Zwischen Alpakas und Luftakrobatik – meine Ausbildung zum Jugendzirkustrainer (31.07-6.08)

TEASER

An seiner Umarmung konnte ich es nicht erkennen, auch an Brandons Wortwahl zur Verabschiedung hörte ich nichts Besonderes heraus. Doch an seiner Frage bemerkte ich, dass ich für das Team genauso wichtig geworden war, wie dieses für mich. „Nina hat deine Nummer?“  Er hätte mich also nicht einfach so gehen gelassen. Nicht ohne die Sicherheit, mich irgendwann einmal wieder kontaktieren zu können.

Hier findet ihr eine kleine Auswahl an Videos und Fotos die bei den Auftritten entstanden sind.

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Es ist Mitten in der Nacht, als ich in meinem Rundzelt ankomme – für heute Nacht habe ich erst einmal ein großes Zelt ganz für mich alleine, damit ich die anderen nicht aufwecke. Verständlich, denn der neue Tag ist gerade seit einer Stunde angebrochen, als ich meinen Koffer über den erdigen Untergrund auf die Holzplatte des Zelts hieve. Und das alles nur aufgrund der bescheuerten Fußballfans, die auf halber Strecke meiner Anreise zu einer Bahnverzögerung von zwanzig Minuten geführt haben. Dennoch habe ich Glück im Unglück gehabt. Wenn Steven, einer der Haupttrainer im CircArtive nicht ohnehin die Luftakrobatiktrainerin für diese Woche vom Bahnhof hätte abholen müssen, wäre ich gar nicht mehr hierher gekommen und hätte vermutlich am Bahnhof Schwäbisch-Gmünd übernachten müssen. Warm genug ist es auf jeden Fall, wie mir nun erneut bewusst wird, als ich nach dem Unter-der-Plane-Durchkrabbeln im Innenraum des Rundzeltes ankomme. Die schwüle Hitze des heutigen Sommertages hat sich auch innerhalb der Planen des Zeltes gesammelt. Doch man darf sich von diesen Temperaturen nicht trügen lassen, wie ich von meinen bisherigen Zelterfahrungen sagen kann. Denn auch wenn man im Warmen einschläft, kann es durchaus passieren, dass man mitten in der Nacht fröstelnd erwacht. Die Feuchtigkeit wird zu schnell von der Kleidung aufgesogen und führt dazu, dass es im eigenen Schlafsack alles andere als gemütlich ist. Also lautet die Devise – bloß nicht zu dick anziehen, wenn man am nächsten Morgen ohne Erkältung erwachen möchte.

Als ich nun mit meiner Taschenlampe etwas unkoordiniert in meinem Koffer umherleuchte, um meine Zahlbürste zu finden, bekomme ich den Schock dieses Morgens. Plötzlich erblicke ich eine Kröte im Lichtkegel, die auf meinen Schlafsack hüpft. O.k. alles in Ordnung. Nur eine Kröte. Ich habe schließlich meine Zahnbürste gefunden und mache mich damit auf den Weg zum Toilettenwagen am anderen Ende des Zeltplatzes. Der warme Regen hat den Platz noch schlammiger und matschiger gemacht, als er ohnehin bereits ist und ich bin froh darüber, meine Gummistiefel eingepackt zu haben. Als ich zurückkomme ist die Kröte nicht mehr zu finden und ich kann nur hoffen, dass sie nicht in meinen Schlafsack gehüpft ist. Etwas skeptisch leuchte ich in diesen hinein, sehe jedoch kein Tier und kuschle mich daher erstmals beruhigt in den Schlafsack. Lange währt mein Schlaf nicht, denn wacht man am Morgen in einem solchen Zelt auf, tendiere zumindest ich nicht dazu, wie auf einem weichen Bett, mich noch einmal umzudrehen, mich einzukuscheln und zu versuchen, noch eine Runde zu schlafen. Hier in diesem Zelt wäre dieser Versuch ohnehin aussichtslos. Zumal sich mein Körper beim Schlafen stark am Licht orientiert und die bereits am frühen Morgen aufgestiegene Sonne nicht durch die Zeltplanen abgeschirmt werden kann. Ich schäle mich also schnell aus meinem Schlafsack, streife meine Gummistiefel über meine Jogginghose und wanke zum Toilettenwagen. Das schöne an einer Zirkusfreizeit mit Zeltübernachtung: es ist vollkommen egal was du anhast und wie du aussiehst. Von daher werfe ich auch an diesem Morgen nur einen flüchtigen Blick in den Spiegel. Zurück in meinem kleinen Rundzelt angekommen, nutze ich die Zeit bis zum Frühstück, um noch ein wenig Jonglieren zu üben.

