Motorradspuren im Sand – meine Erlebnisse während einem Monat Burkina Faso

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Eine Schulklasse der „École de Ladenburg“

SCHULE

Bis zu 80 in einer Klasse und Dauerdiktat – ist das wirklich die ganze Wahrheit?

„Ich habe schon oft daran geträumt“ steht zwischen all den anderen Hausaufgabensätzen an der Tafel am Rand links unten. „Madame!“ flüstere ich der vor mir stehenden und mit prüfendem Blick auf die Tafel schauenden Deutschlehrerin zu. „In Satz 12 ist ebenfalls ein Fehler!“ Die Lehrerin liest den Satz laut vor und dreht sich dann zur Klasse. Eine kurze Diskussion über die Korrektur des Satzes wird entfacht, bis schließlich der richtige Ausdruck an der Tafel steht. Ich werde gebeten, ihn laut vorzulesen – schließlich muss man es voll und ganz ausnutzen, wenn einmal eine Deutsche mit in der Klasse sitzt – so häufig kommt das nun nicht vor. Zumindest nicht hier. In einem Gymnasium in Garango, einer Stadt im westafrikanischen Land Burkina Faso.
Burkina Faso zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Warum also sollte ein deutsches Mädchen, 18 Jahre alt, die Reise in diesen Teil der Erde antreten? Schon immer hat mich der afrikanische Kontinent gereizt und schon lange habe ich mir vorgenommen, Entwicklungsländer nicht „nur“ über Geldspenden zu unterstützen, sondern mir ein besseres Bild von wenigstens einem dieser Länder zu machen, als ich es durch Fernsehreportagen und Radioberichte jemals erhalten kann. Da meine Eltern bereits seit weit über 20 Jahren beim Verein Garango e.V. in Ladenburg mit einem jährlichen Beitrag zwei Kindern in Garango den Schulbesuch ermöglichen, bot es sich für mich an, die Gelegenheit zu nutzen, mit einer deutschen Delegation nach Garango zu fliegen, die vom 03.-13.01 dort blieb, und selbst meinen Aufenthalt bis zum 04.02 auszuweiten. Während meiner Tage in Garango besuchte ich nicht nur viele Projekte, die der Verein finanziell unterstützt und ermöglicht hat, wie z.B. Brunnenanlagen, Wasserstaubecken und Schulbauten, sondern half zudem unterschiedlichen Gruppierungen dabei, Finanzierungsanträge zu schreiben, unterstützte die Arbeit in einem Waisenhaus, leitete den Kirchenchor in einigen Proben an und gab Turnunterricht an einer Schule. Zudem setzte ich mich auch das ein oder andere Mal mit den afrikanischen Kindern und Jugendlichen gemeinsam in die Schulbankreihen. Neben dem Deutsch-und Sportunterricht, bekam ich zudem die Fächer Physik/Chemie, Französisch, Mathematik, Philosophie und Geographie/Geschichte mit.
Bereits während meines Aufenthaltes wurde ich von vielen Einheimischen gefragt, was denn die Unterschiede der Schule hier in Garango und in Deutschland seien. Erst als mir die Frage zum dritten Mal gestellt wurde, kam ich auf das Offensichtlichste: In Deutschland gehen ausnahmslos alle Kinder zur Schule. Auch wenn sich innerhalb der letzten Jahrzehnte hier in Burkina Faso einiges verbessert hat, sodass inzwischen deutlich mehr Kinder deutlich länger die Schulbänke drücken, ist der Schulbesuch auch heute noch lange nicht so selbstverständlich und auch keineswegs so kontrolliert wie in Deutschland.

 

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Schuleinrichtung in Garango

Eine weitere Feststellung: Burkinabé, also die Einwohner Burkina Fasos haben wirklich keinen Grund sich aufgrund eines zu schweren Schulranzens über Rückenprobleme zu beklagen. Denn Bücher gibt es hier eher in der Unterzahl, sodass die Schultaschen – vereinzelt Rucksäcke, meist aber schlichtweg Papiertüten – nur mit Heften zum Schreiben und einigen Stiften gefüllt sind. Wenn doch Bücher oder kopierte Arbeitsmaterialien vorhanden sind, müssen sich die Kinder diese meist zu fünft teilen.
Geübt wird häufig auf Kreidetafeln. Wer es sich leisten kann, hat zu Hause eine eigene Tafel im Garten, an vielen Schulen gibt es jedoch auch auf dem Schulhof frei zugängliche Tafeln zum Üben, von denen an einer Schule beispielsweise auch Garango e.V. fünf Stück finanziert hat. Diese Zustände erinnern mich insgesamt an die Schulzeit in Deutschland vor einigen Jahrzehnten. Auch die Lehrmethoden selbst sind noch etwas rückschrittlich.

 

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Eine „Lerninsel“ im Schulhof eines lycée

„Moi, moi, Monsieur, moi!“ Die Schüler sitzen in ihren Bänken, strecken ihre Arme in die Höhe und schnipsen, um die Aufmerksamkeit des Lehrers auf sich zu ziehen. Denn in einigen Unterrichtsfächern ist es inzwischen üblich, die Schüler durch Interaktion mit dem Lehrer direkt in den Unterricht mit einzubeziehen. Besonders in den Fächern Physik/Chemie, sowie Philosophie, aber auch im Theorieunterricht Sport fällt mir dies auf. Dennoch mangelt es an einer hohen Vielfalt an Unterrichtsmethoden. Wenn nicht gerade ein Frage-Antwort-Spiel zwischen Lehrer und Schülern veranstaltet wird, so wird die meiste Zeit damit verbracht, dem Lehrer beim Diktieren zuzuhören und sich fleißig die Finger wund zu schreiben. Dies füllt mindestens 70% der Unterrichtsstunde. Alles was wir in Deutschland im Buch stehen haben, oder als Kopie erhalten, muss schließlich irgendwo nachlesbar für die Schüler festgehalten werden.

Bei der Hausaufgabenkontrolle geht es am stillsten zu. Jeweils ein Schüler tritt vor an die Tafel, schreibt die Lösung einer Teilaufgabe an, z.B. einen Satz, oder ein konjugiertes Verb, und der oder die Nächste kommt an die Reihe. All das schweigend, bis die Tafel vollgeschrieben ist, sie gewischt wird und von Neuem von links nach rechts damit begonnen wird, die Hausaufgabensätze zu notieren. Nur wenn ein Fehler erkennbar ist, wird dieses stille Verfahren für einen kurzen Augenblick unterbrochen und es wird gemeinsam versucht, den Fehler zu verbessern. Viel abwechslungsreicher gestaltet sich der Schulalltag nicht.

Ein einziges Mal erlebe ich es, dass einer Klasse ein Film gezeigt wird und die Schüler anschließend Fragen in Gruppenarbeit bearbeiten müssen. Ansonsten gilt: Diktieren, schreiben, abschreiben, auswendig lernen. An Anwendung fehlt es in jedem Fach – und im Sprachenunterricht wird die entsprechende Fremdsprache kaum in den Mund genommen. Kein Wunder, dass ich mich im Englischunterricht selbst beim Zuhören der Lehrerin einige Minuten lang fragen muss, ob das wirklich Englisch oder ein afrikanisch-französisch-englischer Mischmasch ist. Bei den großen Klassen, die in der Regel 40-80 Schüler je nach Gegend und Schule umfassen, gestaltet sich eine praktische Umsetzung des Gelernten im Schulunterricht als schwierig. Zudem werden stets die „schon immer gelernten und praktizierten“ Methoden angewandt. Um wirklich etwas zu Erneuern und zu verbessen, fehle es besonders an Fortbildungen, wie ich aus einigen Gesprächen mit Lehrkräften herausfinden kann.

Schüler einer privaten Grundschule
Schüler einer privaten Grundschule

Neben den staatlichen gibt es auch private Schulen, die ich jedoch nicht besucht habe. Diese sind für die normalen Bürger um einiges zu teuer, werben als Gegenleistung jedoch mit kleineren Klassengrößen und besserem Ausbildungsmaterial.

