Ob U-Bahn oder Flughafen – beobachtet fühlt man sich als Europäer in China garantiert überall

Ich möchte gerade meine Trinkflasche nehmen und mich auf den Weg in den Umkleideraum begeben, da versammeln sich auf einmal alle Teilnehmer in der Mitte des Raumes und der Trainer zückt ein Smartphone. Selfie-time. Natürlich darf ich nicht fehlen – und ich vermute insgeheim, dass nicht nach jedem Training ein Foto gemacht wird. Aber festhalten, dass man die „Ehre“ hatte, eine Deutsche zu unterrichten, oder neben ihr auf einer Matte liegend Bauchmuskelübungen zu machen, müssen sowohl Mittrainierende wie auch der junge Mann, der heute durchs Kampffitnessprogramm und das Gewichthebetraining geführt hat, festhalten. Dies stellt keine Ausnahmesituation da. Die Masseurinnen freuen sich einen Tag später ebenso über ein Foto mit mir wie der Verantwortliche, der mich vor eineinhalb Wochen durchs Fitnessstudio geführt hat.
Tatsächlich kommen Chinesen noch auf ganz andere Ideen, von dir ein Foto zu schießen. Während die Mutigen unter ihnen dich ganz einfach direkt ansprechen und sich mit dir ablichten lassen, machen einige heimlich Bilder. Sehr beliebt ist dabei z.B. die „Panoramaaufnahme“. So bemerke ich z.B. wie ein mir gegenübersitzender Mann am Flughafen, als ich mich auf dem Weg nach Moskau befinde, einen Kameraschwenk mit seinem Handy durchführt – nur damit ich natürlich in der Mitte davon zu sehen bin. Kurz zuvor war bereits eine deutlich mutigere Frau auf mich zugekommen, die mich lächelnd kurz in chinesischer Sprache angeredet hat, bevor sie sich auf den Sitz neben mir gesellte und einige Selfies schoss.
Dass man sogar am Flughafen zur Attraktion wird, hätte ich wirklich nicht gedacht – schließlich ist dies der Ort, an dem alle möglichen Menschen aus aller Welt aufeinandertreffen. Aber selbst die Angestellte der Fluggesellschaft, die mir meinen Bordingpass aushändigt scheint besonders angetan von mir als Abwechslung in der Schlange, die ansonsten rein aus asiatischen Reisenden besteht.
Es ist lange nicht so extrem, wie in Afrika. Während ich in Afrika nicht eine Minute ruhig auf der Straße verbringen konnte, ohne dass mir laut zugerufen oder ich von hunderten Kindern umgerannt wurde, läuft das “Interesse an der Europäerin“ hier deutlich dezenter ab. Vielleicht sind die Menschen einfach schüchterner als die Burkinabé, vielleicht merken sie schlichtweg, dass die gemeinsame Sprache als Kommunikationsmittel fehlt, während man sich in Burkina Faso mit mir auf Französisch unterhalten konnte. In Garango wussten auch ziemlich schnell alle Einwohner von meine Anwesenheit bescheid. Dies änderte jedoch nichts an der Begeisterung, denn auch nach drei Wochen und 30 „Ca va?“-Austauschen ließ die Faszination an der “Weißen“ nicht nach. In Chongqing wird es angesichts der vielen Einwohner eine Weile dauern, bis ich von allen, auch nur in diesem Distrikt lebenden Einwohnern gesichtet worden bin.
Hier in China in jedem Fall, zupfen die Kinder ihre Eltern am T-Shirt und zeigen auf mich, oder winken mir aus einiger Entfernung zu, anstatt mich direkt umzurennen und meine Haut zu betouchen. Erwachsene, wie z.B. die Eltern, denen ich beim Abholen der Mädchen auf dem Schulhof begegne, blicken mich eher verstohlen an, als mich anzusprechen. Einige jedoch versuchen es auf Chinesisch, bis sie im zweiten Satz feststellen müssen, dass meine Mandarinkenntnisse für eine ausführlichere Unterhaltung nicht ausreichen, weshalb die Konversation dann in einem netten Lächeln beendet wird. Einige Kinder jedoch rennen ab und an auf mich zu und reden in Mandarin auf mich ein, bevor sie begeistert in die Arme ihrer Mutter hüpfen und ihr erzählen, sich mit einer Deutschen unterhalten zu haben.
