Eine Europäerin im Gym!! Eine Sensation (30.03)

 

Die Lichter sind bereits ausgeschalten, als wir gegen 22 Uhr ins Rauminnere eintreten. Noch bevor der junge Herr, der uns durch die Räume führt, den Lichtschalter betätigt, kann ich obwohl ich seine chinesischen Erklärungen nicht verstehe, bereits an den Geräuschen und Umrissen erahnen, dass es sich hierbei um das Schwimmbecken handeln muss. Und tatsächlich. Nun übersetzt meine Gastmutter. „Gerade wird das Becken gereinigt. Das Wasser hat eine Temperatur von 23°C“ ich trete an den Beckenrand und halte meinen Finger hinein. Tatsächlich – das Wasser ist für ein Sportbecken unerwartet warm. Weiter werde ich in den Yogaraum geführt, an dem die Gymnastikmatten aufgestapelt am Rand stehen und Aufziehschuhregale die Wand gegenüber des riesigen Spiegels füllen. Es folgt der Gewichteraum. Auf dem Weg von diesem zurück zu den Tresen und dem kleinen Aufenthaltsplatz mit einigen Tischen und Stühlen kommen wir durch die Gerätehalle. Laufbänder stehen aufgereiht vor einer Wand mit Fernsehbildschirmen, links davon befinden sich zahlreiche unterschiedliche mechanische Gerätschaften für die unterschiedlichsten Muskelgruppen.
Nun wird mir wie ich es schon gewohnt bin, wieder einmal ein Glas mit Wasser gereicht und meine Gastmutter und ich setzen uns mit dem jungen Herren an einen Tisch. Die Verhandlung kann beginnen, bei der ich nur unbeteiligt im Raum umherblicken kann. Ich betrachte noch einmal den Hauptraum des Gym, schaue mir die Plakate an der Wand an. „I try to make it free for you“ erhalte ich ein Update meiner Gastmutter. O.k.!? Kostenlos? Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet. So schnell möchte der Angestellte auch nicht auf diesen Deal eingehen, denn er holt sich seinen Vorgesetzten zur Hilfe. Als dieser ankommt und ich erneut als die „Tochter“ meiner Gastmutter vorgestellt werde, werden wieder verwunderte Blicke ausgetauscht, bis meine Herkunft und der Hintergrund meines Aufenthaltes in China geklärt sind. Diese Situation ist keine Neuheit für mich. Auch bei den vorangegangenen Massagestore-Testungen (siehe „“ LINK) kam dieselbe Verwunderung zum Ausdruck, da ich durch meine Gastmutter stets als ihre Tochter angekündigt wurde, die dann erst einmal lange vor Ort gesucht wurde. Die Klarstellung des Sachverhalts geht dabei gar nicht so schnell, denn das Konzept „Au-Pair“ ist in China Neuland, sodass die meisten nicht wissen, was sie sich darunter vorzustellen haben.
Nun wird die Diskussion auf Chinesisch zwischen Chef, Angestelltem und meiner Gastmutter fortgeführt. Währenddessen entdecke ich einen Tisch, gegenüber dem unseren, an dem sich inzwischen ein Großteil der Gym-Belegschaft versammelt hat. Die jungen Männer und Frauen in alle demselben weißen Sportoutfit starren aufgeregt zu mir herüber – eine Nichtasiatin scheint also auch hier im Sportzentrum eine Besonderheit zu sein. Ich erkenne einige Gesichter von den Plakaten „Personal Trainer“ unter ihnen wider. Schließlich wird ein Dokument herausgeholt, das meine Gastmutter unterschreibt. „Also, du hast jetzt ein kostenloses Abo für drei Monate. Das war meine Bedingung, um ein Jahresabbo für meinen Mann zu kaufen“. Ich bin ihr unheimlich dankbar.
Scheinbar hat das Verhandlungsgeschick und die Beharrlichkeit meiner Gastmutter in Kombination mit meiner europäischen Herkunft und der damit verbundenen „Ehre“ mich in diesem Gym begrüßen zu dürfen für drei Monate kostenloses Training ausgereicht. Genial. Heute ist wirklich mein Glückstag. Es ist nicht nur mein Pass samt Russlandvisum angekommen, sondern ich habe auch die Garantie, sobald ich aus Russland zurückkomme, nicht mehr nur in meinem kleinen Zimmer meine täglichen Kraft- und Dehnübungen zu absolvieren, sondern die Angebote des Fitnesscenters zu besuchen. Dazu zählen nicht nur die Nutzung der Räumlichkeiten und Gerätschaften, sondern auch die Abendtrainings, wie z.B. Tanzen, Yoga, Kampffitness…
Der Gerätekraft- und ausdauerraum
Ich muss schon sagen, dass ich die elektronischen Trainingsgeräte wirklich unnötig finde – wozu braucht man bitte z.B. eine „Mini-Rolltreppe“ bei der sich die Stufen unter den eigenen Füßen wegdrehen? In Chongqing sind wirklich ausreichend Hochhäuser, in denen man statt den Strom für den Lift zu verschwenden, auch einfach ein paar Stockwerke laufen könnte, und auch die Laufwege, wie z.B. meine täglicher Strecke zur Bahnhaltestelle, sind voller Treppenstufen.
Dafür bin ich jedoch ein Fan der mechanischen Gerätschaften, die ganz einfach ohne Strom und stattdessen mit Gewichtmaterial funktionieren.

