Teil I – Der Bürokratiemarathon – warum meine IPT Teilnahme in Russland so lange auf der Kippe stand

IMG_20180306_101531.jpgMein Telefon vibriert. Ich habe keine Lust mehr. Am liebsten würde ich es ignorieren. Nicht schon wieder möchte ich eine dieser Nachrichten bekommen. Das letzte Mal war es „Du brauchst noch eine Zusatzversicherung“. Dabei habe ich alle Dokumente bzgl. meiner Auslandskrankenversicherung bereits beigelegt. Seufz! Dann kaufe eben diese bescheuerte Versicherung.
Es ist Donnerstag, Mitte März. Noch eine Woche und ein Tag, bis ich meinen Flug nach Moskau antreten soll. Soll. Denn Himmel weiß, ob das nun noch wie geplant funktionieren wird. Seit meiner Ankunft vor einem Monat hier in China bin ich damit beschäftigt, dafür zu kämpfen, dass ich diesen Plan noch in die Realität umsetzen kann. Ein wirklich harter Kampf.
Was habe ich in Moskau zu suchen? Die Teilnahme am IPT International Physicists‘ Tournament ruft. In der nationalen Auswahlrunde, dem GPT habe ich mich Ende 2017 für das deutsche Auswahlteam qualifiziert. (Hier geht es zum Artikel). Seit Monaten arbeite ich an drei der insgesamt 17 Probleme, die es gilt als Team vorzubereiten. Wenn ich nun nicht nach Russland reisen kann, platzt also nicht nur einer meiner Träume, sondern zum anderen ist auch das deutsche Nationalteam von vorneherein geschwächt. Denn kann ich nicht anreisen, fehle nicht nur ich als aktive Teilnehmerin vor Ort, sondern auch meine bearbeiteten Probleme. Zwar kann ich den anderen fünf aus dem Team meine Materialien, Recherchen, Simulationen und Rechnungen zur Verfügung stellen – aber sich all das samt Hintergrundwissen in den wenigen noch verbleibenden Tagen anzueignen, grenzt an eine Unmöglichkeit. Aber – schieben wir diese Gedanken erst einmal zur Seite – schließlich besteht noch die Möglichkeit, tatsächlich rechtzeitig in Moskau einreisen zu können.
Das Handy neben mir vibriert schon wieder. Ich raffe mich dazu auf, nun doch über den Bildschirm zu wischen, um die neuste Nachricht zu lesen. „Du brauchst ein anderes Passfoto“. Na toll. Es ist ja nicht so, dass ich schon zwei Stück mitgeschickt habe. Zwei biometrische Passfotos, die der chinesischen Botschaft ausreichten, um mir ein neues Aufenthaltsvisum auszustellen, aber scheinbar nicht den Standards der russischen Botschaft entsprechen. Deren Ernst? Ich gehe also zum dritten Mal in China zu einem Fotografen, um mich ablichten zu lassen. Wer kann auch ahnen, dass für das Physical Examination Record, für die chinesische Polizei und die russische Botschaft jeweils andere Bildanforderungen gelten? Nun ja, halb so schlimm. Dann besitze ich eben bald so viele Passbilder, dass diese mir für mein restliches Leben ausreichen sollten. Also. Ich klappe meinen Laptop zu und laufe ins nahegelegene Einkaufszentrum, in dem sich zu meinem Glück ein Fotostudio befindet, das die elektronischen Fotos gleich nach Beijing schickt. Versicherung? Fotos? In welchem Stadium des Kampfes für meine Dokumente, um nach Russland zu kommen befinde ich mich gerade? Fangen wir von vorne an.
Starten muss ich mit der Geschichte eigentlich gar nicht erst in China, sondern in Deutschland. Da es bereits bei der Beantragung meines Chinavisums zu einigen Verzögerungen kam, konnte ich meinen eigentlichen Plan, das russische Visum noch vor meinem Abflug nach Chongqing zu beantragen und dann ganz gemütlich mit fertig vorbereitetem Reisepass nach Asien zu reisen, vergessen. Wie das passierte, könnt ihr hier nachlesen.
Die Dame am Schreibtisch mir gegenüber spricht wenigstens Englisch. Wobei heute habe ich wahrscheinlich zum ersten und letzten Mal eine Privatübersetzerin an der Seite. Anna, eine Verantwortliche von RisingStar begleitet mich an meinem ersten Tag zur Universität. Irgendwelche Dokumente müssen noch einmal ausgehändigt werden. Das passiert mir in den folgenden Wochen noch einige Male. Scheinbar müssen an dieser Uni fünf verschiedene Personen fünf Mal dieselben Unterlagen vorliegen haben – ich kenne mich also inzwischen zu genüge mit chinesischen Copy Shops aus. Ganz verstehen kann ich diese Papier- und Druckerpatronenverschwendung eigentlich nicht, aber nun gut – dann können sich eben fünf Schränke in dieser Universität über meine Dokumente freuen.
Zurück zu meinem ersten Unitag. Denn nachdem ich nun schon seit einer halben Woche, nämlich genau seit meinem Ankunftstag immer und immer wieder darauf gepocht habe, nun endlich die ersten Schritte einzuleiten, um mein Visum zu erhalten, können wir das nun endlich tun. Nach einigen chinesischen Unterredungen zwischen Anna und der verantwortlichen Lehrerin, die in dem Office sitzt, sind wir laut Anna gleich um zahlreiche Informationen reicher. Es heißt, ich müsse erst auf Dokumente warten, die die Universität vorbereitet. Ich betone noch einmal, an welchem Tag ich nach Moskau abfliegen werde, damit es dieses Mal nicht über drei Monate dauert, bis ich die Universitätsunterlagen bekomme und finde mich damit ab, in diesem Moment nicht mehr unternehmen zu können.

