Sand im Gesicht und trotzdem glücklich

 

Das Pferdegetrappel wird im Millisekundentakt lauter. Gegenüber der Grasbahn sieht es aus, wie in den bekannten Daumenkinos oder Kinorollen. Die Köpfe scheinen sich in jeweils geraden Linien nach oben und unten zu bewegen – die Ursache, die sich darunter vorwärtsbewegenden Pferde, sind von der großen Hecke verdeckt. Nun biegen sie um die Ecke, die Worte des Kommentators werden immer lauter und schneller. Einer der Außenseiter prescht in der letzten Kurve noch einmal nach vorne und  – Ziel.

Ich befinde mich gerade auf der Rennbahn in Iffezheim. Das Frühjahrsmeeting bietet sich für meine Famillie schon lange Zeit dafür an, einen Tag lang auf der Pferderennbahn zu verbringen. Mit Geld gewettet haben wir dabei noch nie – wenn dann werden familieninterne Schätzungen abgeschlossen, welches Pferd gute Chancen hat. Unsere Entscheidungsgrundlage bildet dabei die kurze Vorführung der Pferde samt Jokeys im Führring.

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Vollblüter: temperamentvoll und eigenwillig

Meine Leidenschaft für den Pferdesport hatte ich schon früh entdeckt. In der zweiten Klasse begann ich mit der Suche nach einer passenden Reitlehrerin – und landete auf einem kleinen etwas chaotischen Hof mit Arabern und englischem Vollblut. Dass ich das klassische Ponyreiten ablehnte und auch Islandponys mir zu langsam und faul erschienen, war stark beeinflusst von der Meinung meiner Mutter, die mich mit ihren Aussagen schnell ansteckte. Sie hatte es früher gehasst, Pferden jeden Meter die Fersen in die Seiten zu rammen, nur damit sie im Schritt nicht einschliefen. Araber und Englisches Vollblut boten da eine ganz andere Grundlage –meist musste man sie nicht antreiben, sondern eher zurückhalten und ihr unvorhersehbares eigenwilliges Verhalten, das oftmals ihrem stolzen Temperament geschuldet war, irgendwie in Zaum halten.

Zu leicht und zu klein – selbst für einen Jokey

Und so sitze ich nun im Alter von siebzehn auf einem zweijährigen Wallach mitten auf der Rennbahn in Iffezheim. Bereits mit 14 Jahren habe ich ein Praktikum in den Sommerferien absolviert – 100 Meter von der Rennstrecke entfernt. Doch die Woche bestand damals aus kaum etwas anderem als putzen, Boxen misten und Pferde in die Führmaschine  bringen. Auch wenn mir das damals nach einigen Tagen doch sehr langweilig erschien, hielt ich alle fünf Tage durch und brachte jeden Morgen aufs Neue meinen Helm und meinen Rückenschutz mit – in der Hoffnung, an diesem Tag auf einen Pferderücken zu steigen. Am letzten Tag wurde dieser Wunsch letztendlich erfüllt – doch das einzige, was ich machen durfte, bestand darin, im Schritt auf dem Senior des Hofes zu sitzen, der ohnehin bei keinen Rennen mehr mitlief. Zu leicht und zu klein sei ich, wurde mir damals gesagt. Also – noch ein paar Jahre warten.

Nach meinem Abitur finde ich nun endlich wieder die Zeit dazu, mich um meinen Wunsch, den Amateurjokeyschein zu absolvieren, zu kümmern. Ich suche also per Ecosia nach Ställen in Iffezheim und nehme mir vor, sie durchzutelefonieren – schon bei der ersten Nummer werde ich fündig. Conny Brandstätter ist eine recht junge Trainerin, die neun Pferde in Iffezheim trainiert. Auf meine Nachfrage, ob ich bei ihr ein Praktikum absolvieren möchte, ertönt ohne lange Pause ein „Ja“. Ich solle einfach meine Reitausrüstung mitbringen.

