Handy erwünscht in der Oper und überhitzte Männer

CHINESISCHER GERÄUSCHPEGEL
Die chinesische Geselligkeit wird besonders an öffentlichen Orten deutlich. In Restaurants ist der Lärmpegel zu Stoßzeiten kaum auszuhalten, sodass man sich für wichtige Gespräche oder romantische Dinner einen abgetrennten Raum mieten kann. Auch in Theater- oder Konzertsälen ist es nicht selten, dass sich die Zuschauer laut unterhalten, an ihrem Handy spielen, Essen auspacken… das wird mir zumindest von vielen, unter anderem auch meinen Eltern, erzählt, die zwei kunstvolle Abendshows besuchen konnten. Einen Abend werden mir von der Chororganisatorin Freikarten für eine traditionelle Musikaufführung geschenkt. In dieser, in der ich den Zusammenklang unterschiedlichster traditionell chinesischer Instrumente genießen kann, herrscht jedoch absolutes Redeverbot. Wenn eines der vielen Kinder, die sich auf den Publikumssitzen befinden, einen Laut von sich gibt, wird es böse angeschaut und wenn der Stuhl beim Aufstehen knarrt, ertönt sofort ein „Schp“ von den Umsitzenden. Hier herrscht also eine deutsche Theatersaalstimmung.

NOCH KIND ODER SCHON MUTTER?
Bin ich nun 13 oder doch 23 Jahre alt? Schon in Deutschland sind die Menschen meist damit überfordert, mein Alter zu schätzen, da mein Gesicht, meine Körpergröße und meine Tätigkeiten sehr widersprüchlich sind. Doch den Chinesen fällt es besonders schwierig mein Alter zu erraten. Viele die mich nur sehen, schätzen mich zwischen 12 und 15, diejenigen, die hören, was ich in China mache, vermuten, ich sei 23. Nicht nur einmal werden wir wenn ich alleine mit den beiden Kindern unterwegs bin, von Personen, die uns im Aufzug oder auf der Straße begegnen sogar gefragt, ob ich die Mutter der beiden bin. Um eine fast 11-jährige Tochter zu haben, müsste ich da doch etwas deutlich älter als 18 sein. Nun ja – mir persönlich fällt es auch sehr schwer, das Alter von Asiaten zu raten.

SOZIALSYSTEM UND ALTERNDE GESELLSCHAFT
„Weißt du, das nächste gemeinsame Essen in der Muttergruppe werde ich bezahlen, um mein Renteneintrittsalter zu feiern“ Ich stutze, als mir meine Gastmutter das eröffnet. Immerhin ist sie gerade 43. Wie bitte will sie schon jetzt Rente beziehen? Ganz so früh bekommt sie tatsächlich noch kein staatliches Geld, denn sie möchte nur feiern, dass ihr Rentenalter feststeht: 50. Das hat sie an diesem Morgen abgeklärt. 50. Selbst das erscheint mir enorm jung. „In China gehen die Frauen ab 55 und die Männer ab 65 Jahren in Rente“ erklärt mir meine Gastmutter. Auch wenn ich diesen geschlechterspezifischen Unterschied nicht wirklich nachvollziehen kann, unterbreche ich nicht, sondern höre weiter meiner Gastmutter zu. „Aber ich darf schon mit 50 in Rente gehen“ Auf meine Nachfrage hin, erfahre ich, dass sich ihr Heimatdorf in einer höheren Lage befindet. Da dort der Sauerstoffgehalt gering ist, wird den Menschen erlaubt, fünf Jahre vor einem Durchschnittschinesen in Rente zu gehen. Aha. Besonders interessant klingt diese Tatsache für mich, weil meine Gastmutter bereits jetzt seit über 23 Jahren weder in ihrem Heimatdorf arbeitet noch lebt, sodass dieses Argument für sie eigentlich nicht gelten sollte. Aber da denke ich nicht chinesisch genug. Denn im chinesischen Sozialsystem beruht alles auf Ort und Stelle an dem man geboren ist. Es gilt das „Hukou“-System, das unter anderem auch die Landflucht eindämmen soll. So bekommt man beispielsweise bestimmte Sozialleistungen wie die Bezahlung von Ärzten nur in seiner Geburtsregion erstattet, sodass sich einige das Wegziehen gar nicht leisten können. Nicht selten reisen aufgrund dieses Prinzips einige Chinesen, die doch woanders leben möchten, für Behördengänge mindestens einmal im Jahr in ihre Heimatstadt zurück.
Dass die Rente mit 55 bzw. 65 Jahren aktuell zum Problem wird, erzählen mir viele Chinesen ganz offen. Nicht nur die deutsche Bevölkerung, auch die chinesische altert und das sich daraus ergebende Versorgungsproblem zeichnet sich bereits jetzt ab.

