Meine erste WM außerhalb Deutschlands – Trage ich Schuld an der deutschen Niederlage?

Soweit ich mich erinnern kann, war es als Kind eigentlich noch am aufregendsten. Mit Schwarz-rot-Gold Flaggen auf den Wangen, mit einem extra für dieses Ereignis gekauften dreifarbigen Rollschminkstift, auf den Straßen auf dem Weg zur Schule und wieder zurück das Lied „54,74,90,… mit Herz in der Hand und der Leidenschaft im Bein…“ zu trällern und bei deutschen Gegentoren wütend über den Rasen beim Sightseeingplatz stampfen. Mit der Zeit wurde ich älter, habe mehr Länder gesehen und mehr Menschen aus den unterschiedlichsten Nationen in meinen Freundeskreis aufgenommen, sodass ich mich auf einmal nicht mehr nur für eine Mannschaft freuen konnte. Mein Terminkalender wurde voller, mein Ärger über das, was alles hinter dem Fußball so unsportlich abläuft sowie das Unverständnis darüber, immerzu Männer, die versuchen einen Ball in ein mit einem Fischernetz umspanntes rechteckiges Gestell zu befördern, anzuschauen, während es auf der Welt so viele andere interessante Sportarten gibt, mit denen man sich zur Abwechslung auch mal genauer auseinander setzen könnte, wurde stets größer, sodass ich mit der Zeit mein Interesse verlor. In diesem Jahr konnte man mich noch ab und an davon überreden, mich am Laptop arbeitend mit aufs Sofa zu setzen, wenn ein Fußballspiel vonstatten ging, aber von Anfang an stand für mich fest: egal welches Land das Rennen in diesem Jahr machen wird: Ich werde mich für dieses freuen.
Nein, ich bin kein solcher Fußballhasser, wie es nun vielleicht herübergekommen ist – aber ich werde mich eben auch nie um ein Stadionticket schlagen, oder meine Woche danach planen, wann denn nun das deutsche Team spielt. Aber manche Fußballmatches verlaufen doch recht spannend – welches weiß man nur eben nie im Voraus.
Die WM aus einem anderen Blickwinkel
Was aber würde mich erwarten, in einem Land, in dem sich wirklich alle Einwohner super gerne über die schlechten Leistungen ihrer eigenen Mannschaft im Fußball lustig machen? Angefangen von Uni-Lehrern über Mitte zwanzig-Jährige gerade in ihren ersten Job Eingestiegene, genauso wie Studierende und bis hin zu Kindern: durchweg alle empfinden die chinesischen Fußballversuche lächerlich und äußern ihr Unverständnis darüber lautstark. „Die bekommen so viel Geld und wir haben so viele Menschen – keine Ahnung, warum die es nicht auf die Reihe bekommen, eine gescheite Mannschaft aufzustellen“ Zitat eines Lehrers an meiner Universität. Fazit: Über die Regierung in China darf man nicht lästern, über die Fußballmannschaft aber schon – das ist in Deutschland tendenziell eher umgedreht.
Vor- und Während der WM – Die Hauptphase
Meine Aussprachlehrerin gibt zu, dass sie kein Fußballfan ist, sie aber die Stimmung genieße, die bei der WM immer aufkäme. O.k.? Da bin ich ja mal gespannt darauf, diese damit zu vergleichen, was ich sonst so aus Deutschland gewöhnt bin.
Enttäuscht werde ich in keinem Fall. Schon im März finde ich auf Joghurtpäckchen Werbung für die WM in Moskau und immer häufiger begegnen mir auch in den Aufzügen, die vollkommen mit Werbeplakaten zugeklebt sind, immer weniger der normalerweise dort hängenden Kuchenbilder, und immer mehr Bilder der weiß-schwarzer Bälle sowie verschwitzter Männer mit Stollenschuhen.
