Kalt oder warm? Die Geheimnisse der chinesischen Medizin

MEDIZIN

„Oh! Ich kann das nicht essen, weil es kalt ist!“ Judy sitzt mir gegenüber am Frühstückstisch. Zwischen uns beiden befindet sich eine Tüte mit von weißer Schokolade überzogenen dünnen Kartoffelscheiben – ein Geschenk, das der Vater von einer Geschäftsreise in Japan mitgebracht hat. „Ich hatte gestern Abend ja Bauchschmerzen!“ Ich komme aus dem Schmunzeln einfach nicht mehr heraus. Meine Gastschwester möchte mir gerade mit ernster Miene weiß machen, dass der Grund, weshalb sie nicht zu den Schokoladenchips greift, nicht etwa darin liegt, dass Schokolade nicht gerade das beste ist, wenn man sich noch acht Stunden zuvor unter Bauchschmerzen krümmte, sondern weil das Produkt eine gewisse Temperatur unterschreitet? Ich zeige auf das Brot auf dem Tisch sowie auf die kleingeschnittenen Apfelstücke. „Das aber ist auch alles kalt!“ Coco kommt ihrer Schwester zu Hilfe. „Aber das kommt nicht aus dem Kühlschrank“. Als ich schließlich garantiert habe, dass auch die Chips die ganze Nacht über im Wohnzimmer und nicht im Kühlschrank in der Küche verbracht haben, greift Judy beherzt in die Tüte.
Wenige Tage später finde ich mich in einer ähnlichen Situation wieder: Da wir alle ein wenig husten, soll ich als Trinkmedizin einen Pfirsichsirup in Wasser rühren. Meine Gastkinder blicken mich entsetzt an, als ich den Löffel in den Sirup aus dem KÜHLSCHRANK tunke und im Anschluss daran im heißen Wasser herumrühre, um den Vermischungsprozess voranzutreiben. „Halt!! Stopp! Nein!!“ beide reißen die Augen auf. Ich rühre ungerührt weiter. Was bitte soll den jetzt schon wieder falsch sein? Ich frage also „Warum?“ und erhalte als Antwort nur „Weil Mama das gesagt hat“ Damit gebe ich mich natürlich nicht zufrieden. Nach weiterem ungerührten Rühren unter Ignoranz der immer noch entsetzten Blicke meiner Gastgeschwister erfahre ich, dass der Sirup – und somit auch der Löffel nach dem Eintunken – kalt sind und ich damit unmöglich mit heißem Wasser in Berührung kommen darf. Häh? Der kalte Sirup darf also mit dem heißen Wasser vermischt werden, aber der kalte Löffel darf das heiße Wasser nicht berühren?
Immer wieder gerade ich in solche Dialoge und bin unglaublich erstaunt, wie ernst die Chinesen diese Verbindung zwischen kaltem und warmen Essen, kaltem und warmen Trinken nehmen. Diese tiefen Überzeugungen aus der traditionellen Medizin tauchen noch in anderen Bereichen auf. Während die westliche Medizin besonders in den Städten inzwischen überhandnimmt und man sein Kind meist in Krankenhäuser bringt, die diese Art der Versorgung anbieten, so herrscht dennoch besonders gegenüber westlichen Medikamenten eine gewisse Skepsis. „Wirst du denn davon nicht dick?“ fragt mich meine Gastmutter eines Morgens aus heiterem Himmel. Mit „davon“ meint sie Tabletten, die sie auf meinem Nachttisch erblickt haben muss. Ich schüttle den Kopf. Natürlich gibt es Tabletten, die als Nebenwirkung zu einer Gewichtszunahme führen, aber diese allgemeine Einstellung: westliche kleine weiße Tabletten machen immer dick, finde ich doch recht amüsant.
