Pandanachwuchs, Maskenshows – und ein großes Erdbeben – drei Tage in Chengdu I

Das schwarz-weiße, flauschige, kugelförmige Etwas auf dem Bildschirm stellt sich nach wenigen Sekunden als zwei ineinander verschlungene Pandabären heraus. Sie sind gerade dabei, an der Wasserstelle ihres Geheges miteinander zu spielen. Während dies eine der Lieblingsbeschäftigungen von Jungtieren ist, gelten die Erwachsenen braun-weißen kuscheltierähnlichen Geschöpfe eher als Einzelgänger, wie gerade die Stimme des Sprechers erläutert. Es folgen weitere Szenen, die zeigen, wie die Pandas hier aufgezogen werden. Denn in der Wildnis kümmert sich die Mutter nach der Geburt der nackten und blinden Winzlinge stets nur um den stärkeren Nachwuchs. Das andere Baby stirbt kurze Zeit später. Wenn also das Glück einer Zwillingsgeburt gegeben ist, werden die Mitarbeiter aktiv. In speziellen Aufzuchtkästen und mit einer besonderen Milch werden die Tiere zu gesunden erwachsenen Pandabären aufgezogen. Doch was bedeutet „hier“? Ich befinde mich gerade im „Pandakino“ im großen Pandareservat in Chengdu. Jeder, der sich ein bisschen mit Chinas Touristenattraktionen auseinandergesetzt hat, wird mit der Stadt Chengdu nicht nur die lange Geschichte, sondern sofort auch das chinesische Nationaltier in Verbindung bringen. Hier in dem „Pandazoo“ werden einigen Tieren der vom Aussterben bedrohten Spezies ein zu Hause gegeben, in dem sie sicher fühlen können. Eine der Hauptaufgaben der Mitarbeiter: sich um die Fortpflanzung der Tiere kümmern. Die Weibchen sind jedes Jahr nur eine kurze Zeit lang empfänglich und selbst in dieser Zeit zeigen sich die Pandas nicht gerade geschlechtsverkehrsbegeistert. Dies ist keine zu unterschätzende Schwierigkeit, wenn es darum geht, die Pandas vorm Aussterben zu bewahren.

mmexport1529711907560
Ich aber erfreue mich an dem ersten Tag in Chengdu an den Erfolgen, die in diesem Reservat erzielt wurden. Über 130 Tiere weist der Zoo heute auf. Nach der langen Autofahrt an diesem Morgen, die ich spielend, englischlesend und vokabelabfragend mit meiner Gastschwester verbracht habe, tut es nun unheimlich gut, auf dem großen Gelände umherzuspazieren. Neben den Fotoausstellungen, einem Erlebnismuseum und dem bereits erwähnten Pandakino stellen die lebenden Bären natürlich die Hauptattraktion dar. In den weitläufigen Gehegen haben sie es wirklich gut und trotz des weiten Auslaufs kann ich als eine der Besucher einige Pandas erspähen. Viele von ihnen liegen um den späten Vormittag auf Astgabelungen und ruhen sich aus. Einen Panda kann ich beim genüsslichen Bambusverzehr beobachten – und damit habe ich eigentlich auch schon alles Wichtige von Pandas gesehen. Denn Schlafen und Essen stellen die Hauptbeschäftigung des Pandalebens dar. Witzige Situationen und spielerische Interaktionen der Jungbären eröffnen sich mir leider nur auf den Bildschirmen. Umso mehr freue ich mich jedoch als ich einen roten Pandabären durchs Dickicht schleichen sehe und einen anderen in einer sehr witzigen Schlafposition hoch oben auf einem Baum entdecke. Auch einige der nackten Babywinzlinge lassen sich durch eine Glasscheibe beobachten.
Für Tierliebhaber insgesamt in jedem Fall einen Halbtagesausflug wert.
mmexport1529711907522.jpg
Chongqing Snacks und Handelsausstellung
Die „Alte Chengdu“ Straße ist in jedem Reiseführer Chinas aufgeführt – und dementsprechend überfüllt ist sie auch. Hinter meiner Gastfamilie her bahne ich mir meinen Weg durch die Menschenmassen. Doch die vielen Touristen stören mich nicht. Vielmehr finde ich es interessant zu sehen, was sie alles in ihren Händen tragen. Meist handelt es sich dabei um Essen. Becher die unten einen Softdrink enthalten und oben mit Eis und Obst ausgestattet sind, werden von gefühlt jedem Zweiten, der mir entgegenkommt, gelöffelt, daneben finden sich kugelförmige Teigtaschen auf Holzstäben sowie fürs Trinken zubereitete Kokosnüsse. Die Architektur der rechts und links an der Straße liegenden Geschäfte ist mindestens genauso interessant wie die Vielfalt an Snacks. Meine Gastfamilie nimmt schließlich in einem der für Chengdu ebenfalls berühmten Teehäuser Platz, damit meine Gastschwester einige ihrer vielen Hausaufgaben übers verlängerte Wochenende erledigen kann. Ich darf alleine noch ein wenig weiter flanieren und staunen. Ich erblicke einen goldenen Riesendrachen und eine Bilderausstellung, betrete spaßeshalber eine „französische Bäckerei“ um die dortigen Croissants in pinker und grüner Farbe zu bestaunen und versuche mir vorzustellen, wie die chinesische Variante einer Brioche wohl schmecken könnte. Schlussendlich entdecke ich zudem eine Ausstellung über internationalen Handel von Kleidung und Tee, in der ich von Teeanbaugebieten, der Entstehung des britischen Nachmittagstees ebenso etwas erfahre wie von Färbetechniken und Baumwollanbau. Wirklich kunstvoll welche Produkte dort ausgestellt sind.

