Teil III – Im Bürokratiemarathon durchs Ziel

Das Wochenende über herrscht erst einmal Ruhe. Am Montag erfahre ich schließlich, dass meine Dokumente laut Angaben der Post beim Application Centre eingegangen seien. Klingt doch erst einmal nicht allzu negativ. Ich setze mich also wieder an den Laptop und schreibe eine neue E-Mail. In der letzten Woche habe ich stets innerhalb eines Tages Rückmeldung auf meine Anfragen erhalten, so wie es auch auf der Website versprochen wird. Ich frage also, wann meine Bekannte in Beijing, die mir Anna organisiert hat und für die ich bereits eine schriftliche Bevollmächtigung aufgesetzt habe, meinen Pass samt Visumeintrag abholen werden kann. Zusätzlich bitte ich Anna darum, dort anzurufen – denn jedes Mal, wenn ich die Nummer wähle und beginne, auf Englisch zu reden, wird sofort aufgelegt – entgegen der Garantie auf der Internetseite, dass unter der Nummer auch englischsprechende Mitarbeiter zu erreichen seien – nun gut. Wozu hat man denn seine chinesischen Kontakte.
Anna erreicht niemand. Ich hoffe, spätestens am nächsten Tag Antwort zu erhalten. Ich höre nichts. Auch Anna erreicht erst am Abend jemanden, der ihr aber zu meinem Antrag keine Angaben ausgeben kann. Erst Donnerstagvormittag bekommen wir endlich eine Rückmeldung. Bis dahin fühle ich mich mehr als ignoriert und leide unter Ideenmangel, was ich noch unternehmen kann, um irgendetwas über den Stand meiner Dokumentenbearbeitung in Erfahrung zu bringen. Die Auskünfte am Donnerstag widersprechen sich gegenseitig. Die erste Dame am Apparat meint, mein Visum sei in Bearbeitung, die zweite sagt, sie wisse nichts von meiner Antragsnummer und diese sei im System gar nicht aufgeführt. Die letzte Antwort, die wir erhalten ist kaum beruhigender, scheint aber endlich eine ehrliche Rückmeldung zu sein: Das Zentrum könne meine eingeschickten Dokumente nicht öffnen. Mein Umschlag liegt also dort seit Montag ungeöffnet herum und langweilt sich auf irgendeinem Schreibtisch zu Tode. Wie bitte? Es ist ja nicht so, dass ich in der vorangegangenen Woche alles im Detail mit ihnen abgesprochen hatte. Wann und wohin ich meine Dokumente schicken werde, wie lange die Bearbeitungszeit in etwa dauern wird… und auf einmal sind sie nicht mehr zuständig? Zudem: warum können sie uns das jetzt erst am Donnerstagvormittag mitteilen? Und nicht bereits am Montag per Telefon oder E-Mail? Warum haben sie all meine Nachrichten in dieser Woche ignoriert? Diese Fragen werden vermutlich auf immer und ewig unbeantwortet bleiben, was nichts daran ändert, dass ich mich erst einmal gewaltig aufrege. Es hätte Kommunikationsprobleme innerhalb des Application Centres und Missverständnisse zwischen Mitarbeitern gegeben. So wird es zumindest Anna erklärt. Super. Und weil das Application Centre es nicht hinbekommt, seine Mitarbeiter einheitlich zu informieren, habe ich nun eine ganze Woche Zeit verloren?
Nun wird in Sachen „Visum bis in einer Woche und zwei Tagen beantragen“ eine Alarmstufe höher geschalten. Was ist jetzt zu tun? Auch dazu erhalten wir keine klaren Angaben. Von Auskünften, die besagen, es führe nun nichts daran vorbei, selbst nach Peking zu fliegen bis hin zu, es gibt gar keine Chance mehr, weil sie meinen Pass erst wieder an mich zurückschicken müssten, da ich ihn gar nicht persönlich dort erscheinend, zurückerhalten würde, bis hin zur endgültigen Lösung: ich kann eine weitere Agentur einschalten, die dann über das Application Center wiederum an die Botschaft herantritt. Also wird schnell eine Agentur gesucht – Kostenvoranschlag? Einschätzung, ob sie es in der Zeit überhaupt noch schaffen? Es wird – wie es die Chinesen lieben – erst einmal eine WeChat Gruppe eröffnet. Eine Mitarbeiterin der Agentur, Anna und ich. Wild wird in einer Mischung aus englisch und chinesisch hin- und hergeschrieben. Was ist zu tun? Welche neuen Informationen gibt es? Es wird mir versprochen am Freitagvormittag eine Rückmeldung zu erhalten, ob mein Antrag Chancen hat, noch vor meinem Abflug nach Moskau bearbeitet zu werden.
Am nächsten Tag in der Uni blicke ich brav in jeder Pause auf mein Smartphone – doch keinerlei Anzeichen einer Rückmeldung. Es wird 12. Wie war das noch einmal mit Vormittag? Auch wenn ich wirklich zu der Sorte Mensch gehöre, die selten Panik schiebt und aus allem versucht, etwas Positives zu gewinnen, weiß ich mich so langsam wirklich nur noch schwer zu beruhigen.
