Schöner, größer, reicher – Die chinesische Oberflächlichkeit und Angeberei

Natürlich ist es ein breites hohes Auto aus Deutschland, in dem ich kurz nach meiner Ankunft am Flughafen nach Hause transportiert werde. Der Mann meiner Gastfamilie ist schließlich einer der Chefs in einer Partnerrrechtskanzlei und verdient scheinbar so viel Geld, dass er sich neben teurer Wohnung, teurer Bildung, teuren I Phones und einem Au-Pair auch noch ein ausländisches Auto leisten kann. Dies sind die wichtigsten Attribute für die meisten Chinesen mit denen sie nach außen ihren Reichtum zeigen können. Es ist hier sage und schreibe noch schlimmer als in Deutschland. Das Showing off-Syndrom macht hier vor fast niemandem Halt. „Selbst, wenn man kaum Geld verdient, tut man alles dafür, sich ein I Phone oder einen teuren Wagen zu kaufen. Nicht wenige verschulden sich dafür sogar” betont Tanja, eine der Verantwortlichen von Star-Exchange in den ersten Einführungstagen. Meine Beobachtungen der kommenden Wochen und weitere Gespräche mit chinesischen Einheimischen unterschiedlichen Alters, bestätigen diese Aussage. Dabei ist auffällig, dass die Chinesen in der Darstellung ihres Vermögens nicht besonders auf Kleidung fokussiert sind. Zwar sind ähnlich wie beim PKW auch bei Klamotten und Schuhen ausländische Marken drei Mal teurer, als Ware aus einheimischer „Produktion“ (wobei die eigentliche Produktion heutzutage bei fast allen Herstellern ohnehin in China oder Bangladesch vonstattengeht und es bei der Definition als ausländisch nur noch um den Unternehmenshauptsitz geht), und einige sehr wohlhabende Familien greifen auch eher zu den teuren Produkten mit sichtbaren Markennamen, aber darauf wird gar nicht so sehr geachtet. Am wichtigsten sind tatsächlich das Smartphone, der Wagen und die Schule, die die Kinder besuchen.
Der Mutter-Clan
Ich sitze am großen runden Esstisch und schnappe mir das ein oder andere Mal mit den Stäbchen eine Nudel, oder ein wenig Gemüse, wenn auf dem Drehteller in der Mitte einmal wieder etwas Vegetarisches an meinem Sitzplatz vorbeikommt. Um mich herum wird lautstark auf Mandarin und Chonqingerisch (hier ist ein stark vom Standardmandarin abweichender Dialekt verbreitet) geredet. Es sind 15 Frauen, die sich an diesem Mittag um den weiß gedeckten Tisch herum versammelt haben. Das Restaurant sieht an diesem Tag besonders edel aus – und ist sicher auch dementsprechend teuer. Wie ich über meine Gastmutter erfahre, treffen sich die Mütter, die alle Kinder in der Klasse von Coco haben, so häufig wie möglich und zu jedem Anlass. Beim Mittagessen zahlt jedes Mal eine andere Person, sodass im Turnus jeder einmal jeden einlädt. Jede der Frauen ist anders angezogen. Die eine im Sportdress, die andere im schicken weißen Oberteil und Absatzschuhen. Egal ob betont lässig oder elegant – sicher ist, dass dieses Aussehen im Voraus ganz genau überlegt wurde. Noch einige Male werde ich zu diesen „Müttertreffen“ mitgehen – schlichtweg, weil ich dort ab und an ein Mittagessen bekomme. Das eine Mal sitzt jeder der Frauen vor ihrem I Phone und tippt wild auf dem Display herum, oder sendet Sprachnachrichten, ein anderes Mal unterhalten sie sich lautstark. „Einmal im Jahr gehen wir auch gemeinsam in den Urlaub“, erzählt mir meine Gastmutter. Doch meist besteht das Programm innerhalb dieser Tage in fremden Städten oder sogar fremden Ländern aus nichts als Essen, Tratschen und Shoppen gehen. Natürlich ausschließlich in Michelin-Restaurants und Marken-Outlets.
Auch als ich meine Gastmutter auf Schönnheitsoperationen anspreche, bestätigt sie meine Vermutung, dass sich einige ihrer Freudinnen bereits unters Messer gelegt haben. Allen voran steht dabei die Augenvergrößerung auf der Liste der unter den Chinesen beliebtesten Operationen.
