Schief gesungen und trotzdem ein Zertifikat – Good-bye Universität im Rahmen der Graduation Ceremony

„Nehmt es ernst, bereitet euch gut vor. Seht es als eure letzte Prüfung an der Universität an“. Diese Nachricht schickt Changlaoshi (in China werden alle Lehrer mit Nachname+“laoshi“ benannt, was in Deutschland zu Konstrukten wie „Müllerlehrer, Schmidtlehrer…“ führen würde) der schriftlichen Aufforderung in WeChat noch betont hinterher, zur Generalprobe am Dienstagnachmittag pünktlich zu erscheinen. Nun ja – was Kasachstaner und Schüler aus Bangladesh unter pünktlich verstehen, erfahre ich um 15 Uhr. Dabei hatte ich gedacht, dass sie sich nur im Schulalltag so viel Zeit lassen würden und wenn es zu wichtigen Probeterminen kommt, wenigstens auf die Uhr schauen können. Mit diesen Gedanken lag ich wohl falsch. Ich als Deutsche fühle mich natürlich verpflichtet, keine Minute zu spät zu erscheinen – die anderen trudeln gegen 16 Uhr ein. Bis dahin schaue ich mir wenigstens schon einmal den Text des Liedes an, das wir in zwei Tagen auf der Bühne präsentieren werden. Durch meinen Xi’an Ausflug habe ich bislang noch keine einzige Probe mitbekommen, sodass meine Zusatzzeit zum Üben jetzt vielleicht gar nicht so schlecht ist. Doch so viel mehr Ahnung haben auch die anderen Schüler aus meiner Klasse nicht, mit denen ich dann endlich irgendwann vor dem Vorhang auf der Tribüne stehe. Es ist ein mittelgroßer Vorstellungsraum mit festen roten Sitzen und einer Holztribüne. Im vierten Stock eines Unterrichtsgebäudes – schon eine seltsame Ortswahl für einen solchen Präsentationssaal. Ich kann mich momentan jedoch überhaupt nicht darauf konzentrieren, wie der Zuschauerraum von der Tribüne aus aussieht, da ich damit überfordert bin, das neue Lied vom Blatt in meiner Hand abzusingen, gleichzeitig ein Mikrophon zu halten und dann noch beide Arme in die Luft zu strecken um bei der Choreographie nicht hinterherzuhängen. Letztere ist zugegebenermaßen nicht schwierig. Nur ein wenig von rechts nach links wippen – aber das eben mit den beiden neben mir stehenden Kommilitonen an den nach oben gestreckten Händen. Warum wurden dem Menschen auch nicht gleich vier Arme samt Hände verliehen?
Das Lied, das die Anderen ausgewählt haben, gefällt mir außerordentlich gut. Inhaltlich geht es um immerwährende Freundschaft und auch die Melodie ist recht nett. Die Umsetzung meiner Klasse hingegen lässt noch einiges zu wünschen übrig.
Die schlechte Probe hat ihr Nachspiel. Am Nachmittag wird in der WeChat Gruppe zu einer Alarmgeneralprobe am nächsten Tag aufgerufen. Ich muss arbeiten und kann daher ohnehin nicht teilnehmen. Und doch beschäftigt mich der morgige Auftritt. Zwar ist mir die Abschlusszeremonie im kleinen Rahmen der anderen Sprachstudierenden und einiger Lehrkräfte mit ein wenig Getanze und Gesinge nicht sonderlich wichtig, und ich weiß nach der Probe am Dienstag, bei der ich auch andere Klassen und Nummern mit halbem Auge verfolgt habe, dass wir uns ohnehin nicht blamieren können, aber dennoch habe ich mir mein eigenes ehrgeiziges Ziel gesetzt: Der Aufforderung meiner Lehrerin nachkommen und den Liedtext auswendig lernen. Bei Chinesischen Lyrics ist das gar nicht so einfach und so verbringe ich einen Teil des Mittwochs wenn auch nicht an der Universität, dafür aber in meinem Zimmer damit, mir in Dauerschleife das Lied „Pengyou“ (Freund) anzuhören oder mich selbst den Text abzufragen.
Die Zeremonie
So unorganisiert sich unsere Universität im gesamten Semester gezeigt hat, muss sie nun natürlich auch das Schuljahr beenden. Nicht nur gibt es zunächst drei unterschiedliche Termine und Uhrzeiten und wir erfahren erst am Mittwochabend, dass die Vorstellung nun endgültig am nächsten Morgen um 9:30 stattfinden wird, nein, natürlich hetze ich mit meiner Gastschwester zum Veranstaltungsort und bin doch wieder viel zu früh – ich hätte es ja eigtl. besser wissen müssen und mir Zeit lassen können. Aber die Chinesen sagen immer: wenn es um etwas Wichtiges geht, wie z.B. einen abfahrenden Zug oder ein wichtiges Arbeitstreffen, können selbst sie pünktlich sein. Das gilt wohl nicht für meine Uni, denn heute müssen wir ausnahmsweise nicht auf die anderen internationalen Studierenden warten, sondern auf die einheimischen Technikaufbauer sowie die organisierenden Lehrer. Dennoch ist die Wartezeit bis endlich die „Zeremonie“ eröffnet wird, nicht langweilig. Meine Gastschwester, die ohnehin für die Abwechslung vom Lernalltag am Schreibtisch dankbar ist, wird von allen Klassenkameraden begrüßt und als „keai“ also „cute“ bezeichnet. Aufgeweckt unterhält sie sich ausführlich mit einem meiner Lehrkräfte, als die Show einfach nicht starten will.