Bei meinem ersten Treffen Ende Juli beginnt für mich ein ganz neues „Praktikum“, als ich es einige Jahre zuvor erlebt habe. Als ich ankomme, geht es gleich ans Satteln und Auftrensen, ich werde auf mein erstes Rennpferd aus Connys Stall gesetzt – die dreijährige Isa. Auf dem Ring testet Conny gemeinsam mit ihrem hinzugekommenen Mann aus England meine Reitkenntnisse – ein bisschen Leichttraben, ein wenig Kopfstellung verbessern, Zirkel, Achter, Figuren, Galoppieren. Als ich fertig bin, sattle ich ab, helfe noch ein wenig im Stall und wir vereinbaren einen neuen Termin.

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Die ersten Male auf der Rennbahn

Nachdem die schriftliche Einverständnis meiner Eltern vorliegt, darf ich bereits das nächste Mal, als ich auf dem kleinen Hof einbiege, mit vor an die Rennbahn reiten. An der großen Bahn angekommen, tausche ich mit einem Jokey, der Conny beim Training unterstützt und stelle mich auf ein Aussichtstreppchen. Von dort aus kann ich gut beobachten, wie die Pferde ihre Runden drehen und kann zudem den richtigen Sitz und die Handstellung der Reiter analysieren. Das alles wird mir bald helfen, wenn ich in wenigen Tagen selbst auf der Sandbahn im Innenring galoppieren werde.

Zurückreiten ist dann wieder meine Aufgabe, während Conny oder ihre Helfer das Fahrrad nehmen. Das übernächste Mal darf ich dann mit auf die Rennbahn und das überübernächste Mal wird aus der kleinen eine große Runde. Noch fällt es mir meist schwer, die Pferde wirklich zurückzuhalten, ihnen klarzumachen, wie schnell sie angemessen an das Training heute rennen dürfen. Auch wenn es eine enorme körperliche Anstrengung darstellt, macht es unglaublichen Spaß. Die Geschwindigkeit, das Schnauben des Pferdes, das sich unter dir bewegt, der Wind, der um deine Ohren pfeift… selbst der Dreck, der dir durch das Vorderpferd auf den gesamten Körper, mitunter auch ins Gesicht, geschleudert wird, macht dir in diesen Momenten nichts aus. Auch die anfänglichen pragmatischen Hürden – das Nachgurten während das Pferd Schritt geht, sowie das Kürzen der Steigbügel, während man gleichzeitig aufpassen muss, dass das Tier unter einem kein Gras aus dem Boden rupft, minimieren sich von Tag zu Tag. Ich bekomme Routine, mir wird Verantwortung übergeben und ich werde wenn ich da bin, ein Teil der Morgenarbeit. Um fünf Uhr muss ich dafür jeden Tag aufstehen – aber das macht mir nichts aus. Wenn mein Wecker klingelt, springe ich aus dem Bett. Schade ist nur, dass ich dann nicht direkt in wenigen Minuten zum Stall laufen kann, sondern erst einmal bis kurz vor sieben mit Bahnen und Bussen unterwegs bin. Gleichzeitig habe ich wahnsinnig Glück mit dem Rennstall – nur aus Zufall, weil Conny als erste auf der Liste stand – dank ihres Mädchennamens Brandstätter, den sie inzwischen abgegeben hat.

Ihr sowie dem restlichen Stall- bzw. Trainingspersonal konnte ich auch Löcher in den Bauch fragen. Wie ist das mit der Ausrüstung, wer zahlt diese, in welchen Ländern ist der Rennsport besonders beliebt, wo gibt es besonders viele Hürdenläufe, wie wird das Preisgeld aufgeteilt, auch welchen Konzepten trainiert man das Pferd, wie erkannt man die optimale Renndistanz des individuellen Pferdes, wie trainiert und füttert man ein Pferd vor und nach dem Rennen? Trotz konzentrierter Lektüre von zwei unterschiedlichen Pferdebüchern, die ich noch zu Hause herumstehen hatte und schon immer einmal lesen wollt, blieben all diese Fragen offen, sodass ich nun endlich eine Möglichkeit gefunden hatte, diese auch persönlich beantwortet zu bekommen.