REISAUSFLUG
Sehr beeindruckend finde ich es zudem, auch in ländlichere Regionen hineinzuschnuppern. Ich hoffe darauf, in den Ferien im Juli und August die Möglichkeit zu haben, ein paar Tage auf dem Land zu verbringen. Bisher habe ich nur einmal das Leben der Farmer miterlebt, als ich mich gemeinsam mit meinen Eltern bei einem Touristenausflug verlief. Wir landeten mitten in einer bergigen Reisanbauregion, wo ich die im Wasser auf den Feldern watenden Bauern beobachten konnte.


Was mir hier in Chongqing bereits begegnet ist das direkte Aufeinandertreffen von Arm und Reich. In der Gated Community, in der das Haus, in dem ich aktuell ein Zimmer bewohne, steht, finden sich zwar ausschließlich sehr wohlhabende Familien, macht man sich jedoch auf in Richtung U-Bahn-Station laufe ich auch an alten Wohnblocks vorbei. Zerfallene Balkone, schmale Türen und Fenster und schief nach unten hängende Dachziegel kennzeichnen diese Wohnanlagen. Auch die vielen kleinen Läden mit ihrem ungeordneten Krimskrams vor den Häuserzeilen sehen nicht so aus, als ob sich deren Besitzer einen allzu guten Lebensunterhalt verdienen könnten.

CHINESISCHES STRAßENLEBEN
Was mir noch nie begegnet ist, sind Bettler. Zwar würde ich in einem dieser chaotischen Miniläden eher etwas aus Mitleid als aus irgendeinem anderen Beweggrund heraus kaufen, was mich dann doch eher ans Spenden erinnert, aber richtige Bettler gibt es hier in Chongqing auf den Straßen nicht. Ob das in der Hauptstadt anders aussieht, werde ich im Urlaub im Sommer erfahren.
LAUTE STRAßEN
Eine besondere Attraktion auf den Straßen sind sich anschreiende Chinesen. Diese trifft man gar nicht so selten an. So erblicke ich an einem Morgen eine Frau knapp vor den Eingangsschranken einer Gated Community. Neben ihr liegt eine Plastiktüte am Boden und ihr gegenüber steht ein sie wütend anblickender Herr. In Kombination aus dieser Szene und den wenigen chinesischen Wortfetzen, die ich zu diesem Zeitpunkt bereits verstehe, folgere ich, dass die Dame den Mann dafür beschuldigt, durch sein Anrempeln an dem Herunterfallen ihres Einkaufsgutes verantwortlich sei und nun eine Entschädigung fordert. Um die beiden Hauptpersonen hat sich eine nicht gerade kleine Menschenmenge versammelt. Das chinesische Einmischen! Sehr gerne beteiligen sich die Chinesen an derartigen Vorfällen und geben ihren Senf dazu, bis ein Kompromiss gefunden wird. Durch diese „Straßenenrichter“ ist es kaum notwendig, die Polizei zu alarmieren. So werden auch kleinere Verkehrsunfälle oft ohne Behördeneingriff zu einem friedlichen Ende geführt.
Eines Nachmittags beim Abholen meiner jüngeren Hostschwester erlebe ich erneut, dass sich Erwachsene Chinesen ziemlich laut anschreien können – und sich dabei in keinster Weise peinlich vorkommen. Eine Oma und ein Vater zweier Klassenkameraden streiten sich lautstark über die Köpfe ihrer Schützlinge hinweg. Eine so laute und hitzige Diskussion kann man auf einem deutschen Schulhof wirklich nicht erleben.
DAS CHINESISCHE WEGFINDEN
In mehreren Artikeln habe ich angeführt, wie ich mich in chinesischen Vierteln ein wenig verirrt habe. Als ich eines Sonntags mit meiner Gastmutter unterwegs bin, wird mir bewusst, dass meine Strategie, mit dieser Situation umzugehen, gar nicht so unchinesisch war. Sie befindet sich an diesem Sonntag mit mir im Schlepptau auf der Suche nach einem Laden, der ihr Handy reparieren kann. Um diesen zu finden, fragt sie insgesamt – und ich habe wirklich mitgezählt – 23 Personen. Gefühlt alle zwei Meter machen wir bei einem Mitarbeiter eines Modegeschäfts oder einem Security-Beauftragten vor den Türen eines Lebensmittelladens Halt und lassen uns erneut die Richtung weisen. Nach einer halben Stunde sind wir schließlich am Ziel.

