Teil II – Der Bürokratiemarathon geht weiter – warum meine IPT Teilnahme in Russland so lange auf der Kippe stand

Internationale Polizei
Ich wusste es. Ich wusste es die ganze Zeit. Fünf Minuten vor zwölf Uhr betrete ich endlich die internationale Polizeistation. Eineinhalb Stunden hatte ich nun danach gesucht. Nach einer Polizeistelle, die sich zehn Minuten Laufweg von der U-Bahn-Haltestelle befindet. Hier soll ich mein neues Chinavisum beantragen, das mir eine zweite Einreise nach China erlaubt, damit ich letztendlich nicht in Moskau festsitzen werde.
Doch meine eineinhalbstündige Suche beinhaltete auch einen Erfahrungswert und man hätte sicher einen lustigen Kurzfilm daraus drehen können: Lilith verloren in einem unbekannten Distrikt in Chongqing. Warum ich eineinhalb Stunden für den zehnminuten-Weg benötige?
Punkt 1: Ein Verantwortlicher der Universität hatte mir zwar eine interaktive Karte gesandt, aber die chinesische Navigation scheint anders zu funktionieren, als die Deutsche. Jedes Mal, wenn ich in die Nähe des grün markierten Zielortes komme und mich bereits zu freuen beginne, springt mein eigener Standort auf einmal auf die andere Seite der Stadt. Ich fühlte mich irgendwann wie bei Verstehen Sie Spaß. Als ich mich am nächsten Tag mit einem anderen deutschen ehemaligen Au-Pair darüber austauschte, bin ich wenigstens beruhigt, als sie mir bestätigt, dass es ihr nicht anders erging, als auch sie einmal die chinesische Map zu nutzen versuchte.
Punkt2: Was also tun, wenn man nichts als einen Namen in chinesischen Schriftzeichen und einen grün markierten Punkt auf einer verrücktspielenden Karte hat? Menschen befragen. Das sagen zumindest die Erfahrungswerte aus ähnlichen vorangegangenen „verirrt Situationen“ innerhalb Deutschlands oder Reisen in Europa. Doch hier ist das alles andere als einfach. Selbst der Trick, junge Menschen im Studentenalter anzusprechen, da unter diesen so gut wie überall in den Ländern, in denen ich bisher unterwegs war, die Quote an Englischsprechenden besonders hoch ausfiel, ist hier vergebens. Meine Erfolgschancen an diesem Tag liegen wirklich im Unterirdischen. Die ersten beiden Damen, die ich anspreche, ignorieren mich einfach und laufen an mir vorbei, ebenso ein Mann, den ich mir als zweiten Versuchskandidaten auserkoren habe. Als ich schließlich ein kleines Polizeihäuschen sehe, keimt in mir neue Hoffnung. Beamte wissen doch sicherlich, wo sich meine gesuchte Adresse befindet. Ich halte also mein Handy mit grünem Punkt und Name meines Zielortes unter die Nase des aus dem Häuschen heraus mich anlächelnden Polizisten. Dieser wirkt zwar freundlich und scheint den gesuchten Ort zu kennen, aber mehr als mir eine grobe Richtung anzuzeigen kann auch er nicht. Ich laufe also weiter meines Weges. Ab und an blicke ich auf Kartenausschnitte, die an einigen Säulen am Straßenrand aufgestellt sind. Wirklich helfen können aber auch diese mir nicht. Ich blicke an den vielen Hochhäusern hinauf, versuche Hinweise auszumachen, fahre mit dem Aufzug auf verschiedene Ebenen der Innenstadt, trete einmal sogar in einen Laden ein und halte mein Handy vor die Augen der sich an der Theke befindenden Personen, in der Hoffnung, dass die Angestellten mir weiterhelfen können. Einige ignorieren mich, andere nicken zustimmend und zeigen mir scheinbar sicher den Weg. Auf meiner wenn auch springenden Karte komme ich doch etwas näher an meinen Zielpunkt heran. Nun beginnt das „Herumschicken in entgegengesetzte Richtungen“. Befinde ich mich laut Karte links von dem Ort und frage eine Person, wird nach rechts gedeutet. Habe ich einige hundert Meter zurückgelegt und frage dort einen weiteren Chinesen, so sendet mich dieser wieder in die Richtung aus der ich komme. Irgendwo auf der dabei zurückgelegten Strecke muss doch nun mein Zielort liegen?
Einige Befragte scheinen nicht wirklich eine Ahnung zu haben – Chinesen sind aber besonders in Gesprächen mit Europäern so angetan und zuvorkommend, dass sie das nicht zugeben möchten und mich einfach in irgendeine Richtung schicken. Ob das nun so hilfreich ist?
Mehrmals überlege ich aufzugeben und mit einer etwas ortskundigeren Person wiederzukommen. Aber – dann würde sich alles noch mehr verzögern und angesichts meines straffen Zeitplans bis zur Abreise nach Moskau muss ich jedes Aufschieben vermeiden.
Ich laufe also weitere, versuche mein Glück aufs Neue, bis ich irgendwann aufhöre, mitzuzählen, wie viele Menschen ich am heutigen Tag schon befragt habe. Ab und zu blicke ich auf meine Uhr. Um 12 beginnt die Mittagspause. Es wäre natürlich jetzt noch der Höhepunkt, wenn ich genau fünf Minuten vor 12 dort eintreffen würde – was ironischerweise auch geschieht. Letztendlich bin ich zu diesem Zeitpunkt aber einfach nur erleichtert, dass ich den Ort gefunden habe. Dann schaue ich mir die zwei Stunden lang eben noch das Einkaufszentrum und die Umgebung an und nutze die verbleibenden Minuten, um Chinesischvokabeln zu pauken. Doch wie habe ich es letztendlich geschafft, mein Zeil zu erreichen?
Hier kommt der Punkt 3 ins Spiel: Wer bitte kommt auf die Idee, eine Polizeistation in eine ShoppingMall zu setzen? Die Lösung meiner Suchaktion erhalte ich erst, als ich so verzweifelt bin, dass ich irgendwann dem Lehrer, der mir auch die Map zur Verfügung gestellt hat, ein Foto schicke. „I am here. Where do I have to go?“ Zehn Minuten später in denen ich weiter durch die Gegend geirrt bin, erhalte ich ein Foto mit einem roten Pfeil. „Second Floor“ kann ich als Kommentar darunter lesen. Ich trete also ins Einkaufszentrum und steige die Treppenstufen nach oben. Endlich. Das sieht doch nun wenigstens nach einer Behörde aus. Ein farbiger Plan am Eingang zeigt die verschiedenen Bereiche und Zuständigkeiten der Schreibtische – natürlich auf Chinesisch. Als ich mich suchend umsehe, kommt mir eine Gruppe Mitarbeiter entgegen – scheinbar auf dem Weg zum Mittagessen. Ich spreche sie an und erfahre sogleich an welchen Schalter ich muss. Endlich!!!