Viele der Elternteile und Großeltern sprechen auch meine Gastschwestern direkt auf mich an, fragen woher ich komme und was ich hier mache. Sobald sie selbst ein wenig Englisch sprechen können, versuchen sie sich auch direkt mit mir zu unterhalten. Beispielsweise entsteht zwischen einem Vater, der sich in der großen Menge seinen Weg zu mir durchgekämpft hat, und mir an einem Nachmittag beim Warten ein kurzes Gespräch auf Englisch, in dem ich ihm erkläre, was ich in China arbeite. Auch im Chor trifft man vereinzelt englischsprechende Elternteile. Dass die Sprache aber nicht immer ein Kommunikationshindernis sein muss, könnt ihr anhand meine Erfahrungen am Flughafen in Wuhan nachlesen. Dort verbrachte ich eine halbe Stunde mit vier chinesischen Jugendlichen.
Die einzigen beiden Deutschen, die ich bisher in Chongqing kennengelernt habe, stören sich an diesem „Ausländerinteresse“. Vielleicht haben sie es satt, denn sie befinden sich bereits seit August letzten Jahres in China, vielleicht aber bin auch ich schlichtweg durch meine Zeit in Afrika abgehärtet – denn dort war das Interesse an Weißen wie gesagt noch einen Ticken offensichtlicher.
Dennoch wollen auch hier in China wildfremde Menschen meine Handynummer, oder meine WeChat Kontaktdaten. So z.B. zwei Universitätsfreunden meines Gastvaters, die an einem Samstagvormittag bei uns zu Besuch sind. Da Lily mit den Kindern unterwegs ist, müssen wir uns mit Bruchstücken Englisch und Chinesisch unterhalten. Dies aber ändert nichts daran, dass die beiden nach meiner WeCHat ID verlangen. Nun ja, mir macht es nichts aus, auch wenn ich nicht wirklich weiß, was ich mit den beiden neueingespeicherten Kontakten nun anfangen soll. Aber wahrscheinlich ist es für sie toll, wenn sie, nach Hause zurückgekehrt, allen zeigen können, dass sich eine „Großäugige“ (da hier der Unterschied – helle und dunkle Haut – wie in Burkina Faso nicht so einfach gilt, bin ich immer ein wenig überfordert zu beschreiben, was genau denn jetzt an meinem Aussehen besonders ist) in ihrer Kontaktliste befindet. Dabei können die meisten Chinesen nicht zwischen Europäern und Amerikanern unterscheiden. Vereinzelt werde ich auch für eine Russin gehalten.
Lebt eine Europäerin in einer Familie ist es immerhin so auffällig, dass die Familie sich nicht selten den Neid der anderen einholt. So zähle ich nicht nur als große Schwester und Englischlehrerin, sondern auch als Statussymbol. Mehr dazu im Artikel Schöner, größer, reicher – Die chinesische Oberflächlichkeit und Angeberei
Interessant ist, dass auch die Dunkelhäutigen in China zur Attraktion werden. Wie im Artikel Ein Stück Afrika folgt mir nach China – Der Multikulti-Sprachkurs erzählt, studieren an meiner Universität zahlreiche Afrikaner aus frankophonen Ländern. Auch diese erzählen mir ab und an, von wie vielen Personen sie angesprochen und fotografiert werden. Laut einer der Mitarbeiterinnen von Starexchange haben die Chinesen jedoch vor dunkelhäutigen Personen häufig Angst. Angesichts der international ausgerichteten Universität und der Beobachtungen, die ich über die vergangenen Wochen hier bzgl. der Interaktion der internationalen Studierenden mit den Einheimischen gemacht habe, bin ich zuversichtlich, dass sich dies in den kommenden Generationen ändern wird und alle Personen ganz gleich welcher Nationalität, gleichermaßen akzeptiert werden. Witzig ist, dass ich als Europäerin auch wieder für die aus den afrikanischen Ländern Stammenden eine Besonderheit darstelle.