Statt Tabletten bedienen sich Chinesen lieber den auf Wasser basierenden Heilmitteln. Coco muss jeden Morgen eine Schüssel Wasser trinken, in der irgendetwas schwarzes aufgelöst ist, als sie sich erkältet hat. Sie verzieht ihren Mund und möchte das Trinken hinauszögern, sodass ich erst das von Marry Poppins stammende Lied „Ein Löffelchen voll Zucker versüßt die Medizin“ anstimmen muss, bevor sie das dickflüssige Etwas doch noch schluckt. Auch als es zum ersten Mal seit meiner Ankunft in China am Abend regnet, bekommen wir alle drei eine Schüssel mit einem heißen Getränk aufgetischt. Auf meine Nachfrage hin erfahre ich, dass in diesem wohl Senf und Chili enthalten sei. Nun ja, wenn man es schnell trinkt, geht es ganz gut hinunter 😉 So richtig konsequent ist zumindest meine Gastfamilie im Einsatz dieser präventiven Mittel jedoch nicht. Es bleibt bei diesem einen Mal, dass ich diese „Schutzflüssigkeit“ erhalte, obwohl sich das Wetter nicht mit nur einem Regenschauer zufriedengibt.
Besonders interessant finde ich, dass hier in China nicht nur eine Verbindung zum Essen gezogen wird, sobald Verdauungsbeschwerden auftauchen. Zwickt es im Magen oder haben wir Durchfall, so führen wir das auch in Deutschland evtl. auf die Ernährung zurück. Chinesen hingegen stellen auch eine Verbindung zwischen allen anderen Körperteilen und Schmerzen in den ganz unterschiedlichsten Regionen zum Ess- und Trinkverhalten her. Nackenverspannungen, Fußschmerzen… bemerkt eine Masseurin dies bei einer Behandlung, so hagelt es gleich Ernährungstipps, wann und welche Speisen und Getränke der Kunde zu sich nehmen sollte, um seinen Zustand zu verbessern.
ESSEN UND TRINKEN
510ml. Dieses Maß ist hier bei Getränkeflaschen ganz normal. Aufpassen muss man besonders, wenn man den Deckel der Wasserflasche zum ersten Mal öffnet. Denn die Flaschen sind wirklich bis zum Rand hin gefüllt. Wenigstens werden bei den Flüssigkeiten also keine Kunden getäuscht.
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Nicht nur die Flaschen, sondern auch die Gläser sind in China stets gefüllt. Als ich zum ersten Mal bei den Eltern meiner Gastmutter zu Besuch bin und einen Tee serviert bekomme, mache ich den Fehler, diesen recht schnell halb leerzutrinken. Sobald der Vater das sieht, wird mir Wasser nachgeschenkt. So ist es auch üblich ein volles Glas auf dem Tisch stehen zu lassen, wenn man zum Gehen aufbricht.
Ein weiteres Detail zum Teetrinken ist, dass der für uns „schwarze Tee“ in China „roter Tee“ genannt wird. Dass die Teezeremonien inzwischen eher etwas für Touristen sind und im durchschnittlichen chinesischen Alltag kaum eine Rolle spielen, könnt ihr hier LINK nachlesen. Wenn man jedoch in einem hochqualitativen Laden einige Teeblätter erwerben möchte, dann kann das schon seine dreißig Minuten dauern. So bin ich beispielsweise recht am Anfang meines Aufenthaltes mit einem weiteren Au-Pair zum Mittagessen in einem Shoppingcenter unterwegs und als wir an einem Teestand vorbeikommen, möchte sie unbedingt Tee erwerben. Die junge Verkäuferin unterhält sich mit Englischfetzen und wild gestikulierend ausgiebig mit uns, bittet uns an einen Teetisch und bereitet dort kunstvoll mehrere Aufgüsse vor. Hierfür wird das Glas zunächst mit heißem Wasser vorgewärmt, der Tee wird mehrmals aufgegossen und in winzigen Tassen serviert, die Ziehzeit hat die Expertin natürlich vollkommen im Gefühl. Wirklich sehr kunstvoll.
Aber nun zum Essen. Was mir gleich aufgefallen ist, ist das nicht-Vorhandsein von Zwiebeln. In Chongqing in der die Sichuan Küche vorherrscht, aber auch in den meisten anderen Regionen Chinas finden Zwiebeln kaum Einsatz. Wenn, dann wird ein wenig Reis mit Frühlingszwiebeln verfeinert, oder lange Frühlingszwiebeln werden im Hot-Pot als Gemüse zubereitet. Dass Zwiebeln jedoch kleingeschnitten und irgendwelchen Gerichten hinzugegeben wird, habe ich bisher noch nie erlebt. Den Geschmack erhalten die Gerichte hier stattdessen durch den Masseneinsatz von Pfeffer und Chili, sowie Knoblauch. Knoblauch findet man ausnahmslos in jedem Gemüsegericht. Die Knoblauchzehen schmecken dabei recht zart und werden nicht gewürfelt, sondern in Scheiben in die Pfanne geschnitten und letztendlich auch mitgegessen. Schmeckt wirklich lecker.
