Von chinesischen Dialekten bis hin zum umgedrehten Glück

VON SPRACHEN UND DIALEKTEN
„Manchmal kann ich sie verstehen, aber ich muss mich schon konzentrieren“ Diese Antwort erhalte ich auf die Frage an meine Gastmutter, ob sie es denn verstünde, wenn sich ihr Ehemann mit dessen Mutter unterhält. In der Familie wird ohnehin Standard-Mandarin als Mittel der Wahl genommen, damit sich Kinder, Eltern und Großeltern problemlos verständigen können. Schließlich sprechen bereits die beiden Elternteile meiner Gastmutter voneinander abweichende Dialekte, sie selbst redet wiederum einen anderen als ihre Eltern, da sie den Großteil ihrer Kindheit bei ihrer Großmutter verbracht hat. Die Familie ihres Mannes ist zwar in sich einheitlich, spricht aber einen ganz anderen Dialekt, als alle aus der Familie meiner Gastmutter, obwohl beide Schulkameraden waren. In einem solch riesen Land kann man aber auch nicht erwarten, dass sich alle problemlos verständigen können. Schließlich gibt es auch keine einheitliche europäische Sprache!
Interessant ist die Wichtigkeit mehrere Wortbedeutungen, die gleich oder sehr ähnlich ausgesprochen werden – dies gilt auch als Vergleich zwischen mehreren Dialekten. So heißt Glück im Hochmandarin „ba“ im Kantonesischen „fa“. Fa bedeutet Glück, sodass die Zahl 8 eine absolute Glückszahl ist. Im Auto baumelt dann aber doch das umgedrehte Schriftzeichen des wirklichen Glücks und nicht der 8 vom Rückspiegel herunter, um die Insassen während einer Autofahrt zu beschützen.
Für mich schwierig ist zu Beginn, dass Chinesen sprachlich oft andersherum denken. So bedeutet bei ihnen „mama de baba“ der Vater der Mutter und nicht wie ich es aus meiner Muttersprache automatisch denke, Mutter des Vaters. Auch „stehen“ die Chinesen anders auf der Zeit. So wird um übermorgen auszudrücken dasselbe Wort verwendet, das auch für „hinter“ zum Einsatz kommt.
PAPIERMANGEL
Bücher sind hier in China unheimlich günstig, sodass eigentlich davon auszugehen ist, dass Papier- und Druckkosten hier sehr niedrig sein müssen. Trotzdem sind die Chinesen unheimlich sparsam, was Toilettenpapier angeht. Ich weiß nicht, ob es an dem Preis liegt, oder daran, dass Klopapier an öffentlichen Toiletten häufig zweckentfremdet wurde, um damit Toiletten zu verstopfen oder Toilettentüren zu „verzieren“ – aber man findet wirklich nirgends Papier, um sich den Po abzuwischen. Selbst in Restaurants oder Theatern sucht man es vergeblich. Aber nicht nur Tücher in öffentlichen Toiletten sind rar, insgesamt haben es die Chinesen nicht so mit dem Abtrocknen. Sie stellen ihr Geschirr einfach nass in die Schränke und auch zum Händeabtrocknen nach den allen Mahlzeiten vorangehenden Handwaschgängen habe ich bisher noch nie ein Handtuch gesehen.
HANDYWAHN
Hier in China ist es nicht nur eine Ausrede, wenn man am Handy sitzt, mit den Worten „dient nur der Arbeit“ anzukommen, sondern allgemein herrscht die Ansicht, dass jeder, der nicht am Handy sitzt, gerade auch nicht arbeiten kann. Das Handy wird natürlich häufig zum Chatten und Zocken verwendet, aber nicht selten – zumindest so die Behauptungen – auch zum Arbeiten. Für viele egal welcher Generation Zugehörige ist somit das Handy viel wichtiger als ein Laptop.
Die ganz Kleinen werden tatsächlich noch nicht mit einem Smartphone ausgestattet – das I Phone bekommen sie „erst“ ab dem 10. Lebensjahr. Stattdessen tragen die meisten von ihnen ein „Armbandhandy“ am Handgelenk. Über dieses können Sie Anrufe entgegennehmen und selbst bei ihren Eltern anrufen. Gar nicht so unpraktisch – und mit umgerechnet rund 25-45€ pro Stück auch recht preiswert.