Kurz vor WM Beginn wird auch an der langen Restaurantstraße an dessen Ende mein Gym liegt, ein Public Viewing Platz aufgebaut. Leinwand, ein paar Klappstühle und einige temporäre Snackstände. Im Verhältnis zu den vielen hier lebenden Menschen doch recht klein, aber immerhin zeigt es die Fußballbegeisterung. Auch in allen Restaurants läuft der Fernseher und an den Außentischen ertönen die Life-Radio-Kommentare aus dröhnenden Lautsprechern.
Überrascht bin ich darüber, dass in meiner Gastfamilie nun wirklich jeden Abend der Fernseher im Wohnzimmer läuft. Egal welches Land – jedes Spiel wird gespannt verfolgt – zumindest vom Vater, während die Mutter auf dem Sofa mehr auf ihr Handydisplay als auf den Bildschirm schaut – und auch dann, wie sie mir gesteht, mehr das Aussehen der Männer als deren strategisches Spiel im Blick hat.
Durch die Wohnzimmernutzung ergeben sich aber ganz nette Gespräche. Ich setze mich zu den Eltern zum Arbeiten und wenn der Mutter das Gekicke zu langweilig wird und auch in den WeChat Gruppen gerade keine interessanten Bilder oder Kommentare mehr gepostet werden, beginnt sie, sich mit mir über ein Themengebiet zu unterhalten. Wenn der Vater mit dem etwas besseren Englischniveau als Übersetzer eingeschaltet werden soll, muss dieser immer wieder aus seiner Fußballguckstarre geweckt werden.
Besonders fällt mir auf, dass ab einer Woche im Voraus und zwei Wochen nach Endspiel immer und überall Fußball das Gesprächsthema Nummer eins ist. Vielleicht wird diese Tatsache dadurch verstärkt, dass die Chinesen sich über politische Themen ohnehin nicht austauschen dürfen und damit die Themenauswahl für Gespräche in der Öffentlichkeit bereits stark eingeschränkt ist. Fest steht, dass egal in welcher Warteschlange ich stehe und mit wem ich unterwegs bin, (klischeehaft wirklich so lange meine Begleitperson männlich ist) das Thema WM entbrannt. Unglaublich. Dabei stellt sich auch heraus, dass die meisten wenn gerade keine WM Zeit ist nicht etwa die Chinesischen nationalen Spiele verfolgen, sondern zum Teil viel besser über die Mannschaften in Portugal oder Deutschland bescheid wissen als ich. Als Deutsche werde ich für unsere Fußballqualitäten immer gelobt. Selbst nach der Niederlage. Werde ich also auf den deutschen Fußball angesprochen, antworte ich stets mit einem Kopfschütteln und den Worten „in diesem Jahr nicht gut“, woraufhin von meinem Gegenüber tröstende Erklärungen wie „Die Deutschen sind so heißes Wetter wie es es nun in Russland gab, nicht gewohnt“ und „die Welt weiß ohnehin, dass in Deutschland auf hohem Niveau gekickt wird“ erwidert werden.
Allgemein ist auch auffällig, dass die Chinesen zwar Fußballguckbegeistert sind, die Spiellust aber doch zu wünschen übrig lässt. Während es in Deutschland in jedem noch so kleinen Dorf einen Jungenfußballverein gibt, findet sich in den chinesischen Städten oftmals gar kein Platz um einen Fußballplatz zu bauen, weshalb man beispielsweise auch an Schulhöfen auf das kleineren Basketballfeld ausweicht. Auch tischtennisspielende Kinder finden sich hier einige, während in Deutschland besonders unter den Jungs stets der Fußball die größte Beliebtheit aufzuweisen hat.
Zurück zur WM
Ich verfolge letztendlich nur das Finale der WM – damit ist für mich für ein Jahr auch genug Fußball gelaufen.
Und um meine Titelfrage nicht unbeantwortet zu lassen: nun ja. Ein deutscher „Fan“ weniger auf deutschem Boden, der ohnehin keine deutsche Flagge schwängt, macht nun wahrscheinlich nicht den bahnbrechenden Unterschied – aber: wer weiß.

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