Erst als ich gegen 14 Uhr beim Mittagessen in der Wohnung meiner Gastfamilie sitze, erhalte ich das positive Feedback: Klappt wahrscheinlich. Natürlich aber will keine Agentur etwas zu 100% garantieren. So ganz sind meine Zweifel also noch nicht alle aus dem Weg geräumt. Innerhalb der nächsten Stunde wird schließlich noch eine weitere WeChat-Gruppe mit einer Versicherungsagentur eröffnet – denn meine Auslandskrankenversicherung scheint um ein Visum zu bekommen, nicht auszureichen und ich muss auch hier noch eine neue hinzukaufen, dann noch das Foto… jetzt Daumen drücken, dass es auch wirklich rechtzeitig klappt.
Da ich jedoch noch keine 100%ige Erfolgsbestätigung habe, bin ich auch mit der Buchung meines Flugtickets vorsichtig. Schon als ich jetzt nach passenden Flugverbindungen suche, finde ich im selben Preisrahmen, in dem ich vor einer Woche noch einen 13 Stunden Flug hin und zurück erhalten hätte, nun nur noch Kombination aus 29 h hin und 18 h zurück. Mit 15 Stunden Aufenthalt über Nacht beim Hinflug auf irgendeinem chinesischen Flughafen – wird sicher auch einmal eine Erfahrung. Nun gilt es: Rücksprache noch einmal mit der Agnetur zu halten, wie (un)sicher der Erfolg eines rechtzeitigen Visums ist, dann Austausch mit dem restlichen deutschen Wettbewerbsteam – kaufen oder nicht? Letztendlich Bestellung – mit einer zusätzlichen Versicherung für 60€ um 85% des Flugpreises im Falle des Falles wieder zurückerstattet zu bekommen. Hoffen wir mal, dass ich darauf nicht angewiesen sein werde.
Hilferuf
Weil man sich in dieser Lage einfach zu hilflos vorkommt, versuche ich noch mit E-Mails irgendetwas zu erreichen. Vielleicht können irgendwelche Botschaften mir doch noch ein „Visa on Arrival“ versprechen? Oder sie können auf die Beamten in Peking ein wenig Druck ausüben? Unversucht lassen, möchte ich nichts. Ich suche also einen Nachmittag lang E-Mail-Adressen und Kontaktpersonen heraus: russische Botschaft in China, deutsche Botschaft in Russland, russische Botschaft in Deutschland, chinesische Botschaft in …überall versuche ich mein Glück und informiere auch noch einmal die russische Universität. Die dort arbeitenden Wettbewerbsorganisatoren setzen schließlich ein Schreiben auf, das sie der Botschaft in Peking zukommen lassen und kontaktieren diese zusätzlich telefonisch. Auch von einigen der anderen Adressen, erhalte ich eine nette Rückmeldung mit Bemühungen, mich zu unterstützen. Sie lesen sich meinen Bericht darüber, was ich bereits alles unternommen habe, um das Visum zu unterhalten durch, versprechen in der Russischen Botschaft anzurufen, Einladungsunterlagen aus Russland werden in Berlin hinterlegt… Nett, aber so wirklich mächtig auch nicht, denn sowohl die Möglichkeiten der Universität sowie der Botschaften in Deutschland sind eingeschränkt, wie sie zugeben. Wie groß der Beitrag dieser Kontakte letztendlich daran ist, dass mein Visum überpünktlich fertig wird, kann ich nicht in Erfahrung bringen.
Kreativität und Ideenreichtum
Während des „Wartens“ wird nun mein Ideenreichtum geweckt und ich gehe alle Optionen durch. Wie kann der Pass zu mir zurückgelangen? Ich habe inzwischen wenigstens die Bestätigung, dass meine schriftliche Ermächtigung der in Peking lebenden Bekannten ausreichen wird, um meine Dokumente von ihr abholen zu lassen, sobald das Visum fertig ist. Doch wie kommt es von Peking hierher? Wenn es knapp wird, werde ich nach Peking fahren müssen und von dort aus fliegen. Doch das würde auch den Flug noch einmal aufgrund der One-way Tickets verteuern. Außerdem – in China wird selbst für das Zugfahren ein Pass benötigt. Option zwei: Ich bezahle den Flug von Peking nach Chongqing einer Freundin meiner Gastmutter, die in Peking lebt, und die im Gepäck meinen Pass mitbringen kann. Dies ist die Toplösung, bis wir herausfinden, dass die Möglichkeit besteht, Dokumente auch ohne Person per Luftpost zu versenden. Nun die Frage – wann soll mein Pass verschickt werden? Wenn er direkt am Freitag versandt wird, würde ich extra am Freitagabend oder Samstagmorgen die Stunde Fahrt zum Flughafen und wieder eine Stunde zurück auf mich nehmen müssen, nur weil die Dokumente dort nicht gelagert werden können. Ideal wäre natürlich, wenn die Dokumente am Samstag losgeschickt werden, sodass ich sie direkt vor Flugantritt abholen könnte. Aber – ist auf die chinesische Luftpost so viel Verlass? Nachher kommt mein Pass nicht an und dann stehe ich mit leeren Händen am Flughafen.