Personal Training
Noch während meine Gastmutter den Zettel unterschreibt und ihre Quittung einsteckt, gesellt sich auf einmal ein junger Mann an unseren Tisch. Als er mich anspricht, zucke ich kurz zusammen, denn ich hatte gar nicht bemerkt, wie er sich zu uns begeben hat. Er stellt sich mir auf Englisch vor und drückt mir einen Gutschein in die Hand. Englisch – und ein Chinese? Nach den Erfahrungen des vergangenen Monats passen diese beiden Begriffe nicht so wirklich gut zusammen. Kein Wunder, dass ich bereits im zweiten Satz erfahre, dass er der einzig englischsprechende Trainer hier ist. Er selbst habe einen Großteil seiner Kindheit in den USA verbracht. Den Gutschein für ein Personal Training erhalten scheinbar alle Neukunden. Klingt doch schon einmal super. Dann habe ich wenigstens jemanden, der mir unkompliziert und ohne die Verzerrungen einer Übersetzungsapp die Geräte erklären kann. Und – ich höre endlich einmal wieder ein rundes Englisch, was meinen eigenen Sprachkenntnissen nach den letzten und kommenden Wochen „Chinesischenglisch“ sicher sehr gut tun wird.
Bevor wir glücklich entlassen werden können, wird mir noch eine Sporttasche in die Hände gedrückt; natürlich mit „Gym-Werbung“ aber das macht mir ausnahmsweise einmal nichts aus. So lange es sich um ein Fitnesscentre und kein überzuckertes Süßgetränk oder eine der global und ausbeuterisch agierenden Sportkleidungshersteller handelt, kann ich es mit meinem Gewissen vereinbaren mich als kostenlose Werbefläche durch die Gegend zu bewegen.
Etwas schüchtern meldet sich nun noch einmal der junge Mann, der uns die Räumlichkeiten erklärt hat, zu Wort. Ein Foto wünscht er sich mit mir – war auch nicht anders zu erwarten. Gerne platziere ich mich also noch einmal neben ihn und lasse mich ablichten. Im Anschluss daran folgt noch ein Großgewinke und „Bye Bye“ der anderen Mitarbeiter.
Erst als wir das Gym verlassen und uns auf unseren „Balancing Pet“ (auch absurd, auf einem elektrischen Pet zu einem Trainingszentrum zu fahren, anstatt zu laufen – aber an diesem Abend musste es schnell gehen) erfahre ich den gesamten Hintergrund: Eher beiläufig hatte ich meine Gastmutter darauf angesprochen, dass ich mich auch mit einem Fitnessstudio zufrieden geben würde, falls sich kein Kampfsportzentrum in der Nähe finden ließe. Zufälligerweise hatte das besagte Gym genau an diesem Abend eine Art „Tag der offenen Tür“ Aktion, an dem es Abbonnements und Mitgliedschaften zu einem reduzierten Preis anbot. Als wir dann nach der allfreitäglichen Malstunde doch noch spontan Zeit fanden, machten wir uns also auf zum Zentrum, und erhielten dort die beschriebene Privatführung.
Besser hätte es heute wirklich nicht laufen können!

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