-Shirt. Ich wache immer wieder auf. Sei es, weil ich friere – die Sitzreihe befindet sich an einer sehr ungünstigen Durchlüftungsstelle – weil eine Putzkraft, mit ihrem Putzauto direkt neben mir vorbeifährt und ich Angst habe, sie würde gleich meine leicht nach unten hängenden Haare mit aufsaugen, oder weil ich mich in der ansonsten fast leeren Halle von den Sicherheitskräften ein wenig beobachtet fühle. Um vier Uhr entscheide ich mich dazu, vom Schlafen abzusehen und stattdessen zum Lesen überzugehen.
Das versteckte Hostel
„No hurry, no hurry!“ Er ist wirklich der erste Held meines Tages. Zwar treffen wir nur für sieben Minuten aufeinander, aber dennoch: er hat meinen ersten Eindruck von Belgrad sofort um einige Punkte in der „Gefällt mir“ Skala nach oben schießen lassen. Ich habe mir auch wirklich alle Mühe gegeben, mit all meinem Gepäck hilflos in der Gegend herumzustehen. Tatsächlich dachte ich, dass es dieses Mal einfacher würde, meine Unterkunft zu finden, als in Beijing, aber – dem ist wohl nicht so. Wer hätte auch gedacht, dass es sich beim „City Break“ Hostel um eine kleine zweistöckige Wohnung mit insgesamt 11 Betten handelt? Selbst als ich vor der richtigen Adresse stehe, finde ich den Namen nicht gleich auf den vielen Klingelschildern.
Jedenfalls hatte der Taxifahrer, dem die „No hurry“ Stimme gehört, als er an der roten Ampel neben mir zum Stehen kam, gefragt, ob er mir helfen könne. Zunächst wollte ich ablehnen, doch dann nannte ich ihm doch Straße und Hausnummer. Er winkte mich zum Einsteigen, woraufhin ich vorgab, kein Geld zu haben. Das Hostel musste schließlich ganz in der Nähe sein – und so verzweifelt war ich noch nicht, dass ich es Einsehen würde, Geld für den Taxitransfer zu zahlen. Doch der Taxifahrer antwortet „Don’t mind!“ und schüttelt lächelnd den Kopf. Nun beginnen wir, meine Koffer einzuladen. Die Ampel schaltet auf grün, aber es kommt wieder das „Don’t Hurry“ von meinem gegenüber. Auch von den wartenden Autos betätigt keines die Hupe – ganz anders also als in China.
Es sind nur zwei Straßen, die wir entlanggefahren sind, bis das Taxi zum Stehen kommt. Aber angesichts meiner Koffer ist es doch angenehm, dass ich nicht noch länger durch das Viertel irren muss. Etwas verwirrt schaue ich das Gebäude an und trete an die braune Tür. Das einzige, was ich erkenne: Ein Law Office – aber ein Hostel? Nirgends ein Schild, nirgends ein Pfeil. Ich gehe noch einmal vorsichtig alle Klingelschilder durch – und dann. „Cirty Break“ endlich. Ich klingle. „I booked a room in…” “O.k. O.k. floor five“
Ich trete in die Eingangshalle des Hauses ein und blicke mich um: Kein Aufzug. Meist begrüße ich es, wenn es keinen Lift gibt, da ich das Laufen ohnehin bevorzuge, aber – jetzt wäre es schon recht praktisch. Egal. Dann muss ich eben zwei Mal laufen und meine Schürfwunden werden erneuert. Einige Minuten später „schon“ sind alle Gepäckstücke vorm Rezeptionstisch aufgestapelt.
Mein Name gibt es in der Anmeldung scheinbar nicht und die Dame entschuldigt sich mit der Begründung, sie sei nur heute aushilfsweise an der Rezeption. Sie bietet mir dann aber doch ein Bitt im Schlafsaal an, notiert meine Personalien in einem etwas schäbig wirkenden Notizbuch und zeigt mir dann die Räumlichkeiten mit dem Hinweis, aufgrund der frühen Stunde leise zu sein. Endlich angekommen!