Freudengehüpfe
Meine Hostfamilienkinder sitzen am Esstisch und verzehren genüsslich jaozi (chinesisches Gericht – siehe Artikel““LINK) während ich auf dem Balkon herumhüpfe. Mein Pass. Endlich. Gerade hat ihn meine Gastmutter bei der Expresspoststelle abgeholt. Da mein Antrag sogar noch einen Tag früher abholbereit war, als vermutet, war noch genug Zeit für den „normalen“ Postweg direkt an unser Haus, sodass sogar die Flughafenabholprobleme umgangen werden konnten. Ich hatte es wirklich kaum mehr geglaubt, aber nun kann kaum noch etwas schief gehen, sodass ich morgen Nacht meinen 29 Stunden-Flug antreten werde – und dann hoffentlich eine super Woche in Moskau verbringen kann.
Wollt ihr wissen, wie meine 29-Stunden Reise verläuft? Oder interessiert ihr euch dafür, was ich alles in 8 Tagen Moskau erlebt habe? Dann klickt euch hier weiter durch:
(siehe: LINK

Fazit

  • Behördengänge in China sind die Hölle – versucht also bei eurer eigenen Reise so viel wie möglich bereits in Deutschland in die Wege geleitet zu haben – man spart sich damit einiges an Stress und 350€
  • Hoffnung stirbt wirklich zuletzt
  • Ich wusste gar nicht, wie gut es tun kann, von Problemen anderer erzählt zu bekommen. So erfuhr ich beispielsweise von einem ehemaligen Au-Pair, dass diese ihren Hinflug nach China verpasst hatte und sich noch am Abflugstag einen neuen Flug für den doppelten Preis hatte nachkaufen müssen, von den verschwendeten 10 Stunden Aufenthalt am Frankfurter Flughafen bis zu ihrem Abflug ganz zu schweigen. Das zweite deutsche ehemalige Au-Pair, auf das ich an der Universität treffe, hatte ebenfalls Visumschwierigkeiten, als es bei ihr um die Visumverlängerung ging. Sie erhielt ihren Pass am Tag vor dem Abflug um 17:30 Uhr zurück, wobei die zuständige Behörde eigentlich um 17 Uhr schließt. Ich bin also nicht die einzige, bei der es nun bereits zum zweiten Mal knapp wurde.
  • Ab und zu kann es auch ganz nett und interessant sein, auf Chinesen zu treffen, die kein Englisch sprechen. Als ich einmal wieder auf dem Universitätscampus von Büro zu Büro geschickt wurde und keine Ahnung hatte, wo ich mich nun wieder einfinden sollte, fragte ich an einem der Dometories. Zwei Studentinnen, die sich gerade heißes Wasser abfüllten, versuchten mir zu helfen und führten mich schließlich, als die Wegbeschreibung aufgrund der Sprachbarriere nicht mündlich zu übermitteln war, persönlich über das halbe Gelände bis zum Büro. Auf dem Weg versuchten wir uns mit einer Mischung aus meinen wenigen Chinesischkenntnissen und einer Übersetzungsapp ein wenig auszutauschen, was wirklich erstaunlich gut klappte.
  • Es wird nicht immer der Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen und nicht immer muss derjenige auch das zahlen und ausbaden, was er einem eingebrockt hat. In meinem Fall war es das Peking Visa Application Centre, mit denen ich alle Schritte per Mail ausführlich besprochen hatte, und die mich dann fast eine ganze Woche lang ignorierten, sowie die Universität, die mit ihrer Dokumentenausstellung einfach nicht zu Putte gekommen ist. Eine Teilschuld trägt auch RisingStar, denn diese wussten, dass und wann ich nach Russland reisen möchte und sie hatten sich trotzdem nicht im Voraus informiert, obwohl sie mir garantiert hatten, dass es klappen wird (ansonsten wäre ich einfach in Deutschland geblieben, bis ich mein russisches Visum gehabt hätte und wäre später nach China eingereist). Sie gaben mir vor Ort zwar eine Kollegin an die Hand, diese hatte aber selbst überhaupt keine Ahnung und half mir lediglich über de Sprachbarriere hinweg.
  • Ich fühlte mich während der gesamten Tortur wie beim Lesen von Romeo und Julia. In beiden Fällen hätte es an so viele Stellen anders verlaufen können. Hätte ich z.B. mein Chinavisum schon früher gehabt, hätte ich das Russlandvisum beantragen und mit diesem in China einreisen können. Hätte die Universität ein wenig mehr Gas gegeben, hätte ich mich nicht auf die Informationen des Visa Application Centres verlassen… Der einzige Unterschied ist, dass bei mir glücklicherweise doch noch ein Happy End herauskam.
  • Neben dem Romeo und Julia Vergleich fühlte ich mich zudem wie in einem schlechten Film, in dem die Spannung immer weiter gesteigert werden muss, bis es endlich 27 Stunden vor Abflug doch noch Aufatmen angesagt ist.
Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s