Tigermamas und Hausaufgaben bis in die Morgenstunden

Chinesen haben keine Freizeit. Sie gehen morgens in die Schule, müssen am Nachmittag fünf Stunden Klavier üben und gehen dann schlafen. Spielen ist hier ein Fremdwort. Auch Fernseher schauen sie nie und mit Freunden treffen sie sich wenn dann nur zum Lernen für die Schule.
Nun ja. Ganz so stimmt das nach dem, was ich hier in China erlebe, nicht, aber beginnen wir von vorne.
Dass Schule und akademische Leistung in China sehr viel bedeuten, sehe ich in jedem Fall bestätigt. Ich habe den Eindruck, dass die Orientierung an Testergebnissen und Schulnoten hier noch einmal eine Stufe extremer ist, als in Deutschland. Ganz anders als in Deutschland bekommen hier die Schüler auch nicht nur in den Kursen Zusatzunterricht bezahlt, in denen sie schlecht sind (so wie es in Deutschland unter dem Begriff Nachhilfe üblich ist) sondern auch oder besonders in den Bereichen, in denen sie ohnehin schon gut sind – und durch „Extraklassen“ noch besser werden sollen. Sogenannte „Training Schools“ schießen besonders in den letzten Jahrzehnten immer mehr aus dem Boden und viele Eltern zahlen ein Vermögen, damit ihre Kinder nach der Schule in ein Gebäude zwei Häuser weiter eintreten, um dort noch einmal zwei Stunden lang Chinesisch, Englisch oder Mathe zu lernen. Einige der Kinder müssen sicherlich dazu gezwungen werde, im Allgemeinen ist dieser Alltag aber vollkommen normal und wird akzeptiert und die Training Schools sind in der Regel von modernen, interaktiven und daher nicht selten auch spaßbereitenden Unterrichtsmethoden geprägt.
Über die Einstellung der Kinder lässt sich festhalten: viele Kinder werden sicher auf Konkurrenz getrimmt, sind dementsprechend ehrgeizig und möchten natürlich in der Schule dann auch von selbst sehr gute Leistungen erbringen. Aber auch diese Kinder gibt es in Deutschland. Nicht umsonst ärgern sich nicht nur diejenigen in der Schule über schlechte Noten, die zu Hause eine Tracht Prügel bekommen, sondern auch Schüler, die sich von ihrer Leistung selbst mehr erhofft hatten und nun über das Ergebnis enttäuscht sind.
Welches Klischee ich bestätigt sehe, ist die Angeberei mit den Kindern: Chinesen erzählen gerne über Erfolge ihrer Schützlinge – im internationalen Vergleich sicher besonders gerne. Zur allgemeinen Oberflächlichkeit, was das Bewahren des eigenen Ansehens betrifft, berichte ich ausführlich in diesem Artikel.
Eine Ähnlichkeit zwischen dem Unterricht in Afrika und China, den ich von außen auffällig finde, ist die fehlende Anwendung. Vieles wird auswendig gelernt und in dieser Hinsicht perfektioniert, aber der Anwendungsbezug fehlt. Wenn es ans eigene Denken oder beim Sprachenlernen ans eigene Sprechen geht, wissen die chinesischen Schüler auf einmal nicht mehr weiter. Nicht umsonst kann ich mit einem chinesischen Studenten, der seit sechs Jahren Englischunterricht genießt, kaum mehr als zwei Sätze wechseln, bis er schon eine Übersetzungsapp zu Hilfe nehmen muss.
Auffällig ist zudem, dass hier in China Sport nur eine Nebenrolle spielt. Es ist eher selten, dass ein Kind, wie es in Deutschland oft der Fall ist, ein Instrument und eine Sportart neben der Schule verfolgt. Sportvereinsmitgliedschaften sind rar. Meist fokussiert sich das Kind tatsächlich auf die Schule, evtl. noch einen weiteren Sprachunterricht und das Erlernen eines Musikinstruments. Auch nachdem ich mehrmals und ganz unterschiedliche Bekanntschaften aus China gefragt habe, ob es nicht besondere Sportarten gäbe, in denen die Kinder besonders gefördert werden, erhalte ich immer wieder die Rückmeldung, dass Sport hier eine deutlich untergeordnete Rolle spiele. Wenn die Kinder ein „Hobby“ verfolgen, dann meistens Malen oder Kalligraphie. Sicher muss es auch Trainingszentren geben, sonst wäre die chinesische Nation bei internationalen Wettbewerben nicht so erfolgreich; aber in der breiten Bevölkerung ist diese Bedeutungslosigkeit wirklich erstaunlich. Es gilt: entweder gar nicht, oder extrem. Erst für erwachsene Menschen spielen dann regelmäßiges Joggen, oder der Besuch eines Fitnesscenters mit dem Ziel eines guten Gesundheitszustandes, eher mehr eine Rolle.