Betreffend der Schüler ist zu erwähnen, dass sie auf mich einen ähnlichen Eindruck machen, wie Schüler in Deutschland. Sie sind weder mehr noch weniger motiviert, die Schule zu besuchen und verhalten sich auch im Unterricht ähnlich. In den Pausen geht das große Gerede los und ist einmal kein Lehrer da, der ihnen klare Anweisungen erteilt, wird auch nicht gearbeitet. Wie man sieht, ergeben sich also einige Parallelen zu deutschen Schulklassen.

Festzuhalten bleibt, dass sich etwas im Wandel befindet. Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, dass sich etwas tut und ich habe mich stets über die Lehrer-Schüler-Interaktion als Abwechslung zum reinen Diktieren gefreut. Auch inhaltlich sind die Unterrichtsmaterialien offener für den Themenbereich Sexualität und Emanzipation geworden und die Schüler werden über Kinderrechte, die Rolle der Frau in der Gesellschaft, häusliche Gewalt und Regelungen in Bezug auf Heirat und Kinderkriegen aufgeklärt. Dennoch gibt es weiterhin viel Entwicklungspotential, bis die Kinder in Burkina Faso mit Spaß am Lernen wirklich eine gute Bildung genießen können.

Bildung auf besondere Art

„Es ist mehr wie ein Abmalen, als ein Abschreiben“ Dieser Satz kommt mir in genau zwei Situationen in den Sinn. Die erste ergibt sich, als ich einen kompletten Tag in der „École des Malententends“ verbringe. Es sind drei kurze Sätze, die vorne an der Tafel prangen und die es abzuschreiben gilt. Einige der Schüler brauchen dafür eine halbe Stunde. Ich blicke ihnen dabei über die Schulter. Der Vorgang ähnelt eher dem Abzeichnen eines Bildes, eines unbekannten Motivs, einer Zeichnung. Jeder Strich muss einzeln an der Tafel abgeschaut werden und wird langsam und sauber ins Heft übertragen. Kein Wunder, dass für zwei Worte mindestens 30 mal an die Tafel geschaut wird.

Zwei Klassen mit 12 bzw. fünf Schülern werden hier von insgesamt drei Lehrkräften betreut – für Burkina Faso wirklich ein seltener Service, denn um die Behinderten und Kranken wird sich in der Regel kaum gekümmert. Wenn noch nicht einmal genügend Ressourcen zur Verfügung stehen, um die Gesunden gut durchs Leben zu bringen, bleiben die Schwachen erst recht auf der Strecke – so der Eindruck der Lehrkräfte an der besonderen Einrichtung. Finanziert wird die Schule daher auch nicht vom Staat. Mit viel Mühe konnte erreicht werden, dass wenigstens die Lehrkräfte vom Staat bezahlt werden. Das Gebäude jedoch hat vor einigen Jahren der Verein erbaut und auch das Mittagessen wird von diesem finanziert. Denn oft kommen die Schüler mit leerem Magen auf dem Schulgelände an. Und wenn es zu Hause nichts zu essen gibt, ist eine warme Mahlzeit in der Schule nochmals ein zusätzlicher Anreiz, sein behindertes Kind, um das sich allgemein in den Familien kaum gekümmert wird, doch zur Schule zu schicken.

Vom Alter her sind die Klassen vollkommen durchmischt. Von 6-17 Jahren ist alles dabei. Umso erschreckender ist es, wie wenig die Schüler teilweise können. Einige von ihnen sind nicht nur hörgeschädigt, sondern weisen weitere Auffälligkeiten auf. Augen- und Sehschwierigkeiten, eine nicht diagnostizierte angeborene Krankheit, die das Laufen zur Qual werden lässt… doch wenn diese Kinder beispielsweise in Deutschland aufgewachsen wären, wären sie jetzt ganz sicher viel weiter. Während in Deutschland vom Babyalter an mit Behinderten und Tauben trainiert wird, sodass letztere z.B. eine ganz normale Sprachfertigkeit erlernen, bedeutet taub sein hier automatisch auch stumm sein. Denn es gibt keine ausgefeilten Trainingsprogramme. Oftmals kommen die Kinder hier an der Schule erst im Alter von 9 oder 10 an, sodass es für vieles bereits zu spät ist. Das Ziel der Einrichtung ist es, die Schüler wenigstens soweit zu bilden und zu begleiten, dass sie später im Alltag zurechtkommen. Rechengrundlagen, lesen… vielleicht haben sie so später eine Chance auf einen Beruf in einer Werkstatt oder einem Friseursalon. Auch um eigene Lebensmittel anzubauen und auf dem Markt zu verkaufen sind diese Grundlagen von Wichtigkeit.

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Ein Besuch in der Hörbehindertenschule

„Das Arbeiten ist mühsam!“ betonen beide Lehrer, die ich an diesem Tag kennenlerne und deren Unterricht ich begleite. Und das ist auch was ich beobachte. Einige Schüler treten nur auf der Stelle und kommen nicht voran. Während andere inzwischen die ASL, die American Sign Language, die hier verwendet wird, mehr oder weniger fehlerfrei beherrschen, haben andere noch Probleme damit, auch nur den vier Sätze umfassenden Morgengruß zu „sprechen“. Auch ich versuche mich ein wenig in Zeichensprache und darf mir sogar bis zum Ende meines Aufenthaltes ein „Wörterbuch“ ausleihen, sodass ich mich inzwischen in den Bereichen Lebensmittel und Gerichte, Gefühlszustände, Familienbeziehungen und Sportarten mit Tauben auszutauschen weiß.
Aber auch wenn es mühsam ist, die Arbeit geht voran – und die Lehrer sehen stets ihr Ziel vor Augen: Den Kindern helfen. Denn nicht nur für die Zukunft auch für den Moment geben sie den Kindern sehr viel mit. Zu Hause werden sie häufig in eine Ecke gesetzt und alleine gelassen – schließlich kann sich niemand mit ihnen verständigen und in den Fällen, in denen die Taubheit zusätzlich mit weiteren Einschränkungen verbunden ist, können sie noch nicht einmal Hausarbeiten übernehmen und gelten somit als eine einzige Belastung. In der Schule hingegen sind sie beschäftigt, der Unterricht macht ihnen Spaß, sie treffen täglich auf Menschen, mit denen sie kommunizieren könnnen – und auch für die Probleme zu Hause, wird versucht, Abhilfe zu schaffen. Wenn die Schule Spendengelder erhält, können die Lehrer damit z.B. Fortbildungen für Elternteile finanzieren, sodass auch sie zumindest die Grundlagen der Zeichensprache erlernen.
In der ersten großen Pause besuche ich eine weitere Einrichtung direkt neben der Hörbehindertenschule. Bereits als ich eintrete, erblicke ich einen großen Hof mit Spiel- und Klettermöglichkeiten auf denen zahleiche Kinder herumturnen – 120 sind es insgesamt, wie mir die Kindergärtnerin mitteilt. Darunter 16 Kinder mit einer Behinderung. Es handelt sich hierbei um eine integrative „Garderie“. Gedacht ist diese für Kinder im Alter von 3-6 Jahren. Die Kinder können ab 6 Uhr hergebracht werden, ab 8 Uhr beginnt das tägliche Programm. Singen, Auswendiglernen von Zitationen, Herumtoben… aber auch das Erlernen der Grundlagen der französischen Sprache stehen an der Tagesordnung. Hinzu kommt eine warme Mahlzeit, bevor es gegen 11:30 wieder nach Hause geht. Finanziert wurde dieses Gelände von einer belgischen NGO vor zwei Jahren. Damals beginnend mit 50 Schülern ist die Anzahl der hier betreuten Kinder stetig gewachsen.


