Von Adrenalinkicks und lautem Gehupe – zu Fuß durch Chongqing – Transportsysteme Teil I

18,17,16… ich lege einen Zahn zu, um bei der Ziffer 1 auch bei der Ampel angekommen zu sein. Denn so, wie ich die chinesischen Ampeln kenne, wird sie nicht lange grün für die Fußgänger anzeigen. Aber stopp – das ist gar keine chinesische Ampel, sondern eine russische. Ich habe mich einfach schon so sehr an das Zählen gewöhnt, dass es mir gar nicht mehr als Besonderheit auffällt. Denn die erste Gemeinsamkeit zwischen Russland und China, die mir ins Auge sticht, sind tatsächlich die zählenden Ampeln.
Wenn man diesen Service nicht gewohnt ist, muss man als Deutscher wirklich aufpassen. Denn die Autos fahren sobald die Ampel auf rot springt – es ist an den meisten Kreuzungen also nicht so wie in Deutschland, dass man noch schön auch die ersten Sekunden rot ausnutzen und über die Straße sprinten kann, da die Autos ohnehin noch das gelb abwarten müssen, bevor sie ins Gas treten – nein, da würde man in China tatsächlich sofort umgefahren werden.
Von Fußgängerfreundlichkeit kann hier in China ohnehin nicht die Rede sein. Es ist schließlich ein bevölkerungsreiches Land – da scheint es um das ein oder andere Menschenleben nicht schade zu sein. Und dementsprechend wird auch gefahren.
Hupen hört man ohnehin ununterbrochen. Denn die Straßen sind voll von Autos und diese wiederum mit ungeduldigen Fahrern. Es ist fast so laut wie in Afrika und die ersten Tage zucke ich bei jedem lauten Quäkgeräusch der Wägen zusammen und blicke mich suchend um, wer denn nun wieder Anlass dazu hatte, auf sein Lenkrad zu hauen. Diese Reaktion stelle ich innerhalb der ersten der Tage jedoch erfolgreich ab, denn schnell gewöhnt man sich daran, dass viele Chinesen auch dann hupen, wenn es ungefährlich und vollkommen korrekt zugeht.
Wenn wir nun schon einmal beim PKW sind: ich bin inzwischen sehr froh darüber, dass ich aufgrund meines Aufenthaltes von über drei Monaten keine Fahrerlaubnis in China habe. Denn hier möchte man wirklich nicht am Steuer sitzen. Auf den Straßen ergibt sich eine bunte Mischung aus Angeberkutschen, die meist breit und hoch sind und sich mit ausländischen Marken schmücken, kleineren etwas älteren aber noch funktionstüchtigen Autos und den roten Dreiradtaxen, die sich überall hineinquetschen und hindurchschlängeln. Dass Chinesen nicht wissen, wie man Schlange steht, kommt nicht nur bei Menschenmassen zum Vorschein, wie ich gleich erläutern werde, sondern auch auf den Straßen. Staut sich der Verkehr, so löst sich daher die zwei-Fahrspuren-pro-Richtung -Struktur sofort auf und es bildet sich ein Autohaufen, der sich erst nach und auflöst. Ich verstehe also gar nicht, warum so viele Chinesen immer mit dem Auto fahren möchten. Ich würde dabei jedes Mal die Nerven verlieren, und dann doch die überfüllte Subway vorziehen – bei dieser weiß man wenigstens, wann man an seiner Zielstation ankommt. Aber natürlich hat das Unterwegssein im am breitesten Importwagen wieder einmal etwas mit der chinesischen Angeberei zu tun. (siehe dazu Artiel““ Link)
Quizzfrage: Was machen Chinesen, wenn sie nach links möchten, ihnen das Abbiegen in diese Richtung jedoch verboten ist? Richtig: sie fahren einfach geradeaus weiter, vollführen nach wenigen Metern Mitten auf der Straße eine elegante 180° Drehung, fahren die kurze Strecke bis zur Kreuzung zurück und biege dann in die gewünschte Richtung ab. Zu Beginn habe ich mich stets darüber gewundert, wie häufig sich die Chinesen selbst in ihrer eigenen Wohnumgebung und trotz eingeschaltetem Navigiersystem auf dem Handy verfahren, dass sie sich andauernd diesen unerwarteten Wenden bedienen müssen – aber scheinbar ist genau dieses Manöver das Fahrschulmusterverhalten.
Zurück zum Laufen. Selbst bei Regen oder vollkommen feuchter hitziger Luft, nehme ich nicht den Bus. Dafür ist mir dieser sportliche Spaziergang zu wichtig. Ein einziges Mal bin ich samt einer Verantwortlichen von Rising Star mit dem Bus bis zur Bahnhaltestelle gefahren. Es handelte sich um einen kleinen Minibus, was schon recht interessant war. Das zweite Mal, als ich in einen Bus einstieg, befand ich mich auf dem Weg zum Schnuppertaekwondo-Training (LINK) und kannte die Umgebung meiner Zielhaltestelle nicht. Daher hatte ich so meine Bedenken, ob ich auch wirklich am gewünschten Ort ankommen würde. Doch sobald ich im Gefährt saß wurde ich durch die digitale Anzeige oberhalb des Busfahrers beruhigt, bei der jeweils die kommende Station in chinesische Schriftzeichen notiert ist – kennt man also die Schriftzeichen der Station, hat man keine Probleme. Zudem kann man im Notfall mit dem Namen der Station in chinesischen Charaktern auf dem Handy zum Busfahrer gehen und ihn bitten, einen zu informieren, sobald die gesuchte Station erreicht ist. Das klappt sogar ohne Chinesischkenntnisse.
FUßGÄNGER