Neben Schule, Zusatzklassen und Kalligraphieunterricht, muss man aber nicht glauben, dass die Kinder ihren Spieledrang nicht ausleben können, oder nur wie Roboter ihren Alltag abrattern. Auch nehmen nicht alle Eltern kühle Chefrollen ein, die ihren Kindern nur befehlen und sie in einen von ihnen vorgegebenen Tagesablauf hineinzwängen. In meiner Familie erlebe ich genauso viel Zuneigung und Liebe, wie ich es von vielen deutschen Familien kenne. Kinder werden nicht selten nach ihrer Meinung gefragt, sie können Rückmeldung geben und Wünsche äußern, sowie sich beklagen. Die jüngeren Generationen scheinen wohl auch regelmäßig gerade während der Pubertät die Stimme gegen ihre Eltern zu erheben und sich mit ihnen in Streitereien auseinanderzusetzen. Zumindest unterhalte ich mich mit einigen Chinesen mehrmals über derartige Verhaltensweisen und auch ich werde von einigen Seiten gefragt, ob denn in Deutschland die Kinder sich immer der Entscheidung der Eltern fügen, oder es auch unter europäischen Jugendlichen ein Alter gibt, in dem sie rebellisch werden, wie es in China der Fall sei.
Bei all diesen Beobachtungen muss ich aber daran erinnern: Ich halte mich aktuell in einer chinesischen Metropole auf, die zwar nicht touristisch geprägt und auch lange nicht so verwestlicht ist, wie die Touristenzentren in Peking und Shanghai, aber dennoch ergibt sich in abgelegeneren Gebieten und auf dem Land sicher noch einmal eine ganz andere Situation. Bedenkt also immer den schmalen Einblick, den ich in die chinesische Gesellschaft erhalte.
Von dem, was ich hier wahrnehme, kann ich jedoch nur sagen, dass die Kinder durchaus ihre Freizeit genießen können. Sie finden Zeit zu lesen, die Ältere der beiden Töchter trifft sich an drei Nachmittagen der Woche mit unterschiedlichen Freundinnen, mit denen sie zwar auch Hausaufgaben bearbeitet, sich dann aber auch mal vor den Fernseher setzt, mit Knete herumexperimentiert, malt, oder Verstecken spielt. Auch die jüngere verbringt ihre Freizeit gerne mit Lesen und Quatschmachen. Sonntags ist Familientag, sodass an diesem Tag nichts für Schule oder Arbeit getan wird, sondern man stattdessen „wandern“ geht (was hier eher Treppensteigen bedeutet – aber dazu in einem anderen Artikel mehr) und nachmittags die Zeit damit vertreibt, auf was man gerade lustig ist. Samstags haben die Kinder neben Klavierunterricht ebenfalls genug Zeit zur freien Verfügung und gehen etwa zwei Mal im Monat gemeinsam mit ihren Eltern ins Kino. Durchaus also ein Alltag, in dem der Spaß, die Freude und das Lachen nicht zu kurz kommen. Wie in vielen Ländern scheinen sich zudem moderne Ansätze, wie z.B. das sinnvollere Lernen, wenn die Kinder nicht ausschließlich getrimmt und unter Druck gesetzt werden und man ihnen mehr Freiheiten, Selbstbestimmung und Diskussionsmöglichkeiten lässt – besonders innerhalb der letzten Jahre immer mehr durchzusetzen.
