Gezuckertes Gemüse – mehr als gewöhnungsbedürftig Essen Teil III

ZUCKER UND SNACKS
Das Verhältnis zu Zucker ist hier in Chongqing wirklich ein Phänomen für sich. Ich spreche ganz bewusst von Chongqing, denn im Thema Zucker unterscheiden sich die Regionen Chinas am meisten. Insgesamt gilt in Chongqing, dass besonders Erwachsene kaum zuckrige Snacks zu sich nehmen und auch Kinder im Vergleich zu Deutschland weniger süße Snacks verspeisen. Stattdessen werden nachmittags nicht selten gewürzte Fleischstückchen oder kleine aufgespießte Würstchen verzehrt, um den kleinen Hunger zu stillen. Auch kalte Nudeln in Pappbechern, die am Straßenrand erhältlich sind, sind sehr beliebt. Grillstände, die es überall gibt, werden zum Mittag- und Abendessen ebenso wie zwischendurch frequentiert. Aufpassen muss man hier nur besonders mit der Schärfe. Ansonsten ist es eine nette Angelegenheit: Man sucht sich Spieße mit Gemüse, Tofuscheiben oder Fleisch aus, die dann vor den eigenen Augen direkt auf dem Minigrill innerhalb weniger Minuten zubereitet werden. Kinder mögen es inzwischen aber auch recht gerne, ein Eis oder einen gesüßten Nuss- oder Puffriegel zu snacken. Oder auch weiches gesüßtes Brot, ähnlich einer französischen Brioche.
Zudem gibt es recht viele Nüsse zu kaufen, die aber ähnlich wie in Deutschland recht teuer sind – und: meistens mit einer Zuckermasse überzogen. Aufgrund dieser hat sich meine anfängliche Freude über die hier erhältlichen Nüsse ziemlich schnell gelegt. Die Walnusshälften, die in meiner Familie eine Zeitlang geknabbert wurden, waren mit einer Sesamzuckermasse überzogen und selbst die sich noch in der Schale befindenden Mandeln, sind irgendwie gesüßt, sodass nicht nur die innere süße Mandel verzehrt, sondern auch die Schale als Bonbon in den Mund genommen werden kann.

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Ein chinesischer „Müsliriegel“

Als Alternativsnack lässt es sich auf gesalzene Sonnenblumenkerne umsteigen, die von vielen Chinesen geknabbert werden. Für Chongqing bekannt ist zudem ein in Fett gebackener Getreidekringel. Die chinesische Bezeichnung: Má hua. Diese Kringel gibt es in den unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen von salzig bis süß. Er schmeckt recht gut, ist aber aufgrund des hohen Fettanteils nicht für den Dauerverzehr geeignet.
Auch sehr häufig lassen sich getrocknete Fruchtfladen finden, sowie einzelne getrocknete Früchte, wie kleine Pflaumen oder Datteln. Das was mich an diesen am meisten stört, sind die Verpackungen: In großen Plastiktüten befinden sich 30 kleine Plastiktütchen in denen dann jeweils eine getrocknete Frucht steckt – was bitte ist das für eine Plastikverschwendung?

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Interessant ist zudem, dass es in China kaum Gummibären zu essen gibt. Stattdessen lässt sich eine geleeartige und mit Geschmacksstoffen in verschiedene Fruchtrichtungen versetzte Geleemasse finden – die ebenfalls wieder in kleine Plastiktüten verpackt ist.
Tiramisu ist als Nachmittagsspeise bei meinen Gastschwestern ganz besonders beliebt und wenn wir nachmittags unterwegs sind und in einem Starbucks – die einzige Cafékette, die es in Chongqing gibt – vorbeischauen, werden sie ab und an mit dieser Leckerei verwöhnt. Kuchen hingegen gibt es fast ausschließlich an Geburtstagen. Kuchen bedeutet hier in China ausnahmslos ein Biskuitteig mit Zucker und Sahne. Etwas sehr süß und sehr artifiziell. Die meisten Geschäfte in denen man diesen Erwerben kann, nennen sich „bakery“, die man in Anbetracht der dort zu erwerbenden Waren eher als Konditoreien anstatt als Bäckereien übersetzen sollte. Denn Brot liegt dort nicht in der Warentheke, sondern nichts als Kuchen, die meist gekauft und vor Ort nur noch aufgeschnitten und mit Sahne beschmiert werden, mit Zuckerguss überzogene Croissants und andere Süßstücke. Für meinen Geschmack ist alles was dort zu finden ist eindeutig zu süß. Wie gesagt fahren die Chinesen darauf aber gar nicht so sehr ab und mögen es in der Regel eher deftig.