Wie erwartet schläft Belgrad um 7 Uhr noch, als ich mich um drei Gepäckstücke erleichtert mit einem einzelnen Rucksack auf den Schultern vor die Tür trete. Während ich also zunächst einige Straßenzüge erkunde und den Botanischen Garten umwandere, kann ich mir den ersten ruhigen Eindruck verschaffen. Aufs erste ganz nett – nur wenn man von den Hauptwegen abkommt, gibt es doch recht viele nicht ganz so schöne Häuser und Viertel, die eher grau und langweilig wirken. Auffällig sind die vielen Kiosks die mich an China erinnern. Hier jedoch stehen sie als kleine Häuschen frei, meist an Straßenkreuzungen, während sie in China reihenweise die untersten Zeilen der Hochhäuser säumten. Ich trete in den ein oder anderen Laden ein und betrachte die Angebotspalette der Kiosks, um mir einen Einblick in die serbischen Snacks und Lebensmittel zu vermitteln. Hoffentlich wird es in den nächsten Tagen im Camp einiges davon zum Kosten geben. So sticht mir beispielsweise das börekähnliche Gebäck ins Auge ebenso wie eine Art Hörnchen mit Olivenfüllung.

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Am Republic Square schließlich mache ich es mir am Rand einer Blumenanlage bequem und krame meine Reste des Flugzegessens ebenso wie die Broschüren und Karten von Belgrad heraus – sich vor der ersten Tour bereits ein wenig zu informieren, kann nicht schaden. Außerdem beginnen einige Männer nach einer Weiie damit, vorm Nationalmuseum Musik aufzudrehen und Kühlschränke mit Getränken ebenso wie Basketballkörbe und Werbebanner aufzustellen – scheinbar findet heute ein Basketballevent statt.
Nach dem Besuch einiger Souvenirshops, sowie der Einkaufsstraße beginnt schließlich die Stadtführung. Die Gruppe ist recht groß, das macht aber nichts und es kommt in den Fragezeiten jeder zum Zug. Die 20th Century Tour steht auf dem Plan und ich erfahre alles rund um noch nicht fertiggestellte orthodoxe Kirchen, das zur Zeiten der Bebauung höchste Gebäude Südeuropas, bei dessen Bau ein Mamutskelett aufgespürt wurde, Betrachte von außen das Hotel Moskau, erfahre von der Zeit der deutschen Okkupation, während der sich in diesem Gebäude eine Gestapo-Zentrale befunden hat und lerne alles über die Geschichte der royalen Familien, von denen es teilweise zwei gleichzeitig gegeben hat. Auf den Wegen von Schatten- zu Schattenplatz in der Nähe der jeweiligen Sehenswürdigkeiten, unterhalte ich mich mit der Reiseführerin zudem über Arbeitslosigkeit und Migration im Land, und erfahre, dass durch die Rivalitäten und Konkurrenz seit dem Auflösen Jugoslawiens zwischen Serbien und Croatien, es für die Serber ein Albtraum geworden wäre, hätte Croatien dieses Jahr den WM Titel nach Hause gebracht. Schon der Finaleinzug sei schlimm genug gewesen. Ein Chinese, der gerade auf der Durchreise nach Canada wird auf meinen Rucksack aufmerksam – es ist derjenige, den ich als Preis für die Leistung „beste Schülerin seiner Klasse“ von meinem Universitätslehrer erhalten habe und auf dem daher „Chongqing Jiaotong Daxue“ zu lesen ist. So kommen auch wir ins Gespräch.


Nach der Tour mache ich mich auf eigene Faust auf, das Nationalmuseum zu besichtigen – schließlich war es 15 Jahre lang geschlossen und ich möchte sehen, ob in diesen 15 Jahren wohl etwas Lohnenswertes aufgebaut wurde. Ganz überraschend komme ich sogar umsonst hinein – und darf meinen Rucksack in der Gaderobe abgeben. Ein Angebot, das ich in chinesischen Museen durchweg vermisste. Dort gab es noch nicht einmal Schließfächer. Die chronologisch aufgebaute Ausstellung angefangen bei der Entwicklung der ersten Menschen der Welt, ist recht nett gemacht. An Fallbeispielen und Objekten können die Vorgänge vor so vielen Jahren anschaulich dargestellt werden. Ab dem mittleren Stockwerk kommen Kunstwerke hinzu. Skulpturen und Malereien von Europäischen und in einem anderen Teil Jugoslawischen Künstlern.
