Über das Kaltwassertrinkverbot bis hin zur Pünktlichkeit – die Top11 auf die man sich als Deutscher in China einstellen muss

Ziemlich schnell stelle ich Unterschiede im Alltag und Verhalten fest. Einige hatte ich zuvor schon durch Gespräche mit dem ein oder anderen Chinesen, oder Chinatouristen erfahren, ein paar weitere wurden mir im die ersten drei Tage umfassenden Einführungstraining der Organisation unterbreitet und über nochmals andere stolperte ich ganz unerwartet innerhalb der Wochen in China:
1) Chinesen duschen IMMER abends. Kein Wunder also, dass mich meine Host-Mum am ersten Abend sehr verwirrt anblickte, als ich ihr unterbreitete, dass ich es vorziehe, am nächsten Morgen zu duschen
2) Chinesen sind nicht ganz so pünktlich wie der Durchschnittsdeutsche. Wobei sich das auf Freizeitaktivitäten und Treffen mit Freunden bezieht. Geht es um Departure Zeiten von Fliegern oder gebuchten Zügen sowie wichtigen Unterrichtsstunden oder Meetings für die Arbeit, so können chinesische Personen doch auch sehr pünktlich sein. Vor allem die Lehrer meines Sprachkurses an meiner Universität sind immer überpünktlich – da habe ich an meinem deutschen Gymnasium andere Erfahrungen gemacht.
Besonders die Mutter meiner Familie jedoch ist etwas sehr verpeilt. Selbst nach chinesischen Verhältnissen, wie ich von einigen ihrer Bekannten erfahre. So vergisst sie manchmal, mir eine Planänderung mitzuteilen, oder ich muss sie drei Mal um etwas bitten, bevor sie daran denkt, es auch umzusetzen. Zudem muss ich ihr jede Woche aufs Neue erklären an welchen Tagen ich zur Universität muss und an welchen Tagen ich zu Hause bleibe und mit ihnen gemeinsam die Mahlzeiten einnehme. Aber allzu schlimm ist das nicht. Man gewöhnt sich einfach an, alles zehnmal zu sagen.
Und schließlich gibt es immer noch schlimmere Beispiele: Ein anderes ehemaliges Au-Pair berichtete mir davon, dass auf einmal die ganze Familie weg war und sich nur noch eine Nanny und sie sie zu Hause befanden. Kurz nach dem Aufstehen erhielt sie einen Anruf, dass die Familie mit dem Flugzeug in eine andere chinesische Stadt in den Urlaub geflogen sei und wurde gefragt, ob sie nachfliegen möchte. Zum Glück hat meine Host-familie schon jetzt mit mir über Urlaubspläne gesprochen, sodass mir eine ähnliche Situation wahrscheinlich nicht begegnen wird (;
3) Chinesen sind geschockt darüber, dass wir so viel kaltes Wasser trinken. Selbst in den Universitäten und an Arbeitsplätzen kommt aus den Wasserspendern immer heißes Wasser heraus. Ich finde das recht angenehm, denn man kann sich immer sicher sein, dass das Wasser auch genießbar ist und es besteht zu jeder Zeit die Möglichkeit, sich einen Tee zuzubereiten. Die einzige Schwierigkeit: Das Wasser ist wirklich seeeehr heiß, und wenn man sich mit seiner Thermoskanne am Spender bedient (alles andere würde schmelzen), die das Wasser auch noch zusätzlich warmhält, muss man sich trotz geöffnetem Deckel mindestens eine Stunde lang gedulden, bis die Gefahr, seinen gesamten Mundraum zu verbrennen, ausgeschlossen ist. Den Durst muss man hier in China also weit im Voraus planen. Wirklich nicht glauben können die Chinesen, dass wir selbst kleinen Kindern oder schwangeren Frauen kaltes Wasser zu trinken geben – für sie ist dies gleichbedeutend mit einer tödlichen Vergiftung. Selbst einen Monat lang nach der Entbindung wird den Müttern das Duschen und Zähneputzen traditionell verboten – auch wenn sich viele moderne Frauen daran aus hygienischen Gründen nicht mehr halten. Kaltes Essen liegt den Chinesen „sehr schwer im Magen“. „Don’t you feel sick after eating cold food?“ fragte mich meine Hostmum vor kurzem und war ganz erstaunt, als ich ihr erzählte, dass wir Deutschen in der Regel nur eine einzige warme Mahlzeit am Tag zu uns nehmen. Ich glaube, seitdem hat sie Angst nach Deutschland in den Urlaub zu fahren. Als ich ihr dann ein Foto einer typisch deutschen Brotzeit zeigte, meinte sie, sie könne davon niemals satt werden und würde sicher jeden Abend hungrig zu Bett gehen.
4) In China kann man jeden nach seinem Gehalt und dem Gehalt seiner Eltern fragen. Auch Fragen über die Höhe der Miete oder der Preis einer Wohnung werden in China ganz ungeniert beantwortet. Es ist überhaupt nicht unfreundlich in einem Restaurant nachzufragen, wieviel der Kellner verdient, oder sich in einem Massagesalon bei den Angestellten alleine aus Interesse nach ihrem Gehalt zu erkunden. Also – nicht als unhöflich abstempeln, wenn ihr einmal nach China reisen solltet und auf derartige Themen direkt angesprochen werdet.