CHINA UND AFRIKA – DOCH NICHT GANZ UNÄHNLICH
Die größte Parallele zwischen China und Afrika sehe ich im Straßenleben. „Ist es wahr, dass bei euch manchmal gar niemand auf den Straßen zu sehen ist?“ werde ich von meiner Gastmutter erstaunt gefragt. Und tatsächlich leben die Menschen hier in China ähnlich wie in Afrika viel mehr draußen. Ein viel kleinerer Teil des Tages spielt sich in den privaten Vier-Wänden ab. Während ältere Herrschaften in Deutschland manchmal zum Spazierengehen hinausgehen, gehen ältere chinesische Herrschaften manchmal nach drinnen, um sich etwas zu trinken zu holen. Natürlich gibt es auch hier die Stubenhocker und Fernseh- sowie Computerspielliebhaber, aber Erwachsene, besonders Rentner sind doch sehr viel auf den Straßen unterwegs. Bei den Kindern hingegen sehe ich eher das Gegenteil. Zumindest ab einem Alter an dem sie nicht mehr den gesamten Tag mit ihren Großeltern verbringen. Während ich in meiner Kindheit immer draußen gespielt habe, egal ob ich auf den Bäumen im angrenzenden Wald herumgeklettert bin, wir die Federballschläger ausgepackt, oder die Inlineskater angeschnallt haben – ich war immer draußen. Hier gehen wir fast nie raus – obwohl sich die nette Community Anlage und der nahegelegene Park trotz Stadtlage sehr gut zum Draußenspielen anbieten würde.
CHINESISCHE VERKEHRSREGELN
Tatsächlich sind die offiziellen Regeln auf den chinesischen Straßen zu unserem deutschen System gar nicht so unähnlich – aber die ungeschriebenen drehen die Gesetze um 180°. Chinesen – vielleicht liegt das an den massagegefolterten Nacken – sind viel zu faul für einen Schulterblick. Während meiner gesamten ersten drei Monate hier habe ich kein einziges Mal einen Schulterblick beobachten können. Stattdessen verlässt man sich entweder auf das Autokamerasystem, das die Hightechkarren inzwischen massenhaft haben, oder aber auf sein eigenes Gefühl.
Anschnallpflicht existiert hier zwar und wird auch mit Geldstrafen geahndet, die meisten Chinesen sehen es aber nicht ein, warum man denn auf der Rückbank einen Gurt anlegen sollte, wenn es ohne doch so viel bequemer ist. Auch einen Kindersitz habe ich bisher in keinem einzigen Auto gesehen. Vermutlich werden auch Babys einfach auf dem Schoß des Beifahrers transportiert.
Das Telefonierverbot am Steuer hat bei den Chinesen meines Eindrucks nach mehr negative als positive Folgen. Wenn die Chinesen angerufen werden, halten sie nicht selten mitten auf der Straße an, um ihr Gespräch zu führen. Ranfahren kennen hier nur wenige Fahrer.
Eine noch gefährlichere Situation, als ein aufgrund eines Telefonanrufs plötzlich stoppendes Auto, sind PKW, die ihre Ausfahrt verpasst haben. Diese fahren einfach einige hundert Meter rückwärts, bis sie doch noch abbiegen können.
Aufgrund dieser Verkehrszustände kam es bereits zwei Mal zu einem Fast-Zusammenstoß. Einmal zwischen dem Auto meiner Gastfamilie mit dem Mann am Steuer, als ein anderes Auto auf einmal nach rechts ausscherte und nur die Automatische Bremsung unseres PKW ein Zusammentreffen der beiden Karrosserien verhindern konnte, und ein andermal schlängelte sich auf einmal ein Elektroroller von rechts auf unsere Spur, den meine Gastmutter dank einer Vollbremsung gerade noch so nicht umfuhr.