Beim Besichtigen der Räumlichkeiten, komme ich fast nicht durch die Kindermenge hindurch. Alle wollen mich begrüßen, möglichst nah an mir mitlaufen, meine Haut berühren… Schließlich schaffe ich es aber doch, mich durch die Räume des Geländes hindurchzuschlängeln und mich am Ausgang zu verabschieden.

Das zweite Mal denke ich den Satz „Es ist mehr wie ein Abmalen, als ein Abschreiben“ als ich in einem „Alphabetisierungskurs Bissa“ sitze. Organisiert von einer engagierten freiwilligen Mitarbeiterin der Kirchengemeinde sind alle Bürger dazu eingeladen, zumindest in ihrer Regionalsprache, dem hier gespochenen Bissa, das Lesen und Schreiben zu lernen. Es läuft genauso ab, wie in den Grundschulen Burkina Fasos. Man spricht, man lernt Buchstaben und liest vor. „A aa a A aa A aa a a a a“ steht in der ersten Stunde an der Tafel geschrieben und die Teilnehmer  bestehend mehrheitlich aus Frauen, nicht selten mit auf ihrem Schoß sitzenden Kindern, liest diese Buchstabenfolge nacheinander vor. Als sie versuchen, den Buchstaben a zusammenzusetzen, bleibt mir der Mund offen stehen. An der Tafel finden sich Halbkreise und Striche in verschiedene Richtungen verlaufend, direkt links daneben steht der Buchstabe a. Es bedarf fünf Meldungen mit jeweils falschen Aussagen, bis die Gruppe endlich darauf kommt, dass ein kleines a aus einem linken und einem rechten Halbkreis sowie einem senkrechten Strich aufgebaut ist. Für mich als deutsches Mädchen, für das das Erlernen der Buchstaben schon so weit zurückliegt, dass ich mich schon gar nicht mehr an die entsprechenden Unterrichtsstunden erinnern kann, ist das unvorstellbar. Aber ähnlich wie für die Schüler in der Hörbehindertenschule gilt auch hier: Für die Teilnehmer an diesem Alphabetisierungskurs sind die Buchstaben nichts als Zeichnungen, nichtssagende Striche und Formen.

Wasser aus Plastiktüten und Dreimalverpackungen auf dem Markt – Wie die Plastikverschmutzung auch hier überall sichtbar ist

Eine wunderschöne weite Landschaft, aufgrund der Trockenheit wenig bewachsen, vereinzelt finden sich grüne Bäume, an denen noch unreife Mangos hängen, und auch die beeindruckenden zu dieser Jahreszeit kargen und damit noch knorriger und mächtiger wirkenden Affenbrotbäumen, in Bissa Baobab genannt, lassen sich bestaunen. Ihre Früchte mit einem weißen Fruchtfleisch, das beim Kauen im Mund zerfällt, wird unter anderem genutzt, um ein süßes Getränk, besonders beliebt unter den Kindern, herzustellen.

Zwischen den Bäumen schimmert es auf dem Boden von Zeit zu Zeit Blau und Schwarz auf. Nein, es handelt sich dabei nicht um besondere einheimische Pflanzen, sondern um – Plastiktüten. Manchmal sind es ganze Gruben voller Plastikmüll, oft jedoch auch nur vereinzelt umherliegende Verpackungen, was die Sache nicht besser macht, denn durch diese Verteilung ist der Plastikmüll überall.

Wirklich überall, wo es eigentlich wunderschön sein könnte, hindern die über hunderte von Jahren nicht abbaubaren Umweltsünden einen daran, den Rundblick zu genießen. Geht man auf dem Markt einkaufen, so erhält man die zwei Zwiebeln gleich in drei Tüten eingewickelt, sodass es auch ja nicht reißt und seit einigen Jahren gibt es zu allem Übel Getränke, besonders reines Wasser sowie Wasser in verschiedenen künstlichen Geschmacksrichtungen, in 330ml Tüten zu kaufen. Diese bedruckten rechteckigen Plastikbeutel werden an einer Ecke aufgebissen, leergetrunken und dann – auf den Boden geschmissen. Da nutzen auch die seit Neustem aufgestellten Mülleimer der Gemeinde nicht viel. Auf dem Sportplatz, vor den Häusern, inmitten vor sich herstreitenden Schweinen und Ziegen…auch die Esel stoßen bei ihrer Suche nach Nahrung häufiger auf Plastikbeutel als auf das erhoffte bisschen Gewächs zum Verzehren. Kaum ein Wunder, dass ein Großteil der Tiere inzwischen Plastik im eigenen Körper mit sich herumträgt.

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Zudem möchte ich mir gar nicht vorstellen, wie es hier in der Regenzeit aussieht, wenn all die Plastiksäcke auch noch in der Gegend herumschwimmen. Sensibilisierung, der Versuch, Plastik mit einem anderen Material zu ersetzen, oder Plastiktüten mehrmals zu verwenden, sowie zu neuen Produkten, wie z.B. Taschen zu verarbeiten, findet aktuell in dieser Region nur sehr vereinzelt bei engagierten Privatpersonen Anklang.

Wie in einer Reportage

Doch zum Glück wird die Landschaft nicht ausschließlich von Plastikmüll geprägt. Die weiten Sandflächen bergen ihren ganz eigenen Charme. Auch wenn man es als langweilig und immer gleichbleibend abstempeln könnte, ist es für mich als Europäerin doch interessant. Besonders schön ist es in den Regionen, in denen sich Wasser finden lässt. Speziell in diesem Jahr, hat es jedoch viel zu wenig geregnet, sodass viele der Wasserauffangbecken bereits Anfang Januar ausgetrocknet sind. Der Regen wird frühestens im Juni wieder beginnen; eine Katastrophe für die Landwirtschaft, die von über 85% der Bevölkerung betrieben wird und somit für die Nahrungssicherung. Dennoch finden sich an einigen Stellen noch nasse Reservoirs. Dort lassen sich besonders viele Bäume finden und die umliegenden Böden werden für das Anlegen von Gärten genutzt. Aufzupassen gilt es an diesen Wasserbecken jedoch besonders auf die Moskitos.
Die weiteren Tiere, die sich hier finden lassen, sind deutlich ungefährlicher. Alligatoren sind an fast jeder Wasserstelle aufzufinden und vereinzelt kommen auch Flusspferde vor.


Diese sind jedoch deutlich seltener, sodass ich an einem Tagesausflug morens um 6 Uhr starte, um nach 67 zurückgelegten afrikanischen Kilometern – es ist hier aufgund der Straßenbedingungen und dem Fortbewegungsmittel Motorrad alles deutlich „weiter“ als in Deutschland, dazu gleich aber mehr – tatsächlich aus einiger Entfernung Flusspferde zu Gesicht zu bekommen.

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Nicht nur im Wasser findet man Lebendiges, sondern auch auf den Straßen laufen einem ununterbrochen Hühner, Schweine, Rinder und Esel vor die Nase. Überall in der Stadt bewegen sie sich frei herum, wobei die Besitzverhältnisse der Tiere meist nur so halb geklärt sind. Quiekende Schweine, die sich die ganze Zeit über streiten, Ziegen, die über alles hinüberspringen und auch gerne mitten während eines Fußballspiels einmal in der Diagonalen das Feld überqueren, Esel, die als häufigstes Arbeitstier eingesetzt werden, oder auch Rinder lassen sich einfach dort nieder, wo sie am meisten Nahrung erhalten. Einige der Esel und Rinder haben daher zusammengebundene Vor-und Hinterbeine, damit sie nur sehr langsam vorrankommen und am liebsten doch nicht zum Nachbarn wechseln.

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Ganz anders die Hühner. Sie schlängeln sich oft mit ihren gerade frisch geschlüpften Küken zwischen den Tieren wie Menschen auf der Straße hindurch. Doch die frei herumlaufenden Tiere stellen besonders bzgl. der Hygiene ein Problem dar. So erzählt mir z.B. der Bereuer des Radios in Garango, dass sich besonders die Jugend dafür einsetzt, diese Zustände zu verändern und andere Standards zu setzen. Kleine Ställe oder zumindest abgrenzende Zäune wie sie fordern, sehe ich tatsächlich äußerst selten.

