Singen, was man nicht versteht – meine erste chinesische Chorprobe

Die Organisatorin des Kinderchors holt mich am Eingang des Theaters ab und führt mich zum Proberaum. Sie wirkt sehr skeptisch. Besonders als sie erfährt, dass ich kaum Chinesisch spreche – zumindest noch nicht. Dennoch drückt sie mir Notenblätter mit chinesischen lyrics in die Hand, auf dem ich 10% der Schriftzeichen erkennen kann, und beim Rest keinen blassen Schimmer davon habe, wie ich sie aussprechen muss.
Die erste Viertelstunde lausche ich dem Singen des Soprans. Gut, dass ich im Alt, einer gemischten Gruppe aus Jungen und Mädchen, nicht als erstes an der Reihe bin. So habe ich die Möglichkeit, mich wenigstens etwas in den Text hineinzuhören. Ich beginne damit, eine selbsterfundene Lautschrift unter die Noten zu schreiben, die ganz sicher nichts mit dem chinesischen und korrekten pingyin gemein hat – aber so schaffe ich es immerhin, lautstark mitzusingen.
Nach der Hälfte der Zeit springen die Kinder begeistert auf und spielen auf dem Gang oder packen ihre Kekstüten aus, um sich gegenseitig in der kurzen Pause damit zu versorgen. Ich treffe in der Zwischenzeit wieder auf meine Gastmutter und die beiden Kinder, die mich bei meinem ersten Chorbesuch heute begleiten und mich ausfragen, wie es mir gefällt. Im Gegenzug kann ich nachhaken, wie denn Chinesen die Texte in Liedern verstehen. Immerhin fallen in diesen die so wichtigen Töne unter den Tisch. Nach einigem Nachdenken erhalte ich die Antwort, dass die passenden Worte aus dem Textzusammenhang erschlossen werden – die gesungenen Texte an sich aber im Vergleich zum normal Gesprochenen schon seltsam wirken. Interessant.
So viel Zeit, mich mit meiner Gastfamilie zu unterhalten, bleibt mir gar nicht. Denn während die Kinder in der Probe nur die Möglichkeit hatten, ihre Nachbarn anzustupsen, auf mich zu zeigen und ein wenig zu tuscheln, werde ich in der Pause noch einmal ganz besonders zur Attraktion. Alle Kinder wie auch einige der Eltern möchten mich anlächeln, mir zuwinken, oder sich mit mir unterhalten. Eine begeisterte Mutter, die sogar ein recht hohes Englischniveau aufweist, fragt mich direkt danach, wie teuer eine Englischstunde von mir sei und ob ich ihren Kindern nicht auch Unterricht erteilen könne, was ich dankend ablehne. Eine junge Chinesin tritt mutig zu mir und verkündet mir stolz eine „ABC“ zu sein. Wer von euch kennt diese Abkürzung? Ich zumindest war froh, dass sie mir gleich die Auflösung gab, ohne dass ich erst nachhaken musste: American born Chinese. Daraufhin erklärte sie mir, dass sie in den USA geboren und dort bis zu ihrem sechsten Jahr aufgewachsen sei, nun aber in China lebe. Nun werden wir wieder hineingerufen und die nächsten eineinhalb Stunden der Probe beginnen.
Insgesamt muss ich doch zugeben, dass ich beeindruckt bin. Zwar sind es nur einzelne Kinderstimmen, die besonders positiv hervorstechen und hinter denen sich wirklich ein Talent vermuten lässt, während ein Großteil der Kinder den Mund nicht wirklich weit aufbekommt, aber – es handelt sich hierbei schließlich um wirklich junge Sänger und selbst im Schulchor meines Gymnasiums haben die meisten ihre Münder kaum geöffnet. Vor allem der Gesamtklang gefällt mir sehr gut und ich muss sagen: das ausgewählte Stück ist nicht einfach. Fünfstimmig und in einer – zumindest für Europäer – sehr ungewöhnlichen Tonlage. Besonders beeindruckend finde ich, dass am Ende der Probe sogar noch um eine Viertelstunde überzogen wird. Der Chorleiter ist nicht zufrieden mit dem letzten Durchlauf, sodass noch einmal Detailarbeit geleistet werden muss. Das zeigt zumindest seine Ambitionen.
Daran ist durchaus zu erkennen, dass es sich nicht um einen einfachen Schulchor, sondern einen Auswahlchor handelt, der wöchentlich für eine dreistündige Probe zusammenkommt. Besonders gefallen mir die Trainingsmethoden des Chorleiters, die mich ein wenig an die Arbeit im Badischen Jugendchor oder im Landesjugendchor erinnern. Beide Chöre vermisse ich in meiner Gap Year Zeit, in der ich all die tollen Probephasen und Auftritte verpasse, ganz besonders – sodass ich hier, selbst wenn ich die Detailanweisungen des Leiters kaum verstehe, wenigstens einen gewissen Ersatz finde. Für das gute Mitsingen reicht es aus, wenn ich mitbekomme, wann der Alt ab welchem Takt an der Reihe ist und wenn ich auf die Melodie höre. Und wie ich hoffe, wird sich mein Mandarinniveau innerhalb der kommenden Wochen noch um einiges verbessern, sodass ich vielleicht Erfolgserlebnisse erfahren werde, wenn ich immer und immer mehr verstehe. Die Texte zumindest werde ich mit meiner Gastfamilie durchgehen und die Aussprache mit ihnen üben können – das sollte also kein Hindernis darstellen.
Auch die Organisatorin des Chors, die auf mich zu Beginn einen so skeptischen Eindruck machte, wirkt nun vollkommen begeistert von der Idee, mich in ihren Chor einzugliedern. Direkt nach Ende der Probe stürmt sie auf mich zu, redet auf mich ein und wir tauschen unsere WeChat-Kontaktdaten aus. Sie schreibt mir innerhalb der nächsten Tage noch einige Nachrichten, mit einem Inhalt, der den Chor in ein positives Licht stellt – scheinbar um mich zu überzeugen. Doch das ist gar nicht mehr notwendig, denn meine Entscheidung, in jedem Fall regelmäßig zu kommen, habe ich bereits während der ersten Probe getroffen.
Sehr interessant ist zudem, dass die Kinder die erste Stunde lang eine Art „Miniballetttraining“ absolvieren. Dabei geht es weniger um tänzerische Bewegungen als viel mehr um das Geradestehen sowie das aufmerksame Zuhören der Musik.
Die nächste Chorprobe kann ich aufgrund meines Russlandaufenthaltes (siehe Artikel „“LINK und eines Englischwettbewerbs meiner Gastkinder, siehe „LINK“ leider erst in der dritten Aprilwoche besuchen. Ab diesem Samstag aber möchte ich nun wöchentlich dabei sein – und wer weiß, vielleicht kann ich sogar mit der Gruppe zusammen im Sommer auf den mir breit angekündigten internationalen Wettbewerb mitfahren?

 

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