Hohe Nebelberge und eine gläsernen Brücke – ein Wochenendausflug nach Tongzi, Guizhou Province

„Liangkuai, liangkuai!“ Dieses Wort, das so viel bedeutet wie „mildes Wetter“ mit Betonung auf „nicht zu heiß“, höre ich ab Donnerstag ständig. Denn am Abend diesenTages wird mir angekündigt, dass wir übers Wochenende wegfahren. Auf meine Nachfrage wohin erhalte ich nicht mehr als diese Antwort: an einen Ort, an dem es frischer ist als in Chongqing. Die Hitze scheint den Chinesen echt zuzusetzen.
Am Abfahrtstag bin es ausnahmsweise einmal nicht ich, sondern die Mutter, die sich am stärksten über die ständige Planänderung empört. Als ich beim Frühstück nachfrage, heißt es noch, wir würden gegen Nachmittag/Abend aufbrechen. Als wir um 12:30 zum Mittagessen gerufen werden, wird uns eine Abfahrt um 15 Uhr unterbreitet und als dann der Vater eine halbe Stunde später nach Hause kommt, heißt es auf einmal, wir werden uns bereits um 14 Uhr auf den Weg machen. Die Mutter bricht in Hektik aus und beschwert sich eine halbe Stunde lang während des Packens bei ihrem Mann. Warum wir in der Abfahrtsplanung so unflexibel sind? Es ist ein Wunder geschehen und zum allerersten Mal, seitdem ich bei meiner neuen Gastfamilie lebe, treffen wir tatsächlich geplant auf andere Menschen: das Wochenende werden wir mit Arbeitskollegen und deren Familien verbringen. Da bin ich mal gespannt.

Rotbäckige Chinesen
Ein ehemaliges Au-Pair hatte mich bereits vorgewarnt: betrunkene Chinesen können nervig sein. Tatsächlich finde ich es eher amüsant, als ich mich an diesem Abend zwischen all den rotbäckigen Erwachsenen wiederfinde. Es ist noch nicht einmal mehr 22 Uhr und schon reden sie in Chongqinger Dialekt quer über den Tisch, challengen sich darin, wer das vollere Glas Wein in einem Zug leertrinken kann und lachen sich über den Satz „Angel, what is your name?“ eine halbe Stunde lang kaputt. Einer der Arbeitskollegen beginnt, sich ausführlich und in sehr langsamem und deutlichem Mandarin mit mir zu unterhalten. Ob ich aufgrund seines Alkoholintus‘ oder meinen geringen Sprachkenntnissen nicht alles verstehe, was er mir erzählt, bleibt fraglich. Fest steht jedoch, dass sich der Betroffene am nächsten Tag nicht mehr an unser Gespräch erinnern kann. Ein Dreijähriger und eine Sechsjährige veranstalten auf dem Sofa in der Ecke des Speisesaals des Restaurants eine Kissenschlacht und Angel hat Freundschaft mit dem letzten noch anwesenden Kind geschlossen: die zehnjährige Tochter meines aktuellen Gesprächspartners. Ich finde ja, dass die beiden auch einmal ein wenig alleine spielen können – schließlich bestand mein bisheriger Tag aus nichts als Englisch unterrichten und Angel im Auto so gut beschäftigen, dass sie nicht reisekrank wird. Dennoch drängt mich die Mutter dazu, nun wieder mit den Kindern zu spielen. Es heißt auch die nächsten Tage über stets „ihr drei Kinder“ was ich pflichtbewusst akzeptiere. Ich spiele also eine chinesische Version von „Welche Fahne weht heute“ bringe den beiden ein Klatschspiel bei und wir durchlaufen einige spaßige Runden Pantomime. Im Anschluss daran entscheide ich beim Anblick Angels Eltern, dass diese betrunken genug sind, als dass sie sich Morgen darüber aufregen könnten, wenn ich heute Abend noch etwas anderes als Kinderspiele mache – mir wird nach all diesen Stunden Kinderbetreuung nämlich endgültig langweilig. Außerdem scheint Angel mit ihrer Spielpartnerin doch recht zufrieden. Also mache ich mich am Tisch der chinesischen Erwachsenen sitzend ans Lernen. Gleichzeitig verfolge ich ab und an einige Gesprächsfetzen und – bin im Allgemeinen schlichtweg darüber erfreut endlich einmal wieder Chinesisch zu hören. Zu Hause bei Angel ist das aufgrund der dauernden Warnrufe „Angel, English!“ oder „No Chinese!“ egal ob im Auto oder am Esstisch (die Mutter bezahlt schließlich für mich und möchte daher das Maximum aus meiner Anwesenheit herausholen), zu einer seltenen Ausnahme geworden.


