Medizinische Folter – oder doch Entspannung?

Bitte, bitte. Kann sie nicht endlich zu der nächsten Übung übergehen? Seit gefühlt einer Ewigkeit streicht sie mir mit der Kraft eines Presslufthammers schräg über den Rücken. Ich beiße die Zähne zusammen. Schließlich habe ich mich darauf eingelassen, mich von dieser Dame bearbeiten zu lassen. Endlich beginnt eine neue Massageübung. Aber auch diese ist nach der zehnten Wiederholung nicht bedeutend angenehmer.
Am Anfang dachte ich, dass sie schon wissen wird, was sie mit mir tut und dass sie sicher über mehr Erfahrungswerte verfügt als ich, die sich gerade zum dritten Mal in ihrem gesamten Leben auf einer solchen Liege befindet. Also: einfach vertrauen. Aber nach 20 Minuten Rückenfolter merke ich doch, dass die Beackerung meines Rückens etwas sehr kraftvoll ist und ich bin mir nicht sicher, wie mein Körper die noch folgenden 40 Minuten überleben soll. Ich gebe also auf und äußere die Bitte, etwas sanfter fortzufahren. So wirklich sanfter wird es nicht, und wie mir meine Gastmutter erzählt, die gerade neben mir auf der Liege bearbeitet wird, gehört es zur chinesischen Medizin dazu, in dieser Stärkenordnung zu massieren. Schließlich möchten die Angestellten mir etwas Gutes tun. Ob das so funktioniert, bin ich mir in diesem Moment nicht sicher – aber eine Massage soll im Grunde genommen nicht während der Behandlung guttun, sondern einen langanhaltenden Nacheffekt haben. Dennoch. Bei diesen Knackgeräuschen und dem „Springgefühl“ irgendwelcher Muskelgruppen und meiner Schultergelenke, während die Dame über meinen Körper fährt, hätte ich als Masseurin wirklich Angst, gerade irgendetwas dauerhaft zu beschädigen. Aber auch das wäre sicher eine Geschäftsidee: Schmerzen zufügen, die man in den folgenden Massagesitzungen dann meint, lindern zu können. Diese Theorie stelle ich auf, nachdem ich meine erste Vermutung, dass die Angestellten mir innerhalb der ersten halben Stunde so starke Schmerzen zufügen, dass es ihre Kunst ist, diese in den sich anschließenden 30 Minuten wieder wegzumassieren, verwerfen musste. Denn diese Hoffnung bestätigt sich leider nicht. In der zweiten Hälfte ging es wie gesagt sogar trotz Bitte um Milderung meinerseits, genauso hart weiter.
Als wir uns nach 60 Minuten wieder ankleiden dürfen, werden mir noch die Verhaltensregeln der kommenden Tage und Verbesserungsvorschläge meines Trink- und Essverhaltens für meine Gesundheit mitgeteilt. Ich darf heute den ganzen Tag nichts Kaltes trinken und auch insgesamt solle ich weniger kalte und mehr warme Speisen wie Getränke zu mir nehmen. Dies würde zur Entspannung meiner Nackenmuskulatur beitragen. Darüber hinaus darf ich heute nicht duschen. Das jedoch hat einen ganz praktischen Grund, wie mir meine Gastmutter zeigt, als sie sich mit ihrem Rücken zu mir dreht. Auf diesem sind rote Striemen zu erkennen – die sicherlich auch auf meinem Körper zu Haufe prangen. Bei einer Dusche am heutigen Tag würden diese zu brennen beginnen.

