Schön klingende Melodie – Gespräche mit einer chinesischen Internatsschülerin und meine Namensfindung

Ich sitze wie so häufig am Esstisch der Gastfamilie und pauke Chinesischvokabeln, als auf einmal meine Gastmutter mit einer weiteren erwachsenen Chinesin ihres Alters und einem chinesischen Mädchen in die Wohnung tritt. Sie tauschen sich lautstark in Mandarin aus, bevor sie an mich herantreten. „Das ist Beggy. Sie ist 16 Jahre alt und dachte, sie könne vielleicht in Gesprächen mit dir, ihr Englisch verbessern? Und sie kann dir im Gegenzug vielleicht beim Chinesischlernen helfen?“ Nach einigem Zögern setzt sich Beggy auf einen Stuhl neben mich und begrüßt mich mit einem „Hi“.
Ich merke durch diese Vermittlungen bereits in den ersten Wochen meines Chinaaufenthaltes, dass ich in der Universität eigentlich gar nicht nach einem Tandempartner hätte fragen müssen, der mir nach einigem Nachhaken nun auch gestern zum ersten Mal vorgestellt wurde. Aber scheinbar ist meine Gastmutter im Vermitteln schon so gut, dass ich dies gar nicht nötig gehabt hätte. Die Englischkenntnisse von Beggy sind um einiges weiter fortgeschritten, als die des Tandempartners an der Universität und sie berichtet mir, wenn auch mit einigen grammatikalischen Fehlern und einigen komplizierten Umschreibungen, um unbekannte englische Worte zu meiden, dass sie unter der Woche in einem Internat, etwa 40 Minuten PKW – Strecke entfernt lebe und nur von Freitag- bis Sonntagmittag nach Hause komme. Ihre Gründe um auf diese internationale High School zu gehen? Laut ihrer Aussage ist es der Druck, der in „normalen“ Oberschulen Chinas auf den Schülern lastet. Wie auch schon von einigen Erwachsenen gehört, scheinen die Jahre vor dem „gaokao“, dem chinesischen Äquivalent zum deutschen Abitur die Hölle zu sein. Hat man also reiche Eltern kann man sich den Besuch eines solchen Internats leisten – auf dem man auch viel lernt, aber die Konkurrenz deutlich geringer ist. Die Klassen bestehen aus 17 Schülern und jeder erhält so viel individuelle Förderung, wie er benötigt, um gut durch die Prüfungen zu kommen. Beggy berichtet mir auch davon, nach dem Abschluss in England oder Australien studieren zu wollen. Auch das ist natürlich möglich, wenn man das Glück hat, in ein reiches Elternhaus hineingeboren zu sein. (mehr zum Bildungssystem in China könnt ihr hier nachlesen LINK).
Beggy ist nett und ich finde es interessant, mich mit ihr auszutauschen, sodass wir uns für den Samstag der kommenden Woche verabreden. Ich werde zu ihr in den 31. Stock desselben Gebäudes um 10:30 eingeladen.
Nach dem Tai-Chi sprinte ich nun nach Hause, richte meinen Rucksack und nehme dann den Aufzug der mich 12 Stockwerke weiter oben wieder ausspuckt. Die Eltern begrüßen mich fast noch begeisterter und angetaner als Beggy selbst. Ich bin erst einmal direkt von dem Ausblick begeistert. Dank der langen Glasfront und dem schönen Wetter erhalte ich hier im 31. Stockwerk noch einmal einen atemberaubenderen Blick, als im 19. Stockwerk von meinem Raum aus.

IMAG3919
Im Anschluss zeigt Beggy mir ihr Zimmer, das wirklich schön eingerichtet und mit einer „Weltkartenausschnitttapete“ beklebt ist. Ich schieße sofort ein Foto – denn solch eine Tapete möchte ich irgendwann auch einmal. Dann machen wir uns zunächst an den Findeprozess meines Namens. Ich habe sie zuvor über WeChat gebeten, sich ein wenig Gedanken zu machen, was man aus „Lilith Nola Edith Diringer“ schönes basteln kann, sodass es irgendeinen Bezug zu meinem deutschen Namen hat, gleichzeitig aber auch noch gut in chinesischen wie auch europäischen Ohren klingt und eine tolle Bedeutung aufweist – keine einfachen Forderungen, aber eine halbe Stunde später haben wir uns auf meinen vorläufigen Namen geeinigt. Wie genau es dazu kam, was er letztendlich bedeutet und warum mein Name am selben Abend doch noch einmal abgewandelt wird, könnt ihr im Artikel Universum oder doch lieber wohlklingende Musik ? nachlesen.
Als schließlich der vorläufige Gewinnername feststeht, rollt Beggy eine Art Pergamentrolle aus. Auf diesem erblicke ich die bereits wohlbekannten Quadrate mit jeweils zwei gestrichelten Linien, die jedes Quadrat in vier kleinere Vierecke unterteilen. Hinzu kommt noch ein Pinsel und ein Glas Wasser und los kann es gehen, mit meinem Kalligraphieminieinführungskurs. (Auch dazu Näheres:Von einer verschwindenden Schrift bishin zum Malen von Fischen – Chinesische Sprache, Schrift und Kunst )

mmexport1521730241285

Während wir auf das Essen warten, lesen wir gemeinsam ein paar Texte aus meinem Chinesisch-Übungsbuch, die ich als Hausaufgabe in einer Sprachnachricht an meinen Lehrer senden muss. Beim Essen kann ich nicht nur zum ersten Mal das besondere Gericht „Mapodofu“ kosten (achtung!! Wirklich lecker, aber sobald man auf eines der Pfefferkörner beißt, das die Tofustückchen ummantelt, ist der Geschmackssinn für die restliche Mahlzeit verdorben), sondern bekomme auch zum ersten Mal seit meiner Ankunft in China, Kartoffelbrei serviert. An der Erdnussbutter, die mir zu den Gurken gereicht wird, lässt sich auch der internationale Einfluss in der Familie erkennen. Darüber hinaus ist die Mutter super engagiert darin, mir chinesische Vokabeln beizubringen und dreht am Ende sogar ein kurzes Video, in dem sie die chinesischen Namen der Gerichte laut ausspricht, während sie ihre Handykamera über den Esstisch bewegt.
Noch nicht genug für einen Samstag? Nein, natürlich nicht. Am Nachmittag geht es noch in einen chinesischen Kinderchor. Interesse geweckt? Dann geht’s gleich weiter zu meinem Artikel Singen, was man nicht versteht – meine erste chinesische Chorprobe

Werbeanzeigen