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Chinesische Geburtstagstorte: Viel Zucker und Viel Sahne

Umso verwunderlicher ist es, dass sie ihr Gemüse – wenn sie es einmal nicht mit Öl verseuchen – zuckern. Während in Deutschland jeder beim Testen der aufgeschnittenen Tomaten oder des Karottensalats den Zubereiter fragen würde, ob dieser nicht ausversehen die Zucker- und Salzdosen vertauscht hat, ist es in China ganz normal „Zuckergemüse“ zu verzehren. Naja – Fan werde ich nicht wirklich davon. Eines Abends gibt es sogar Nudeln mit Essig und Zucker. Interessant. In Deutschland essen manche Kinder aber auch gerne Nudeln mit Ketchup – das entspricht ja etwa demselben Zuckergehalt, als wenn man sich diesen einfach direkt über die Nudeln streut.
Dass es überhaupt unerhitztes Gemüse gibt, ist aber schon die Ausnahme. Bisher habe ich das nur bei Tomaten, Fingerfoodgurken und in längliche Streifen geraspelte Karotten erlebt. Auch einige Salatblätter kann man ab und an unerhitzt genießen. Dazu wird eine kleine Schüssel aus Ei-Bohnen-Gewürzsauce gestellt, in die man die Salatblätter und Gurken tunken kann. Ein einziges Mal habe ich sogar einen richtigen Salat in einer Salatschüssel und mit Salatsauce serviert bekommen.
Ansonsten wird hier alles nur warm gegessen. In Streifen geschnittenen Rohkost aus allen möglichen Gemüsen, wie ich es in Deutschland gerne ab und an snacke, ist hier Fehlalarm. Als ich bei der letzten Pizzabackaktion damit begann, die Paprikastücke roh zu verzehren, herrschte auf einem Stille im Raum und ich wurde ungläubig angestarrt. Die Kinder sowie umherstehenden Mütter meinten, ich würde mich damit gerade vergiften.
Doch eigentlich waren wir gerade beim Thema „süß“ stehengeblieben. Eine ganz besondere und meines Erachtens nach sehr leckere „Süßmasse“ ist die Erbsenpaste, die ich bereits während meines Japanaufenthaltes (LINK) kennengelernt habe. In violetter Farbe findet man sie häufig in einer Art Dampfnudel enthalten. Es ist wirklich lohnenswert, davon zu kosten. Wobei auch das je nach Zubereitung auf Dauer zu süß werden kann.
Eine ganz besondere süße Speise, die ich jedem empfehlen kann, sind kleine runde Teigkugeln aus Reisstärke. In diese ist in der Mitte ein Sesamkern eingeschlossen und sie werden in leicht gezuckertem Wasser gebacken. In der Nacht des Laternenfestes ist es Pflicht, sie zu essen – ansonsten wartet im nächsten Jahr kein Glück auf die Familie. Das restliche Jahr über ist ihr Verzehr freiwillig 🙂 – und in Maßen aufgrund des wirklich leckeren Geschmacks zu empfehlen.

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Auch süßer Klebreis ist hier beliebt. Oft mit Obst vermischt, wird er entweder bei einem gemeinsamen Essen mit auf dem Drehkarussell platziert, oder in Bambusblättern umschlossen in kleinen Portionen angeboten. Besonders lecker sind zudem die länglichen Sticks aus süßem Klebreis, die angebraten und in einer Art schwarzer Zuckersirup serviert werden.
Insgesamt muss ich sagen, dass ich wirklich ein Fan von Reisstärkeprodukten geworden bin. Ich mag diese klebrige Konsistenz, die andere wahrscheinlich beim ersten Mal als eher störend wahrnehmen.