IMG_20180616_171641

Auch Paulander Weissbier (für alle Deutschen, die sich hier zu fremd fühlen) fehlt in den kleinen Gassen des „Alten Chengdu“ nicht.
Besonders witzig sind die überall herumsitzenden Ohrenreiniger. Es ist eine Art Massage sich von diesen die Ohreninnenhöhlen bearbeiten zu lassen. Fast hätte ich mich auch auf einen der Stühle gesetzt und für die Behandlung bezahlt, aber meine Gastschwester verspricht mir, dass ihre Mutter das auch könne. Ohrenputzen ist nun also fest auf meiner To Do Liste sobald wir zurück in Chongqing sind.
Besonders amüsant ist das Verhalten meiner wirklich keine Scham kennenden Gastschwester. Sie ist super offen und mutig und traut sich, jeden anzusprechen. So kommt es nicht selten vor, dass sie mich von einem Stand zum anderen quer über die Straße zieht, weil sie dort irgendetwas Interessantes entdeckt hat. Von vorneherein ist klar, dass sie nichts kauft, dennoch betrachtet sie die angebotenen Waren ausführlich und spart mit netten Komplimenten wie „Oh wie schön!“ genauso wenig wie mit eher negativen Bemerkungen in die Richtung „Wie teuer!“
Der Abend wird mit einem leckeren Chengduer Abendessen samt mit von Teig umwickelten Lotuswurzelstücken und leckeren Bambussprossen – schließlich müssen wir nach dem Beobachten der bambusliebenden Pandas auch mal selbst von dieser Pflanze kosten – abgeschlossen und wir beziehen unser Hotel. Dieses stellt sich als eine Art Ferienwohnung in einem Riesenhochhaus heraus. Der Ausblick aus dem 29. Stock über die Stadt direkt am zentralen Platz von Chengdu ist unschlagbar.
Eine weitere heute gewonnene Kenntnis: selbst in Chengdu, das doch noch ein Stück weit touristischer ist, als Chongqing gelten Ausländer als Attraktion. In den Museumsbesuchen der nächsten Tage fühle ich mich manchmal als würde ich in Sekundenschnelle vom Besucher zur Attraktion an sich mutieren und zwei Mal werde ich jeweils von jungen Chinesinnen danach gefragt, ob sie ein Foto mit mir schießen dürfen. Nach dem Austausch der gewöhnlichen Komplimente erkläre ich mich stets bereit dazu – warum denn nicht einer Chinesin eine kleine Freude bereiten.

