Sich Lebensmittelabfälle leisten können – wie nachhaltig „essen“ die Chinesen? Essen Teil VI

Titelbild: eine ganz besondere in schwarzem Tee hartgekochte Art Ei – schmeckt gar nicht so schlecht 😉

STÄBCHEN
Man muss wirklich keine Angst haben, aufgrund des fehlenden Bestecks an Messer, Gabel und Löffel zu verhungern. Ich würde tatsächlich behaupten, dass es einfacher ist, von deutschem Besteck auf die Stäbchenhandhabung umzusteigen, als andersherum. Ich zu meinem Teil war als kleines Kind schon immer vernarrt in Stäbchen gewesen und hatte stets darauf bestanden, Essen von der chinesischen Imbissbude mit Originalholzstäbchen zu verzehren. Dennoch war ich mir ziemlich sicher, dass ich die Stäbchen nicht richtig halte und meine Technik nicht stimmte. Zu meiner Überraschung machte sich aber vor Ort niemand die Mühe, mir wirklich zu zeigen, wie ich Stäbchen richtig zu halten hatte. Gleichzeitig aber wurde ich auch nicht für eine „falsche“ Technik ausgelacht. Irgendwie sahen alle um mich herumsitzenden Chinesen, dass ich es schaffte, mir Essen vom Teller in den Mund zu befördern und damit waren alle zufrieden. Auch die bereits seit über einem halben Jahr vor Ort wohnenden Deutschen waren erstaunt, wie gut ich bereits am ersten Abend sogar kleine Erdnüsse von Teller zu Schüssel befördern konnte. Dennoch glaube ich, dass ich seither innerhalb der letzten Wochen durch die Routine in der Stäbchenhandhabung doch um einiges besser geworden bin.
Wenn man eine so langsame Esserin ist wie ich, wird man in China noch langsamer essen. Denn ich bin es nicht gewohnt, Essen in mich hineinzuschaufeln, sondern Löffel für Löffel und Gabel für Gabel langsam zu meinem Mund zu führen. Wenn man die Frequenz mit der man sein Besteck vom Teller oder der Schüssel zum Mund führt beim Stäbchenessen nicht um einiges erhöht, isst man in jedem Fall automatisch langsamer – denn auf einem Stäbchen lässt sich in der Regel eher weniger als mehr auf einmal transportieren, als auf dem deutschen Besteck.
Die Chinesen im Allgemeinen lassen sich jedoch nicht als Langsamesser bezeichnen. Besonders gegen Ende einer gemeinsamen Mahlzeit rücken sie noch einmal ein ganzes Stück an die Tischkante heran und beugen sich mit ihrem Mund an den Schüsselrand. Dann beginnt das Turboschaufeln, bei dem in schnellen Bewegungen der kurze Weg zwischen Schüssel und Mund zurückgelegt wird, um die Schüssel vollkommen reisfrei zu bekommen. Innerhalb von Sekunden ist die Schüssel, die zuvor gefüllt eine halbe Stunde vor dem Chinesen stand, und eher als Zwischenabtropfstation zwischen Gemeinschaftsteller und Mund diente, leergeputzt. Verbleibende Suppe wird geschlürft. Bei Nudeln gilt immer noch die Regel, dass das Schlürfen und Hochziehen der Nudeln aus Höflichkeit und zum Ausdruck des guten Geschmacks laut sein müssen. Ansonsten habe ich mich jedoch an den Tischmanieren der Chinesen kaum gestört. Auffällig ist, dass die Chinesen nie eine Tischdecke verwenden – dies ist in jedem Fall verständlich, denn aufgrund des Stäbchentransports um teilweise die ganze Tischlänge, je nachdem wo die Schüssel mit dem gewünschten Lebensmittel platziert ist, passiert es doch nicht selten – und auch nicht nur mir – dass etwas auf dem Tisch landet. Der Tisch sieht, bevor er nach dem Essen abgewischt wird, tatsächlich nicht gerade appetitlich aus.
BROST!
“The Chinese do in fact toast each other much more than in the West, often each time they drink. A formal toast is conducted by raising your glass in both hands in the direction of the toastee and crying out gānbēi, literally ‘dry the glass’, “ Diese Aussage, die ich in meinem Reiseführer (Lonely Planet) entdeckt habe, kann ich nur bestätigen. Denn ich war nicht wenig verwundert, als ich bei meinem ersten Abendessen fünf Mal mein Glas zum „Anstoßen“ heben musste. Während sich also Deutsche mit dem einmaligen Anstoßen zu Beginn der Mahlzeit zufriedengeben, wird sich in China jedesmal dann zugeprostet, wenn einer der um den Tisch Sitzenden der Meinung ist, es sei einmal wieder an der Zeit.
LEBENSMITTELABFÄLLE