Kurz bevor das Museum schließt, wandre ich durch den „Münzen – und Medaillenraum“ und somit durch die letzte Abteilung der Ausstellung. Draußen bekomme ich nach dem Einlochen eines Basketballs ins Netz einen Energydrink geschenkt, und beginne meine abendliche „Wanderung“ – zumindest ist es das, worin mein Spaziergang letztendlich ausartet. Zunächst zum Kalemegdan Park, von dort einmal den Zoo umrunden, dann zum Sportzentrum, den einzig noch vollständig erhaltenen Wachturm betrachten, schließlich am Uferrand den ganzen Weg zurück bis zur Brankov Bridge – die längste Eingliedrige Brücke der Welt. Froh bin ich, dass ich eine Treppe entdecke, die mich auf diese hinaufführt, denn hochfliegen hätte ich nur schwerlich können.
Oben angekommen kann mich der Verkehrslärm nicht daran hindern, den Ausblick zu genießen. Er Fluss, beide Teile Belgrads in der untergehenden Sonne. Auf der anderen Seite blicke ich immer wieder auf meine Karte, nur um freudig festzustellen, wie exakt Karte und Realität übereinstimmen. Ich sehe das Denkmal für die Juden, die im Zweiten Weltkrieg in Konzentrationslagern ums Leben kamen, betrachte das Contemporary Art Museum von außen und laufe durch den Park of Friendship. Zudem entdecke ich den weitläufigen Palace of Serbia.

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Woher die Musik nun kommt, lässt sich wirklich nicht mehr orten. An den Ufern schwimmen so viele „Bootnachtclubs“, Restaurants und Cafés, dass sich die keine Quellen mehr zuordnen lassen. Hinzu kommen die Beats des „Bierfests“. Eine Art riesige Kirmes mit zwei Bühnen, auf denen die Künstler den Schwindelfahrts- und Essangeboten Konkurrenz machen.
Ich habe keine große Lust auf das Gedränge und die vielen Blinklichter und laufe stattdessen am Ufer entlang. Und laufe, und laufe. Irgendwo hier müsste es eine Brücke zu der gegenüberliegenden Insel geben. Nach langer Zeit gebe ich es auf. Dann setze ich mich eben anstatt in den Sand, auf das Gras. Ist auch kein großer Unterschied! Ich schaue einigen Fischern zu und genieße die Abendstimmung.
Beim Zurücklaufen durchquere ich, bevor ich bei meinem Hostel ankomme alle möglichen Viertel: da wo selbst sonntagabends Party abgeht, dort, wo ich die Reflexion meiner Schritte an den Häuserwenden gespenstisch laut wahrnehmen kann, weil ich zwischen den Häuserzeilen komplett alleine bin. Ich muss zugeben, dass ich dabei ein wenig die Orientierung verliere, aber – am Ende komme ich doch an meiner Schlafstätte an.
Das Hostel ist wirklich praktisch. So kann ich im Aufenthaltsraum noch bis 1 Uhr arbeiten, bevor ich mich in den Schlafsaal bewege. Das Hochbett wackelt überraschend stark, als ich die Leiter hochsteige – halb so schlimm. Zum Schlafen wird es reichen!

MONTAG
Auf dem Weg zu den ehemaligen Militärgebäuden, die seit den Nato Bombardierungen als Denkmal in ihrem Zustand nach den Angriffen belassen wurden, passiere ich erneut zahlreiche kleine Buden. Heute am Montag sind viele mehr von ihnen offen, als am Sonntag. Was wird an ihnen verkauft? Popcorn. Für einen geringen Betrag im Centbereich kann man bereits mittelgroße Tüten des aufgeplatzten Mais‘ erwerben. Auf Nachfrage bei der Touristenführerin meinte diese gestern, dass Serber Popcorn wohl nicht nur vor Fernseher und Kinoleinwand genießen. Besonders beliebt sei es, sich diesen Snack bei Sonntagsspaziergängen in die Münder zu werfen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass ich in dem kleinen Hostel in der Gemeinschaftsküche Mikrowellenpopcorn zur allgemeinen Verwendung finde. Salzig – ganz nach meinem Geschmack. Warum also nicht als Frühstück ausprobieren?