Amüsant finde ich in jedem Fall die logistische Anordnung von Bus- und Bahnhaltestelle, bei der entweder nicht damit gerechnet wurde, dass Passagiere von Bus auf Subway umsteigen müssen, oder dass Passagiere fliegen können. Denn ja, dieses Schild prangert groß und rot an der Schnellstraße, aber selbst nach Absuchen der gesamten Umgebung und dem Befragen einiger Einheimischer und Freunde, die diesen Verkehrspunkt kennen, bin ich auf keine Möglichkeit gestoßen, auf die gegenüberlegende Seite an die Treppenstufen zu gelangen, die einen zur Subwaystation führen, als die mehrspurige Schnellstraße zu Fuß zu überqueren. Da man in der Regel jedoch nicht die einzige Person ist, die zur Bahn möchte, kann man sich den Anderen einfach anschließen und rennt nach zehn Minuten warten, in einer dann endlich auftretenden 10s-Autopause über den Asphalt. Also an Adrenalin mangelt es mir hier auf keinen Fall. Da können mich auch folgende Zeilen aus meinem E-book Lonely Planet Reiseführer kaum beruhigen: „Traffic accidents are the major cause of death in China for people aged between 15 and 45, and the World Health Organization (WHO) estimates there are 600 traffic deaths per day […]Your greatest danger in China will almost certainly be crossing the road, 360-degree vision and a sixth sense.”
Da ich stets laufe anstatt den Bus zu nehmen, kann ich meine Gefahr wenigstens minimieren. Die Alternative, die ich jeden Tag nutze, ist aber auch nur minimal besser. Da ich als Fußgängerin auf der anderen Seite der Straße ankomme, muss ich zwar keine vier Spuren überqueren, weil aber auch der linke Fußgängerweg nach außen wegweicht und der Treppenbeginn zur U-Bahn in der Mitte der Straße an einem Zwischengehsteig, der erst einige hundert Meter weiter vorne anfängt, liegt, kann ich mich jeden Tag zwischen zwei Optionen entscheiden: Entweder ich quetsche mich zwischen zwei Leitplankabschnitten hindurch, renne einmal über zwei Spuren Schnellstraße und laufe dann eine Art Parkeinbuchtung hindurch, die einmal nach unten und dann wieder nach oben führt, wobei der erste Abschnitt dabei für Fußgänger eigentlich ebenfalls gesperrt ist – oder ich überquere die zweispurige Schnellstraße, laufe dann an der rechten Seite dieser entgegen der Fahrtrichtung einige hundert Meter entlang bis die steigende Hälfte der Einbuchtung beginnt, die wieder für die Nutzung durch Fußgänger freigegeben ist. Auf diese komme ich mit einem eleganten Kletter-Springmove über ein Mauerstück. Ihr seht schon. Mein zwanzig Minutenweg zur Bahnhaltestelle, von der aus ich dann in die Uni fahren kann, ist wirklich ein Abenteuer für sich. Vielleicht aber kommen die Chinesen doch auch irgendwann auf die Idee, an dieser Stelle eine Über- oder Unterführung zu bauen?
Ein weiterer Vorteil am Laufen ist zudem, dass ich nebenher Chinesischvokabeln lernen und chinesische Passanten beobachten kann. Jeden Morgen begegnet man wieder anderen Menschen, in anderen Konstellationen und die alle zu einem anderen Ziel möchten. Dies ist mindestens so interessant wie die Passagiere im Bus zu beobachten. Besonders witzig finde ich es stets, wenn ich den Putzkolonnen oder Bauarbeitern begegne. Eine Gruppe von etwa fünf Personen gleichgegleideter und dieselben Utensilien tragender Menschen. Irgendwie sind diese Menschen, die die Straßen sauber halten bzw. neue Gebäude errichten, deutlich präsenter als in Deutschland.
Bevor ich es vergesse noch ein letzter Hinweis für die Fußgänger: Zebrastreifen sind hier zwar Fußgängerüberwege, an diesen Überwegen haben Fußgänger aber keinesfalls automatisch Vortritt. Stattdessen muss man schön brav in alle Richtungen blicken und eine Lücke erwischen, um die Straße zu überqueren.
Die unsportliche Variante gegenüber des Laufens ist hier in China übrigens weit verbreitet – das Mini-Segway, oder auch Balance-Board genannt ist ein Gefährt, dessen Benutzung bereits von Kindesalter an beherrscht und genutzt wird. Am Wochenende wird damit gespielt, unter der Woche gehen die Eltern damit einkaufen, oder die Kinder nutzen es, wenn sie zum Packeteabholen geschickt werden. Ich muss schon sagen, ab und an damit herumzufahren macht schon Spaß, aber ich benutze es kaum. Denn schon sobald man zur Bahn muss, ergeben sich die ersten Probleme – man muss es zunächst all die Stufen heruntertragen, und bei meinem Bahnweg nehmen die Stufen 1/3 der Gesamtstrecke ein – und eines dieser Boards in der Bahn habe ich bisher auch nicht sichten können. Zudem ist die Fahrstabilität momentan noch zu sehr von den Bodenbeschaffenheiten abhängig und die Geschwindigkeit ist sehr limitiert, sodass ich fürs schnellere Vorankommen, z.B. für meine Strecke von der Wohnung zum Fitnesszentrum, die Benutzung des Klappfahrrads bevorzuge.

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