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Der Schwächere gibt nach

Das Motorrad ist hier in Burkina Faso wie bereits erwähnt das Mobilitätsmittel Nummer1. Egal ob in der Hauptstadt Ouagadougou, in der ich mit dem Flugzeug lande, oder in den kleineren Städten im Umkreis von Garango – immer und überall sind die Straßen überfüllt von diesen Zweirädlern. Und natürlich braucht es hierfür keine Lizenz. Mofas bis hin zu großen Motorrädern können von jedem gefahren werden, der den Umgang mit den Maschinen beherrscht. Ein Führerschein wird erst ab der Größenordnung eines PKW benötigt. Selbst ich werde wenige Tage nach meiner Ankunft auf eine der Maschinen gesetzt, ein Einheimischer hinten drauf, und los geht es mit meiner ersten Leerfahrt – bei der ich merke, dass Motorradfahren gar nicht so schwierig ist. Helme sind hier natürlich auch ein Fremdwort und während man in Deutschland schon als Fahrradfahrer mit einem vorwurfsvollen Blick gestraft wird, wenn man nicht vorbildlich eine schützende Kopfbedeckung trägt, so findet man hier in Burkina Faso selbst unter den Motorradfahrern nur vereinzelt einen Helm aufblitzen.

Aber – auch wenn ich während meines Afrikaaufenthaltes nun viel mit dem Motorrad unterwegs war, würde ich mich nicht sofort auf die deutschen Straßen wagen. Denn hier sind zwar die Straßenbedingungen etwas sehr abenteuerlich (wenn es einmal geteert ist, dann besteht die Hälfte der Straße aus Schlaglöchern, ansonsten findet man nur plattgefahrene Sandtouren in der freien Wildbahn unterbrochen von kleinen, gerade so befahrbaren Schluchten) dafür aber gibt es kaum Kurven, es geht kaum bergauf und bergab und man trifft auch nicht gerade auf viele weitere Verkehrsteilnehmer, mit denen man einen ernsthaften Zusammenstoß fabrizieren könnte – außer in der Hauptstadt, in der auch regelmäßig Menschenleben auf den Straßen enden.


Wirkliche Regeln, Geschwindigkeitsbegrenzungen, die auch eingehalten werden…? Lassen sich vergeblich suchen. Zwar erblicke ich ab und an ein rotumrandetes Schild mit der Zahl 30, aber beachtet wird dieses nicht. Der Verkehr basiert schlichtweg auf dem Prinzip: der Schwächere gibt nach. Und so sind z.B. die großen Lastwägen, die vollkommen überladen sind und bei denen man nur auf den Augenblick warten muss, in dem Holzstücke, Maissäcke, oder eines der ganz obenstehenden Motorräder herunterfällt, fast immer im Recht, während bei Zusammenkünften von Rindern und Motorrädern meist Erstere als Gewinner hervorgehen. Ziegen und Hühner sind fast immer zum Warten oder Ausweichen verdammt, sodass erst gar nicht abgebremst wird, wenn diese einige Meter vor einem Fahrzeug die Straße überqueren.

Radio – ein effektiver Weg der Bildung

Sogar ein Radio besuche ich vor Ort. Dies ist seit einem Dreivierteljahr in Betrieb und wird von Freiwilligen sowie zwei bezahlten Angestellten geleitet. Gleich am ersten Tag in Garango werde ich als Übersetzerin ins Studio geführt, um die Willkommensworte der Präsidentin des Vereins Garango e.V. sowie die Vorstellung und Erklärungen zu unserer Partnerschaft zu übersetzen. Am vorletzten Abend in Garango werde ich noch einmal eingeladen, um vor Ort über meinen Aufenthalt in Garango interviewt zu werden. Erst auf Französisch und dann genau dasselbe noch einmal auf Englisch – Englisch, Deutsch, Französisch –  verwirrt bin ich um 22:30, als die Sendung endet, doch ein wenig, aber es lief alles in allem recht gut. Hört doch mal in die englische Fassung hinein.

Erlebnisse

Neben Straßenverkehr und Radio gebe ich mein Bestes, um während meiner Wochen in Garango, so viel wie möglich mitzunehmen. Die Mentalität, die Kultur, die vielen netten Menschen – da wundert es auch nicht, dass ich einige wirklich gute Freunde finde, die mir den Abschied Anfang Februar besonders schwer machen. Ich helfe ab und an in einem Waisenhaus, organisiere Treffen mit Gruppierungen aus der Umgebung, die beim Verein Garango e.V. über den ich hier bin, Finanzmittel beantragen wollen, unterstützte sie dabei, Projektanträge zu schreiben, begleitete einen Tag lang einen Krankenpfleger bei seinen Krankenbesuchen, für die er von Ort zu Ort weite Strecken auf dem Motorrad zurücklegt. Ich fahre auf eine Priestertagung mit, finde mich eines Sonntags um 6 Uhr morgens auf einer vier Stunden anhaltenden Bergmesse wieder, für die Menschen hunderte Kilometer weit angereist sind und besuche Brunnen, die der Verein aus Ladenburg finanziert hat.


Zudem werde ich eine feste Größe im Kirchenchor, dessen Repertoire ich mit einigen Übungen, die ich aus meiner langjährigen deutschen Chorerfahrung mitbringe, erweitere. Der Austausch ist ebenso witzig wie interessant. Auch auf dem Basketballplatz kann man mich an mehreren Abenden der Woche sehen – sei es, um Basketball zu spielen, um den Platz zu joggen, oder Turnübungen zu machen. Kinder und Jugendliche, die sich dabei um mich sammeln, sind vorprogrammiert. Zudem beginne ich, in der örtlichen Schule beim Sportunterricht zu helfen und unterstütze eine Deutschlehrerin an einem lycée.

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Nicht selten habe ich auch die Ehre, dem ein oder anderen „Chef“ dem „Naaba“ die immer noch traditionell in den Gemeinden eine entscheidende Rolle einnehmen, einen Besuch abzustatten. In Gesprächen kann ich herausfinden, was aktuell die größten Probleme für die Einwohner in dieser Region darstellen und mich über mögliche Lösungs- bzw. Verbesserungsmöglichkeiten austauschen.

Traditioneller Tanz und Musik

Es ist nicht nur eine andere Sprache, sondern auch ein ganz anderer Rhythmus in dem Lied, das an meine Ohren dringt. Vor mir auf dem großen Platz, der von Einheimischen umgeben ist, bewegt sich eine Gruppe junger Mädchen im Takt der Musik. Ihre Beine sind mit selbsthergestellten Schellengränzen umwickelt, sodass jeder Schritt, jeder Sprung ein rasselndes Geräusch erzeugt. Sie grinsen das Publikum an, wenn sie nicht gerade zu der Musik singen. Diese kommt nicht etwa aus Lautsprechern, sondern stammt von drei Musikern, die am Rande des Platzes hinter der Tanzgruppe stehen. Ein Saiteninstrument, das an eine etwas zu kleine etwas zu rundgeratene Gitarre mit nur vier Saiten erinnert, eine mit irgendwelchen Samen gefüllte Kugel, die als Percussioninstrument genutzt wird und eine Schüssel den deren Rand ein Mann durch kleine Bewegungen mit Mittel- und Ringfinger kleine Muscheln an die Seiten schlägt.

Beim nächsten Auftritt tragen die Mädchen zudem schwere Gürtel mit Getränkeflaschendeckeln, die beim Wackeln der Hüfte mitschwingen und so ein den Tanz begleitendes Geräusch erzeugen.

