Vom MIPT bis zum Kreml – Acht ereignisreiche Tage in der russischen Hauptstadt – Teil I

„Ergänze noch den fehlenden Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis – wo bitte kann er aus der Formel Herleiten, was dann im Experiment zu beobachten…?“ „Und es waren eindeutig zu viele Folien – 60 Stück in 10 Minuten“ „Und zudem…“ „Noch zwanzig Sekunden. Time -out oder nicht?“
Der Laptop wird in Turbogeschwindigkeit an den Beamertisch getragen. Gleichzeitig werden noch die letzten Aspekte abgetippt – schließlich muss gleich die Opposition-Speech einwandfrei klappen.
Es ist Montag, 02.04 und der Raum im dritten Stock des Moscow Institute of Physics and Technology (MIPT) ist von drei Teams sowie Jurymitgliedern und neugierigen Zuhörern gefüllt. Es ist der erste Tag des International Physicists‘ Tournament. Nachdem ich gestern Abend mit knapp einer Stunde Verspätung dann endlich auf mein deutsches Team getroffen bin, das netterweise auf ihre aus China anreisende Nachzüglerin gewartet hatte, schafften wir es zwar nicht mehr zum gemeinsamen Welcome-Dinner, aber wenigstens fanden wir nach einem Taxitransfer und einer halben Stunde orientierungslosem Herumsuchen auf dem Unigelände die Organisatoren, die uns in unsere Unterkünfte der kommenden Woche führten, in denen wir uns angesichts der eisigen Nachtkälte draußen zunächst aufwärmten. Untergebracht sind wir in 4- bis 6-er Dometory-WGs, sodass wir direkt einen Einblick in das Leben eines russischen Studenten erhalten. Ganz nett eingerichtet, würde uns Deutsche jedoch stören, dass jeweils zwei bis drei Personen in einem Zimmer schlafen – für eine Woche vollkommen in Ordnung, aber für ein ganzes Studium?
Nach dem Ablegen des Gepäcks ging es bis in die Morgenstunden ans Arbeiten und Besprechen sowie ans Strategiezurechtlegen. Nach einer sehr kurzen Schlafunterbrechung trafen wir schließlich am Frühstück zum ersten Mal auf die Teams der anderen Länder: Brasilien, Kolumbien, Indien, China, Schweiz… wirklich eine bunte Mischung, angereist aus allen Ecken der Welt. Bei der am Vormittag folgenden Einführungsveranstaltungen wurde mithilfe der berühmten russischen Matrjoschka die Zusammensetzung der Physics Fights der folgenden Tage ausgelost und am Nachmittag kann es nun losgehen.

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Wir sitzen aktuell im ersten Fight und sind die ersten Opponenten. Bei dem präsentierten Problem handelt es sich um die Untersuchung von Funken, die sich nach einer gewissen im Flug zurückgelegten Strecke aufsplitten. Dieses Phänomen gilt es zu untersuchen. Die Diskussion ist interessant. Wie viele unterschiedliche Materialien wurden getestet? Wurde die Aufsplittung in dreidimensionaler Richtung beachtet? Es werden konstruktive Vorschläge zur Verbesserung des experimentellen Aufbaus vorgebracht und Ideen geäußert, wie z.B. die Temperatur der Funken bestimmt werden könnte. Als schließlich noch der Reviewer dieses ersten Fights mit hinzustößt wird besonders der Einfluss der Oxidation und der Zusammensetzung der Umgebungsluft mit aufgenommen, bevor schließlich nach den Concluding remarks des Reporters die Jury ihre Punktetafeln in die Höhe hebt. Noch zwei weitere Runden, bevor der erste Physics Fight an diesem Tag mit dem Abendessen abgeschlossen wird.
Die nächsten Tage sind gefüllt mit spannenden physikalischen Diskussionen. Diese beschränken sich bei weitem nicht auf die Physics Fights an sich. Auch die Kaffeepausen werden nicht nur dafür genutzt, mit Koffeinintuss und einer Portion Kekse die schlaflosen Nächte auszugleichen und Energie für die kommenden Diskussionen zu tanken, sondern auch um Lösungswege und physikalische Theorieansätze zu diskutieren. Und selbst bei den Hauptmahlzeiten beginnt man sich nach den ersten Tagen mehr und mehr cross-national zu mischen und sich zu unterhalten. Da passiert es auch das ein oder andere Mal, dass die Themen ein wenig abschweifen. Aber schließlich ist es auch interessant etwas über das Bildungssystem in Dänemark, Forschungseinrichtungen in Brasilien oder das Gesundheitssystem Griechenlands direkt aus erster Hand von Einheimischen zu erfahren.