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Nach und nach strömen immer mehr Jugendliche zum großen Essenszelt, sodass auch ich mich kurz vor acht unter meiner Plane hindurchquetsche und mich zu diesem begebe. Spontan setze ich mich an einen der Biertische links vorne. Erst nach der Ansprache des Leiters des gesamten Betriebes Sven Alb und dem Beladen der Teller und Schüsseln mit Brot und Müsli, erfahre ich, dass ich mich  ganz zufällig nicht an dem Tisch mit gewöhnlichen Teilnehmern des Camps befinde, sondern mit CircArtive Schülern, die hier ihre dreijährige Ausbildung absolvieren. Ein sehr praktischer Zufall, denn so kann ich das Frühstück gleich mit interessanten Gesprächen über ihren Alltag und den Ablauf in einer Zirkusschule nutzen. Nach dem Frühstück geht es los mit der ersten Kursstunde. Denn die nächsten Tage bis zum Sonntag werde ich damit verbringen, theoretische wie auch praktische Anteile rund um die Arbeit des Zirkusjugendübungsleiters erfahren, um am Ende der Woche hoffentlich mit viel Wissen und Erfahrungen sowie dem Zertifikat in meinen Rucksack abreisen zu können. Wie gestalte ich ein gutes Aufwärmen, wie sieht ein guter Trainingsaufbau aus, mit welchen Übungen kann ich in welcher Altersgruppe beginnen, wie performe ich eine gute Choreografie… All das erfahre ich in den nächsten Tagen. Wir, die Jugendlichen, die sich für das Absolvierend es Jugendtrainerübungsscheins Baustein 1 angemeldet haben, stellen die größte Gruppe der Teilnehmer an diesem Youth Camp dar. Die anderen sind teilweise gekommen, um schlichtweg ihre Zirkusfähigkeiten auszubauen und von Trainern gecoacht neue Figuren zu erlernen, oder um den zweiten Baustein auf dem Weg zum Jugendtrainer zu erwerben, der deutlich angewandter ist, als unser aktueller Unterricht und sich ausschließlich auf die Praxis bezieht.

Die Mittagspausen nutze ich dazu, mich im Pool etwas abzukühlen – denn die Luft in dieser Sommerwoche wird besonders in den stickigen Zelten nicht selten unerträglich – oder um zu trainieren. An einem Mittag darf ich sogar die Anlage fürs „fliegende Trapez“ nutzen, die restliche Zeit nutze ich die Matten und Geräte im Zirkushaus.

 

Bald bemerken auch die anderen Teilnehmer, besonders jedoch die Zirkusschüler meine guten Voraussetzungen, die ich aus meiner langjährigen Geräteturnerfahrung mitbringe und stoßen mittags und abends zum Training dazu. Besonders profitiere ich von einer Trapezkünstlerin, die Freude daran findet, mir verschiedene Figuren an diesem Luftgerät beizubringen. Die Open Stage am Donnerstag, der große Zirkusauftritt am Freitag und der Straßenauftritt im Freibad am Samstag rücken immer näher und neben dem Unterricht nehmen die Vorbereitungen auf diese Auftritte deutlich zu. An Tischgesprächen lassen sich gemeinsame Interessen ausmachen und man trifft sich spontan im Zirkushaus, um Choreografien zu erstellen und gemeinsam zu trainieren. Viel erfolgt jedoch, besonders bei der Open Stage spontan und ich gestalte mit unterschiedlichen Personen Akrobatik- Tanz- und Trapezauftritte. Zudem erkläre ich mich dazu bereit, das Programm an den Abenden jeweils mit abwechselnden Partnern zu moderieren.

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Der Applaus des Publikums, das Lob der Trainer und der anderen Teilnehmer, all das bestätigt und würdigt das harte Training. Auch beim letzten Auftritt im Schwimmbad kriechen nach und nach immer mehr Besucher aus den Becken. Zunächst aus Neugierde, was da gerade alles an Stangen und Equipment ausgepackt und aufgebaut wird, dann aufgrund des Interesses an den Kunststücken und den Zirkusdarbietungen.

Am Sonntag gegen 11 Uhr versammeln wir uns alle noch einmal in einem Kreis. Die Freude über die erhaltenen Zertifikate wird durch den nahenden Abschied getrübt. Bald wird der Bus abfahren und einen Großteil der Teilnehmer an den Bahnhof in Schwäbisch Gmünd bringen. Auch ich werde mich auf den Rückweg nach Varenholz begeben.