Insgesamt verstehe ich jedoch nicht wirklich, was mit diesen Nationen los ist. Ich würde ihnen ein fehlendes Selbstbewusstsein attestieren. Vielleicht liegt es daran, dass hier in Chongqing einfach recht wenige Ausländer leben und sich noch weniger Ausländer nach Garango verirren. Denn in Deutschland rennt niemand auf die andere Straßenseite, nur weil er dort einen Asiaten oder einen Menschen mit afrikanischer Herkunft entdeckt hat. Auch würden in Deutschland nicht alle Männer ihre Freundinnen verlassen, nur um eine Ausländerin zu heiraten – wie es in Afrika ausnahmslos jeder getan hätte, in dessen Hochzeitsangebot ich eingewilligt hätte. Ganz so extrem sind da die Chinesen wieder nicht. Viele würden sich geehrt fühlen, hätten sie eine deutsche Freundin – wenn sie sich jedoch schon in einer Beziehung befinden, würden sie diese nicht dafür auflösen.
Manchmal bin ich auch recht froh darüber, als Deutsche klar erkennbar zu sein. Denn entgegen asiatischen Ausländern, die sich in China aufhalten, rechnen die meisten schon bevor ich den Mund öffne damit, dass ich kein Mandarin spreche. Als ich mich mit einer Koreanerin unterhalte, werde ich z.B. über ihr Problem informiert, dass sie immer jeder gleich für eine Einheimische hält und sie erst laut ausrufen muss, dass sie nicht aus China kommt und ihr Gegenüber vielleicht etwas langsamer mit ihr reden könnte.
Außerdem bleibt es nicht unbemerkt, dass man als Europäerin einige Vorzüge genießt. Als chinesische Tochter beispielsweise hätte ich niemals ein dreimonatiges kostenloses Fitnessabonnement erhalten – ebenso wäre mir die Essenstüte am Flughafen nicht von wildfremden Personen gekauft worden, wenn ich chinesische Wurzeln hätte (LINK). Auch im Tai Chi und Taekwondo hätte ich bei meinen Probestunden in keinem Fall eine solche individuelle Aufmerksamkeit erhalten.
Auch an U-Bahn-Stationen schafft man es nicht, in der Masse unterzugehen
Ich blicke etwas unsicher auf den Plan neben dem Exit C Schild. Muss ich an diesem Ausgang hinaus? Ich versuche einfach mein Glück. Gerade als ich loslaufen möchte, spricht mich auf einmal ein Mann an, der rechts an mir vorbeiläuft. Während des Loslaufens in Richtung Ausgang C kann ich ihm nach einigem chinesischen Auf-mich-einredens seinerseits immerhin zum Verständnis geben, aus Deutschland zu kommen und er äußert sein Kompliment „piaoliang“ was übersetzt „beautiful“ bedeutet. Das werde ich hier noch häufiger von fremden Personen hören werden. So zeigen sich z.B. die beiden Freundinnen meiner Gastmutter besonders von meinen schönen blauen Augen beeindruckt, als diese eines Nachmittags zum Brotbackenlernen in die Wohnung kommen. Auch die Masseurinnen können vor ihrem Abschied gar nicht häufig genug betonen, wie hübsch ich denn sei.
Doch nicht nur am Bahnsteig in vollem Betrieb geht man nicht unter. Selbst in einer überfüllten U-Bahn, in der man kaum noch weiter als die sich direkt an einen gedrückt stehenden Personen hinwegblicken kann, erhalte ich immer noch Fingerzeige.
Was wird das wohl für eine Umgewöhnung sein, wenn ich nach Deutschland zurückkehre und dort auf einmal kein Blickemagnet mehr bin?

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