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Ich steige nun in die bereitgelegten Hausschuhe und setze mich im Nachbarsraum auf das Wartesofa, wo ich noch einmal ein Glas warmes Wasser erhalte, dann folgt das von den Masseurinnen gewünschte gemeinsame Foto. Schließlich muss man sich den Tag an dem man eine Deutsche massieren durfte, im Kalender markieren. Niedlich dabei sind immer diese Komplimente, die ich auch beim vergangenen Laden erhalten habe. Ich sei so hübsch, meine Augen seien so wunderschön und meine Figur sei ideal. Wenn man ausblendet, dass sie diese Worte vermutlich gegenüber jeder Europäerin äußern, kann man sich wirklich darüber freuen.
Schon auf dem Weg zur Schule, um die kleinere der beiden Gastkinder abzuholen, versuche ich die Nachwirkungen der einstündigen Behandlung zu bewerten. Mein oberer Rücken, auf den sich die Masseurin besonders konzentriert hat, fühlt sich irgendwie ein wenig an, wie ein Brett und jede Bewegung meiner Schultern und Oberarme spürte ich verstärkt. Ein richtiger Schmerz ist es nicht, ob das Gefühl nun so guttut, bin ich mir aber auch nicht sicher. Etwa drei Tage lang hält dieser Zustand noch an. Wer weiß, vielleicht hilft diese chinesische Therapie auch präventiv, sodass ich im Erwachsenenalter nicht unter Rückenbeschwerden zu leiden haben werde, würde ich mich nun regelmäßig dieser Behandlung unterziehen. Diese Langzeitwirkungen kann ich zum aktuellen Zeitpunkt leider nicht in meine Bewertung mit einbeziehen.
Zwischenfazit:
Für diejenigen, die gerne die asiatischen Masseurstores in Deutschland aufsuchen, um sich ihren Rücken durchkneten zu lassen, ist das hier vielleicht genau das Richtige. Meine Mutter ist solch eine Kandidatin, der es nie stark genug sein kann und auf deren Rücken ich regelmäßig herumlaufen soll. Sie wäre das Wochenende über nun sicherlich wie neugeboren durch die Gegend gelaufen.
Egal ob man nun Fan oder Gegner von Massagen ist: 60 Minuten für diese Rückenbeackerung finde ich in jedem Fall zu lange. In den meisten Massagestores in Deutschland kann man sich auch nur für 30 Minuten auf die Liege bequemen, was ich deutlich besser finde. Heute war die volle Stunde kaum auszuhalten, und letzte Woche, als der Druck zwar auch sehr stark, aber nicht foltergleich war, bin ich fast eingeschlafen.
Unter den Händen eines Blinden
Das einzige Mal, als es mir nicht langweilig wird, ist auf der Massageliege in einem Blindenmasseurladen. Diese konzentrieren sich nicht nur auf einen Teil meines Rückens, sondern behandeln gleich meinen gesamten Körper. Meine Oberschenkel werden durchgeknetet, meine Fußflächen abgeklopft und meine Arme ausgeschüttelt. Einige Handgriffe werden im Liegen, andere im Sitzen durchgeführt Durch diese Vielfalt an Anwendungen kann ich schlichtweg nicht einschlafen. Für meinen Geschmack handelt es sich daher bei diesem Shop um den für meinen Körper richtigen – aber das muss jeder nach Rückenbeschaffenheit und Geschmack selbst entscheiden.
Nach diesem dritten Freitagnachmittag in einem Masseursalon hatte ich nun alle Angebote der Umgebung durchprobiert. Der Hintergrund: als ich meine Gastmutter darauf ansprach, ob sie mir einen guten Masseur empfehlen könne, damit ich meiner Mutter wenn sie mich im April besuchen würde, eine Behandlung schenken kann, antwortete mir diese mit dem Angebot, in den kommenden Wochen alle drei sich in der Umgebung befindende Möglichkeiten auszutesten. Nun habe ich also den richtigen Ort für meine Mutter gefunden – für sie natürlich der Folterladen – und bin um eine Erkenntnisse weiter: chinesische Massagepraktiken sind nicht so wirklich das, was mein Rücken regelmäßig zu brauchen scheint!
Sehr interessant finde ich aber, dass das Massieren hier in China nicht ausschließlich oder überwiegend den Entspannungsaspekt bedient. Vielmehr handelt es sich dabei um eine wirkliche medizinische Behandlung. Teilweise findet dies auch in Deutschland angesichts der Massagen, die ab und an Patienten auch von Ärzten verschrieben bekommen, Anklang, aber hier ist die Verbindung zwischen traditioneller Medizin, Massage und spirituellen Riten und Verhaltensregeln viel offensichtlicher und direkter.
Und: über eine weitere Erkenntnis bin ich schlauer: Ich bevorzuge tatsächlich Liegen, bei denen ich meinen Kopf einfach nach links oder rechts drehe, auch wenn es sicher nach Massagegesetz vollkommen schädlich ist, mit schon gedrehtem Nacken, überhaupt die Behandlung zu beginnen. Aber mit diesem Loch in den Massageliegen, komme ich irgendwie noch nicht so ganz zurecht: Beim ersten Mal lag ich so, dass die ersten zehn Minuten lang, meine Kehle eingedrückt wurde und ich nicht einmal richtig schlucken konnte, als ich dann weiter nach oben rutschte, war die Lage für meine Stirn wieder nicht sonderlich bequem. Nun ja – vielleicht passt mein Kopf auch einfach nicht zur Standardlochgröße.
Apropos Kopf. Es werden schließlich überall neben Rückenbearbeitung auch Kopf- und Gesichtsmassagen angeboten. Vielleicht sollte ich diese das nächste Mal ausprobieren? Wenn diese jedoch ähnliche Effekte zeigen sollen, wie meine Erfahrung der Rückenbehandlung, werde ich sicher geohrfeigt, oder sämtliche Druckpunkte werden so stark eingedrückt, dass nachhaltige Dellen in meinem Gesicht zurückbleiben werden. Mal sehen – probieren geht bekanntlicherweise über studieren.

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3 Kommentare

  1. Pingback: Medizinische Folter – oder doch Entspannung? – lilithpower
  2. marubarby · Juli 8

    Lilith verstehe ich nicht wie kann jemand diese Starke Massage mögen. Zu leicht mag ich auch nicht aber die Masseurin soll richtig messen bis wann sie drücken soll.
    Liebe Grüße von uns.
    Bárbara Dresch.

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