Trainingswoche und Sport hoch zehn – meine ersten Erfahrungen in einem chinesischen Fitnesszentrum

Ein Blick nach rechts verrät mir, dass die gerade noch rechts und links neben den Schultern platzierten Hände inzwischen lang nach vorne ausgestreckt auf der Matte liegen. Kurz darauf kommt die junge Chinesen, die das Training an diesem Abend leitet, zu meiner Gymnastikmatte. Ich muss meine Arme überkreuzen, die sie schließlich nach oben in die Luft befördert, um meine Schultern auszulockern. Den Druck verstärkt sie im Anschluss, indem sie ihr Körpergewicht auf ihr rechtes Knie verlagert, das sie zwischen meinen Schulterblättern platziert hat. Ich atme aus und genieße die Dehnung.
Es ist Sonntagabend. Vor einer Woche und wenigen Stunden spätzierte ich noch durch die Moskauer Innenstadt, jetzt liege ich in Chongqing in einer Gymnastikhalle im Fitnessstudio. Aktiv-Stretching ist heute angesagt. Es ist der bereits sechste Kurs, den ich in dieser Woche ausprobiere: mein Ziel: bis nächste Woche Donnerstag alle Angebote ausgetestet haben, um mich dann entscheiden zu können, wie ich meine Zeit im Gym einteilen werde. Bisher habe ich bereits die unterschiedlichsten Yogaformen ausprobiert, sowie am Freitagabend eine Fitness-Tanz-Stunde und ein weiteres Stretching-Programm. Pilates stand am Freitagnachmittag an.
Als ich das erste Mal das Gym nicht nur zum Besichtigen, sondern zum Sporttreiben betrete, schaue ich mich erst einmal um und teste die vorhandenen Geräte aus. Dabei erhalte ich von Mitnutzern immer wieder ein nettes Lächeln, oder ein kurzes „Hi“. An einem Gerät kommt sogar einer der Verantwortlichen auf mich zu. Wir unterhalten uns mit Zeichen- und Appübersetzungskommunikation. Nach Beendigung der Übung am ersten Gerät, schlägt der Trainer mir vor, mir noch ein zweites zu zeigen – ich glaube, bezahltes Personal Training werde ich hier kaum nötig haben.
In die Übungsstunden trete ich einfach ein. Bisher hat mich nur eine einzige Übungsleiterin gefragt, ob ich der chinesischen Sprache mächtig bin. Die Zumbatrainerin rief mir begeistert entgegen „Oh!! I like you!!!“ Kurz nachdem ich den Raum betreten hatte, stürmte auf mich zu und begrüßte mich mit einer Umarmung. Die anderen haben einfach ihr Programm durchgezogen. Auch wenn ich leider nicht immer im Detail verstehe, auf welche Dinge in dieser Übung nun besonders wert gelegt werden soll und ich auch die Einführungsworte in das Yoga nicht verstehe, komme ich mit der Strategie: beim Lehrer abschauen und wenn dieser gerade herumgeht, um zu kontrollieren, einfach an die verspiegelten Wände blicken und mir eine Person aussuchen, die die Übung richtig zu machen scheint und dieser dann nachzumachen, recht gut zurecht. Wenn die Augen geschlossen bleiben sollen, spitze ich meine Ohren, um zu bemerken, wann die Dunkelphase vorbei ist, oder blinzle ein wenig häufiger, um nicht den Übungsbeginn zu vergessen.
Insgesamt ist es wirklich ein ideales Timing, in der Woche nach Russland zwei bis drei Stunden täglich im Gym zu verbringen, um alle Angebote auszutesten. Nach all dem Herumgesitze im Flugzeug und an den Wettbewerbsteamtischen, bin ich sporthungrig. All die Energie scheint sich angestaut zu haben, die ich jetzt nach und nach aufbrauchen kann.
„One more!“ brüllt der Trainer auf der kleinen tribünenartigen Erhöhung vor mir in das Head-Set-Mikrophon. Mit letzter Kraft werden die Stangen an der beiderseits Gewichte befestigt sind, in die Luft gehievt, bevor diese langsam auf dem Boden abgelegt wird. „Let’s go!“ tönt es bereits wenige Sekunden später von vorne. Ich frage mich bereits von Beginn der Unterrichtsstunde an, ob der Trainer extra aufgrund meiner Anwesenheit ab und an englische Worte mit in seine Ansagen einbaut, komme aber letztendlich zum Schluss, dass es nur an den internationalen Trainingsstandards liegt. Schließlich werden auch in deutschsprachigen Sportvideokanälen und auf TrainingsDVDs Begriffe wie „KneeLift“ nicht ins deutsche übersetzt. Und tatsächlich stellt sich heute nach dem Training heraus, dass der Verantwortliche bis auf die trainingsspezifischen Begriffe kein Englisch spricht. Es ist Dienstag. Jeden Dienstag und Samstag steht Kampffitness und Gewichtheben auf dem Programm. Zwar ist der Trainer männlich, zu meinem erstaunen ist in beiden Kursen jedoch bis auf zwei Männern, der Raum vollkommen mit weiblichen Teilnehmerinnen gefüllt. Das Training macht in jedem Fall Spaß und ist super anstrengend. Ein wenig enttäuscht bin ich dennoch. Denn wie eigentlich schon zu erwarten, wird beim Training in die Luft geboxt und es werden keine Techniken gelernt, wie man sein Gegenüber zum Fall bringen kann. Immerhin. Selbst wenn ich keine Zeit mehr für den Taekwondounterricht finden sollte, kann ich hier schon einmal die richtigen Muskelgruppen trainieren und lernen, auf Schnelligkeit und Präzession zu achten. Denn besonders wenn man keine der Ansagen und Warnungen vor Übungswechseln versteht, weil man in dem englisch-chinesisch-Mix auch keine bessere Orientierung hat, als im reinen Mandaringeschwafel, muss man besonders aufmerksam sein, um die Schritt- und Boxfolgen des Trainers auch richtig zu verfolgen.
Kommunikation
Wenn die mir begegnenden Personen, wie z.B. andere Gymnutzer, auch nur ein wenig Englisch können, versuchen sie sich sofort mit mir zu unterhalten. Dies passiert jedoch sehr selten. Häufiger kommt es vor, dass man von den Mitteilnehmern einen Daumen hoch oder anerkennende Blicke erhält, und die Trainer selbst bedanken sich nicht selten nach dem Kurs bei mir für meine Teilnahme und loben meine Performanz. Zum ersten Mal werde ich hier nicht nur aufgrund meines auffälligen europäischen Aussehens beachtet, sondern aufgrund meiner sportlichen Fähigkeiten, die sich auch beim Personal scheinbar schnell herumgesprochen haben – dies ist doch einmal eine gelungene Abwechslung. Ab und an kann ich auch meine Chinesischkenntnisse ausprobieren. Zumindest woher ich komme, wird häufig gefragt, manchmal auch noch mein Alter. Für deutlich höhere Kommunikation müssen wir uns aber noch einige Monate und einige Vokabelpaukstunden gedulden.
Zudem gefällt es mir sehr gut, bei jedem weiteren Besuch des Trainingszentrums, mehr Gesichter wiederzuerkennen und von den vor Ort Anwesenden nett begrüßt und verabschiedet zu werden. Insgesamt also eine super Atmosphäre, in der es sich in den kommenden drei Monaten sicher gut trainieren lassen wird.
Wie ich zu meinem vorläufig auf drei Monate beschränktes Fitnessstudioabbonnement gekommen bin, könnt ihr hier nachlesen.

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