Nebelberge, die glücklich machen
Am nächsten Morgen ist besonders der Mutter der Kater anhand ihres müden Gangs und ihrer sichtbar schlechten Laune anzumerken. Ich habe dafür bis 10 Uhr zur eigenen Verwendung Zeit, erkunde also das Hotel und unterhalte mich am Frühstücksbüffet mit einem Ehepaar samt Kleinkind über meine Herkunft und meine Tätigkeit in Chongqing. Zudem beobachte ich mein Witzig-Highlight des Wochenendes: eine Putzfrau putzt mit feuchtem Wischmopp die Teppichböden – also ich habe mich ja schon ausreichend über die seltsamen Eigenheiten der Chinesen wenn es ums Saubermachen geht, ausgelassen, aber das ist jetzt sogar für mich neu.
Zurück in meinem Zimmer und am Laptop arbeitend klingelt es an meiner Tür und die von ihrem nächtlichen Traum berichtende Angel kommt herein. Es geht kurz darauf los zur „Panorama of loushan pass red army tourist attraction“. Einem Gebiet mit unglaublich schöner Natur und aufgrund einer entscheidenden Schlacht im Vormarsch der Roten Armee geschichtlich sehr interessant. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass das erste was ich nach dem Ausstieg erblicke, eine große Steinwand mit einem in roter Farbe eingravierten Gedicht Mao Zedongs ist.
„Und jetzt noch ein Foto, bei dem du den Arm ausstreckst. Nein, nicht so!“ Meine Gastschwester tritt auf mich zu und drückt meinen Arm ein wenig nach rechts. Heute findet sie während des chinesischen „Bergsteigens“ (alias Treppenlaufen) ganz besonders Gefallen am Anfertigen von Fotos und Videos. Soll mir recht sein. Ich genieße besonders die Landschaft. Teils steinerne, teils grüne Berge, Schluchten und das alles bei super angenehmem Wetter – nicht zu kalt und nicht zu warm. Meine Augen können sich gar nicht sattsehen.
Sklavin im Drehtboot
„Zurück, nein: nach vorne. Schneller. Stopp. Warum bist du jetzt in das Schilf gefahren?“ Ich befinde mich halb liegend halb sitzen auf einem Tretboot und versuche den strengen Anweisungen meiner Gastschwester zu folgen. Ja, meine Gastschwester kann in jedem Fall zu den klischeehaften chinesischen „Kinderköniginnen“ gezählt werden. Mit zwei Eltern und den Eltern ihrer Mutter, in deren Leben es wohl nichts Wichtigeres gibt als Angels Wohlbefinden, hat sie es noch nie gelernt, Kompromisse einzugehen und auf Andere außerhalb ihrer Familie zu achten. Nur wie es ihren Eltern geht, interessiert sie und nur was ihren Eltern gehört, gilt als beschützenswert und muss behutsam behandelt werden. Schon mehrmals ist mir aufgefallen, dass sie sofort zur ihrer Mutter läuft, wenn ich auch nur einen kleinen Einspruch gegen ein von ihr vorgeschlagenes Spiel habe. Auch in Kontakt mit anderen Kindern ist sie immer stundenlang beleidigt, wenn diese ihr nicht gehorchen. So ist es nicht verwunderlich, dass mich ihre Mutter gebeten hat, doch alle Wünsche ihrer Tochter zu erfüllen. Also: die restlichen zweieinhalb Wochen werde ich mich ein wenig in die Rolle einer Sklavin einfühlen können. Sicher auch eine interessante Erfahrung.
