Universum oder doch lieber wohlklingende Musik ?

 

Manch einen wundert es sicher, warum die Chinesen, die nach Deutschland kommen immer einen so einfach auszusprechenden europäisch klingenden Namen haben. Stellt sich euer chinesischer Austauschpartner, Auslandsstudent oder Arbeitskollege mit „Jack, Finn, Lisa oder Maike“ vor, braucht ihr euch nicht zu wundern. Falls ihr interessiert seid, könnt ihr im zweiten Anlauf nach dem ursprünglichen chinesischen Namen fragen- diesen werdet ihr in vielen Fällen gar nicht, oder wenn dann falsch aussprechen können. Und gerade da die Bedeutung in der chinesischen Sprache so stark von den unterschiedlichen Tönen abhängt, könnte es sein, dass bei eurer Aussprache aus dem Namen eine Beleidigung oder ein nicht gerade positives Wort wird – es ist also nur allzu verständlich, dass die Chinesen es vorziehen, von Ausländern anders genannt zu werden. Wo nun aber kommt der europäische Name her? Haben die Chinesen bei der Einreise in ein außer-asiatisches Land das Recht dazu, sich einfach einen Namen auszusuchen und sich umzubenennen? Einige Gerüchte berichten davon, dass eine Art „Patenonkel“ den „ausländischen Namen“ bereits bei der Geburt neben dem chinesischen Namen bestimmt. Doch das ist lediglich ein Gerücht. Die Namen werden fast immer von den Englischlehrern festgelegt.
Meine Taufe
Jetzt habe auch ich den Luxus, mir einen eigenen chinesischen Namen zu geben – oder diesen zumindest mitzubestimmen. Eine reine Übersetzung meines Namens in gleichlautende chinesische Zeichen ist mir zu langweilig. Immerhin hat diese reine „Übersetzung“ keinerlei Bedeutung. Mein Lehrer schlägt mir Lilian vor. Scheinbar der Name einer Sängerin, oder ein Name, der in einem berühmten Lied vorkommt, irgendetwas in diese Richtung. So ganz habe ich es nicht mehr in Erinnerung. Doch auch das reicht mir nicht aus. Daher setzte ich mich daran, gemeinsam mit meiner Gastfamilie und schließlich einer chinesischen Nachbarin zwei Wochen in meine Namensfindung zu investieren – schließlich tauft man sich nicht alle Tage. Und über seinen deutschen gegebenen Namen hatte man keinerlei Einfluss. Gerade weil ich mit diesem Namen „Lilith“ so zufrieden bin und meinen Eltern sehr für diese Wahl danke, möchte ich es jetzt erst recht nicht vermasseln, wenn die Entscheidung bei mir liegt.
Die chinesische Nachbarin ist so nett und setzt mehrere Zeichen zusammen, um mir insgesamt zehn unterschiedliche Vorschläge zu präsentieren. Zu jedem dieser erklärt sie mir die Bedeutung: ein Name ist entnommen aus dem Gedicht eines wichtigen Poeten, ein anderer bedeutet Universum, der dritte steht für den Mond und repräsentiert damit den Grundsatz: egal wo du dich auf der Welt befindest, du bist immer nah bei deinen Freunden und Verwandten, denn egal an welchem Flecken der Erde du stehst, blickst du stets auf ein- und denselben Mond.
Ich entscheide mich für die Bedeutung des Universum. Schließlich bin ich neugierig, möchte immer etwas Neues erleben – und da das Universum noch weitgehend unentdeckt und aufgrund der vielen unbeantworteten Fragen auch geheimnisvoll ist, passt es recht gut. Als ich diesen Namen am Abend meinen Gasteltern unterbreite, zeigen sie nicht den begeisterten Gesichtsausdruck, den ich erwartet hatte. Das zweite Radikal würde eher für Jungen als für Mädchen genutzt werden, erklären sie mir ihre Miene.
Also dann eben nicht. Ich überfliege den Zettel mit all den Namensvorschlägen und versuche mich an die Bedeutung und die Hintergründe der einzelnen Namen zu erinnern. Gemeinsam mit meiner Gastmutter und den beiden Kindern einigen wir uns schließlich auf: Linyayin(林雅音). Das erste Zeichen repräsentiert sozusagen meinen „Nachnamen“ und hat daher einen Bezug zu meinem deutschen Namen. Die folgenden beiden Zeichen ergeben gemeinsam: wohlklingende Melodie. Sie entstammen einem Gedicht eines ehemaligen Herrschers. So kommt in diesem Namen doch einiges zusammen. Erstens klingt er an sich schön, zweitens verbindet er mich mit meinem musikalischen Interesse, drittens liegt im Wohlklang den der Name ausdrückt ein Sinn für Balance und Ausgewogenheit, sodass der Name mit meinem Sternzeichen Waage sowie meinen vielseitigen Interessen zusammenpasst und viertens wurde das Gedicht von einem anerkannten Herrscher geschrieben und auch ich übernehme gerne Führungspositionen und lebe mich gerne poetisch aus. Nach zwei Wochen habe ich also endlich einen zufriedenstellenden Namen gefunden, der mir jedes Mal, wenn ich mich vorstelle, ein Kompliment garantiert. Denn scheinbar ist es in chinesischen Ohren wirklich ein sehr schöner Name.

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