Torte im Gesicht – wie die Chinesen Jahrestage feiern

Tag 6

Heute werde ich doch aufs Neue von der Wichtigkeit der Familie in China überrascht. Schon häufig ist mir in Gesprächen aufgefallen, wie wichtig es auch heute noch für viele selbst junge Menschen ist, ihren Eltern gegenüber Respekt zu zeigen und ihnen ihre Dankbarkeit auszudrücken. Gleichzeitig wird von den Eltern eine „Heimbildung“ erwartet, die wichtiger ist als die Schulbildung, und sie werden großteilig für Fehlverhalten ihrer Kinder verantwortlich gemacht. In Städten wie Peking mag das inzwischen evtl. anders sein und nicht selten liest man, dass moderne Chinesen von den Eltern-Kind-Verpflichtungen genervt seien. Heute sitzt nun aber ein junger Mann vor mir, der die Welt sehen möchte. Auf die Frage, was passiere, wenn seine Eltern alt werden und Unterstützung benötigen, antwortet er ohne nachzudenken: „Natürlich müsste ich dann nach Hause reisen und mich um sie kümmern“. Wow. Ich weiß nicht, ob ich dazu bereit wäre ein Leben auf einem anderen Kontinent samt Karriere und womöglich eigener Familie aufzugeben, um mich den ganzen Tag um meine Eltern zu kümmern. Klar, dass sie mir am Herzen liegen und ich sie besuchen sowie mit ihnen anderweitig Kontakt halten würde – aber so sehr sehe ich mich dann doch nicht in der Pflicht, dass ich wirklich zu ihnen ziehen würde.
All das erfahre ich, als wir in einem kleinen Imbiss sitzen und ich mein Mittagessen, Yangwei wie erwartet sein Frühstück zu sich nimmt. Danach stelle ich fest, dass ich inzwischen ganz alleine den Weg zu den Gyms finde und selbst wenn Yangwei gerade mit seinem Handy beschäftigt ist, den richtigen Weg einschlage. Eine Stunde später finde ich mich auch schon im am weitesten entfernten Fitnesscentrum wieder. Dort hatte mir Yangwei ein „Meeting“ angekündigt. Dieses stellt sich letztendlich als Halbjahresfeier heraus, bei der gleichzeitig der Gym-Geburtstag zelebriert wird. Während ich zwischen den Krafttrainingsgeräten hin- und herturne und dabei wie gewohnt zahlreiche Blicke auf mich ziehe, schaue ich ab und zu in den geschmückten Tanzsaal. Personal Trainer, Gruppenfitnesslehrer und Rezeptionisten werden nacheinander auf die Bühne gebeten und mit dem typischen chinesische Samtbüchlein ausgestattet. Danach folgt ein Geburtstagsständchen an das Gym selbst und die Kuchenverteilung, die man selbst ohne durch die Hängetüren zu schauen nicht verpasst. Denn kurz darauf macht sich einer nach dem anderen Angestellten auf den Weg zur Toilette – mit kuchenverklebten Armen oder Gesicht. Das sieht nach einer Tortenschlacht aus. Einige haben jedoch eine elegantere Lösung gefunden und treten mit Gabel und Teller aus dem Raum, um es sich auf den Aufenthaltsstühlen zum Essen bequem zu machen. Auch Yangwei tritt kurze Zeit darauf unverschmiert aus dem Raum. Er habe sich schlichtweg auf das Obstangebot konzentriert.
Nach ein wenig privatem Ballett- sowie Akrobatikunterricht, die ich Yangwei erteile, bricht auf einmal Unruhe aus. Yangwei hat einen Zusatzkurs vergessen, den er wohl erst seit kurzem anbietet. Ausgestattet mit Matte und 5 kg Gewicht geht es in den Kraftraum zum Bauch- und Rückenmuskeltraining, gefolgt wird das Ganze von einer Stunde Tanz und einer Stunde Body Pulmp. Heute wird das ganz besonders witzig, da sich die Teilnehmer im vollen Sportraum einen Spaß daraus machen, mich und Yangwei auf der Bühne gegeneinander auszuspielen. Ich mache mir also heute bei jedem Track Extragewichte auf die Stange, ebenso wie er. Das wird echt hart, wir halten aber jeden Track durch und der gesamte Raum hat etwas zu lachen.