Politische Werbung im Erdbebengebiet
Wie ich das chinesische Empfinden von Pünktlichkeit inzwischen gewohnt bin, beginnt auch der heutige Tag mit einem um eine halbe Stunde verspäteten Frühstück. Das Frühstück von Chengdu unterscheidet sich nicht von dem aus Chongqing und doch wird mir heute etwas aufgetischt, das ich in Chongqing noch nie um diese frühe Uhrzeit verzehrt habe. Stattdessen laufe ich jeden Morgen auf dem Weg zur Uni an Menschen vorbei, die am Straßenrand genau das genüsslich in sich hineinschlürfen: Nudeln. Mit Sojabohnen und Gemüse in einer nicht zu stark gewürzten Suppe schmeckt es wirklich nicht schlecht.
Gestärkt geht es dann auf eine Autofahrt, die sich als länger herausstellt als ich vermutet hatte. Durch die „Carsickness“ meiner Gastschwester muss ich mir immer wieder neue Spiele einfallen lassen, um sie von ihrer Übelkeit abzulenken – doch dann sind wir endlich dar. Unsere Destination des heutigen Vormittags: Wenchuan ein Dorf das leider nicht durch etwas Gutes weltweit berühmt wurde, sondern durch eine Naturkatastrophe: ein Erdbeben mit fast 70 000 Toten erregte 2008 internationale Aufmerksamkeit und die Bevölkerung vor Ort erhielt nicht nur aus Beijing Unterstützung.
Der Ort ist inzwischen zum Teil wieder sehr nett aufgebaut. Doch auch das Gedenken an die Katastrophe nimmt eine wichtige Rolle ein. So ist z.B. das Schulgelände der Xuankou Mittelschule noch erhalten und man kann an den umgestürzten Schulgebäuden, gekippten Toiletten und schräg stehenden Treppenaufgängen das Ausmaß des Erdbebens abschätzen.
„Ich will nicht aufstehen!“ Meine Gastschwester klammert sich noch vor das Spektakel begonnen hat an meinem Arm fest. Wenige Sekunden darauf geht ein dumpfes Grollen los und der Bildschirm uns gegenüber wird mit einem Film bespielt. Nach einigen Szenen, die die Stadt vor dem Erdbebenereignis zeigen, beginnt auch unser Raum zu wackeln. Das Wackeln wird umso stärker je zerstörter die Straßen, Landschaften und Gebäude werden, die auf dem Bildschirm zu sehen sind. Als schließlich das Gemälde an der Wand links des Sofas, auf dem wir Platz genommen haben, schräg nach unten kippt, möchte ich es doch versuchen, einmal aufzustehen. Schließlich hat der uns einweisende Mitarbeiter ausdrücklich gesagt, dass es dann interessanter ist. Auch meine Gastschwester traut sich nach einer Weile kurz ihr Gewicht auf ihre Füße zu verlagern. Tatsächlich erleben wir in der Simulation „lediglich“ ein Erdbeben der Stärke 6. Das zerstörerische Beben von 2008 erreichte die Stärke 8. Wirklich unfassbar, wenn einem das passiert.
Für den Besuch der Gräben der Opfer sowie einer Ausstellung über die Entstehung von Erdbeben im Allgemeinen und detaillierteren Informationen zu dem Ereignis 2008 steigen wir einige von tibetischen bunten Flaggen behängte Stufen hinauf. Etwas erschreckend finde ich die Texte am Ein- und Ausgang des Museums.


Beide Male preist sich die kommunistische Regierung für Ihre Meisterleistung beim Wiederaufbau des Dorfes – und lässt vollkommen unerwähnt wie viele Helfer von Ärzten bis hin zu Bergungskräften aus anderen Ländern bei all der Arbeit mitgeholfen haben. Stattdessen wird der Kommunismus als überlegenes und sich in dieser Situation bewiesenes System gepriesen und China wird als die stärkste und grandioseste Macht der Welt dargestellt.

IMG_20180617_155510.jpg

World Heritage DUJIANGYAN

„Das Wasser hier führt ins Zentrum Chengdus!“ Ich blicke auf eine Schlucht durchströmt von zum Raften fast zu gefährlichen Wasserströmungen. Der Eingang zu dieser „Wasserstraße“ die gebaut wurde, damit die Einwohner Chengdus weder verdursten noch durch Mangel an Waschmöglichkeiten an Gestank sterben müssen, ist über eine wackelige und überfüllte Hängebrücke erreichbar. Um diese zu erreichen geht es vom Besucherparkplatz aus durch einen nett angelegten Park mit Statuen der Erbauer hindurch. Am Ende des Hauptspazierweges wartet ein großer Tempel auf die interessierten Besucher, von dem aus sich bereits ein schöner Ausblick auf die Schluchtlandschaft bietet.
Verwirrende Handlungsabfolgen im Theater – der Besuch einer traditionellen Maskenshow