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All das veranstalten die Einheimischen in mehreren Gemeinden, die ich besuche, um sich bei unserem Verein zu bedanken. Nicht oft genug können sie betonen, wie wichtig es ihnen ist, uns als Dank etwas zurückzugeben, sodass zusätzlich zu der traditionellen Tanzbegrüßung Hühner und Erdnüsse verschenkt werden. Erstere werden lebend mit verbundenen Beinen und kopfüber an den Beschenkten übergeben, dann entweder in den Autokofferraum geworfen, oder quer aufs Motorrrad geschnallt und so nach Hause transportiert, wo sie dann von ihren Fußfesseln erlöst werden und im Hof weiterleben, bis sie irgendwann im Kochtopf landen.

Nahrung

Hühnerfleisch wird hier tatsächlich besonders viel gegessen. Häufig serviert mit nichts als einer Sauce wird es genüsslich mit den Händen verehrt, die Sauce wird ausgetrunken – und wie nach jedem Essen in Burkina Faso – wäscht man sich danach die Hände. Wenn viele am Tisch sitzen, läuft meist eine Bedienung mit Gieskanne und Wassereimer herum, sodass man sich an dieser mobilen Waschanlage bequem bedienen kann.


Trotz hohem Hünerfleischkonsum komme ich als Vegetarierin sehr gut über die Runden. Zum einen muss ich tatsächlich sagen, dass ich es moralisch eher weniger grausam finde, wie die Afrikaner mit ihren Tieren umgehen. Zwar ist es rein pragmatisch, wenig liebevoll, und einige Praktiken können sicher als qualvoll für das Tier beschrieben werden, andererseits gibt es dort keine Massentierhaltung, bei der die Tiere nur wenige Quadratmeter zum Leben haben, so schnell und so stark wie möglich gemässtet und praktisch von Geburt an prophylaktisch mit Antibiotika „versorgt“ werden. Es mag grausam erscheinen, dass die Hühner, die am Morgen noch auf dem Hof herumrennen, mittags im Kochtopf landen und man dabei alles sieht, was an einem Huhn typischerweise so dran ist – selbst die Beine mit Krallen lassen sich beim Verzehr noch im Kochtopf finden und werden umknabbert. Es ist auch seltsam zu sehen, wie ein Huhn gerade im Kochtopf zubereitet wird, während seine Artgenossen im selben Moment um eben diesen herumspringen, aber dennoch: bis auf eine gewisse Unterernähung, unter der einige Tiere leiden, haben sie hier bis zu ihrem Tod sicher in Summe ein besseres Leben, als das was wir in Deutschland an der Hähnchenbude an der Straßenecke erwerben.

Trotzdem werfe ich auch in diesem Monat meine vegetarische Ernährung nicht einfach über Bord – und das ist auch gar nicht nötig. Die Schwestern bei denen ich lebte (siehe unten) freuen sich jedes Mal, wenn ich ein neues Gericht aus der Nationalküche probiere: Tô, ein stichfester Brei aus Maismehl und Wasser, den ich sogar lerne, selbst zuzubereiten, Blättersauce, hergestellt aus den Blättern des Affenbrotbaumes, Iam-Wurzel und Maniok, die kartoffelähnlich schmecken, Bouille, ein Frühstücksbrei, der mit einer gewissen Eigennote versehen an Milchreis erinnert, Kochbananen und Kartoffeln, oft in Erdnussöl frittiert, sodass letztere nicht ganz den in Deutschland erhältlichen Pommes Frites entsprechen (meist auch dicker geschnitten und daher weniger fettig), Bohnencrêpes (Bestandteile: Ei, gemahlene Bohnen, Wasser), dünne Spaghetti mit Gemüsesauce, aus Pulvermilch hergestellter Joghurt und ab und an eine „Crudité“-Platte, bestehend aus Tomaten, ausgehölten Gurken (irgendwie mögen die Burkinabé das Innere mit den Samen nicht – warum konnte mir niemand beantworten), roten Zwiebeln und ab und an Dosenmais und Dosenerbsen. Alles sehr interessant, aber damit endet die burkinische Küche tatsächlich schon. Viel Auswahl gibt es in Burkina Faso also nicht. Während man in Deutschland problemlos jeden Tag ein anderes Hauptgericht zu sich nehmen kann, wird in Burkina Faso nach einem Monat Aufenthalt die Speisekarte vor Ort tatsächlich etwas eintönig. Es gibt einfach nicht mehr. Arme Schichten der Bevölkerung jedoch können noch nicht einmal dieses Spektrum der Nahrungsmittel ausnutzen. Oftmals essen sie mehrmals am Tag ein- und dasselbe: Tô.

Hochzeit

So langsam verstehe ich, wodurch die afrikanischen Frauen ohne Fitnessstudio ihre Armmuskeln herbekommen. Seit einer Stunde sitze ich in leicht nach vorne gebeugter Körperhaltung vor einer großen Reibe. Petersilie, Knoblauch, allerlei Gewürze, Kräuter und Unbekanntes habe ich in den vergangenen sechzig Minuten bereits darin gestampft. Größte Herausforderung: die Klopfdrückbewegung nach unten so energisch ausüben, dass der Inhalt tatsächlich auch zerkleinert und verrieben wird, sich dabei aber so geschickt anstellen, dass besonders am Ende nicht die Hälfte an den Rändern herausspringt. Als schließlich alle Gewürze für Saucen und Salat verrieben sind, beginne ich damit, Kochbananen zu schnippen. Zwischendurch blicke ich mich ein wenig um. Am anderen Ende des Hofes kann ich beobachten, wie die hier so beliebten Bohnencrêpes zubereitet werden, links neben mir stehen riesige Töpfe auf einer Feuerstelle, in denen gerade Gemüsereis herumgerührt wird. Natürlich sind es ausschließich die Frauen, die all das Essen zubereiten. Die Männer haben es sich auf Plastikstühlen bequem gemacht, trinken Wasser, oder schon morgens die erste Schale Dolo und unterhalten sich, telefonieren oder tippen auf ihren Handys herum. Kinder springen von einem zum anderen Ende des Hofes und bewegen sich ab und an mit dazu aufstehenden Frauen zur Musik, die aus einer Lautsprecheranlage tönt. Eine der Frauen, die die Zubereitung der riesigen Essensmengen und der außergewöhnlich großen Nahrungsauswahl koordiniert, leitet auch mich ein wenig an und erteilt mir nach und nach die Kochaufgaben. Jedes Mal, wenn eine neue Person hinzukommt, ist Händeschütteln mit kurzem „Oh, eine Weiße!“ und irgendwelche Späße in der Sprache Bissa angesagt, die ich entweder nicht verstehen muss und trotzdem freundlich mitlache, oder die mir von der ein oder anderen französischsprechenden Frau übersetzt werden. Doch wo bin ich eigentlich?

Ich befinde mich gerade im Innenhof eines Privathauses. Warum der ganze Aufwand, die Musik, das viele Essen? Die Tochter des Hausbesitzers feiert heute Hochzeit.

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Am Morgen beginnt der Tag mit Kochen und gegen 11:30 startet der traditionelle Teil der Zeremonie. Braut und Bräutigam knien vor einer Stuhlreihe besetzt mit männlichen Verwandten der Familie. Einiges Gesflüstere und Gemurmel, das über eine halbe Stunde lang andauert, alles mit Fotos und Videos dokumentiert. Nach einer Weile wird eine Ziege, zwei große Kanister voller Dolo und ein Sack mit Erdnüssen in die Mitte des Geschehens plaziert. Der Bräutigam übergibt einige Umschläge an die Männer auf den Stühlen. Geld kommt zum Vorschein, die Scheine werden gezählt. Die Umschläge werden wieder zurückgegeben und auf neue Personen verteilt, weitere Männer stoßen hinzu und mischen sich in die Verteilung mit ein. Ich habe das Gefühl, es herrscht Verwirrung. Der Bräutigam steht auf, geht in den Hinterhof, kommt wieder. Ziege mit Anhang wird rein und wieder rausgeführt, Worte werden gewechselt. Irgendwann ist damit Schluss. Die „Geschenke“ werden weggebracht und die ganze Hochzeitsgesellschaft bewegt sich in den Innenhof. Dort nehmen Männer und Frauen getrennt voneinander auf dem Boden Platz. Es wird ein Salzgetränk und ein Teller mit etwas, das ich nicht erkennen kann, unter den Männern herumgereicht. Endlich tritt eine Frau zu mir, mit der ich mich auch zuvor schon auf französisch unterhalten habe. „Hast du verstanden, was hier gerade passiert?“ Ich schüttle den Kopf und sie beginnt, zu erklären. „Also vorhin draußen, hat der Bräutigam der Familie der Braut die Hochzeitsgeschenke übergeben. Aber die Mutter der Braut meinte, es sei zu wenig. Das ist immer so. Es wird immer über die Summe diskutiert“ „Haben sie das nicht vorher abgesprochen, unter welchen Bedingungen die Hochzeit stattfinden kann? Und kann es auch sein, dass dann eine Hochzeit platzt, weil sie sich nicht einigen können?“ „Nein!“ meint die Afrikanerin neben mir schmunzelnd. „Und jetzt müssen die Männer Salzwasser trinken und auf dem Teller wird Salat aus Steinen angeboten – wenn sie das verweigern, kann die Hochzeit eigentlich auch nicht fortgesetzt werden. Das gehört alles zur Tradition“