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Nach dem Mittwochvormittag sind die ersten vier Physikrunden beendet. Doch Langeweile kann in dieser Woche auf dem Campus lange gesucht werden. Denn nach einem schnellen Mittagsimbiss geht es sofort mit den Lab-Visits weiter. Wir haben die Möglichkeit zwischen unterschiedlichen Instituten und Labors auszuwählen, die uns in Führungen gezeigt und erläutert werden. So besichtigen wir z.B. einen Infrarotlaser, der für einen Roboter entwickelt wird, der in einigen Jahren zu einer Marsexpedition aufbrechen wird. Zudem werden wir von einem Professor durch ein Labor geführt, in dem kleinste Partikel von Gold und anderen Materialien hergestellt werden, die mit Signalgruppen und Oberflächenstrukturen ausgestattet werden. Das große Endziel: winzige Partikel entwickeln, die in unserem Körper zu Diagnose- und Therapiezwecken eingesetzt werden können. So ist es z.B. möglich, dass diese winzigen Partikel den Insulinspiegel messen und je nach Messwert unterschiedliche Regulierungssysteme im Körper aktivieren. Mithilfe dieses Prinzips ließen sich Organismen in kleine Taschenrechner verwandeln. Mithilfe logischer Operatoren, die ähnlich wie Computer mit Einsen und Nullen funktionieren, ist man momentan dabei, in einer Maus kleine erste Berechnungen durchzuführen – die erste „richtige“ Computermaus also.
Am ersten etwas entspannteren Abend bleiben die meisten Teilnehmer am Mittwoch nicht aufgrund noch anstehender Last-Minute-Arbeit an ihren Präsentationen besonders lange wach, sondern um zu reden und sich auszutauschen. Die Theory-Bar in der die Mahlzeiten eingenommen werden, muss beim Schließen die Hälfte der Teilnehmer hinauswerfen und auch davon lassen wir Physiker uns nicht vom weiteren Austausch abhalten. Physiker? Dies ist tatsächlich ein ständig wiederkommendes Thema, denn es scharrt sich jedes Mal eine größere Teilnehmermenge um mich, wenn ich auch nur gerade einem gegenüber eröffnet habe, dass ich noch nicht an der Universität studiere, sondern seit noch nicht einmal einem Jahr mein Abitur in der Tasche habe, während sich hier vor allem Studierende höherer Semester tümmeln, die bis zu 26 Jahren alt sind. Ich mit meinen 18 Jahren sehe also nicht nur jung aus, sondern bin auch tatsächlich die jüngste Teilnehmerin.
In der Telegrammgruppe tauscht man sich aus, in welchen Dometory-Räumen besonders viel Platz ist, sodass man sich dort noch einmal versammelt. Schnell wird die Gesprächsrunde größer und größer und als ein hinzugestoßener russischer Student seine Gitarre aus seinem Zimmer holt, beginnt eine gemeinsame Singrunde. Von russischen Songs mit denen diese startet, geht es zu französischen Liedern über, dann geben die vier anwesenden Deutschen „Marmor Stein und Eisen bricht“ zu ihrem besten und schließlich einigt man sich auf das gemeinsame Singen von englischen Liedern, die die meisten kennen.

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Der Donnerstag ist erneut gefüllt mit Physik. Am Vormittag finden die beiden Halbfinale statt, zu denen alle Teams, die nicht selbst teilnehmen herzlich zum Zuschauen eingeladen sind. Und auch am Nachmittag geht es mit Problemlösungspräsentationen weiter. In der „offenes-Mikrophon-Runde“ haben alle Teilnehmer die Chance Präsentationen vorzustellen, die sie vorbereitet haben, die aber innerhalb der letzten Tage nicht von ihrem Team gefordert wurden. So war die Mühe nicht umsonst und die spannenden Lösungsansätze können doch noch diskutiert werden. Das Angebot, die Lösungswege sogar in ein Paper umzuwandeln, das an diesem Abend angekündigt wird, ist da noch einmal das Tüpfelchen auf dem i.
Wollt ihr erfahren, wie die IPT Teilnehmer auch die Moskauer Innenstadt unsicher machten? Dann lest hier weiter.

 

 

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