Es wird spät und wir nehmen tatsächlich die letzte Subway des Tages, um nach Hause zurückzukehren. Dass selbst in den Chinesischen Großstädten nachts die Straßenbahnen nicht mehr fahren, war mir bislang auch nicht bewusst. Wie auch soll ich das herausfinden, wenn ich durch meine Au-Pair Tätigkeit dazu angehalten bin, jeden Tag um 22:00 zu Hause zu sein?
Tag 7
Den heutigen Morgen verbringe ich mit „online-Sightseeing“. Ich surfe mich durchs Internet unter dem Stichwort „Sehenswürdigkeiten in und um Xi’an , lese Infotexte und betrachte Bilder. So entdecke ich unter anderem die berühmte Moschee, ein Freilichtmuseum mit Ausgrabungsstätten, sowie einige Buddhistische Monumente und Parks. Dies ist meine spontane Alternative zur eigentlich versprochenen Fahrradtour auf der großen Mauer. Aber, mit Enttäuschungen umzugehen, lerne ich nicht nur hier in Xi’an, wo mir kaum ein Versprechen erfüllt wird, sondern auch in meinen Gastfamilien, in denen es nicht anders verläuft. Alles was angekündigt wird, wird ohnehin wieder kurzfristig über den Haufen geworfen, sodass ich inzwischen gar nicht mehr nachfrage, um mir keine falschen Hoffnungen zu machen.
Der Nachmittag vergeht mit weiteren Meetings unter Fitnesstrainern und einiger Zeit, die ich zum Mandarinvokabelpauken nutzen kann. Ganz spontan schlittere ich dabei in ein Kursangebot mit dem Titel „Face f China“. Während mich alle Teilnehmerinnen loben, wie gut ich mich schlage, bin ich doch nicht so sicher, ob ich bei diesen ungewohnten Bewegungen und Schrittabfolgen Beine und Arme wirklich ähnlich prachtvoll bewege, wie unsere Trainerin auf der Bühne. Auch im Fitnesszentrum in Chongqing hatte ich bereits einen Kurs mit chinesischem traditionellen Tanz besucht, dieser war aber doch anders. Beides Mal war es interessant, beides Mal aber habe ich auch für mich herausgefunden, dass chinesischer Tanz vielleicht nicht so ganz meine Lieblingssportart wird.
Am Abend ergeben sich schließlich weitere nette Gespräche zu dritt und ich lerne chinesische Handklatschspiele sowie einige chinesische Witze kennen. Fazit: Witze erzählen zwischen Personen, die die Sprache des Gegenübers nicht ganz so gut beherrschen, dauert zwar etwas länger, ist dafür aber super lustig.
Restliche Zeit in Xi’an – Vom chinesischen Zirkus hin zum spontanen Einsatz als

Ballettlehrerin
Die nächsten Tage vergehen weiterhin mit einem morgendlichen „Frühstückswarten“ da mir jeden Tag angekündigt wird, gemeinsam um 9 Uhr zu frühstücken, Yangwei dann aber doch erst um 12 seinen Kopf aus dem Zimmer streckt. Allerlei sportliche Betätigung darf weiterhin nicht fehlen, wozu neben dem Gewohnten noch Break-Dance und Zumba hinzukommt. Ein Wechsel der Locations, Trainer und Choreographien verhindert eine aufkommende Langeweile.