Die Männer erheben sich, nachdem sie ein wenig an der Schale genippt und den unverzehrbaren Salat begutachtet haben. Danach lösen sich die festen geschlechtergetrennten Gruppen auf. Ein paar Gäste gehen nach draußen, ein Großteil der Frauen kehrt an die Kochstellen zurück. Nach einer halben Stunde macht sich eine kleinere Gruppe auf den Weg zum Chef. Dort wird einige Minuten über die Braut und ihren nun anstehenden Umzug aus Garango geredet. Alles verläuft auf einer sehr sympathischen, humorvollen Ebene, Getränke werden herumgereicht. Dann ist auch das vorbei und es fehlt nur noch die religiöse Zeremonie in der Moschee.


14 Uhr heißt bei den Afrikanern einfach nicht 14 Uhr – das sollte ich inzwischen wissen. Trotzdem stehe ich um Punkt 2 Uhr am Nachmittag vor dem Eingang des muslimischen Gotteshauses. Eine Viertelstunde später trudeln die ersten Hochzeitsgäste ein und das erste was ich gefragt werde ist: Sind Hochzeiten in Deutschland genauso wie hier? Zwar kenne ich mich keineswegs mit muslimischen Hochzeiten aus, aber „deutsche Hochzeiten“ im Allgemeinen sind doch deutlich anders organisiert. Ich möchte nicht sagen „besser“ aber bei einer deutschen Hochzeit ist eben alles durchgeplant. Wenn die Zereomie um 10 Uhr beginnt, wird es auch keine Minute später, es ist meist genau getaktet, wann danach Getränke ausgeschenkt und wo welche Fotos gemacht werden, wann es Mittagessen und wann Kaffee und Kuchen gibt und in welcher Minute man sich mit welchem Familenmitglied oder Freundeskreis unterhält.

Nun ja- hier ist es also recht interessant die so ganz anders ablaufende Hochzeit mitzuerleben – auch wenn es für mich so langsam etwas langweilig wird. Jetzt jedenfalls trete ich in den Hinterraum der Moschee ein. Ein Haufen verschleierter älterer Damen sitzt dort auf dem Boden, mit Gebetshäftchen in den Händen. Als sie mich erblicken, winken sie mich zu sich. Ich knie mich neben eine der Frauen auf den Boden, die mir gleich ihr Heft in die Hände drückt und mir durch Zeichensprache deutlich macht, dass ich lesen solle. Die Schrift sieht für mich mehr aus wie ein Kunstwerk, als ein lesbares Dokument, sodass ich nur mit den Schultern zucke und den umhersitzenden Frauen, die inzwischen allesamt ihre Aufmerksamkeit von den dünnen Büchlein ab und mir zugewandt haben, deutlich mache, dass ich weder Arabisch sprechen noch lesen kann.

Es wird ein wenig gelacht, ich mache Fotos vom Buch und von den Frauen, nachdem sie es sich gewüscht haben. Danach wird mein Handy samt Foto einmal durch die Reihen gegeben, damit es auch jede einmal betrachten kann.
Einige Minuten später stehen wir auf und gehen in den angrenzenden Hauptraum der Moschee. Der lange Teppich, der uns noch von der Hochzeitszeremonie trennt, wird kurzerhand angehoben und aufgewickelt, sodass wir das Geschehen beobachen können.
Das Ehepaar sitzt ganz vorne, Gemurmel eines Religiösen verstärkt durch ein schlechtes, von Zeit zu Zeit piepsendes Mikrofon wird hörbar. Immer wieder werden die Arme gehoben, die Handflächen in Richtung Decke/Himmel geöffnet, und dann über das Gesicht ausgestrichen. Es folgen 10 Minuten lang „Amen.Amen.Amen.Amen“ stets in unterschiedlich langen Abständen und in vercshiedenen Tonhöhen sowie Lautstärken gesprochen. Dabei werden getrocknete Datteln und Minzbonbons verteilt, bevor eine große Schüssel die am Ausgang steht geöffnet wird. Die Ersten bewegen sich an den Ausgang und werden dort mit einem Teller voller Essen bedient.
Ich schleiche mich durch den Hintereingang hinaus. Das also ist eine afrikanisch-muslimische Hochzeit gewesen.

Religion und Unterkunft

Untergebracht bin ich meinen gesamten Aufenthalt über in einem Zimmer bei den Ordensschwestern der katholischen Kirche in Garango. Dort werde ich mit Unterkunft und Mahlzeiten versorgt, obwohl ich konfessionslos bin und mich zu der Gruppe der Agnostiker zähle – und somit weit weg davon bin, zur „Schwester“ zu werden.
Mit den motorradfahrenden und den ganzen Tag über lachenden Schwestern verstehe ich mich jedoch auf Anhieb. Mit ihnen, mit dem verantwortlichen Priester von Garango, einem jungen angehenden Geistlichen, der gerade sein Pflichtpraktikum hier absolviert und auch Kirchenvertretern aus den umliegenden Gemeinden, habe ich häufig Gelegenheit dazu, über Gott und die Welt, aber auch über gesellschaftliche Probleme, Politik, geschichtliche Themen und Wirtschaftssysteme zu diskutieren. Bis auf die Tatsache, dass sie mehrmals vorschlagen, mich zu taufen, und sie reihenweise die Evolution leugnen, macht das Diskutieren außerordentlich viel Spaß. Meine Meinung und meine Argumente werden dabei akzeptiert – selbst wenn ich an einem Esstisch mit zwanzig Vollgläubigen sitze, denen ich vollkommen widerspreche. Doch hierbei steht die Toleran und der Austausch im Vordergrund. Das Voneinander-lernen und nicht das Überzeugen.

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Besonders viel Spaß habe ich zudem mit den fünf Mädchen, die in einem Nebengebäude der Ordensschwestern untergebracht sind und dort leben, da es ihren Eltern an Mitteln fehlt, sich um sie zu kümmern. Mit ihnen verbringe ich gemeinsam Erdnussknackabende, denn schließlich müssen sie den Schwestern im Haushalt und bei der Produktion einiger Lebensmittel zum Verkauf helfen, um sich über Wasser zu halten. Von der Kirche erhalten sie kaum finanzielle Hilfe und so müssen sie sich autonom organisieren, um ausreichend Mittel zur Versorgung für Schwestern, Mädchen und das Waisenhaus zu haben.