Kritisch schaue ich durch das Glas ins Mikrowelleninnere. Das Blobben klingt irgendwie nicht nach dem gewünschten Aufplatzen der Maiskörner, sondern eher nach einem gerade herbeigeführten Totalschaden der Mikrowelle. Es ist gerade einmal 6:30 am Morgen und ich will nicht durch eine Explosion alle anderen Gäste aufwecken. Drei Minuten steht auf der Packung. Die Anleitung ist sogar als englische Übersetzung vorhanden und ist mit Bildern erweitert – zu Missverständnissen sollte es also eigentlich nicht gekommen sein. Ich drehe das Rad auf 2 Minuten – das Ganze ist mir nicht geheuer. Als eine Ecke der braunen Packung letztendlich zu brennen beginnt, breche ich den Vorgang ab und lösche die Flamme. Was ist denn schiefgelaufen? Als ich die Maiskörner aus der Verpackung schüttle, sind sie heiß und ein wenig braun – doch: noch lange nicht essbar. Nun gut – dann eben die Herdplatte. Diese ist in der Bedienung sehr seltsam und ich kann unter anderem die Einstellung „Hot-Pot“ auswählen. Klingt sehr nach einem chinesischen Hersteller. Meine Maiskörner verkohlen zur Hälfte, bis ich es schaffe, die Temperatur herunterzuregulieren. Wenige Minuten später, kann ich dann endlich die doch noch geglückten Pop-Körner aus dem Topf holen. Fazit: angesichts des ganzen Aufwands hätten sich die 30 Cent am Straßenverkaufsstand wirklich gelohnt.
Gerade als ich dann los möchte, beginnt der Hostelangestellte damit, sich mit mir zu unterhalten. Ich erfahre von einem Cousin, der ebenfalls in China Englisch unterrichtet, von einem ehemaligen bosnischen Gast, die in Deutschland als Ärztin arbeitet… er wirkt sehr gesprächig und sehr nett, sodass es kein Problem ist, mein Gepäck noch bis zum Mittag im Hostel zu lassen – und als ich gegen Nachmittag aufbreche, hilft er mir sogar dabei, die fünf Stockwerke mit Koffer zu bewältigen.


Die Downtown-Tour
Der Name Belgrad – die weiße Stadt, wie ich heute in meiner zweiten touristischen Tour erfahre, bezieht sich auf den hier überwiegend zu findenden Limestone, aus dem auch die Burganlage gebaut ist und vor deren Überbleibseln ich mit der Touristengruppe aktuell stehe. Original erhalten ist nur noch eine Mauer aus dem 1. Jahrhundert, die restlichen Steinwände stammen aus dem 15. Jhd, einige Restaurationen wurden auch im 19. Jahrhundert noch vorgenommen. Ganz hübsch ist die Burganlage im Kalemegdan Park und ich bin froh darüber, gestern richtig kalkuliert und mir daher nur die andere Hälfte des Parks angeschaut zu haben. Insgesamt gefallen mir die Parks hier in Belgrad. Sie sind nicht spektakulär, enthalten nicht viel mehr als Kieselwege, Grasflächen und vereinzelte Springbrunnen – doch das finde ich viel angenehmer, als die künstlichen überperfektionierten Anlagen in China. Und – durch noch etwas muss ich an Chongqing denken: Die Hitze. Es hat gerade einmal 30°C, sodass ich mich im Vergleich zum feuchten 42°C Wetter vor meiner Abreise aus China, nicht den sich beschwerenden anderen Gästen anschließen kann. Besonders unserer Stadtführerin scheinen die heutigen 30°C zuzusetzen.
Eingestiegen sind wir mit der Tour nicht im Kalemegdan Park, sondern im Dorcol Viertel. Die älteste erhaltene Gegend Serbiens. Hier kann ich nicht nur den berühmten Rakia probieren, den uns die Touristenführerin zur Begrüßung mitgebracht hat, sondern erfahre auch, dass die nachträgliche Betonauffüllung der ursprünglich ehr losen Steinstraße von der hohen Umknickgefahr von absatzschuhen-tragenden Frauen herrührt. Weiter auf der Tour geht es an der ältesten serbischen Schule in Belgrad sowie an der einzigen noch erhaltenen Moschee der Stadt vorbei. So erhalte ich über das religiöse Leben einen tieferen Einblick und uns wird auch das serbische Alphabet bestehend aus 30 Buchstaben vorgestellt. Auch die Statue eines sich Rum und Anerkennung erkämpft habenden Mannes kann ich betrachten, der durch seine Nacktheit und die dadurch klar definierten Muskeln den männlichen Teil der Serbischen Bevölkerung so sehr unter Druck setzte, dass er von der Stadtmitte in den abgelegenen Park umgesiedelt werden musste. Nun steht er gegenüber des Flussufers mit den Partybooten – auch nicht unpassend. Nachdem sich die Truppe um den Guide herum schließlich auflöst, lasse ich mir in der Nationalbank eine Banknote mit meinem Gesicht darauf anfertigen und mache mich auf zum Hostel, um mein Gepäck zu holen – auf geht es nun also nach Lozica.