Am Samstag fahren wir eine Stunde lang zu einer besonderen Zooanlage und ich kann aufs Neue über die günstigen Busfahrpreise staunen. Wir zahlen für den Stundentransfer gerade einmal umgerechnet 40 Cent. Vor Ort ergibt sich mir das chinesische Verständnis eines Zoobesuchs: Alle Gäste werden um 15:30 Uhr durch die Tore eingelassen und dann erst einmal in einen Bus gedrückt. Aus den Fenstern heraus darf man sich dann die Tiere anschauen. Von denen findet man auch immer ausreichend, da die kleinen und spärlich mit Pflanzen ausgestatteten Gehege den Tieren ohnehin kaum Möglichkeit lassen, sich zu verstecken. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass es den Tieren hier nicht sonderlich gut geht. Die meisten haben kein gepflegtes Fell und die Gestaltung des Pandageheges mit Betonboden und einem kleinen Zweig als einzige Naturerinnerung sind trostlos.


„Wollt ihr mitfahren?“ Der vierjährige Junge und seine beiden Eltern waren schon beim Anstehen uns gegenüber gewesen. Nun sitzen sie in einem der kleinen elektrischen offenen Wägen und schauen einladend zu uns herüber. Yangwei und ich blicken uns an. Warum denn nicht. Wir steigen also auf die hinteren beiden Sitze des Elektrojeeps und fahren von Gehege zu Gehege. Es ist nichts Spektakuläres dabei – ein paar Kängurus, ein Löwe, den man nach Bezahlung mit einem kleinen Happen Fleisch füttern kann, ein See mit Schwänen. Der Ausflug endet mit einer Zirkusshow, bei der mich besonders der Akt mit zehn weißen Tigern und allerlei Peitscheneinsatz traurig stimmt. Bei diesem Anblick bin ich über die deutschen Tierschutzgesetze, die eine solche Anlage niemals erlauben würden, recht froh.
Ich probiere im Anschluss eine Art Crêpe mit Gemüsefüllung, der wirklich lecker ist. Der letzte Abend in Xi’an wird nach diesem kleinen Imbiss wirklich nett. Wir laufen nach langem Rücktransfer in die Innenstadt am beleuchteten Fontänenplatz vor der Giant Goose Pagoda entlang, ich kaufe einige kleine Souvenirs für meine Gastschwester und wir genießen die Samstagabendstimmung. Ich werde im Anschluss an einen Platz mit tanzenden Menschen geführt. Hier sind es aber nicht wie gewohnt die älteren Damen, die ihre Schrittfolgen ablaufen, sondern eine Mischung aller Altersklassen. An beiden Enden des Platzes stehen jeweils Personen, die die Tänze scheinbar schon lange kennen. Ich orientiere mich an ihnen und versuche, den schnellen Schrittfolgen zu folgen. Das klappt bei dem einen Tanz mal mehr, bei dem anderen mal weniger überzeugend. Wie immer muss es nachts natürlich noch einmal etwas zu essen geben. Heute jedoch bin ich froh, nicht allzu großen Hunger zu haben, denn ich finde mich bald um einen kleinen Topf in dem es gefährlich rot brodelt, auf einem Plastikhocker wieder. Das rot verrät bereits die Schärfe, denn Yangwei hat „Medium“ bestellt, was bei mir schon wirklich die Schärfegrenze darstellt. Die um mich Herumsitzenden machen sich natürlich über mich lustig, aber ich bleibe tapfer und esse einige Gemüse- sowie Tofustückchen, begleitet von der wiederholten Betonung, dass ich vollkommen o.k. sei.
Am Sonntag, an dem gegen Abend meine Abreise ansteht, begleite ich meinen Gastgeber zu einem Privattraining. Die Familie muss Unmengen an Geld haben und besetzt zwei Stockwerke in einer sehr edel wirkenden Wohngemeinschaft. Während Yangwei dem zehnjährigen männlichen Nachwuchs einige Tanzschritte zeigt, versuche ich mich daran, in chinesischer Sprache seiner Mutter einige Ballettgrundlagen beizubringen. Sie ist hellauf begeistert und stattet uns kurz vorm Gehen dankbar mit einem späten Frühstück aus.
Am Abend folgt dann noch eine kleine Überraschung, da wir beide scheinbar nicht gut genau auf mein Ticket geschaut haben und ich an einen anderen Bahnhof als gedacht muss.