International – für chinesische Kinder eine Seltenheit.
„Die sind ja alle so schwarz!“ war wenige Minuten zuvor das erste, was sie mir zuflüsterte, als die Vorstellungshalle in unsere Sichtweite kam und sie die sich davor versammelten Schüler aus Togo und Benin erblickte. Nach einer Weile Plaudern mit Menschen aus Allerwelt dreht sie sich auf dem Stuhl zu mir und eröffnet mir erstaunt die Erkenntnis „Die sind ja alle nett!“ Einem Mitstudierenden aus Bangladesch hat sie es ganz besonders angetan. „Ich finde chinesische Kinder immer so niedlich. Sie sind die süßesten Kinder der Welt“ eröffnet er mir, woraufhin mein Lehrer danach fragt, was denn mit den ausgewachsenen Chinesen sei. Um eine Antwort drückt der Betroffene sich lieber, was zu allgemeinem Amüsement aller führt. Meine Gastschwester ist besonders davon begeistert, dass so viele Menschen mit ihr gemeinsam ein Foto machen wollen. Sie fühlt sich geehrt und verkündet sogar stolz „Ich habe auch eine eigene Handynummer!“ die sie aber schließlich an niemanden herausgibt. Dass an diesem Tag alle mit allen Fotos machen und kein Handy unbeknipst bleibt, ganz egal ob es sich nun um ein junges chinesisches Mädchen oder erwachsene Jungs aus Kasachstan handelt, fällt ihr dabei nicht auf.
FOTO – So sieht es aus, wenn man sich von einer 8-Jährigen die Auftrittsfrisur machen lässt – Vom Schminken habe ich sie noch knapp abhalten können – aber mit regenbogenfarbenen Augenlidern hatte ich nun doch nicht kommen wollen.
Start – ich hätte ja nicht geglaubt, dass das heute noch etwas wird!
Gerade als ich doch noch in den Toilettenraum an den Spiegel verschwinden möchte, um mir mit der Ausrede, es sei zu warm, einen einfachen Dutt zu machen und die Kinderzöpfe aus meinem Haar zu flechten, mit denen ich mich bisher immerhin schon peinlich unberührt und mit einem spaßigen Lächeln durch die Subway bewegt und all meinen Mitschülern und Lehrern präsentiert habe, geht die Show los. Ich verschwinde dennoch für wenige Sekunden und verpasse wie erwartet nicht mehr als die bekannten Begrüßungsworte.
Einige Reden von „Offiziellen“, die ich heute zum ersten Mal zu Gesicht bekomme und von denen ich auch nach der Zeremonie nur raten kann, welche Funktionen sie inne haben, erklingen in einer Mischung in Englischer und Chinesischer Sprache mit ab und an auch französischen Übersetzungen aufgrund der zahlreichen Studierenden aus französischsprachigen afrikanischen Ländern. Es folgen Gesangsauftritte, die mich eher an einen Karaokeabend mit untalentierten Unter-der-Dusche-Sängern erinnern, als an eine Bühnenshow – und eine Pantomimevorstellung von zwei Jungen aus Bangladesch, bei denen eher aus Pflichtgefühl gelacht wird. Trotzdem muss man ihnen ehrlich für ihren Mut auf die Schulter klopfen! Ein Lehrer gibt mit einer Gruppe aus männlichen und weiblichen Studierenden aus Benin einen traditionellen Tanz zum Besten und eine kurze KungFu Performanz darf auch nicht fehlen.
Unsere Klasse singt – zumindest wenn man das singen nennen kann
„Das Beste kommt zum Schluss“ – ob dieser Grundsatz bei der heutigen Veranstaltung eingehalten wurde, ist Ansichtssache. Den letzten Akt gestalten nämlich alle Studierenden aus meiner Klasse. Wie „geprobt“ stehen wir in Reihen auf der Bühne und zeigen tanzend und singend, was wir „können“. Ich stehe mittendrin und bin froh, wenigstens einen Großteil des Textes fehlerfrei mitträllern zu können – das Pauken von gestern hat sich also gelohnt.
Nachdem schließlich noch mehr Fotos geschossen wurden und ich unter anderem mit den Worten „Meinue“ (schönes Mädchen) auf Fotos mit anderen weiblichen Studierenden aus den verschiedensten Ländern gezerrt wurde, von denen ich keine einzige kenne, nehme ich meine Gastschwester an die Hand und laufe das vermutlich letzte Mal die so wohlbekannten Stufen des Unterrichtsgebäudes herunter. Es ist doch ein wenig ein seltsames Gefühl, nun auch den Weg zur U-Bahn, den ich in den letzten vier Monaten so häufig zurückgelegt habe, zum letzten Mal zu gehen. Nun ja. Es gibt immer ein letztes Mal.

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