ONLINE
Doch übers Handy werden noch viel mehr Möglichkeiten geboten. So verlässt meine Gastmutter beispielsweise noch nicht einmal zum Einkaufen das Haus. Lebensmittel bestellt sie täglich über das Internet und lässt sie sich direkt vor die Haustüre liefern. Dabei liegt ein wirklich nicht kleiner Supermarkt in Fünf Minuten Laufweite.
WERBEWAHN
In China läuft wirklich überall Werbung. Ja, läuft. Zwar finden sich auch soweit das Auge reicht riesige „feste“ Werbeplakate, besonders stoßen mir jedoch die Werbevideos mit lautem Ton ins Auge und in die Ohren, die wirklich überall zu finden sind. Egal ob in jedem U-Bahn-Wagon, oder im Aufzug. Überall springt einem Produktwerbung entgegen. Ich schaue mir diese Videos ab und an ganz bewusst an und vergleiche die doch deutlich buntere und schrillere Werbung mit der deutschen.
CHINESISCHE „UNFREUNDLICHKEIT“
Chinesen wirke auf der Straße nicht selten unfreundlich. Zumindest nach den deutschen Standards. Auf den überfüllten Straßen auf dem täglichen Weg zur Schule sowie in vollen U-Bahnen boxt man sich ungeachtet der Anderen gewaltsam seinen eigenen Weg frei, auf den Autospuren herrscht eine durchweg angespannte Stimmung, und das Lautwerden ist in chinesischen Diskussionen ganz normal. Rücksichtslos wirkt vor allem, dass sie ihre Handyspiele gerne auch einmal laut laufen lassen und selbst wenn man in einem Zug sitzt und ganz offensichtlich schlafen möchte, wird nicht selten darauf überhaupt nicht geachtet und einfach weiter Krach gemacht. Selbst in einem deutschen Auto, in dem ein Kind eingeschlafen ist, würde man aus Rücksichtnahme das Radio etwas leiser drehen, oder den Lärmpegel etwas dimmen, genauso wenn sich eines der Kinder bei den Hausaufgaben konzentrieren muss – in China wird an so etwas noch nicht einmal gedacht. Auch Müll wird oft nicht ordentlich entsorgt, sondern gerne bequem auf dem Boden fallen gelassen.
Trotzdem sollte nicht allein dieses „negative Bild“ in den Köpfen bleiben. Denn die meisten Chinesen sind doch, besonders Ausländern gegenüber, sehr zuvorkommend und freundlich.

SPORT
Was die Unsportlichkeit vieler Chinesen betrifft, habe ich dies bereits detailliert in anderen Artikeln aufgegriffen, doch auch von den Sportarten unterscheidet sich China von Deutschland. Während wir für unseren Fußball weltbekannt sind, machen sich die Chinesen einen Witz daraus, über ihre Kickermannschaft zu sprechen. Unser Lehrer kommt in einer Stunde ganz alleine darauf und äußert sein Unverständnis darüber, warum das Niveau der chinesischen Fußballer so miserabel ist. Schließlich könne es nicht am asiatischen Körperbau liegen, da die Japaner und Koreaner doch auch im internationalen Vergleich nicht allzu schlecht dastünden.
Vielleicht ist einer der Gründe, dass bereits in den Schulen Basketball eine wichtigere Rolle spielt, als das Ballkicken mit dem Fuß. Zwar bekomme ich mit, dass Coco für mehrere Fußballmatches ihrer Klasse als Cheerleaderin aktiv ist, aber in den meisten Schulen gibt es statt Fußballplätzen Basketballfelder, was dem Platzmangel geschuldet ist. Letztere sind nun einmal deutlich kleiner als riesige Fußballstadien. In einer Reportage habe ich gesehen, dass dafür inzwischen neue Konzepte entwickelt werden und sich z.B. Fußballfelder auf Hochhäusern finden lassen.
BLICK AUF DEUTSCHLAND
Sie hält mir ihr Handy mit dem Bild von Joachim Löw vor die Augen. „I like him very much, very much!“ Betont sie wieder und wieder. Vor fünf Minuten wurde unsere Yogastunde beendet und nun finden zwei der Mitteilnehmer Gefallen daran , sich in einem Chinesisch-Englisch mit mir zu unterhalten. Als eine davon hört, dass ich aus Deutschland komme, ist das ihre erste Reaktion. Also – Deutschland ist tatsächlich auch in China für seinen Fußball bekannt. Die zweite Frage, die aus ihrem Mund kommt, lautet, ob es bei uns günstig sei, Luis Vietton zu kaufen. Noch so ein bestätigtes Klischee – Chinesen laden sich also wirklich die Koffer mit Markenware voll, wenn sie eine Europareise unternehmen.
Meinem Lehrer fallen zu Frankreich immer das Parfum und zu Deutschland die Autos und die hochwertigen technischen Produkte ein. Ansonsten betrachtet er „Europa“ als eins und unterscheidet nicht zwischen den einzelnen Ländern. Viele Chinesen sind auch vollkommen davon verwirrt, was denn nun in Deutschland für eine Sprache gesprochen wird.
Insgesamt ist auffällig, dass die Chinesen, mit denen ich mich unterhalte, viel fokussierter auf die Unterschiede sind, die es zwischen unseren beiden Ländern und Kulturen gibt, während mir viel häufiger die Gemeinsamkeiten auffallen.
HITZEEMPFINDLICHKEIT
Obwohl die Chongqinger Einwohner in dieser heißen Stadt leben, die im Juli Temperaturen von bis zu 42°C erreicht, scheinen sie sich nicht an diese Hitze gewöhnen zu können. Von jedem wird mir gegenüber stets geklagt, dass es hier im Sommer so schwer auszuhalten sei. Und bereits im Mai, als es zum ersten Mal dauerhaft über 32°C warm ist, stöhnen die Menschen aufgrund der Hitze auf. Da bin sogar ich noch toleranter. Die Chinesen aber retten sich einfach gerne in klimatisierte Gebäude.

 

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