Familienumzug und ein Minifahrrad – meine zweite Hälfte in China beginnt

In diesem Monat stand so einiges auf dem Plan. Am 3.Juni zog ich in meine neue Familie ein. Eine anstelle der bisherigen zwei Töchter, zwei Elternteile die nur bruchstückartig Englisch sprechen und ein ganz anderer Arbeitsalltag waren die Folgen. Ich zu meinem Teil finde es sehr interessant dadurch das Leben von zwei sehr unterschiedlichen Familien, auch wenn sie nur zwanzig Meter voneinander entfernt in derselben Wohncommunity im selben Distrikt in Chongqing leben, mitzubekommen.
Eine der Änderungen, die sich durch den Familienwechsel ergeben hat, ist, dass mir das bisherige Klappfahrrad nicht mehr zur Verfügung steht. Mein Bedauern über diesen Verlust dauert jedoch nicht lange an. Denn auf meine Nachfrage hin werden für mich die Reifen eines Kinderrads aufgepumpt mit dem ich seitdem meinen Weg zum Gym zurücklegen kann. Ich muss auf diesem Gefährt selbst dauergrinsen. Miniräder, ein Sattel, den man sogar für meine kleine Körpergröße nicht hoch genug stellen kann, und nur ein einziger Gang. Ich glaube, wenn ich als chinesischer Autofahrer ein deutsches Mädchen auf diesem Minifahrrad sehen würde, würde ich wahrscheinlich aus lauter Ablenkung am Steuer einen Unfall bauen. Wenigstens stellt sich das Strampeln auf diesem Bike durch die Ganglosigkeit und die kleine Größe als besonders sportlich heraus und ich bin nicht nur durch die aktuell zunehmenden Temperaturen jedes Mal bereits aufgewärmt, wenn ich im Fitnesszentrum eintreffe.
Neben all den Veränderungen gibt es jedoch auch Aspekte, die unverändert bleiben: ich bin in den letzten drei Monaten drei Mal umgezogen und in jeder Wohnung, in der ich bislang war, sind die Lampen gestaltet wie Kronleuchter. Im Wohnzimmer findet sich zudem durchweg ein etwas altbackenes, edles Sofa. Auch die um den Esstisch herumstehenden Stühle sind an den Lehnen mit Rosenranken verziert. Ganz anders als in Deutschland, wo wir größtenteils eher den schlichteren modernen Stil bevorzugen.
In meiner neuen Familie lebe ich mich superschnell ein und verbringe neben dem gemeinsamen Vokabelpauken und dem Lesen englischer Bücher viele spaßige Stunden beim gemeinsamen Singen, Tanzen, Yogaübungen ausführen, Basteln oder Zeichnen.

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Ein Highlight im Familienleben stellt ein gemeinsamer Kurzausflug über das verlängerte Wochenende dank des „Drachenbootfestivals“ nach Chengdu dar. Eine chinesische Stadt die für ihre lange Geschichte ebenso berühmt ist wie für ihren Pandapark.
Jeden Freitagmittag steht zudem weiterhin der Schulbesuch an. Bei diesen Gelegenheiten halte ich eine Präsentation über Deutschland. Von der Frage wo denn Deutschland bzw. Europa überhaupt liegen, über deutsche Essgewohnheiten und Feiertage bis hin zu unserem komplexen Schulsystem, hören mir die Kinder begeistert zu. Da ich bereits in Deutschland seit meinem neunten Lebensjahr als Autorin aktiv bin, habe ich die Gelegenheit genutzt und ein Kinderbuch auf Englisch übersetzt. Auch über dieses berichte ich und samt einer Unterschrift von mir auf der ersten Seite wird es von den Kindern mit leuchtenden Augen entgegengenommen, nachdem sie ihre Eltern vom Kauf überredet haben. Was mir bei den wöchentlichen Vorträgen besonders auffällt: der enorme Geräuschpegel in chinesischen Schulen. Selbst wenn die Türen geschlossen sind, ist auf dem Gang immer Lärm. So braucht die Lehrkraft nicht nur aufgrund der großen Klassen mit 45 Schülern ein Mikrophon, sondern zusätzlich um das Gerenne und Geschrei von draußen zu übertönen. Auch das Lied, das jeden Tag zum Beenden des Unterrichts um 15:50 ertönt und gerne von den Lehrern über“schrien“ wird, ist einer der Einsatzfaktoren für die Verstärkungsgeräte.
Sehr amüsant ist auch, was die Schüler mich fragen. So verteidigen alle unter ihnen das dreimal tägliche Warmessen und ich werde gleich in zwei Klassen unverständlich danach gefragt, warum wir denn so häufig kalte Speisen zu uns nehmen. Mir fallen da angefangen beim schnellen Zubereiten (z.B. vom Morgenmüsli) bis hin zur praktischen Mitnahmemöglichkeit, gleich mehrere begründete Antworten ein. Von einem 10-Jährigen werde ich gefragt, ob es in Deutschland auch viele alte Frauen gäbe, die gerne im Park tanzten und einer seiner Klassenkameraden fordert mich dazu auf, die Chinesenhocke auszuprobieren. Mein gutes Gelingen dabei wird mit einem Applaus belohnt. In einer anderen Klasse beginnen nach Ende der Fragerunde, die Kinder auf einmal damit, mir ihre eigenen Fähigkeiten darzubieten. Zwei Freundinnen tanzen einen Tango, ein Junge zeigt Taekwondoschläge, ein Mädchen macht vor mir einen Spagat, woran ich mich direkt anschließe. Danach spielen wir noch ein wenig sehr chaotisch ein Pantomimespiel.