Ein Online-Ticket, das überfordert
Schon am Busbahnhof kommt es zu Kommunikationsproblemen. Erstens bin ich es nicht gewohnt, ein „Eintrittsticket“ erwerben zu müssen, um zu den Bussteigen zu kommen, zweitens gibt es angeblich nur Busse um 15:30 und 16:00. Ich frage also den Busfahrer des 15:30 Busses – und mache mit ihm dieselbe Erfahrung wie mit allen kommenden Busfahrern an diesem Tag: Sie sprechen kein Englisch. Ich interpretiere seine Antwort als – warte, der Bus kommt hier gleich am Nachbargate an. Ich warte. Beim nächsten Bus ist unter den Anfahrtsorten Loznica nicht aufgelistet – aber: das Zeichen auf dem Busschild stimmt mit dem auf meinem Online-Ticket überein. Ich zeige also dem Koffereinpacker mein Ticket, der irgendetwas auf Serbisch murmelt und dann meine Verzweiflung ignorierend, weiter seiner Arbeit nachgeht. Ich nähere mich ihm noch einmal. Zeige auf den blauen Vogel, das Zeichen des Busunternehmens, deute dann auf die Uhrzeit und auf meinen Zielort. Er nickt. Ich frage mit Zeichensprache, ob ich also in den Bus einsteigen dürfte, er nickt. Als ich mein Gepäck an die Seite des Kofferraums bringen möchte, eilen mir zwei rauchende ältere Herren zu Hilfe und nehmen mir den schweren Koffer ab. Am Kofferraum angekommen, blickt mich Derjenige, mit dem ich nun schon zum dritten Mal kommuniziere, wieder verwirrt an. Ich klappe also auf ein Neues meinen Laptop auf und zeige meinen Buchungscode. Fasziniert von diesem Online-Ticket blicken nun vier Männer auf den Bildschirm. Meine beiden Kofferhelfer, der Koffereinlader – und der hinzugekommene Busfahrer. Letzterer nickt schließlich, meine Taschen werden mit einem Aufkleber versehen und ich darf einsteigen – hoffentlich hält der Bus jetzt auch in Loznica. So ganz vertraue ich dem was ich in das serbische Gemurmel hineininterpretiere, nicht so ganz. Nun geht die wackelige Fahrt aber erst einmal los.
Auf dem Weg zum Busbahnhof wurde mir tatsächlich einmal wieder von einem jungen Pärchen geholfen. Dieses Mal mit 18 Jahren in meinem Alter. Die Frage meines vielen Gepäcks lenkt unser Gespräch gleich auf meinen Chinaaufenthalt und es stellt sich heraus, dass die beiden mich auf mindestens 23 Jahre geschätzt hätten. Etwas, das mir nun schon häufiger passiert ist. Wenn ich nachfrage, warum, kommt immer zurück „Eine 18- Jährige kann doch noch nicht alleine durch die Gegend reisen!“ Dafür, dass sie das wohl kann, bin ich selbst sicher der beste Beweis. Wieder werde ich gefragt, ob ich denn keine Angst hätte, was meine Eltern denken würden…
In jedem Fall scheint das Pärchen richtig Freude daran zu finden, mir beim Koffertragen zu helfen und ich muss sogar für ein Foto herhalten – also: kaum eine Veränderung zu China.
Weiter geht es mit der Frage, wie mir Belgrad gefalle, und ich muss zugeben, recht gut. Im weiteren Gesprächsverlauf stimmen wir darin überein, dass Belgrad Inbegriff eines Teils dafür ist, was ich in Chongqing so vermisst habe: Hier gleicht abgesehen der kommunistischen Bauten im „Neuen Belgrad“ kein Haus dem anderen. Durch die über 40 malige Zerstörungen des Landes und den ständigen Wiederaufbau haben sich unterschiedliche Stile und Epochen miteinander vermischt, sodass ein Patchwork entstanden ist – was mir persönlich viel besser gefällt als die Reihen und Cluster an immer gleich aussehenden Hochhäusern in vielen Städten Chinas.

Fazit:
Supertolle Tage in Belgrad. Endlich konnte ich meine Tage frei gestalten und musste mir nicht auf allen Wegen überlegen, über welches Thema ich dieses Mal auf Englisch referieren könnte.

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