Beim Drehtbootfahren kommt die diktatorische Ader von Angel ganz besonders zum Ausdruck. Nicht nur ich, sondern auch das zehnjärige Mädchen wird durchgehend herumkommandiert. In diesem Fall macht mir das nichts aus, da die Wasseranlage auf der wir uns bewegen ohnehin überall super schön ist und ich zudem das Bedienen Angels mit einer sportlichen Betätigung verbinden kann. Also: eine Win-Win-Situation. Bei ihren Anschuldigungen gebe ich mich damit zufrieden, dass ich weiß, dass nicht ich sondern sie durch ihre falsche Steuerung schuldträgt. So lerne ich, meinen Mund zu halten und mir meinen Teil einfach dabei zu denken.
Amüsant sind einmal wieder die vielen Zurufe und die Winkerei der anderen Chinesen auf den Drehtbooten. So gilt unser Boot aufgrund meines Ausländerdaseins bald sogar als die interessantere Attraktion als die kleinen Entlein auf dem Wasser. Zusammengezählt mit den Fotos am Vormittag sind inzwischen sicher mindestens zwanzig Chinesen um ein Bild von oder mit mir reicher.
Vor dem Drehtbootfahren hatten wir eine gläserne Brücke besucht, die Angels Mutter als durchweg sehr ängstliche Person nur mit geschlossenen Augen und tapferer Führung durch ihren Mann überqueren konnte. Angel hingegen sprang freudig auf der Brücke in etwa 35 Metern Höhe herum. Dennoch ist sie nur halb zufrieden, da sie eigentlich in einen Wasserspielpark wollte, den wir aufgrund der Jüngeren nicht besucht haben. Rücksichtname ist wirklich nicht Angels Stärke, aber mit der nun spontanen Nachmittagsgestaltung und nach zwei Eis am Stiel, haben die Eltern ihr verwöhntes Kind einmal wieder beruhigt.
Am Abend kann ich besonders den Spaziergang vom Restaurant zurück ins Hotel genießen. Guizhou ist deutlich kleiner als Chongqing und mir gefallen die engen Gassen gesäumt von Ladenzeilen, deren Schilder und offene Türen auch um 22 Uhr noch zum Einkauf auffordern.
Vom Boxbootfahren und dem Regenguss in einer Schlucht
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Marktcharakter des täglichen Treibens in der Innenstadt von Guizhou, durch die wir uns am Morgen mit dem Auto durchboxen. Das wilde Durcheinander mit all den Kaufständen erinnert mich an die Zeit in Burkina Faso.
Der heutige Tag besteht größtenteils aus Fahren: zuerst im Auto, dann im Boot. Denn das eigentliche Raften erinnert tatsächlich mehr an „Bootsfahren“. In den letzten Tagen habe es kaum geregnet, wie mir erläutert wird. Das führt dazu, dass es auf dem Wasser recht langsam vorangeht, wie sich bereits erahnen lässt, als wir den schmalen Weg entlang bis zur Einstiegsstelle zurücklegen. Interessant sind besonders die Schilder an den jeweiligen Aussichtspunkten. An diesen wird deutlich, wie groß die chinesische Fantasie ist. Denn jeder Felsvorsprung, jeder Wasserfall und jedes moosbewachsene Gestein wird als Kamel, Pilz oder Hausdach gedeutet.