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Neben der Herstellung einer Erdnusspaste, die für die Zubereitung von Saucen verwendet wird, steht hierbei das Wäschewaschen sowie Trocknen der Affenbrotbaumblätter an der Tagesordnung. Diese Aufgaben erledigen sie stets gemeinsam und mit einem breiten Lächeln auf den Lippen.
Ich führe mit ihnen interessante Gespräche und bekomme das Leben junger Mädchen in Burkina Faso mit. Zudem beginne ich eines Abends, mit ihnen zu turnen und zu tanzen und übe einige akrobatische Figuren mit ihnen ein, sodass ich am Abschlussabend, ein Tag vor meiner Abreise, eine kleine Aufführung veranstalte bei der nicht nur wir gemeinsam drei Nummern zeigen, sondern auch die Ordensschwestern mit mir gemeinsam ein einstudiertes Lied zum Besten geben und nach Abschluss des „offiziellen Teils“, auch noch die Priester beginnen, zu tanzen und herumzualbern.

„Wie könnt ihr eurer Tochter nur erlauben…“

Von der „Angst“ in ein solches Land zu reisen, und die Sorgen, die sich oftmals die in Deutschland bleibende Familie macht, habe ich vor meiner Abreise nichts gespürt und auch hier in Afrika bin ich genauso ruhig und gelassen, wie auf den Straßen Europas. Nie habe ich irgendwelche Befürchtungen. Natürlich gilt es stets, Vorsicht zu bewahren, aber gerade im weitestgehend friedlichen Land Burkina Faso ist es wirklich nicht allzu brenzlich. Verloren gehen kann ich ohnehin nicht, da überall wo ich durch die Straßen laufe, die „Nasara!“ Rufe, was auf Bissa „Weiße“ bedeutet, und nach wenigen Tagen, in denen die ganze Stadt meinen Namen gelernt hat, dann auch die „Lilith“ Rufe laut werden. An was ich mich auch sehr schnell gewöhne, ist das „Stardarsein“, das man hier lebt. Denn Jeder möchte mir die Hand geben, mit mir ein Foto machen, mit mir Zeit verbringen… das fängt schon bei Grundschulkindern an, die reihenweise auf mich zurennen. Heiratsanträge kommen wie ich bereits vorgewarnt wurde, auch nicht zu kurz. Das Alter der Werber reicht dabei von 15-70 sodass ich eine breite Auswahl habe. Mit dem Hinweis nicht vor meinem 30. Lebensjahr heiraten zu wollen, schaffe ich es jedoch elegant, alle Werber abzulehnen.

Aufdringlich wird kaum Jemand. An einem Abend, an dem ich in einer der viel zu lauten Diskotheken mit einer Freundin zusammen tanzen gehe, stoßen auf der anfänglich leeren Tanzfläche immer mehr Männer hinzu, die sich natürlich niemand anderen als mich als Tanzpartnerin herausgesucht haben, sodass sie sich gegenseitig sogar darum streiten, wer nun das nächte Lied mit mir tanzen darf. Aber auch mit dieser Situation kann ich problemlos umgehen und es wird zu keinem Zeitpunkt kritisch.


Vor Diebstahl muss man sich hier nicht fürchten – fast noch weniger als in deutschen Großstädten. Schließlich sind in Burkina Faso die Türen überall so weit offen und man kennt sich so gut, dass ein Diebstahl nicht lange vertuscht werden könnte– und dann droht dem Verantwortlichen natürlich einiges. Schließlich möchte man nicht die Weißen, die immer so schön viel Geld mitbrigen, verkraulen.
Eine weitere gute Eigenschaft am „Weißsein“: man kann so viele Menschen durch seine bloße Anwesenheit glücklich machen. Manchmal muss es noch nicht einmal ein Handschlag sein, damit sich die Menschen geehrt fühlen, sondern es reicht ein Foto mit mir, oder nur das Betreten eines Klassenzimmers und schon sind die Schüler für gefühlt mindestens eine Woche lang happy. So einfach habe ich noch nie Jemandem einen Gefallen getan.

Kleidung

Das Klacken der Nähmaschine dringt an mein Ohr. Aisha sitzt an ihrem Arbeitsplatz und führt die letzten Ausbesserungen meiner georderten Kleidungsstücke durch. Denn wenn man schon einmal in Burkina Faso ist sollten neben Erdnüssen, Couscous, Sesam und afrikanischem Schmuck auch originäre Kleidungsstücke im Koffer nicht fehlen. Hier geht man – zumindest nach traditioneller Art – nicht in den Laden und probiert reihenweise Oberteile und Hosen an, sondern besucht den alle drei Tage stattfindenden großen Markt, um dort Stoffe zu erwerben.

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Ausgestattet mit den bunten und gemusterten Stücken wird dann der Weg zur Schneiderwerkstatt angetreten, in der feinsäuberlich Maß genommen und das gewünschte Modell besprochen wird. Einige Tage später ist dieses dann für die Anprobe bereit – einige letzte Änderungen und Anpassungen werden vorgenommen und fertig ist das original afrikanische Outfit, das dafür sorgt, dass man auch nach seiner Rückkehr nach Europa, diese schöne Zeit in einem so fremden und doch so heimeligen Land niemals vergessen wird.

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Möchte man kein bestimmtes Modell, oder seine westliche Lieblingshose in einem besonderen afrikanischen Muster, dann kann man sich auch einfach einen oftmals handgewebten Stoff kaufen und sich diesen in einer bestimmten Wickelungstechnik um die Hüften befestigen – alleine dann geht man bereits als „Weiße Afrikanerin“ durch und wird noch begeisterter angesprochen. Möchte man sich ein bisschen „uneuropäisch gegen die prallende Sonne schützen, ist auch ein afrikanisches (Achtung: Unterschied zum muslimischen) Kopftuch sehr geeignet. Trittst du mit diesem zusammen an eine Afrikanerin mit der Bitte heran, dir zu zeigen, wie man es befestigt, so wird dir von jeder Frau zwar eine andere Technik gezeigt, aber schön und stabil sind sie alle und du vermeidest ganz unauffällig eine unangenehme rote Kopfhaut.

Weitere Beispielfotos in Afrika gefertigter Kleidungsstücke findest du hier.

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Ouagadougou und letzter Tag

Zurück geht es mit einem vollkommen überladenen Bus, der mich eher an einen Flüchtlingstransporter als einen „Fernbus“ erinnert. Fünfeinhalb stunden sitze ich zusammengequetscht mit meinem Handgepäck an der Frontscheibe und lasse die stickige Luft auf mich wirken. Es dauert nicht lange und meine Kleidung ist vollkommen verschwitzt. In dieser Situation ist es wirklich unglaublich schwierig sich zu konzentrieren. Ich wechsle zwischen Aus-dem-Fenster-blicken, ein paar Fotos machen und Versuchen in dem noch kurz vor der Abschiedzeremonie geschenkt bekommenen französischen Buch zu lesen, doch weit komme ich damit nicht. Immer wieder verfalle ich aufgrund der Hitze und den holprigen Straßen in eine Art Sekundenschlaf. Ein Erlebnis ist es trotzdem. Immerhin muss man normalerweise beim Reisen nicht darum bangen, dass auch wirklich keiner der Koffer vom Busdach herunterpurzelt, oder einem die Klappe des Handschuhfaches bei der nächsten Bremsung entgegenfällt, was mir auf der Hinreise tatsächlich passiert ist. Schließlich erreiche ich aber heil den Bahnhof in Ouagadougou. Dort werde ich von einem befreundeten Einheimischen abgeholt, der mir nach einem Mittagessen noch ein wenig die Hauptstadt zeigt. Der Verkehr ist ebenso beeindruckend, wie beim ersten Mal, als ich nach der Landung Ouagadougou besucht hatte, und heute lerne ich noch dazu das nationale Museum mit einer Ausstellung über die Eisengewinnung Burkina Fasos und eine Maskenausstellung kennen.