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Eine besondere Art „Küchlein“. Dieses wird aus Erbsenmehl hergestellt und im Kühlschrank wird der Masse mithilfe von Förmchen ihre Endgestaltung verliehen. Von der Konsistenz und dem Geschmack erinnert es mich ein wenig an Käsekuchen

Noch ein Nachtrag zu den Bäckereien: Während der Süden eher Reis als Grundnahrungsmittel verzehrt, herrscht im Norden das Getreide vor. Dementsprechend gibt es nördlich nicht nur mehr Nudeln, sondern auch mehr Brot. Auch in Chongqing ist Brot angekommen, dort weiß aber kaum jemand, wie man es zubereitet – und in Bäckereien wird man wie gesagt kaum fündig. Meine Gasteltern stammen aus einer deutlich weiter im Norden gelegenen Provinz, wodurch meine Gastmutter nicht nur regelmäßig dicke Teignudeln herstellt, sondern auch Brot. Das Brot, das sie „backt“ besteht immer aus einem hellen Hefeteig, den sie unterschiedlich geformt auf einem Gitter über heißem Wasser zubereitet – einen Ofen besitzt sie nicht. Doch immer mehr Haushalte schaffen sich auch einen solchen an und beispielsweise in der Küche ihrer Schwester sowie ihrer Nachbarin, bei der wir häufiger „Pizza“ (dazu später mehr) zubereiten, lässt sich ein ausreichend großer Ofen finden.
Dass in Chongqing nur aus dem Norden stammende Personen die Kunst des Brotzubereitens beherrschen, kommt spätestens heraus, als meine Gastmutter eines Abends noch nach 22 Uhr damit beginnt, Teigklumpen zu formen und diese über dem heißen Wasser aufzubacken. Als ich mich mit ihr unterhalte, stellt sich heraus, dass ihre Tochter am nächsten Tag zu einem Picknick Brot mitnehmen muss – warum gerade sie zum Brotbacken eingeteilt wurde? Sie sei die einzige Mutter von allen aus Cocos Klasse, die wüssten, wie das geht. An einem Mittag lädt meine Hostmum sogar zwei ihrer Freundinnen zum „Brotzubereiten-Crashkurs“ ein.
Das Brot meiner Gastmutter schmeckt wirklich gut, was mich jedoch etwas stört ist, dass ausschließlich helles Mehl verwendet wird. Ich als Vollkornbrot- und Pumpernickelliebhaberin bin hier also auf Dauer nicht gerade am besten aufgehoben. Für ein halbes Jahr lässt es sich aber gut überstehen.
Interessant ist dabei auch, dass jeden Morgen, wenn es Brot zum Frühstück gibt, die Hefeteilchen noch einmal aufgewärmt werden. Dadurch schmeckt es auch am dritten Tag noch wirklich frisch und ist lecker warm.

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Das berühmte Blumenbrot

Im Heimatdorf meiner Gasteltern gibt es zudem noch ganz besondere Brotarten. Von einem Besuch bei seiner Mutter brachte der Gastvater einmal das „Blumenbrot“ mit. Es ist wirklich schwer, es genauer zu beschreiben, als verdammt lecker. Ein wenig zu fettig für meinen Geschmack ist das einzige, was ich leicht kritisieren muss. Ansonsten ist es einfach nur „hao che“, wie die Chinesen sagen. Diese Mischung aus außen kross und innen weich gebackenem Teig und den fruchtigen Blumen, die darin verarbeitet sind, stellt wirklich eine ganz besondere Spezialität dar. Kein Wunder, dass man zu der Bäckerei, die diese Brote herstellt, laut Berichten meiner Gasteltern frühmorgens aufbrechen muss, da der Bäcker nur 100 Stück pro Tag herstellt und wenn diese weg sind, geht man trotz Schlangestehen, leer aus.

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