Als wir schließlich die Einstiegsstelle erreichen, wird es tatsächlich aufgrund fehlenden Wassers nicht weniger spannend, denn andauernd stoßen wir gegen Felsen, sodass die Tour zu einer Art Boxboot-fahren wird. Außerdem kann man sich mit fehlenden Wasserspritzern aufgrund des Ausbleibens von Wasserfällen, die man herunterrutschen kann, ganz einfach gegenseitig versorgen. Die beiden Mädchen, die mit mir im Boot sitzen, haben sich ähnlich wie die meisten anderen Gäste hierfür rechtzeitig mit Riesenwasserpistolen ausgestattet, ich nutze noch spontan die gerade durch meine Gastmutter gelehrte Wasserflasche, um ein wenig mitspritzen zu können. Diese selbst zeigt, dass ein Regenschirm nicht nur typisch chinesisch auch gegen Sonnenstrahlen eingesetzt werden kann, sondern zudem als Schutzschild gegen Wasserangriffe dient. Dass das aber doch nicht so ganz einwandfrei funktioniert, zeigt sich an ihrem bald ähnlich durchnässten Körper wie unserer.
Die Wasserschlachten und Rivalitäten enden, als es auf einmal anfängt zu schütten. Es ist ein wahnsinnig schöner Anblick, die Schlucht mit senkrechtem Regenteppich anzuschauen. Alle Wasserpistolen sind nichts gegen diesen Wassererguss von oben – die Natur ist im Zweifelsfall eben doch überlegen. Wir stoßen gegenseitig unsere Boote voran, versuchen uns an den Felsen rechts und links vorwärtszudrücken und beginnen mit unseren Spielfeinden zu kooperieren. Auch steige ich das ein oder andere Mal aus, wenn es gerade besonders langsam vorangeht, und ziehe das Boot. Dabei werde ich besonders von den unvorhersehbar plötzlich wechselnden Tiefen überrascht, die dazu führen, dass ich unerwartet schwimmen muss.
Gerade als ich damit beginne, am ganzen Körper zu zittern, da es aufgrund der ausbleibenden Sonnenstrahlen wirklich nicht mehr angenehm warm ist, haben meine beiden jungen Mitinsassinnen Lust dazu, auszusteigen und nach Steinen zu suchen. Na toll. Ich ergebe mich und stelle mich das Boot haltend und Kniebeugen- sowie Armkreise-ausführend an den Rand, um geduldig auf die beiden zu warten. Die Mitfahrer der vorbeifahrenden Boote schauen mich ein wenig mitleidig an und der ein oder andere Insasse kommentiert meinen Anblick mit der Frage „Leng ma?“ was so viel heißt, wie „Kalt, nicht wahr?“
In jedem Fall ergibt sich an diesem Tag noch einmal eine ganz andere Art des Raftings, was mir als Abwechslung zu der letzten Fahrt, die mich sehr an eine Europapark-Attraktion erinnerte, sehr gut gefällt.
Dass ich die Hälfte der Fahrt zum Raftfluss aus dem Fenster schauen muss, um mich aufgrund der kurvenreichen und steilen Straßen nicht zu übergeben, ist gar nicht so langweilig, denn auch hier ist die Landschaft mit den hohen Bergen und steilen Klippen beeindruckend. Dennoch ist es für Magen und auch meine nicht mehr sitzen könnenden Beine, recht angenehm, als wir nach zwanzig „kuai dao le“ (wir kommen gleich an) endlich auf dem Parkplatz einfahren. Dabei erscheint mir das „kuai“ noch dehnbarer als das deutsche „gleich“ oder „bald“, sodass der erste dieser Sätze bereits eine Stunde vor Ankunft fällt. Insgesamt ist es ohnehin einmal wieder erstaunlich wie viel wir im Auto sitzen – in China sind eben alle Wege weit, wie mir gegenüber stets betont wird. So kommen wir erst nach 20 Uhr am Abend an – morgens waren wir um 9:30 aufgebrochen – und das Rafting samt Essen hat nicht mehr als vier Stunden gedauert. Dieses meiner Ansicht nach etwas absurde Fahr-Aktivitäten-Verhältnis ergab sich ganz ohne Staus. Ich darf mich dennoch nicht beschweren, denn wir hatten Glück – die Arbeitskollegen des Vaters hatten auf der Rückfahrt mit den Schattenseiten der schönen Landschaft für den Menschen Bekanntschaft machen müssen: ein Felsbrocken war auf den von ihnen gewählten Weg gefallen, was ihre Rückfahrt nochmals um zwei Stunden verlängerte.

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