Regenschirmübersäte Schulhöfe – Mein erster Eindruck des chinesischen Schulsystems

SCHULE
Zunächst besteht ein riesiger Unterschied in der Art und Weise wie in China Schulen ausgewählt werden. Während die Wahl in Deutschland meist schlichtweg auf die am Wohnort nächste Schule fällt und man sich höchstens in der weiterführenden Bildungseinrichtung nach verschiedenen Wahlmöglichkeiten oder auch Lernkonzepten (z.B. Gesamtschulen/Waldorfschulen) entscheidet, wählt man hier in China – insofern man über ausreichend finanzielle Mittel verfügt – genau andersherum: Nämlich Wohnort je nachdem wo die Schule liegt. Sprich: meine Gastfamilie, sowie viele andere chinesische Familien ziehen extra um, sobald ihre Kinder ins schulfähige Alter kommen – manche sogar schon früher, um auch den „idealen“ Kindergarten besuchen zu können. Nicht selten muss man, damit das Kind eine bestimmte Schule (in diesem Fall oftmals privat) besuchen darf, eine gewisse Wohnung im Schuleinzugsgebiet erwerben – und das muss man sich erst einmal leisten können. Hinzu kommt eine Schulgebühr die pro Halbjahr zu zahlen ist, in der aber immerhin schon das Essen mit inbegriffen ist. Der Konkurrenzkampf beruht also im ersten Schritt direkt auf Finanzmitteln. Wer sich die „guten“ Schulen oder auch schon die „guten Kindergärten“ nicht leisten kann, kann seinen Nachwuchs eben nicht ausreichend fördern. Doch was ist das besondere an der Schule? Der Ruf. Eine viel ausführlichere Antwort auf meine Nachfrage kann mir meine Gastmutter auch nicht geben. Diese Schule ist einfach die bekannteste in der Umgebung. Es gäbe dort die besten Lehrer. Nun gut, glauben wir das Mal.
Spannend finde ich, dass auch auf dieser Schule die Klassen aus über 40 Schülern bestehen. An der angrenzenden High School sogar aus 60. Leider war ich bisher selbst noch nicht in einer Klasse, um den Unterricht mitzuverfolgen, aber immerhin bin ich dazu eingeladen worden, einen Vortrag zu halten. Das Thema steht zwar noch nicht ganz fest aber ganz sicher wird es irgendetwas über die westliche Kultur, Europa, oder die Art und Weise wie wir in Deutschland lernen. Ich werde also noch mehrmals einen Klassenraum von innen sehen und bin selbst auch super interessiert daran, wie eine Unterrichtsstunde im Vergleich zu Deutschland oder auch Burkina Faso von statten geht. Was die beiden Mädels bisher so erzählen, klingt es jedoch nach ähnlichem Unterricht wie in Deutschland. Aber ich werde es spätestens Mitte April mit eigenen Augen sehen und euch dann detaillierter darüber berichten können.

