Ein Stück Afrika folgt mir nach China – Der Multikulti-Sprachkurs

Es ist bereits am ersten Abend (LINK) als ich aus den Erzählungen der beiden ehemaligen deutschen Au-Pair-Mädchen heraushöre, dass wir die einzigen Deutschen an der ChongqingJiaotongda-Universiät sind. Dafür lernen dort aber anscheinend viele Studierende einer Universität aus Benin. Scheinbar verfügen die beiden Bildungseinrichtungen eine Kooperation, im Zuge derer regelmäßig Sprachstudierende ausgetauscht werden.

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Als ich in der ersten Woche in die Unterrichtsstunden der beiden anderen Deutschen hineinschnuppere, weil meine Kurse erst ab der zweiten Woche beginnen werden, bin ich über die Vielfalt an in Form von Studenten vertretenen Ländern erstaunt. Denn ich treffe nicht nur auf Personen aus Benin, sondern auch aus Kasachstan, Usbekistan, Ghana und Togo. Bei letzteren bin ich ebenso wie bei den Studenten aus Benin aufgrund meiner Französischkenntnisse gleich beliebt, und tausche mich ausführlich mit ihnen aus, als sie herausfinden, dass die „neue Deutsche“ sich tatsächlich mit ihnen auf Französisch unterhalten kann. Bevor sie nachfragen, halten sie mich sogar für eine Französin. Aufgrund ihrer eigenen eher schlecht als recht vorhandenen Englischkenntnissen war der Austausch zwischen ihnen und den beiden deutschen Mädchen bisher nur schwer vonstattengegangen, sodass sie in den Pausen der ersten Woche umso mehr mit mir reden möchten.
In der nächsten Woche beginnt schließlich mein Kurs. Wir starten pünktlich am Montag um 14 Uhr mit genau zwei Schülern: einem Jungen aus Bangladesch und mir. Innerhalb der nächsten Stunde stoßen immer neue Mitstudierende hinzu: zwei Personen aus Kasachstan, einige mehr aus Bangladesch, zwei aus Aserbaidschan. Multikulti also auch in meinem Kurs. Die meisten unter ihnen besuchen zunächst ein bis zwei Semester ausschließlich den Sprachkurs und beginnen erst danach mit ihren eigentlichen Bachelor- oder Masterkursen. Viele von ihnen kommen aus dem wirtschaftlichen Bereich und studieren Business Administration oder International Business.
Während ich also zwischen Universität und meiner Gastfamilie hin- und herpendle und leider aufgrund meiner Arbeitszeiten viele Universitätskurse nicht besuchen kann und diese im Selbststudium nachholen muss, haben meine Mitschüler Zeit, sich auf das Sprachenstudium zu fokussieren. Dass sich dies im Sprachlevel nicht so ganz zeigt, wurde mir bereits von den deutschen ehemaligen Au-Pairs angekündigt. In den ersten Gesprächen berichteten sie davon, wie extrem deutsch sie sich hier in China vorkommen – immer brav die Hausaufgaben bearbeitet, immer schön die neuen Vokabeln gelernt und immer pünktlich und mit allen notwendigen Materialien ausgestattet. Das lässt sich von vielen der anderen Kursteilnehmer nicht behaupten.
Schon im Auto auf der Fahrt vom Flughafen zum Restaurant an meinem Ankunftstag, beschwerten die beiden sich lautstark darüber, dass sie es nicht verstehen können, wie sie es trotz Doppelbelastung aufgrund der Au-Pair-Tätigkeiten schafften, immer am besten abzuschneiden. Was bitte machen die anderen den ganzen Tag, die nicht arbeiten müssen, scheinbar aber trotzdem nichts für die Unterrichtsstunden lernen und vorbereiten?
Wie sich das in meinem Kurs entwickeln wird, müssen die Unterrichtsstunden der nächsten Wochen zeigen. Auffällig ist jedoch bereits jetzt, dass ich als Deutsche stets pünktlich komme und jedes Mal, wenn ich weiß, dass ich in der nächsten Stunde fehlen werde, dem Lehrer Bescheid gebe – während die anderen Nationen teilweise einfach die zehn Minuten Pausen zu 20 Minuten ausweiten, oder unentschuldigt fehlen, sodass wir eines Tages nur noch zu zweit im Unterricht sitzen, was mich aber angesichts des intensiven Lernens, das daraus resultierte, nicht weiter störte.
Dabei ist es wirklich sehr interessant, sich damit auseinanderzusetzen, wie man sich als „Deutsche“ eigentlich definiert. Welche Eigenschaften habe ich, die allgemein einem „Deutschen“ zugeschrieben werden? Welche dieser stereotypen Aussagen über den „Durchschnittsdeutschen“ sehe ich selbst bestätigt? Was daran gefällt mir gut, was schlecht? Gerade bei Themen wie Fleiß und der Pünktlichkeit, kann man solche Fragen aufwerfen. Besonders ist mir dieses Thema bei der Vorbereitung einer Präsentation „über Deutschland“ klargeworden, die ich kommende Woche in der Klasse von Judy halten soll. Was genau soll ich dabei über Deutschland erzählen? Gerade da ich stets die Individualität betone und der Meinung bin, niemals alle Einwohner eines Landes in einen Einheitstopf werfen zu können, fällt es mir schwer, den „Deutschen“ zu pauschalisieren und ihm allgemeine Eigenschaften, Hobbies und Verhaltensweisen zuzuordnen. Mehr darüber auch im Artikel „“Bildung LINK) und natürlich werde ich euch darüber auf dem Laufenden halten, wie meine Vortragsstunde in der Schule verlaufen ist.