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Physical Examination Record
Ich werde hinter einen weißen Vorhang gezogen, muss tief Ein- und Ausatmen und werde dann noch ein wenig betastet. Das Ganze dauert rund eine Minute, dann darf ich mich wieder anziehen und mich in die nächste Schlange einreihen. Beim Warten auf die Blutdruckmessung werfe ich einen Blick auf meine Armbanduhr. 11:00 ist es inzwischen. Seit 6 Uhr stehe ich ohne Frühstück auf den Beinen, und seit drei Stunden befinde ich mich bereits in diesem Gebäude. Ein „Health Centre“, in dem meines Erachtens eher Krankheiten verbreitet als diagnostiziert werden. Nachdem ich ein neues Foto in meinem ersten chinesischen Fotoautomaten drucken habe lassen, wird mir ein Formular ausgehändigt und schon geht das Schlangestehen los.
Als erstes steht Blutabnehmen an. Mit einem Schlauch wird mein Oberarm abgebunden, unsanft die Nadel in die Armbeuge gerammt. Nnachdem einige Röhrchen gefüllt sind, wird kurz ein Wattestäbchen in Richtung Nadeleinstich geworfen, das ich scheinbar zum Stillen des Blutflusses auf die Öffnung des Blutgefäßes drücken soll, während ich gleichzeitig meinen Rucksack schultern und meinen „Laufzettel“ schnappen muss, denn ich werde bereits ungeduldig von dem mir gegenübersitzenden Arzthelfer angestarrt und vom nächsten in der Schlange regelrecht vom Stuhl geschubst. Dass das alles zur selben Zeit nicht so wirklich klappt ist vorprogrammiert, sodass das But meinem Unterarm bis zu den Fingerspitzen hinabläuft und noch dazu einen Teil meines Rucksacks bespritzt. Erst als ich in der nächsten Schlange stehe, lasse ich meinen Rucksack auf den Boden gleiten und widme mich nun mit besonderem Nachdruck meiner blutenden Armbeuge. Auch wenn ich Blutabnehmen gewohnt bin und es mir wirklich nichts ausmacht, regelmäßig einige Röhrchen an irgendwelche Ärzte zu Kontrollen und Diagnosen zu spenden, wird es dieses Mal ganz sicher einen blauen Fleck geben.
Als nächstes muss ich in ein Urinröhrchen pinkeln, das ich mit meinem Namensschild beklebt in einen vorgesehenen Behälter zu den Röhrchen der anderen Wartenden geselle. Danach geht es weiter mit einem Schnellultraschall, dann einem Augentest. Bei diesem muss ich unter anderem Nummern erkennen. Meine Befürchtung, aus lauter Aufregung, dieses Physical Examination Zertifikat letztendlich nicht zu bekommen, nur weil ich mit den chinesischen Zahlen noch nicht ganz so schnell und sicher bin, vergeht, als mich der Arzt auf Englisch anspricht. Als letztes dieser Tortur folgt eine Röntgenaufnahme – meines Brustkorbs. O.k? Das einfach mal so ohne Anlass zu machen, hätte ich mir angesichts der Strahlenbelastung zwar gerne erspart aber – wenn ich so denke, hätte ich mich auch gar nicht erst in den Flieger nach China setzen dürfen, denn hoch über den Wolken erfahren wir bekanntlich noch mehr schädliche Strahlung.
Als ich endlich mit meinem Abholschein in der Hand einen Schritt vor das Gebäude trete, kann ich aufatmen. Ein Vormittag, an dem ich 50€ bezahlt habe, um einmal nachvollziehen zu können, wie sich Schweine in einem Mastbetrieb fühlen müssen. Oder irgendwelche Produkte, die in einer Fabrik auf einem Laufband von Station zu Station transportiert werden. Denn hinweggeschleust zu werden, von Schlange zu Schlange, nur um wenige Sekunden lang untersucht zu werden zwischen all den anderen Anwesenden vermittelte mir wirklich ein Gefühl von Massenabfertigung. Ich versuche es positiv zu sehen. Um eine Erfahrung reicher. Und: die erste und auf weiteres einzige gute Nachricht im Prozess meines Visumkampfes: ich werde das Gesundheitszeugnis schon morgen abholen können und somit meinen Puffer für das weitere Vorgehen vergrößern.
Schleierhaft ist mir immer noch, warum die chinesischen Behörden meine Gesundheit abchecken müssen (trotz Vorlegen eines Physical Examination Records, das ich erst kurz vor meiner Ausreise in Deutschland abgelegt habe) nur damit ich ein neues Chinavisum mit einer weiteren Einreise erhalte. Wenn dann müssten sie mich nach meiner Rückkehr aus Moskau direkt am Flughafen abchecken – aber doch nicht jetzt? Erstaunt war ich bereits, als ich gestern diese Nachricht von Anna erhalten hatte. Nüchtern morgen um 8 Uhr an folgende Subway-Station kommen. So erfuhr ich es am Abend zuvor gegen 18 Uhr. In Ordnung – ich habe einfach aufgehört, Anweisungen in Frage zu stellen – so lange ich am Ende mein Visum erhalte.

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