Mein erster Monat in China

(Chinesische Musik im Hintergrund hörbar)
Dass diese Klänge eher unwahrscheinlich in Deutschland aufgenommen sind, erscheint vermutlich allen von euch plausibel. Und tatsächlich stehe ich gerade nicht auf dem Unigelände einer deutschen Bildungseinrichtung, sondern auf einem Zwischenbalkon einer chinesischen Universität. Was mich als Deutsche nach China lockt? Meine Reise-, Abenteuerlust sowie mein Interesse an der chinesischen Kultur und Sprache. Schließlich muss ich nach meinen Praktika in verschiedenen Regionen Deutschlands, England und Frankreich sowie meinem Monat Entwicklungshilfe in Afrika nun noch den asiatischen Kontinent unsicher machen. Wobei – mit der chinesischen Regierung möchte ich mich lieber nicht anlegen – und daher sind auch meine Absichten hier in diesem Land in erster Linie friedlich: Ich werde sechs Monate nicht nur an der Universität einen Sprachkurs besuchen sondern zudem als Au-Pair und Englischlehrerin in einer chinesischen Familie meinen Unterhalt verdienen.
Doch wohin in diesem riesigen Land? Meine Wahl fällt auf Chongqing mit 30 Mio. Einwohnern. Zum einen da ich keine der typischen Touristenstädte für einen Daueraufenthalt in Betracht ziehe; zum Anderen klingt für mich alleine die Beschreibung „größte Stadt der Welt“ verlockend.
Noch bevor ich den Klängen am chinesischen Unigelände lauschen kann, muss ich dort aber erst einmal hinkommen. Ich dränge mich also am Morgen des ersten Unitages auf dem Weg zur Subway durch das Gedränge aus all den regenschirmtragenden chinesischen Menschen. Durch dieses wetterbedingte Accessoire werden die Straßen noch voller, als sie ohnehin schon sind und an einer kleinen Baustelle entsteht ein regelrechter Menschenstau. Als ich schließlich an der Subwaystation ankomme, kann ich mich glücklich schätzen, dass ich mich auf der leeren Seite befinde. Die Anzahl der zusteigenden Menschen zur Bahn in Richtung „Ertang“, in die ich muss ist sehr überschaubar, während die gegenüberliegend abfahrenden Wägen, die in die Innenstadt führen, nicht nur bereits überfüllt sind, sondern vor denen sich zusätzlich eine lange Schlange mit Fahrgästen gebildet hat, die hinzusteigen möchten. Genau inmitten dieser „Schlangen“ fand ich mich in den ersten Tagen wieder, denn für das Einführungstraining musste auch ich ins Zentrum. Wobei man die Reihen vor den Zustiegstüren der Bahn eher als Haufen bezeichnen muss – denn das Klischee, dass Chinesen nicht wissen, wie man sich ordnungsgemäß anzustellen hat, stellt sich tatsächlich als wahr heraus –Nach den drei Morgenden, an denen ich jeweils drei bahnen abwarten musste, bis ich schließlich eingeklemmt zwischen Schiebetür und Menschenmasse von Station zu Station transportiert werden konnte, kann ich mich ab heute umso glücklicher schätzen.


Auch das Abholen der 7-jährigen Tochter der Familie, wird im bevölkerungsstärksten Land der Welt zu einem täglichen Abenteuer. Der gesamte Schulhof ist von Eltern und Großeltern übersäht und die Klassen treten gemeinsam in einer langen Reihe aus dem Schulgebäude heraus, sprechen einen Abschlussspruch im Chor, bevor sie schließlich glücklich und die Erlebnisse des heutigen Schultages erzählend an die Hand ihrer Abholenden rennen.
Ganz so offensichtlich wie in Afrika werde ich hier in Chongqing nicht angestarrt und fotografiert. Dennoch falle ich auf. In dem Gewusel auf dem Schulhof, in dem ansonsten jeder verschwinden könnte, bekomme ich besonders viele Blicke ab und nicht wenige sprechen meine Host-family-Kinder auf mich an, mit der Frage, wer ich sei und was ich bei ihnen mache.
An der Uni bemerke ich, dass ich selbst in China auch ein Stück weit Afrika wiedertreffe denn – die Universität hat eine Kooperation mit Benin, sodass in meiner Sprachklasse zahlreiche Dunkelhäutige neben mir sitzen. Die nächsten Monate werden für mich also wirklich zur Sprachkrönung: neben Englisch und Chinesisch kann ich nun auch noch mein Französisch aufrecht erhalten.
Zusätzlich zum Hot-Pot, der für diese Region typisch und für meine zarten Geschmacksnerven deutlich zu scharf ist, habe ich Tofusalat, Erdnussmilch, eine Art Reisbrei, der hier jedoch mit Wasser gemacht wird und deutlich flüssiger ist als in Deutschland und chinesische Eier-Blätterteigtörtchen, die wörtlich übersetzt „Eiertürme“ heißen, probiert. Was ich in Zukunft noch alles so in meinen Mund bekomme, welche Ausflüge ich mache und welche Einblicke ich in die chinesische Kultur ich erhalte, werde ich in den nächsten Monaten immer wieder in Radiobeiträgen zusammenfassen. Bisher gefällt es mir hier im „Reich der Mitte“ in jedem Fall sehr gut und ich bin super zufrieden.
Hört also fleißig rein. Bis zum nächsten Mal, in einem Monat.

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