Nun aber zurück zum Unileben: Dadurch, dass ich nicht eines der Dometories am Campus bewohne stelle ich eine Ausnahme. Zwar verpasse ich dadurch das richtige Studentenleben, dennoch verstehe ich mich mit meinen Klassenkameraden sowie den Schülern der anderen Kurse sehr gut. Gerne würde ich mehr kursübergreifende Unternehmungen machen, besonders da sich in meinem eigenen Kurs kein einziger französischsprachiger Schüler befindet. Aber die mir zu Beginn angekündigten, etwa zwei Mal im Monat stattfindenden „Sprachschülerveranstaltungen“ haben bisher irgendwie pausiert. Dabei bin ich nun schon seit eineinhalb Monaten hier. Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich zudem gerne freitags in den Wushu-Sportunterricht kommen, indem Ober- und Mittelkurs vermischt sind – sprich alle Kurse, außer meiner und der zweite Anfängerkurs. Aber zu diesem Zeitpunkt habe ich leider selbst Hör-Sprech-Training. Mal sehen, was sich dabei in Zukunft noch so ergeben wird.
Interessant ist aber auch bereits der Austausch in den Pausen. Immer wieder stoßen wir auf spannende Themen, sodass wir beispielsweise über Frauenrechte in Bangladesch diskutieren oder die weltweiten Auswirkungen des Klimawandels. Von einem Musiker aus Bangladesch, der hier in China seinen Master absolvieren wird, werde ich darüber hinaus in die Musikszene dieses Landes eingeführt. Dieser Mitschüler eröffnet mir zudem eines Tages, dass er, 26 Jahre alt, natürlich bereits verheiratet ist und zeigt mir Fotos seiner im Januar geborenen Tochter sowie Bilder seiner Hochzeitszeremonie, was sehr interessant ist.
Von „Ich packe meinen Koffer“ bis hin zu „Minus 1“ – Lernmethoden im Sprachkurs
„Tushuguan – sushi“ „sushi- jiaoshuelao“ „Jiaoshuelao-tushuguan“ vier Mitschüler, mein Lehrer und ich stehen hinter dem Pult im Klassenraum. Jedes Mal wenn wir ein Wort nennen, müssen wir in die Knie gehen. In dieser Situation repräsentiert jeder von uns eine der Vokabeln aus der neuen Lektion. Die volle Aufmerksamkeit ist auf denjenigen gerichtet, der gerade an der Reihe ist. Denn wenn dieser gleich den eigenen „Vokabelnamen“ äußert, ist man selbst dran und muss seinen Namen und schnell eine andere Vokabel ausrufen. Selbstverständlich nur eine derjenigen, die auch an die vorne stehenden Personen vergeben wurde – und nicht die eigene. Aufgrund der Regeln dauert es nicht lange, bis die ersten Schüler ausscheiden – und ich am Ende übrig bleibe. Mein Gewinn: Ein chinesisches Schreibheft mit Quadraten zum Schönschreiben der neuen Schriftzeichen – in jedem Fall zu gebrauchen.
Abgesehen von der Zusammensetzung der Kurse ist es interessant, wie die chinesischen Lehrer unterrichten. Erstaunt bin ich tatsächlich über ihre interaktiven Methoden. Nicht selten laufen wir im Raum herum und stellen uns gegenseitig Fragen, oder spielen „Vokabellernspiele“, von denen das gerade beschriebenes „Weitergebenspiel“ nur ein Beispiel ist. Auch „Ich packe meinen Koffer kommt bei einer Vorstellungsrunde zum Einsatz und „MinusEins“ bei dem wir das Wort immer einmal weniger wiederholen sollen, als der Lehrer, wird bei allen neuen Vokabeln angewandt. Die hier verwendeten Methoden scheinen also sehr von dem abzuweichen, was mir viele von der Situation in den meisten Schulen berichten (siehe dazu Artikel „“LINK). Doch ist das ausschließlich in unserem Sprachkurs der Fall?
Schaut man sich rechts und links in den Universitätsräumen um, bemerke ich niemandem beim „Lernspieledurchführen. Aber etwas anderes fällt auf: das gesamte Studiensystem wirkt deutlich verschulter als in Deutschland. Und das ist es auch, wie ich durch mehrere Unterhaltungen erfahre. Die Kurse umfassen etwa 65 Personen und werden nicht in Hörsälen, sondern in Klassenzimmern gehalten. Der Lehrer steht vorne an der Tafel, oder an der Leinwand und erklärt. Die Schüler machen sich Notizen und am Ende werden Hausaufgaben vergeben. Sehr witzig finde ich, dass die Lehrer teilweise mit Headsets arbeiten. In den Klassenräumen wirkt das sehr amüsant. Während Chinesen auch ziemlich laut werden können (siehe „“ (evtl. Essen?) LINK), sind die meisten von ihnen im normalen Alltag, sprich so lange sie sich nicht lautstark mit Familie und Freunden austauschen, doch etwas leiser. Dennoch bin ich sehr erstaunt, als die Lehrerin im Oberkurs, dem ich in der ersten Unterrichtswoche einen Besuch abstatte, für sage und schreibe acht Schüler, die sich in Reihe zwei und drei vor dem Lehrerpult platziert haben, ein Head-Set auspackt. Ehrlich gesagt glaube ich, dass die Verzerrung dieses eher einen negativen Effekt ausübt und die Verstärkung nicht unbedingt notwendig ist – aber na gut. Ein Head-set für den Unterricht von acht Personen – muss man auch einmal erlebt haben.

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