Warum man sich an afrikanischen Flughäfen immer drei Stunden vor Abflugzeit einfinden sollte

Am Flughafen verfluche ich es, den Auftrag, für die Ladenburger allerlei Stoffe, Klamotten und Mitbringsel mitzubringen, angenommen zu haben, und habe Lust, den Hersteller meiner Kofferwaage zu verklagen, denn trotz häufiger Kontrollen im Voraus, wiegen meine Koffer insgesamt drei Kilo zu viel. Nach mehrmaligem Aus- und Umpacken schaffe ich es, mich von einem Sack Reis, einer Tüte afrikanischem Salz und einer Tüte Originalerdnüsse zu trennen und kann mich endlich in die Schlange anstellen, die mich eigentlich zu den Polizeibeamten zur Passkontrolle bringen soll. Eigentlich, denn eine halbe Stunde lang stehe ich auf ein- und demselben Fleck. Meine Arme sind aufgrund des ganzen Handgepäcks zu beladen, und um meinen Hals hängen zwei traditionelle Hüte, sodass ich es logistisch noch nicht einmal schaffe, etwas zu lesen, um jederzeit bereit zu sein, doch ein Stückchen in der Schlange voranzukommen. Ich schaue also dem Zeiger der Uhr an der Wand gegenüber dabei zu, wie er ununterbrochen weiterwandert, und rechne jede Minute meine noch verbleibende Zeit bis zum Flugstart aus. Irgendwann höre ich meinen Flug in den Lautsprecherdurchsagen. Den nächsten Verantwortlichen von hier werde ich ansprechen. Den nächsten werde ich fragen. Die Minuten verstreichen, ohne dass irgendjemand erkenntlich dem Personal Zugehöriges in meine Sichtweite tritt. Langsam werde ich nervös. Einen Flug habe ich noch nie verpasst – naja, es muss ja schließlich immer ein erstes Mal geben. Endlich erblicke ich einen älteren Mann in orangener Weste, den ich anspreche. Inzwischen sind es noch dreißig Minuten bis zu meinem Flug – und ich muss nach der Pass- noch durch die Handgepäckkontrolle. Endet das Bording nicht immer schon 15 Minuten vor Abflug? Wenigstens hört er mir zu und verschwindet mit dem Versprechen, sich darum zu kümmern. Minute um Minute verstreicht. Er kehrt zurück, nur um mir mitzuteilen, dass ich in der Schlange bleiben solle – ich würde es noch schaffen. O.k. wenn er das sagt. Ich warte weiter. Die Schlange kommt gefühlt noch langsamer voran, als zuvor. Gegenüber wo direkt die Schlange der Handgepäckkontrolle beginnt, vernehme ich einige Worte die ebenfalls um den Flug nach Brüssel gehen. „Hauptsache der Flieger hebt nicht ohne uns ab!“ Aha. Da hat also jemand das gleiche Problem wie ich. Zehn Minuten später erblicke ich den Mann wieder. Ich deute auf die Uhr. Inzwischen ist eine weitere Durchsage zum dringenden Boarding meines Fluges durchgegangen. Endlich führt er mich an den anderen Wartenden vorbei auf direktem Weg zum Poizeischalter, sodass mein Pass kontrolliert wird. Er wartet, nimmt mich danach wieder mit sich und führt mich so an der noch einmal doppelt so langen Handgepäckkontrollschlange vorbei. Nun stehen nur noch vier Personen vor mir. Mein Flug startet planmäßig in sieben Minuten.

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Als ich mich im Flugzeug in den Sitz fallen lasse, fühle ich mich erleichtert. Gleichzeitig habe ich den Eindruck noch nie so viel Zeit verschwendet zu haben, wie gerade eben. Fast zwei Stunden vor regulärer Flugzeit stand ich am Flughafen – und was bitte habe ich in den vergangenen zwei Stunden erreicht? Koffer umpacken und in der Schlange stehen, mein kleines Taschenmesser bei der Kontrolle verlieren, dabei hatte ich es ganz bewusst in meine kleine Bauchtasche getan und extra sofort zur Kontrolle herausgelegt – denn die Messerlänge von 2,5cm stellte bisher noch nie, selbst beim Hinflug ein Problem da. Naja, aber so lange ich meinen Flug noch erwischt habe, war mir das in diesem Moment egal.

„Ich habe gerade überlegt, ob Sie ein Mädchen oder eine Dame sind“. Die letzte Person, die meinen Pass zum inzwischen fünften Mal kontrolliert, ist ein junger Mann, der mir freundlich zulächelnd meine Dokumente zurückgibt, bevor ich in den Transportbus zur Maschine einsteige. „Gerade so 18. Gerade so eine Dame“ antworte ich auf Französisch, bevor ich die letzte Etappe auf dem Weg nach Europa antrete.
Inzwischen ist es zwanzig Minuten nach regulärer Flugzeit – Grund, der durchgesagt wird: angeblich ein verspätetes Eintreffen der Maschine. Mir erscheint jedoch die Tatsache, dass die Angestellen in Ouagadougou schlichtweg das Einchecken samt Boarding aller Passagiere nicht in einer akzeptablen Zeit geschafft haben, als plausibler. Wenigstens war ich nicht die Letzte die in die Maschine eingestiegen ist, sondern es kamen mindestens noch zwanzig Fluggäste nach mir. Und: Hauptsache ich sitze und befinde mich auf dem Weg zurück nach Europa.

Rückkehr

Nach den anfänglichen Problemen am burkinischen Flughafen verläuft wenigstens die restliche Reise nahezu reibungslos. In Brüssel gelange ich direkt an mein Umsteigegate, und der Flug nach Frankfurt am Morgen in die aufgehende Sonne samt obligatorischem Tomatensaft ist wunderschön.

Auf dem Flughafen in Frankfurt wartet schließlich die letzte logistische Herausforderung auf mich: 62kg (2*23,5kg+15kg Handgepäck (das habe ich noch so durchmogeln können)) wollen von einem gerade so zwei Drittel davon wiegenden Menschlein namens Lilith transportiert werden. Ich entscheide mich letztendlich für die Rückwärtsvariante: Der rechte Arm ist zum Ziehen des schwarzen Schalenkoffers nach unten geneigt, der linke balanciert meine Handgepäcktasche samt blauem aufrechtem Koffer. So komme ich tatsächlich erstaunlich zügig voran, Pausen einlegen, lässt sich aber wirklich nicht vermeiden, sodass ich doch nicht gerade unglücklich darüber bin, mein Zuggleis recht schnell zu finden. Erneut komplett verschwitzt muss ich nun auf meinen Zug warten.

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Gegen Mittag komme ich zu Hause an und weiß schon jetzt: nächste Woche werden mich Schnupfen und Halsschmerzen heimsuchen – das ist garantiert. Beim Umsteigen musste ich in Mainz noch einmal über eine Stunde lang warten – in verschwitzten Klamotten bei einer für meinen Körper inzwischen vollkommen ungewohnte Temperatur von 0 °C. Nur das Dach über dem Gleis schützt mich vor dem ekelhaften Schneehagelniederschlag, der mich bereits beim Ausstieg aus dem Flugzeug in die Stimmung versetzte, einfach den nächsten Flieger zurück nach Afrika zu nehmen.
Als meine Bewegungshitze nach zehn Minuten verflogen ist, wird es wirklich frisch. Und frischer. Und kälter. Sodass ich irgendwann einen großen Stoff aus dem Koffer hole und mich darin einwickle. Auf der Bank in einer Warmhalteposition lesend versuche ich also die Temperaturen zu ignorieren, was mir nicht ganz gelingt. Als ich es nicht mehr aushalte, ziehe ich mich bis aufs Top aus, rubbe mich einmal von oben nach unten ab, um auch die letzten Schweißtropfen, die inzwischen gefühlt zu Eis erstarrt sind, von meinem Körper zu reiben und kleide mich in fünf lagige schwitzfreie Kleidung. Hilft wenigstens ein bisschen, was mich aber nicht davon abhält, froh zu sein, als mein Zug – zu allem Überfluss auch noch um zehn Minuten verspätet – endlich in Mainz eintrifft.
Nun heißt es: 20 Tage lang auf deutschem Boden, bis es weiter nach China geht!!!

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Ein Kommentar zu „Motorradspuren im Sand – meine Erlebnisse während einem Monat Burkina Faso

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