 

 
Der Sprachunterricht an der Universität geht ohne große Besonderheiten weiter. Eines Wochenendes jedoch wurden wir auf ein Kulturfest mit allerlei Performanzen von traditionellen Tanzgruppen aufmerksam gemacht, was sich als sehr interessant herausstellte. Zudem ging es eines Freitags mit unseren (die Klasse ist sich hierin wirklich ausnahmslos einig) beiden Lieblingslehrern auf einen Ausflug. Zuerst wurde der Unicampus erkundet und uns wurden beim Laufen und Schauen neue Chinesischvokabeln beigebracht, anschließend fuhren wir mit der Subway zu einem Einkaufszentrum. In Fünfergruppen sprinteten wir über die Gänge und Rolltreppen, um unsere Aufgaben vor der Konkurrenzgruppe zu bearbeiten: In einem Kleidergeschäft blaue und weiße Kleidung anziehen, in einem Supermarkt Cola, Bier und Kaffee in die Kamera halten, ein Englisch-Chinesisches Wörterbuch finden, den Kinoplan für den heutigen Tag analysieren… insgesamt waren alle Personen, die wir ansprachen sehr hilfreich und erfreut darüber zur Abwechslung eine Schülergruppe gemischt von Menschen aus Bangladesch, Deutschland, Benin und Kasachstan zu treffen. Besonders witzig war ein gefilmtes Kurzgespräch auf Mandarin zwischen einem Mitschüler, mir und einem Handyverkäufer.

World Cup und Fußballenttäuschungen
Die Chinesen machen sich sehr gerne über ihr schlechtes Nationalteam im Fußball lustig. „Ich verstehe nicht, warum wir so schlecht sind. Es gibt so viele Menschen in China, unsere Mannschaft bekommt so viel Geld – und an der Statue kann es auch nicht liegen. Schließlich sind andere Asiaten wie die Japaner oder Koreaner auch nicht fußballunfähig“ Es ist der zweite Lehrer, der im Unterricht vom Unterricht auf dieses Thema abschweift. Fußballbegeisterte Chinesen gibt es aber ausreichend, selbst wenn das eigene Land dieses Jahr nicht in Russland vertreten ist. Leinwände werden ähnlich wie bei uns zum Public Viewing aufgestellt und in vielen Haushalten, so auch in meiner Familie läuft seit Beginn der WM jeden Abend der Fernseher.

Ausblick
Während die Familie die erste Ferienwoche in Australien verbringen wird und ich dank Fotos, Videos und schriftlichen sowie mündlichen Reiseberichten auf dem Laufenden gehalten werde, begebe ich mich auf eine Individualreise in das historisch bedeutende Xi’an. Was ich dort erleben und unternehmen werde, erfahrt ihr in einem Monat.

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