FRISCHE FISCHE
Das eigene Essen noch lebend aussuchen, hatte ich bereits in der Schilderung einer meiner Supermarkterlebnisse erwähnt. Zeigt der Kunde auf den Lachs, die Muscheln oder den Rochen in einem der kleinen Aquarien, so wird dieser einfach auf den Boden geworfen, und erstickt spätestens in der Plastiktüte, in den man ihn schließlich steckt. Auch in Restaurants ist es üblich auf den Fisch zu zeigen, denn man dann frisch zubereitete dreißig Minuten später aufgetischt bekommt.
Besonders beeindruckend ist für mich zudem der Besuch eines Sea-food-Markets. Die Fülle an Produkten ist wirklich gigantisch, auch wenn ich bereits in Deutschland und Frankreich mehrere Fischmärkte besucht habe. Nicht nur Krabben, die unterschiedlichsten Fisch und Muschelarten in allen möglichen Farben und mit den kunstvollsten Mustern sind in den Verkaufsbecken zu finden, sondern auch irgendwelche Wassertausendfüßler, die ich bis dahin noch nie gesehen habe. Während meine Gastmutter ihre Ware bestellte, beobachte ich die Lebewesen in den Aquarien wie als wäre ich in einem Sea-Life. Nur mit dem deprimierenden Hintergedanken, dass all diese Geschöpfe bald im Kochtopf landen werden.
Nicht nur Fisch, sondern ganz im Allgemeinen kochen Chinesen fast immer frisch. Sie haben zwar Kühltruhen, die auch genutzt werden – in meiner Gastfamilie ist diese z.B. mit Fleisch und Brot aus der Heimatstadt der Eltern gefüllt, in der es scheinbar besondere Produkte gibt – aber richtige Tiefkühlware und Fertiggerichte sucht man in Chinesischen Läden vergeblich. Das einzige, was sich Chinesen gerne schnell zubereiten sind Nudelsuppen in Pappbechern, die man dank der an vielen Orten aufgestellten Heißwasserhähne wirklich praktisch einsetzen kann. Auch jiaozi, die dumplings werden häufig tiefgekühlt gekauft und im Anschluss nur noch in heißes Wasser geschmissen. Doch auch diese macht meine Gastmutter zum Glück frisch – schließlich kann man fertige vegetarische Varianten weder im Supermarkt noch in Restaurants erwerben.
Auch ist es für Chinesen unvorstellbar einen großen Wocheneinkauf zu machen. Hier wird jeden Tag eingekauft. Absurd daran ist, dass sich meine Gastmutter fast jeden Tag nach einer Online-Bestellung die Ware direkt an die Haustüre liefern lässt – dabei liegt der nächste große Supermarkt fünf Gehminuten entfernt.
Was ich überhaupt nicht verstehe, sind die chinesischen Prinzipien, auf denen die Entscheidung beruht, etwas in den Kühlschrank zu stellen oder nicht. Obst wird meist außen gelagert, Gemüse im Kühlschrank. Während das Brot wirklich in den Kühlschrank muss, weil es aufgrund der hohen Luftfeuchte hier äußerst schnell zu schimmeln beginnt, wird Fisch drei Tage lang außerhalb des Kühlschranks aufbewahrt – da bin ich doch ganz froh als Vegetarierin ohnehin nichts davon zu mir zu nehmen. Auch bereits fertig zubereitete Gerichte ruhen meist zumindest nächtelange vor anstelle hinter der Kühlschranktür. Wenn dann doch einmal etwas in die Fächer dieses wandert, dann wird es weder in eine Tupperbox verfrachtet, noch mit irgendetwas abgedeckt. Es wird einfach so hineingestellt.