Ich versuche all die Sucherei optimistisch zu betrachten: so habe ich wenigstens den Distrikt Gungmao aus nächster Nähe betrachten und die ersten chinesischen Einkaufsstraßen besichtigen können, sowie eine chinesische Mall kennengelernt – und einen sportlichen Schnellspaziergang abgelegt. Zudem unternimmt man diese Suchaktion nur einmal. Schon beim Abholen meiner Dokumente fünf Tage später finde ich die Polizeistelle auf Anhieb.
Last-Minute
Zurück zu meiner Einstiegsszene. Denn was ist in der Zwischenzeit passiert, bis ich mein Last-Minute-Turbo-Foto schießen lasse?
Nach dem Einreichen meiner Dokumente zur Ausstellung meines neuen ChinaVisums musste ich erst einmal eine knappe Woche lang abwarten, bevor ich meinen Reisepass wieder abholen konnte. Dann hieß es: sofort meine Unterlagen mit der Post nach Peking senden. Denn dort befindet sich nicht nur eine der russischen Botschaften in China, sondern auch das „Visum Application Centre“, über das scheinbar alles weitere abgewickelt werden kann. Die vergangene Woche „Abwarten“ hatte ich natürlich dazu genutzt, um mich ausführlich über das Prozedere zu informieren und eine Möglichkeit zu finden, an das Visum zu gelangen, ohne selbst nach Peking aufbrechen zu müssen. En kleiner Pekingtrip wäre sicher interessant gewesen, aber da ich mindestens fünf Tage warten müsste, bis ich meine Unterlagen auch wieder zurückerhalte, wäre es nicht gerade ein kurzer Aufenthalt gewesen und neben dem Fakt, dass ich keine Lust hatte nun auch noch Unterkünfte in der chinesischen Hauptstadt auszukundschaften, konnte ich das meiner Gastfamilie, die mich schließlich schon in der Wettbewerbswoche entbehren werden muss, nicht zumuten.
Nach Abschicken des Umschlags werde ich nun noch einmal an der Uni zwischen Verantwortlichen und doch nicht-Verantwortlichen hin- und hergeschickt, denn auch sie wollen nun wieder Kopien meines neuen Visums, des neuen Physical Examination Records… ich habe inzwischen aufgehört, zusammenzurechnen, wieviel Zeit ich in den letzten Wochen mit all diesem bürokratischen Zeug verschwendet habe, die ich ganz sicher deutlich lieber für physikalische Experimente und Theorieherleitungen genutzt hätte – denn inzwischen wird auch meine inhaltliche Vorbereitung auf den Wettbewerb etwas stressig.

 

 

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