Als Fahrradfahrer ist man im Chongqinger Verkehr insgesamt verhasst. Viele Einwohner hier wüssten noch nicht einmal wie man Fahrrad fährt, so erzählt mir meine Gastmutter. Chongqing sei einfach zu hügelig und die chongqinger Bürger zu faul, als dass sie überhaupt auf die Idee kämen, Fahrrad zu fahren. Ich sehe wirklich nur ein einziges Mal eine Fahrradtruppe auf den Straßen. Da ich selbst jedoch täglich mehrmals das Klappfahrrad meiner Gastfamilie nutze, werde ich direkt mit dem Hass gegen Fahrradfahrer konfrontiert, Vielleicht sind die Menschen hinter ihrem Steuer neidisch, dass ich nicht am Stop- and Go teilnehmen muss, sondern neben den Fahrzeugen vorbeistrampeln kann, vielleicht sind sie eifersüchtig, weil sie niemals den Biss hätten, sich die Berge hochzuackern. Ich weiß es nicht. In jedem Fall wird man als Fahrradfahrer nicht nur von den Autofahrern angehupt und gedrängelt, sondern auch von Fußgängerseite aus lässt sich keinerlei nettere Reaktion erwarten. Die meisten Spaziergänger ignorieren mein Geklingel einfach eiskalt und die Wenigen, die darauf reagieren, sind von der Situation vollkommen überfordert und rennen viel zu spät wild in der Gegend herum, sodass man schließlich doch abstoppen muss. In solchen Situationen rolle ich einfach ein wenig genervt mit den Augen.
SOMMER VOLLER NACKTER HAUT
Aber zurück zu den Menschen an sich, denen man auf den Straßen begegnet. Besonders auffällig sind die oberkörper- oder zumindest bauchfrei durch die Gegend laufenden Männer. Vor allem männliche Personen mittleren Alters krempeln liebend gerne ihr Oberteil nach oben, sodass genau ihr gesamter runder Bauch zum Vorschein kommt, der bei jedem Schritt mitwippt. Einen durchtrainierten freien Oberkörper habe ich tatsächlich bislang noch nicht gesehen. Ob die Männer einfach stolzer auf dicke Bäuche als auf fitnesspostergleiches Aussehen sind, oder ob sich diese Männer nichts aus der Meinung anderer machen und es ihnen einfach wichtiger ist, nicht zu überhitzen, habe ich bisher nicht in Erfahrung bringen können.
Insgesamt ist in China ohnehin jeder Look erlaubt. Frauen tragen im Sommer häufig Kleider aber auch Miniröcke und knappe Tops – teilweise in auffällig schrillen Kombinationen. Auch beim Make-up lässt sich von gar nichts bis hin zu fünf-Farben im Gesicht alles finden. Hier auf den Straßen wird man egal welche Wahl man trifft, nicht schräg angeschaut.
Interessant finde ich in diesem Zuge die Aussage einer Mitarbeiterin von Rising Star, die bereits einige Monate in Deutschland verbracht und einen deutschen Mann geheiratet hat. Sie meint, in Europa versuche jeder individuell zu sein. Dann ist man etwas Besonderes, man fällt auf, sticht heraus, wird beachtet – und all dies gilt in großen Teilen als positiv. Die Chinesen ticken genau andersherum: hier soll man sich anpassen, möglichst so sein, wie alle anderen. Auffallen und aus der Masse herausstechen ist in ihren Augen also eher etwas, das Chinesen als negativ bewerten. Vielleicht stimmt das für die allgemeine Gesellschaft, für Leistungen und Tätigkeiten. Aber von der Vielfalt auf den Straßen erhalte ich eher den Eindruck, dass man egal wie man sich kleidet und egal was der individuelle Stil ist, ohnehin nicht mehr auffallen kann, weil in all den unterschiedlichen Kleiderordnungen ein weiterer abweichender Stil auch nicht mehr auffällt.

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