„Bezahlen, bezahlen!“ schreit die kleine Chinesin, die sich direkt neben dem Hintereingang auf einer Erhöhung platziert hat. Da in China viele Menschen leben, die es zu beschäftigen gilt, gibt es kaum Fahrkartenautomaten. Stattdessen verkaufen Schaffner im Bus die Fahrkarten. Das ist auch nicht gerade der Traumjob, wie ich das so einschätze, denn wenn an der nächsten Haltestelle noch mehr Passagiere einsteigen, weiß nicht nur ich nicht mehr, wie ich noch atmen soll. Ich stehe zusammengedrückt zwischen all den Passagieren und versuche mit Mühe und Not mein Buch zwischen den vielen Körpern aufgeklappt halten zu können und beim Lesen nicht umzukippen. Mein Gepäck habe ich nach einigen Schwierigkeiten an die Fußleiste des Randsitzes an der Hintertür verstauen können und werfe ab und an ein kritisches Auge darauf. Es ist wirklich Wahnsinn: fast noch schlimmer, als meine Subwayerfahrungen morgens um 8 Uhr an meinen ersten Tagen in Chongqing.
So lege ich den einstündigen Transfer zum Abfahrtsbahnhof zurück und da ich mich inzwischen mit dem Zugfahren in China auskenne, wird alles Folgende kein Problem.
Klein wie ein Embryo
Witzigerweise sitze ich in einem Zug mit zahlreichen Insassen genau neben dem einen Jungen, der einige Minuten nach Einstieg ein Buch in deutscher Sprache auspackt. Nach einigem Zögern spreche ich ihn darauf an und erfahre, dass er in Deutschland über ein Stipendium einer christlichen Gemeinde Theologie studiert und jetzt in den Sommerferien seine Familie besucht. Ganz interessant ist der Austausch über meinen Eindruck als Deutsche in China und seinen Eindruck als Chinese in Deutschland, bzw. jetzt wieder zurück in China. Ihn stört z.B. dass China so viel schmutziger ist als Deutschland, insgesamt gefällt ihm Deutschland deutlich besser als sein Geburtsland, und als ich ihn frage, welche Aspekte er denn an China besser fände, als in seiner neuen Heimat antwortet er: außer dass es eine App gäbe, über die man kostenlos Filme anschauen kann, eigentlich nichts. Pünktlich als ich müde werde, muss er aussteigen. Netterweise bietet ihr mir kurz vorher noch den Fensterplatz an, der zum Schlafen doch deutlich angenehmer ist.
Ich weiß nicht, wie viele unterschiedliche Schlafpositionen ich ausprobiere, aber dank meiner geringen Größe habe ich zahlreiche Möglichkeiten. Sich auf diesem schmalen Sitz wie ein Embryo zusammenzurollen wäre schon bei fünf Zentimetern mehr, nicht möglich. Nach dieser Nacht, selbst wenn ich jede Stunde aufwache, weil meine Arme oder Beine eingeschlafen sind, entscheide ich mich dennoch dazu, auch für meine 19 Stunden dauernde Zugfahrt nach Beijing nicht das doppelte für ein Bett zu bezahlen, sondern mich mit einem normalen Sitz zufrieden zu geben. Mein Zug trudelt letztendlich mit zwei Stunden Verspätung an meinem Zielbahnhof in Chongqing ein und ich frage mich, wie das wohl in China mit den Rückerstattungen im Falle von Verspätungen abläuft. Aber bei den niedrigen Preisen lohnt es sich nicht, in diese Richtung weiter zu recherchieren. Ich bin zunächst einmal darüber glücklich, ohne langes Suchen die Subwaystation zu finden und treffe nach einem langen Weg mit Bahn und zu Fuß – gute Abwechslung nach dem langen Bus-Zug-Subway-Sitzen – auf meine vollkommen verschlafenen Rückkehrer aus Australien.
Besonders witzig finde ich, dass diese mir als sie aufstehen ein Stück Schokolade anbieten, das nach genauerer Untersuchung der Verpackung aus der Schweiz kommt: Eine Deutsche probiert in China eine Schweizer Schokolade, die in Australien gekauft wurde. Globalisierung hoch 10. 🙂

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