Während ich super begeistert davon bin, dass in meiner Gastfamilie wirklich nichts weggeschmissen, sondern alles zur nächsten Mahlzeit wieder aufgewärmt oder mitverkocht wird, ist das in der breiten Bevölkerung nicht gerade der Fall. Selbst einige Chinesen haben mir davon erzählt, wie sehr es sie stört, dass besonders in Restaurants immer von Anfang an zu viel bestellt wird, und die Reste auf den Tellern verbleiben. Zum Teil hat auch dies etwas mit dem Statussymbol zu tun – mit übrigbleibenden Essen kann man zum Ausdruck bringen, dass man sich Nahrung im Überfluss leisten kann.
Wenn wir mit der Familie essen gehen, und auch in der Mütterrunde, habe ich es jedoch häufig miterlebt, dass ein rundes Plastikgefäß ausgepackt wurde, in dem dann Reste mit nach Hause transportiert werden. Geht doch! Meine Gastmutter erklärt mir, dass dies inzwischen üblich sei, wenn man sich in der Essensrunde gut kennt. Nur an der Verpackung, die wie gesagt entweder aus runden Einweg-Plastikbehältern oder Plastiktüten besteht, gilt es, noch zu arbeiten.
ESSENSMENGE
Anfangs hatte ich mich gar nicht getraut, es in den Artikel aufzunehmen. Schließlich kann es sein, dass alle Chinesen, die ich bisher kennengelernt habe, eine Ausnahme darstellen, oder ich ein falsches Bild von ihnen habe, da ich mit den meisten Chinesen nicht alle Mahlzeiten am Tag gemeinsam einnehme. Aber nachdem auch meine Eltern, die zwei Wochen lang durch China reisten, mir diese Einschätzung bestätigten, habe ich mich dazu entschlossen, es doch auszuformulieren: Chinesen essen wahnsinnig viel.
Meine Gastmutter hat zwar eine sehr füllige Körperform, aber viele der anderen Chinesen, die ich kennengelernt habe, darunter ihr Mann sowie einige der Freundinnen meiner Gastmutter sind wirklich dem chinesischen Schönheitsideal (ob man das nun gut findet, ist eine andere Frage) entsprechend sehr schlank, essen jedoch was das Zeug hält. Zu Beginn meines Aufenthaltes wurde ich bei jeder Mahlzeit besorgt betrachtet und gefragt, ob mir denn das Essen nicht schmecke, weil ich so wenig esse. Ich muss zugeben, dass ich ohnehin keine große Esserin bin und auch in Deutschland mit meinen kleinen Portionen auffalle, aber in China war es wirklich extrem. Letztendlich hat die Familie aber eingesehen, dass ich auch mit diesen geringen Mengen nicht umkippe und gibt mir inzwischen von Anfang an entsprechend wenig in die Schüssel oder in die Breakfast-Box, wenn ich morgens frühst zur Uni aufbreche. Ich weiß nicht, ob es schlichtweg daran liegt, dass die Chinesen – zumindest in der Region, in der ich nun lebe und in der meine Eltern gereist sind – schlichtweg einen besonderen Stoffwechsel aufweisen. Zugegeben – sie essen wenig Süßkram und auch die Softdrinks etablieren sich erst langsam, aber dafür verzehren sie viel Fleisch, und wie gesagt – ihr Gemüse schwimmt in Fett.
Ab und an zumindest sehe ich auch etwas dickere Chinesen, doch der Eindruck, dass die Personen hier durchschnittlich schlanker sind, als in Deutschland, überwiegt in jedem Fall, wenn man sich auf den chinesischen Straßen bewegt.
CHINESEN UND ZUSATZSTOFFE
Viele Produkte sehen vielleicht etwas künstlich aus (z.B. farbige Teigwaren) einiges ist jedoch tatsächlich aus natürlichen Ressourcen gefärbt. Neben den vielen Lebensmitteln, die tatsächlich mit Lebensmittelfarbe aufgepeppt werden, finden sich auch natürliche Produkte, wie z.B. grüne Teigfladen, die ihre Farbe durch ein Gemüse erhalten, das zuvor in einem Mixer zu einer Art Saft verarbeitet wurde – am Geschmack des Brotes ändert das nicht sehr viel. Anders als in Japan handelt es sich bei den grünen Produkten hier also eher selten um Matcha. Das beschriebene Blumenbrot (LINK) erhält auch nur rote Streifen aufgrund der roten Blumen, die enthalten sind.
DER PREIS
Lebensmittel sind in Chongqing wirklich sagenhaft günstig. Ob man in den Supermarkt geht, oder sich ins Restaurant setzt – in beidem würde man in Deutschland deutlich mehr Geld auf den Tisch legen müssen. Neben einzelnen teuren Produkten, wie z.B. die erwähnten Nüsse, ist alles wirklich supererschwinglich. Nicht selten findet man ein Mittagessen für 1€ und auch Getränke kosten fast nichts. Nur Café ist hier in China meist sogar teurer als in Deutschland und ein Besuch im Starbucks ist nichts für den kleinen Geldbeutel.

Soweit erst einmal mein erster Eindruck des chinesischen Essens. Beurteilen, ob ich nun deutsche oder chinesische Lebensmittel und Zubereitungsarten bevorzuge, kann ich nicht. Es ist einfach sehr viel anders!

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