Ich finde diese Zusammenkünfte nicht unbedingt unangenehm, aber die Oberflächlichkeit, die alleine von diesem Tisch ausgestrahlt wird, gefällt mir nicht besonders. Es liegt nicht daran, dass ich den Inhalt ihrer Gespräche nicht verstehe, sondern vielmehr an diesem ganzen künstlichen Gehabe, das ich auch ohne gemeinsame Sprache mitbekomme. Sogar meine eigene Gastmutter beginnt damit, sich mit mir darüber zu unterhalten, dass sie den Shoppingwahn ihrer Freundinnen nicht nachvollziehen kann – und nicht ausschließlich die teuersten Waren kauft. Auch ich habe das Gefühl, dass ich doch in einer recht bodenständigen Familie gelandet bin, die nicht nur auf Oberflächlichkeit und Außenwirkung setzt. Sie scheinen wenigstens zu überlegen, bevor sie Geld ausgeben und die beiden Worte „zu“ und „teuer“ in Kombination zu kennen, während die anderen Familien tlw. gar nicht mehr auf den Preis achten.
Und richtig – von einem anderen deutschen Au-Pair Mädchen erfahre ich, dass ich es wirklich nicht schlecht erwischt habe. Ihre Familie lebte in einer riesigen Villa. Für zwei Töchter gab es drei Hausmädchen plus sie als Au-pair, obwohl die Mutter keinen Beruf und somit eigentlich Zeit hatte, sich zumindest ein wenig um die Kinder zu kümmern. Es standen sage und schreibe 17 Autos in ihrer Garage und als sie eines Tages einen Ausflug in einen Freizeitpark machten, erfuhr sie, dass der Vater den Freizeitpark extra für seine Kinder hat bauen lassen. Sicherlich auch eine interessante Erfahrung in dieser Familie einige Wochen zu verbringen – auf Dauer aber denke ich, würde mich das schlichtweg anwidern.
„Hier auf dem Schulgelände werdet ihr kaum BMW, Mercedes oder Peugeot finden“ führt der Lehrer seine Ausführungen fort. „Denn die Lehrer hier sind gebildet – und wissen, dass es nicht gut ist, sein ganzes Geld nur für den PKW auszugeben.“ Ich weiß schon gar nicht mehr, wie wir darauf gekommen sind, aber irgendeine der Hörverstehensaufgaben hatte etwas mit Autos zu tun. Seitdem schweifte der chinesische Sprachenlehrer, der zwischen Tafel und Computer hin- und hertigert immer weiter ab. Er ist der Meinung: die ausländischen Autos sind nicht besser als diejenigen, die in der Heimproduktion entstehen – sie würden nur aufgrund der hohen Einfuhrzölle so viel mehr kosten. Und natürlich, weil die Käufer bereit sind, solch hohe Summen hinzublättern. Ich finde es interessant, dass es sich bei meinem Lehrer bereits um den vierten Chinesen handelt, der mir oder einer ganzen Gruppe Ausländern gegenüber, selbst die Oberflächlichkeit seiner Landsleute kritisiert und dieses Thema sogar im Rahmen seines Unterrichts zur Ansprache bringt. Aus der Unterrichtsstunde gehen wir schließlich wenigstens mit einem positiven Blick in die Zukunft hinaus. Wie bereits angedeutet, ist unser Lehrer davon überzeugt, dass gebildete Leute andere Werte für wichtiger halten und ihre Prioritätenliste umstrukturieren werden, sobald sie ihr Universitätszeugnis in den Händen halten. Die jungen zukunftsbestimmenden Chinesen der neuen Generation, die vermehrt die Universitäten besuchen, sollten also intelligenter haushalten. Wer weiß – vielleicht werden sich in Zukunft wirklich andere Werte in den Vordergrund schieben. Denn auch wenn es überall auf der Welt eine Konkurrenz um teure Ware gibt, mit der man angeben kann – so extrem wie ich es aktuell hier in China erlebe, ist es mir noch nirgends begegnet. Ich habe aber schließlich auch viele Kontinente und Länder noch nicht bereist.

 

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