Sehr amüsant ist es, Chinesen dabei zuzusehen, Kuchen zu essen. Sie haben dafür zwei Methoden entwickelt: Entweder sie nehmen den Kuchen, egal ob Trockenkuchen oder Sahnetorte einfach in die Hand und beißen von allen Ecken ab, oder sie rammen eine der kleinen Zwei-zacken-Gabeln, die sich hier viel häufiger finden lassen, als die deutschen Drei-Zacker, in die Mitte des Kuchens, heben ihn damit an und knabbern den Kuchen außenherum ab.
Wie wichtig den Chinesen das Essen ist, wird nicht nur in der Verbindung zur Medizin deutlich. Das alte Sprichwort „Das Essen ist der Himmel der Menschen“ zeigt bereits, welche Bedeutung die Einwohner hier der Nahrung zuordnen. Auch an den ausgiebigen Mittagspausen und den geselligen Essensrunden, die für berufliche Angelegenheiten entscheidend sind (dazu unten mehr), symbolisieren diese Wichtigkeit.
WERDE ICH IM AUSLAND SATT?
Vom Reisen werden einige Chinesen aufgrund von Bedenken bzgl. der Ernährung abgehalten. So schreckt es meine Gastmutter enorm ab, als ich ihr erzähle, dass wir in Deutschland gerne auch einfach eine kalte Mahlzeit, z.B. zum Abendessen einnehmen. „Bekommt ihr denn keine Bauschmerzen davon“ sowie „Wie könnt ihr davon satt werden?“ sind ihre ersten Reaktionen und ich muss erst ein wenig auf sie einreden, damit sie ihren Plan, im kommenden Sommer nach Deutschland zu reisen, nicht sofort verwirft.
Die deutschen Qualitätskontrollen und Regelungen sind in Chinesen weit bekannt. „Bei euch sind die Lebensmittel alle so gut kontrolliert!“ höre ich nicht selten in Gesprächen mit chinesischen Bürgern. Daher vertrauen die Chinesen auch importierten Produkten aus Deutschland, allen voran der Kuhmilch. Auch Babynahrung wird bevorzugt in Deutschland gekauft, sodass es nicht verwundert, dass für die Einfuhr von Babynahrung durch Europatouristen auf ihrer Rückreise nach China, inzwischen strenge Einfuhrregelungen herrschen.
Im Gegenzug dazu wird Europäern, die sich nach China aufmachen, empfohlen, kein Blattsalat und kein ungeschältes Obst und Gemüse zu verzehren – ich habe diese Regelung nach der ersten Woche jedoch bereits gebrochen und habe bisher noch ohne Magen-Darm-Beschwerden überlebt.
Besonders witzig finde ich, wie die Chinesen ihre Art zu Essen auch bei Auslandsreisen weiterführen. So muss ich schmunzeln, als ich beim IPT (LINK) in Russland das chinesische Team bei den Mahlzeiten beobachte. Tatsächlich stapeln sie sich massenweise Nahrungsmittel auf einige Teller, die sie in der Mitte des Tisches platzieren und an denen sie sich dann rundherumsitzend bedienen.
Bzgl. Besteck habe ich inzwischen gelernt, dass die chinesischen „kuaizi“ was übersetzt „schnelles Ding“ bedeutet – wobei die meisten Ausländer erst einmal ein wenig üben müssen, bis sie wirklich schnell damit essen können – eigentlich 20 Minuten lang in heißem Wasser sterilisiert werden müssten, um tatsächlich als hygienisch durchzugehen. In meiner Familie werden sie einfach nur kurz unter den Wasserhahn gehalten. Dass Spülmaschinen in China fehl am Platz sind, habe ich bereits hier ausgeführt.
Zudem ist es wirklich extrem, wie häufig Chinesen essen gehen. Ob mit Kollegen, oder mit der Familie. Vielleicht liegt es daran, dass es kaum merklich teurer ist, sich in ein Restaurant zu setzen, als zu Hause zu kochen. Feststeht, dass die meisten Arbeiter jeden Tag mit ihren Kollegen gemeinsam Mittags in ein Restaurant aufbrechen (Kantinen gibt es hier kaum) und am Wochenende muss ich mich nicht darüber wundern, wenn wir samstags und sonntags sowohl Mittag- als auch Abendessen außer Haus einnehmen.

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