 

Es ist eine Mischung aus Wehmut, Freude, Trauer und Haltlosigkeit, die mich erfüllt, als ich nun aus der Fensterscheibe des Buses blicke. Vor zehn Jahren hatte ich zum ersten Mal einen Fuß auf dieses Gelände gesetzt. Damals begann für mich ein spannender Familienurlaub. Und auch jetzt während des Camps wurde ich von Nostalgie erfüllt, wenn ich all die Familien betrachtete, die Eltern mit ihren Kindern beobachtete, die die ersten Schritte auf einer Laufkugel wagten, in den Pausen zu den Hasenställen gingen, zu denen auch ich gelaufen war… Alleine der kritische Blick in das Ziegengehege und die Überlegungen, mit welchen Tieren ich damals gemeinsam mit meiner Schwester und dort gefundenen Freunden Kunsttücke vollübte, und wie groß die damaligen noch Baby-Ziegen inzwischen geworden waren, lässt mich in Erinnerungen schwelgen. Es hatte sich so vieles verändert – und doch war so viel gleichgeblieben. Aus jeder Freizeit, die ich dort verbracht hatte, ob der erste Familienaufenthalt, Pfingsten alleine mit Heimwehgesprächen auf dem Dachboden der Scheune, Sommerfreizeit gemeinsam mit meiner Schwester – ich erinnerte mich so glasklar an die anderen Teilnehmer, an die Auftritte, an die Diskussionen vor Ort, wenn sich meine Schwester und ich verbündeten und uns gemeinsam den Anordnungen widersetzten, die wir nicht einsahen. Es waren schöne Erinnerungen und dennoch stimmten sie mich traurig, weil sie einmal wieder aufzeigten, wie Vergänglich alles ist. All diese Erlebnisse hätten gestern sein können – und doch lagen sie schon Ewigkeiten zurück – ebenso wie sich meine Erinnerungen an genau diesen Moment, dem „Aus-dem-Fenster-Blicken“, dem Jetzt, sich auch bald in das weite Netz meiner Vergangenheit einfügen würden.

Aber nicht nur diese Erinnerungen stimmen mich auf dem Weg zum Bahnhof melancholisch. Auch die neueren Erinnerungen. Die Gedanken an die vergangenen Tage, die gerade abgeschlossene Freizeit. Ich hatte einmal wieder tolle Menschen kennengelernt. Hatte von vielen verschiedenen Lebenskonzepten erfahren, die ich am liebsten alle ausprobiert hätte – und wurde ein weiteres Mal an einem Ort festgehalten, den ich dann doch verlassen musste. Nur schwer gelang es mir, mich von den Überzeugungsversuchen der Artistenschüler loszureißen, auch zu ihnen zu kommen und mit ihnen zu trainieren. „Wo das Talent da ist, da müssen wir es auch fördern!“, meinte Brandon, einer der internationalen Schüler immer wieder in seinem amerikanischen Akzent. „Bei dir sind wirklich alle Zutaten vorhanden!“ so der Leiter des gesamten Geländes, der sogar meine Eltern von meiner bevorstehenden Artistenkarriere zu überzeugen versuchte, als diese zu einem der Auftritte angefahren kamen. Selbst die Trainer kamen reihenweise auf mich zu und wünschten sich mich nächstes Jahr in ihren Kurs – doch nächstes Jahr würde ich um diese Zeit in China sein. Dennoch wollte ich zurückkommen. Zurückkommen – irgendwann. Und gespannt sein, was sich bis dahin alles verändert haben wird.

 

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Die Alpakas spielten sehr gerne mit Volleyball und ließen sich auch aus dem Essenszelt nur schwer vertreiben

 

Ich fragte mich, was passiert wäre, wenn ich mich am ersten Tag, beim Frühstück, bei der allerersten gemeinsamen Mahlzeit, nicht an diesen Tisch gesetzt hätte. Wahrscheinlich hätte ich mich ebenso gut mit den Teilnehmern verstanden, hätte ebenso viel Spaß gehabt – aber wahrscheinlich hätte ich ganz andere Akzente gesetzt. Hätte mehr mit anderen Personengruppen gemacht, wäre in ein anderes Schlafzelt eingezogen – und hätte sicher mit ganz anderen Artisten ganz andere Choreografien auf der Bühne gezeigt. Wirklich verrückt, was solch eine spontane Entscheidung nach einer kurzen ersten Nacht alles bewirkt.

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For the first time:

–          zum ersten Mal eine Trapezchoreografie einstudiert und aufgeführt

–          Gleich zwei Mal eine Zirkussshow durchmoderiert

–          Viele neue Akrobatikelemente gelernt und dabei einige Ängste überwunden

–          Zum ersten Mal andere auf mich einreden hören, mich unbedingt an einer Zirkusschule zu bewerben

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Geht ihr selbst gerne in den Zirkus oder ins Varieté?Macht ihr selbst Akrobatik, oder könnt ihr jonglieren?

 

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