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Nun aber zurück zu etwas, das ich von außen tagtäglich miterlebe: Das Hinbringen und Abholen der Kinder. Während man in Deutschland stets kritisch betrachtet wird, wenn man die Kinder jeden Tag zum Schulgebäude geleitet und wieder abholt, werden die chinesischen Schüler bis zum Alter von 9-10 Jahren jeden Tag auf ihrem zehnminütigen Fußweg begleitet. Der Vater in der Familie läuft mit den beiden (während es für die Große alleine nicht mehr notwendig wäre) um 8 Uhr los und nachmittags hole ich die jüngere Schwester jeden Tag am Schultor ab. Man kann sich vorstellen, was sich da auf beiden Wegen für ein Gedränge ergibt. Besonders an Regentagen mit all den Schirmen ist es unglaublich, welche Massen an (Groß-)eltern samt Kind auf dem Hinweg zur Schule bzw. ohne Kind auf dem Rückweg nach Hause oder zur Arbeit zusammenstoßen.
Das Abholen wird für die Chinesen zu einem ganz besonderen Erlebnis. Um die entsprechenden Uhrzeiten – besonders großer Andrang um 15:50, etwas weniger nach den Nachmittagskursen, die um 17:30 enden – sammeln sich erneut Scharen an Erwachsenen, die ihre Schützlingen mit einer Essenssnacktüte in der Hand erwarten. Diese werden klassenweise von ihren Lehrkräften, die ein großes Schild mit der Klassenbezeichnung vor sich hertragen, in einer ordentlichen Reihe auf den Schulhof geführt und müssen sich dort noch einmal von der entsprechenden Lehrkraft verabschieden. Die Kinder stürmen anschließend auf ihre menschlichen Abholdienste zu und wenn das Kind-Eltern-Paar nicht sofort weiterläuft, wird es von einem Ordnungsmenschen der Schule zur Seite gescheucht, damit auch genug Platz für die nächste Klasse ist. Trotz meiner auffälligen Andersartigkeit zwischen all den Chinesen hat es meine Gastschwester schon einmal geschafft, mich in dem ganzen Gewusel zu übersehen – und das will etwas heißen.
Wann genau der Unterricht zu Ende und die Schüler abholbereit sind, steht auch nicht genau fest. Irgendetwas zwischen 15:45 und 16:20 nun ja. Ich habe daher schon über eine halbe Stunde auf dem Schulhof herumgestanden. Wenigstens kann ich die Zeit dort immer recht gut zum Lernen der neuen Chinesischvokabeln nutzen. Als Elternteil dient diese Wartezeit natürlich stets zum Austausch mit anderen wartenden Eltern.
Eine wirkliche Schuluniform gibt es am Bildungszentrum, das meine Host-Children besuchen nicht. Lediglich ein rotes Dreieckstuch, das man sich um den Hals binden muss. Nur montags ist „Uniformtag“ und es gehört sich, die einheitliche Jacke über die restliche individuell gestaltete Kleidung zu tragen.
Das Mittagessen erhalten die Kinder in der Schule. Fast jeden Tag gibt es Reis, manchmal aber auch Nudeln, was zumindest meine beiden Gastgeschwister besonders gerne mögen. Doch meistens schmeckt ihnen das Essen in der Schule nicht – behaupten sie zumindest. Vielleicht aber auch nur, um am Nachmittag noch einmal eine Portion mehr Süßigkeiten essen zu dürfen 😉
Alle Schüler bringen neben dem Schulranzen eine Lunch-box mit in die Schule. Es handelt sich dabei um eine kleine Zusatztasche, in der sich neben einer Wasserflasche und einigen Snacks, wie Obst, etwas Brot und kleinen Süßigkeiten, auch eine leere Tupperdose und ein eingepackter Löffel befinden. In die jüngeren Klassen kommt ein Essenswagen hineingefahren, der das Essen auf dieses selbstmitgebrachte Besteck verteilt, mit dem die Kinder dann essen. Sind sie fertig, packen sie ihre Utensilien zusammen und bringen sie zum Spülen wieder mit nach Hause. Die älteren Schüler gehen selbstständig zur Essensausgabe.
In der zweistündigen Mittagspause haben die Schüler neben dem Essen die Möglichkeit, zu spielen, oder sich mit ihren Freunden zu beschäftigen oder Aufgaben zu bearbeiten.
Der Unterricht dauert regulär bis 15:50. Ein Zusatzangebot verlängert den Schultag aber zwei Mal in der Woche bis um 17:30. An diesen beiden Tagen hat die Jüngere Flötenunterricht bzw. Orchesterprobe und die Ältere hat sich Tanzen ausgesucht. Auch Turnen oder Ballsportarten hätten anscheinend zur Wahl gestanden.
Noch dazu stecken viele Eltern ihre Kinder in Nachmittags- oder Zusatzkurse. Denn akademische Arbeit ist hier viel mehr wert als z.B. die Mitgliedschaft in einem Sportverein. Dazu aber in den kommenden Artikeln mehr.

 

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