Abschied nehmen

Nach der Woche Praktikum habe ich nun leider keine Zeit mehr – für mich heißt es: Ab nach Varenholz. Trotzdem bleibe ich mit Conny in Kontakt und an jedem Morgen, an dem ich Zeit finde, werde ich wieder um fünf Uhr aufstehen und an die Rennbahn fahren. Dabei stellt mein Aufenthalt im Stall beides dar. Arbeit, helfen, unterstützen und auf der anderen Seite Training, lernen und Erfahrung – für mich wie für die Pferde. Keines von beiden ist wichtiger als das andere, denn auch wenn ich nicht auf dem Pferderücken sitze, lerne ich mit jeder Heuladung und jedem Misthaufen ein Stück mehr, die Pferde zu verstehen.  Und mit jedem Tag an dem ich reiten und dazulernen kann, wird auch meine Sommerwoche vor einigen Jahren weniger unnötig. Auch wenn ich damals keinen Muskelkater davongetragen habe und kein einziges Mal mit einem Pferd unter mir die Sandbahn betreten konnte – dennoch konnte ich einen ersten Einblick in das Renngeschäft erhalten, lernte den Aufbau der Boxen sowie den täglichen Betrieb kennen – und auch das war eine gute Starthilfe.

Besonders interessant empfand ich neben dem eigentlichen Training auch das Kennenlernen der Pferde. Tag für Tag konnte ich die oftmals sehr ähnlich aussehenden Tiere besser unterscheiden, hatte mir irgendwann ihre Namen eingeprägt und lernte sie bei jedem Führen, Aufsatteln, Reiten oder auch nur Zuschauen besser kennen. Sam – der Stolperer, Isa, die nur auf der Rennbahn Gas gibt, beim Laufen und auf dem Ring aber halb einschläft, Oscar, der einfach als Rennpferd geboren ist und schon im Alter von zwei fast perfekt zu sein scheint, Berli, der alte Hase im Stall, der bereits zahlreiche Erfolge feiern konnte – und trotz seines für einen

Nun ja – nach einem Tschüss bin ich nun erst einmal auf unbestimmte Zeit weg. Wenn ich wieder Kapazitäten habe, werde ich Conny direkt schreiben und wiederkommen. An dieser Stelle werde ich euch dann natürlich berichten, wenn es neues von mir und meinem Amateurjokeydasein gibt. Vielleicht habe ich tatsächlich Glück und eines der Amateurjokeyseminare mit Ausbildung fällt in einen Zeitraum, in dem ich zufälligerweise noch nicht vollgeplant bin.

 

Anmerkung: Dies soll keinerlei Abwertung anderer Pferderassen sein. Ich bin zwar immer noch vernarrt in Vollblüter, dennoch bin ich inzwischen schon einige mehr Pferderassen geritten und schätze Isländer ebenso wie Ponys, Kaltblüter, Kutschen- und Springpferde… . Ich möchte hier somit keinerlei Wertigkeit zwischen verschiedenen Pferderassen ausdrücken. Jede Rasse hat ihre ganz eigenen Qualitäten und ist sowohl für spezielle Reiter als auch spezielle Disziplinen besonders gut geeignet.

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Was ich mitnehme

– Muskelkater

– ein noch besseres Pferdeverständnis

– Adrenalin

– Geduld

 

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Immer wieder ist es in der Diskussion, ob Reiten nicht eigentlich Tierquälerei ist. Insbesondere im Wettkampfbetrieb (sei es Rennen, Springreiten, Dressur…), wird das stets sehr kritisch gesehen.

 

 

 

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