5) Ganz ganz wenige Chinesen, selbst der jüngeren Generation sprechen Englisch – falls man also kein Mandarin spricht, mit dem man sich trotz regionaler Dialekte überall zumindest verständlich machen kann (selbst wenn man beim Zuhören von Gesprächen Einheimischer kein Wort verstehen sollte – meist können sie Mandarin, und wenn gar nichts geht, helfen die chinesischen Schriftzeichen) sollte man sich mit ausreichend Übersetzungs- und Vokabelapps ausstatten
6) WeChat ist das Ein und Alles der Chinesen. Als Mischung aus Social Media, Kommunikationsmedium, Austauschplattform von Eltern untereinander sowie zwischen Lehrern und Eltern und Bezahlmöglichkeit, versucht diese App einen virtuellen Raum zu schaffen, den die Anwender möglichst nicht verlassen müssen. Voller Stolz zeigt mir meine Gastmutter nicht selten ein von ihr gepostetes Foto ihrer Kinder, das von 60 oder 100 Personen geliked wurde. WeChat ist für viele auch tatsächlich Beschäftigungsmedium über mindestens 50% der Tageszeit. Meine Gastmutter sowie ihre Schwester und Freundinnen hängen daher wirklich fast ununterbrochen am Handy – etwas, das ich jetzt nicht gerade als positiv ansehe. Aber das ist schließlich keinesfalls ein rein chinesischer Trend.
7) Für Chinesen sind immer alle gleich Freunde. Es gibt einfach kein Äquivalent zum Deutschen „Bekannten“ weshalb selbst Menschen, mit denen man sich nicht länger als eine Stunde lang unterhalten hat, gleich als Freunde bezeichnet werden. Stellt euch darunter also nicht wie in Deutschland eine beste Freundin aus Schulzeiten oder einen altbekannten Arbeitskollegen vor – es kann sich um eine bloße flüchtige Straßenbekanntschaft handeln.
8) Ja, viele Chinesen schmatzen und rülpsen tatsächlich ohne dass es als ungehalten angesehen wird. In meiner Familie ist dies besonders beim Vater auffällig, der für deutsche empfindliche Ohren recht laut isst. Unter der jungen Generation nehmen „westliche Tischmanieren“ jedoch mehr und mehr zu. Das Spucken erfolgt meist in Mülleimer. Nur ein einziges Mal habe ich es bisher erlebt, dass eine ältere Dame tatsächlich auf den Boden mitten in einen der Subway-Wagons gespuckt hat. Das Geräusch, das jedoch alle Chinesen ununterbrochen von sich geben und aus dem tiefsten Halsbereich zu kommen scheint, ist doch sehr ungewohnt und für mich auch heute noch unangenehm. Scheinbar machen die Chinesen es, um die Spukklumpen zu bilden, die sie schließlich in die Müllbehälter versenken – fragt mich nicht in welchen, denn die Chinesen trennen in recyclebar und nicht-recyclebar, was mir als Deutsche doch als etwas sehr ungenau erscheint. Schließlich lässt sich eine Banane ebenso recyclen, wie es auch mit einem Karton oder einer Plastiktüte der Fall ist. Alle in denselben Mülleimer zu werfen erscheint mir jedoch als wenig sinnvoll.
9) Lasst euch von der Ladenüberschrift „Bäckerei“ bloß nicht in die Irre führen. Denn tretet ihr in ein damit benanntes chinesisches Geschäft ein, so lassen sich dort oftmals keine Brotleibe sondern viel zu süße Kuchen und Süßstücke auffinden. Auch Croissants gibt es in einigen Geschäften – ob diese gut sind, habe ich noch nicht probiert, ich möchte hier vor Ort aber ohnehin lieber die einheimischen Nahrungsmittel zu mir nehmen. Croissants, Brot und Müsli (das inzwischen in jedem Supermarkt zu finden ist) sowie aus Deutschland oder Neuseeland importierte Milch kann ich schließlich auch konsumieren, sobald ich wieder zurück in Deutschland bin. Und wenn süß, dann doch wenigstens die chinesischen Teigwaren aus Reisstärke – nach meinem Geschmack super lecker und eben endlich einmal etwas ganz anderes, als was wir im Westen so bekommen. Mehr zum Thema Essen gibt es in diesem Artikel.
10) Toiletten. Während in Japan Toiletten tlw. komplexer erscheinen als ganze Computer, finden sich in China meist nur ummauerte „Löcher“ samt Spülung in den Kabinen. Einige Haushalte haben inzwischen aber auch westliche Toiletten zum Draufsetzen, wobei es umstritten ist, ob diese hygiene- und verdauungstechnisch wirklich einen Fortschritt darstellen. Das wichtigste in China ist: zwar gibt es wirklich überall öffentliche Toiletten (ab und zu einfach an einer Straßenecke, an so gut wie jeder U-Bahn-Station…) doch sollte man immer sein eigenes Toilettenpapier mitbringen – dies habe ich zumindest noch in keiner einzigen Toilette gefunden.
11) Neben den roten Dreirädern, gibt es auch „normale“ vierrädrige gelbe Taxen, die einen von A nach B befördern können. Interessant ist hierbei, dass die Fahrer nicht aufhören, weitere Personen einsteigen zu lassen, solange die Sitzplätze nicht alle gefällt sind. So kann es durchaus passieren, dass zwei sich fremde Familien gemeinsam in einem der Wägen durch die Gegend gefahren werden. Angesichts des dichten Verkehrs und der Umweltproblematik ist dies aber auch doppelt sinnvoll. Mehr zum Thema Verkehr findet ihr hier.
Soweit erst einmal eine grobe Übersicht. Weitere Informationen findet ihr in den einzelnen Fokusartikeln auf meiner Homepage.

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