Insgesamt habe ich den Eindruck, dass sich viele chinesische Familien stark damit auseinandersetzen, was wohl das Beste für ihr Kind sei. Wie können sie ihr Kind am besten unterstützen, wie geben sie ihm am meisten Freude, aber auch am meisten Fähigkeiten und Möglichkeiten für die Zukunft mit… Schließlich will man sich später nicht vorwerfen müssen, den Kindern etwas verbaut zu haben. Wo liegt die Balance zwischen Zwingen und Freiheiten lassen, Lernen und Spaßhaben? Wie kann man beides vielleicht sogar miteinander verbinden? Dass sich besonders meine Familie mit diesen Fragen ausführlich beschäftigt, kommt bereits in den vielen Unterhaltungen zwischen meiner Gastmutter und mir zum Vorschein. Immer wieder fragt sie mich danach, wie denn das Bildungssystem in Deutschland funktioniere, wie sich bei uns die Kinder-Eltern-Beziehung gestalte und insbesondere, was meine Eltern gemacht hätten, damit ich so werde wie ich bin. Mein Rat scheint ihr unheimlich viel wert zu sein und wenn ich betreffend der Organisation oder des inhaltlichen Aufbaus meiner Englischstunden einen Vorschlag unterbreite, wird dieser noch am selben Abend umgesetzt. Sie schätzt mich und im Allgemeinen die Meinung der Europäer sehr.
Insgesamt würde ich meine Gastfamilie als ausgewogen bezeichnen, mit „normalen“ Eltern, die ihre Kinder unterstützen und gleichzeitig zu einer ausreichenden Selbständigkeit erziehen möchten.

Statt Zwingen Verwöhnen
Was ist aber mit dem anderen Extrem? Bereits in vielen Gesprächen mit Asiaten, die ich zuvor in Deutschland und England kennengelernt habe, habe ich erfahren, dass es immer mehr Kinder gibt, denen keine Grenzen gesetzt werden. Jeder Wunsch würde ihnen von den Lippen abgelesen werden und sie würden umkümmert und verhätschelt wo es nur geht. Mein Bericht über den Schultransportservice beinhaltet bereits die ersten Hinweise in diese Richtung. Mehr zum Phänomen des „Überkümmerns“ findet ihr im Artikel „Von Prinzen und Prinzesinnen“. In Hinblick auf Bildung bleibt festzuhalten: diese Eltern würden natürlich nie ihre Kinder unter Druck setzen, sondern bei schlechten Leistungen augenblicklich den Lehrer verantwortlich machen.
Doch was ist nun mit älteren Chinesen? Bisher habe ich durch meine Gastgeschwister nur den direkten Einblick in das Leben von Grund- und Mittelstufenschülern, doch auch über den weiteren Schulbesuch habe ich mich mit einigen Jugendlichen und Erwachsenen ausgetauscht und von allen Seiten gehört – die High School soll wohl die Hölle sein. Ein Au-Pair berichtete mir von einer 16-jährigen Gastschwester, die tatsächlich von morgens bis abends ihre Zeit in der Schule verbrachte und nach dem Nach-Hausekommen noch bis in die Nacht hinein Hausaufgaben bearbeitete. Andere erzählten mir vom hohen Druck, der angesichts des „gaokao“ – in etwa das Äquivalent zu unserem Abitur – auf allen Schülern laste. Schließlich ist die Note, die man in dieser Prüfung erhält noch viel entscheidender als in Deutschland der Abitursnotendurchschnitt. Sie entscheidet an welche Universität man gehen und somit welche Position man später erlangen kann. Einige Schüler haben Angst davor, das letzte Jahr noch einmal machen zu müssen, um ihre Note aufzubessern, um dann an einer besseren Universität ihre Ausbildung fortsetzen zu können. Aber das letzte Jahr will wohl niemand ein zweites Mal durchleben. Zudem habe ich ein Mädchen kennengelernt, die hier in China eine internationale Schule besucht. Durch diese Alternative „kaufen“ ihre Eltern sie vom Druck an normalen High-Schools „frei“, was sie auch ganz offen zugibt. Sie wird zum Studieren auch ins Ausland gehen. Australien oder UK ist ihr aktueller Plan. Genau einen solchen Auslandschinesen habe ich auch während meines Praktikums in England kennengelernt. Der Konkurrenz der Landesbrüder und -schwestern entwischen, indem man seine Ausbildung im Ausland absolviert. Diese Möglichkeit steht ausschließlich Schülern aus reichem Elternhaus zur Verfügung.

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