Es ist wirklich witzig. Der Mann auf der Bühne muss mit einer Öllampe auf dem Kopf in Spagatposition durch zwei niedrige Bänke hindurchrobben. Seine energische Frau hat ihn auf dem öffentlichen Marktplatz, wie sich durch die Kulisse und die Kleidung der anwesenden Schauspieler erkennen lässt, mit dieser Aufgabe in die Zwickmühle zwischen sein Leben riskieren oder sich lächerlich machen, gezwungen. Der Mann ist ein Geschichtenerzähler, der ein wenig durch das Programm des heutigen Abends führt. Doch so wirklich ein festes Programm mit einem leicht zu verfolgenden Handlungsstrang bietet sich auf der Bühne nicht. Trotz der englischen Übersetzungen einiger Sprachpassagen und Gesangstexte, bleibt man als Besucher in dem wirklich kleinen Zuschauerraum, etwas verwirrt zurück. Die wenigen Sitzplätze wundern mich besonders aufgrund der Information, dass es sich hierbei um das berühmteste Maskentheater Chengdus handeln soll.
Drei Brüder, die sich zusammenschließen und gegen den Machthaber kämpfen, ein erfolgreicher Tänzer in der Ausbildung, der sich verliebt und schließlich von einem von außen kommenden Mächtigen verbrannt wird und dabei sein Gesicht verliert, zwischendurch immer wieder ein paar lustige Szenen und Ankündigungen einer Dame, die den Titel des nächsten Akts nennt. Ganz leicht zu verstehen ist der „rote Faden“ da nicht. Den Höhepunkt der Abendveranstaltung stellt die Maskenshow dar. Mehrere Personen in schönen Gewändern treten auf die Bühne und ändern während einer Art Tanz immer wieder ruckartig ihre Gesichtsbedeckungen. Magisch wirkt das auf die begeisterten Zuschauer. Besonders als eine Person nicht nur sein eigenes Gesicht verändert, sondern auch fünf große Gesichter, die er auf seinem Rücken mit sich trägt. Beeindruckend ist zudem eine Stabpuppe, die gekonnt auf der Bühne herumgeführt wird. Auch sie kann die Maske ihres Gesichts verändern und sogar Feuer spucken.
Insgesamt eine interessante kulturelle Erfahrung. Zum wöchentlichen Chengdu-Aufführungs-Besucher würde ich nun aber trotzdem nicht direkt werden.

Geschichte und Essen Chengdus
Und schon bricht der letzte Tag meines Chengduaufenthaltes an. Es ist Montag, Dragon-Boat-Festival und daher müssen neben den Nudelresten natürlich symbolisch zongzi auf dem Frühstückstisch stehen. Heute ist die Anreise zu unserem ersten Programmpunkt deutlich kürzer, denn wir müssen nur einmal über den Platz vor unserem Hotel, auf dem eine große Mao Statue drohnt. Dort wartet das riesige Geschichtsmuseum auf uns. In vier Stockwerken verfolge ich die Geschichte Chengdus. Von den ersten Siedlern über wachsenden Reichtum bis hin zu periodischen Vernichtung der Stadt unter neuen Herrschern. Die Ausstellungsstücke sind gut gewählt und auch ohne Chinesischkenntnisse kann man Einiges mitnehmen. In jedem Fall einen Besuch wert.
Nach dem Betrachten zahlreicher antiker Fundstücke und Dörfernachbauten kann ich beim nächsten Stopp ganz andere Dinge betrachten, die in ihrer Vielfalt den Museumsstücken jedoch in nichts nachstehen – wir gehen auf die berühmte Snackstraße.

drache.JPG
Nein, ich versuche hier gerade nicht, einen Drachen nachzuspielen. Stattdessen handelt es sich bei diesen bunten Kugeln um einen besonders spaßigen Snack. Beim Draufbeißen sinkt die Kugel sofort in sich zusammen und es breitet sich eine unheimliche Kühle im Mundraum aus. Interessant, das mal getestet zu haben.
An dem ein oder anderen Stand kann ich dank der Verkostungsschälchen meine Geschmacksnerven noch auf Schärfe oder Sonderbarkeit testen, ansonsten wird vor allem geschaut und gestaunt
Und dann heißt es: Aufbrechen zur vierstündigen Rückfahrt nach Chongqing.
Rundum ein super verlängertes Wochenende !!

Advertisements

WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: