Von chinesischen Donuts bis hin zum Töpfern – der familiäre Part des Monats Mai“ – Teil I

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„GEBURTSTAG
Ja, ihr seht es richtig auf dem Bild. Einige Fertigkeiten verlernt man nie. So kann ich eines Sonntags meine Kindheitserinnerungen aufleben lassen und versuche mich am Töpfern einer schönen Tasse. Schnell kommen meine Erinnerungen daran zurück, wie viel Wasser es zu nehmen gilt, um die kleinen Risse zu schließen und trotzdem nicht den Ton in den Händen zerfließen zu lassen. Die Tonmasse wird in den Händen gedreht, eingedrückt abgerundet und schließlich werden kleine Accessoires wie Blumen und mein Namenskürzel hinzugefügt. Es ist wirklich lange her, als ich das das letzte Mal gemacht habe.
Der Kindergeburtstag, den ich heute mit meiner Gastfamilie besuche, ist nicht nur aufgrund des Töpferns spaßig. Gefeiert wird er auf einem Berg an einem wirklich superschönen Platz. Eingerahmt von hohen Bäumen und grünen Wäldchen blickt man auf die hohen Gebäude der Stadt hinunter. An diesem Ort werden zunächst Kekse und Ingwer-Zitronen-Fruchtblättchen auf Snacktellern verteilt. Recht amüsant ist, dass sich daran besonders die Damen bedienen, die den gesamten Nachmittag tratschend an diesem Tisch verbringen. Die Kinder rennen über den Platz oder spielen kniend auf dem Boden mit den Autos, die das Geburtstagskind gerade ausgepackt hat und sprinten nur ab und an an den Tisch, um sich dort an den Snackwaren zu bedienen. Auch zwei Väter sind mit dabei, darunter auch mein Gastvater, die die Kinder schließlich zum 15 Autominuten entfernten Töpfern begleitet und sich dort in einen Raum zurückzieht und liest.
Ein weiteres Beispiel, dass die Chinesen ihre Pläne gerne nicht einhalten, erlebe ich an diesem Sonntag: Meine Gastmutter hatte mir zuvor 100 Mal erzählt, dass die Mutter des Geburtstagskindes den anderen Frauen während sich die Kinder beim Töpfern vergnügen ein Buch über die Kindeserziehung und Familienpädagogik vorstellen und sie eine Diskussionsrunde starten möchten. Dann aber geht genau diese Mutter doch mit zum Töpferkurs, um dort Fotos zu schießen und die Frauen veranstalten einen gemütlichen Kaffeeklatsch, um über ihre Alltagsprobleme zu klagen.
Mit einer halben Stunde Verspätung werden endlich die vollen Teller an uns vorbei in den auf der unteren Terrasse liegenden Speisesaal getragen. Das Abendessen wird etwas ganz Besonderes: Die Kinder erhalten jeweils einen Riesenteller mit Reis, Chicken Nuggets und Pommes, während sich die Eltern an die andere Hälfte des langen Tisches setzen. Hier stehen in der Mitte große Platten mit winzigen, sehr edel aussehenden Gerichten. Tomaten mit Walnüssen, kleine Bohnen, alles mit kleinen runden Drachenfruchtstückchen verziert. Mein Problem der kommenden Stunde: wann wird das Essen beendet? Denn die Angestellten kommen bald im Fünfminutentakt mit neuen Speisen beladen, angelaufen. Zum ersten Mal werden mir hier auch Raupen serviert, auf deren Kostung ich aufgrund meines Vegetarierdaseins jedoch verzichte. Es folgen zum Glück auch für mich genießbare Tofustückchen, eine Gemüsesuppe, ausnahmsweise ganz ohne Fleisch, und grüne gebackene Teeblätter, die mir ganz besonders gut schmecken. Ich bin wie so häufig froh, dass ich Vegetarierin bin und sich dadurch die Auswahl von vorneherein beschränkt, sodass ich am Ende des Essens, das für mich hauptsächlich aus unterschiedlich zubereitetem Gemüse besteht und mir als superlecker in Erinnerung bleiben wird, auch noch ein klein wenig Platz für ein Ministück Geburtstagskuchen ist – der aber deutlich besser aussieht, als er schmeckt. Man kann von der Chinesischen hochqualitativen Produktion schwärmen wie man will – aber Backwaren herstellen – das können sie wirklich (noch) nicht.
Es lässt sich festhalten: ich habe es während meiner Kindergeburtstagszeit noch nie erlebt, dass bei Geburtstagspartys, sagen wir mal ab dem fünften Geburtstag Eltern ihre Kinder überhaupt begleiten. Normalerweise werden die Kinder an Ort und Stelle abgesetzt und um die vereinbarte Uhrzeit wieder abgeholt. Dass sich die Mütter bei dieser Gelegenheit gleich mit einem Sterneessen die Bäuche vollschlagen, ist mir neu.
UMZUG
Mit großer Kraftanstrengung versuche ich, das Fahrrad die kleine Rampe hinaufzuschieben, und gleichzeitig zu verhindern, dass die Reisschnellkochmaschine vom Sattel fällt. Während man in allen deutschen Küchen den Backofen nicht lange zu suchen braucht, so findet sich in jedem Chinesischen Haushalt natürlich ein Gerät, in dem Reis auf ganz verschiedene Weisen gekocht werden kann. Und dieses Gerät transportiere ich nun samt Fahrrad über das halbe Communitygelände. Einfach weil es mir Spaß bereitet, mit einem Reiskocher durch die Gegend zu spazieren? Nicht so ganz. Meine Gastmutter hat mich darum gebeten. Denn wir sind gestern umgezogen.
Der Reiskocher-Fahrradtransport stellt tatsächlich die aufregendste Aktion in unserem Umzug dar. Schließlich ziehen wir nur einmal um den Block herum in Gebäude Nummer 2 in derselben Wohncommunity. Für die Kinder scheint der Umzug trotzdem etwas Besonderes. Noch am selben Abend, tigern sie die ganze Zeit durch die Wohnung und schauen fünf Mal in meinem Zimmer vorbei, öffnen alle Schränke und ziehen alle Schubladen auf, um auch wirklich jedes kleinste Detail der neuen Vier-Wände unter die Lupe zu nehmen.
Warum wir umziehen? Meine Gastmutter möchte die Küche in ihrem Apartment vergrößern lassen. Da es sich dabei um einen etwas größeren Umbau handelt, bedeutet diese Entscheidung für uns, eineinhalb Monate lang den Handwerkern auszuweichen. Gute Nachricht dabei: Dadurch, dass nur die Küche betroffen ist, können wir jederzeit in die alte Wohnung. Sollten wir also etwas vergessen haben, so stellt das keine Katastrophe dar.
Ganz interessant ist auch bei diesem Umzug einmal wieder die chinesische Art der Planung. Ursprünglich war mir angekündigt worden, dass der Umzug um die Feiertage des ersten Mai herum stattfinden würde. Die Tage verstrichen und nichts in Richtung Umzug passiert, ohne mir auch nur Bescheid zu geben, dass sich die Pläne geändert hatten. Na gut. Scheinbar wurden die Bauarbeiten also auf einen für mich unbestimmten Zeitpunkt verschoben. Erst am Samstagmorgen des tatsächlichen Umzugtermins wird ganz beiläufig von Judy erwähnt, dass wir an diesem Nachmittag umziehen werden. Dass aus Nachmittag dann Abend bis Nacht wird, sodass ich um 12 Uhr damit beginne, meine Koffer auszupacken, hätte ich mir gleich denken können.
Samstag ist mein freier Tag, sodass ich mir diesen in der Regel von morgens bis abends durchplane. An diesem Tag war das nicht anders. Noch dazu wachte ich gerade an diesem Morgen mit einer miesen Erkältung auf. Die Temperaturschwankungen der vergangenen Tage schienen mir nicht gutzutun. Na das konnte ja heiter werden. Ich fand gegen Mittag während des Snackens von etwas Brot und Sojamilch als Mittagessen einige Minuten Zeit um all das, was ich innerhalb der nächsten etwa 40 Tage brauchen würde, in meine Taschen zu verstauen. So. Erledigt.

Gegen 21:45 trete ich aus dem Aufzug heraus und stoße fast mit meinem vollbeladenen Gastvater zusammen. „We go first!“ ist das einzige, was mir meine Gastmutter entgegenruft und schon sind sie in dem Aufzug verschwunden, aus dem ich gerade hinausgetreten bin. Ich schiebe mein Fahrrad schnell in die Wohnung, Sprinte in mein Zimmer und schnappe mir meinen Koffer und Rucksack – damit wären die wichtigsten Dinge schon einmal drüben. Nur Bettzeug und meine Sporttasche muss ich noch nachholen. Nun die große Frage: wie genau gestaltet sich der Umzug? Lädt die Familie ihr Auto ein, um die Dinge von A nach B zu transportieren, so wie ich es den Chinesen trotz des maximalen fünf-Minuten-Fußweges durchaus zutrauen könnte ? Oder laufen sie doch?
Das einzige was ich weiß, ist die neue Gebäudenummer. Raumnummer und Eingangscode sind mir noch unbekannt. Ich mache mich also auf gut Glück mit Koffer und Rucksack auf den Weg durch die Community. Vor dem Hochhaus mache ich es mir auf meiner Reisetasche bequem und warte auf Antwort meiner Gastmutter, der ich gleich eine WeChat Nachricht zusende.
Trotz der vielen Missverständnisse – unter anderem wird meine Gastmutter von einer Freundin allarmiert und gefragt, ob wir uns gestritten hätten und ich nun ausziehen möchte – schaffen wir es noch am selben Abend knapp vor 24 Uhr uns zumindest alles ins neue Eigenheim transportiert zu haben. Kleinigkeiten werden in den folgenden Tagen noch hin- und hertransportiert. Mir gefällt die neue Wohnung recht gut. Sie ist deutlich kleiner, als die alte, was mir jedoch nichts ausmacht, denn genug Platz für alle, biete sie trotzdem. Sie ist deutlich heller eingerichtet, was ich stark begrüße und mein Zimmer ist mit großen Schreibtischflächen ausgestattet, was gegenüber meiner Miniplatte, die mir in meinem bisherigen Zimmer zur Verfügung stand, auch eine Verbesserung darstellt. Leider aber gibt es hier weder Klavier noch W-Lan – für beides werde ich in Zukunft also täglich den Handwerkern Gesellschaft leisten.
Auch mein Blick aus dem Fenster ist nicht mehr ganz so schön. Dies liegt zum einen an der Blickrichtung, zum anderen an der Tatsache, dass wir uns hier im zehnten Stock gerade einmal auf halber Höhe wie zuvor befinden. Doch die neue Ausrichtung bringt auch ihre Vorteile mit sich: Auf dieser Seite wird nicht direkt neben uns eine neue Riesenwohnanlage gebaut, sodass endlich der 24 Stunden lang nervende Baulärm ein Ende hat – wobei. Wenn ich für meine Internetarbeit weiterhin in die alte Wohnung muss, muss ich diesen für die entsprechenden Stunden doch weiterhin und nun noch direkter ertragen.
Jetzt bin ich aber erst einmal gespannt, ob die Handwerker es rechtzeitig schaffen, die Küche in eineinhalb Monaten fertig zu bekommen.
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Auch das berühmte Mountainclimbing steht einmal wieder an. An diesem Tag ist es deutlich wärmer, sodass ich mich mit Sonnencreme und Mütze ins Auto setze. Wieder sind wir an diesem Tag eineinhalb Stunden unterwegs – und kommen an genau derselben Wanderstelle an, an der wir schon das vergangene Mal waren. Na toll. Wenn ich das schon jetzt nach dem zweiten Mal als langweilig empfinde – was müssen dann die Kinder denken, die hier schon zum dreißigsten Mal hochlaufen? Meine Hoffnung, dass wir dieses Mal wenigstens einen der anderen Wege einschlagen könnten und zu einigen Steinskulpturen laufen, die sich auch in dieser Anlage befinden, wird bald enttäuscht, als mir die beiden Kinder unterbreiten, dass sie jedes Mal denselben Weg laufen. Wenigstens machen wir heute dann doch noch einen Abstecher an eine Hängebrücke, auf der die Kinder belustigt umherspringen und wir uns über Höhenangst austauschen. Außerdem kann ich nun dieselbe Wandertour bei zwei ganz unterschiedlichen Wetterlagen vergleichen. Während dieses Mal die Sonne auf uns herunterknallt und wir über jeden schattenspendenden Baum dankbar sind, haben wir uns diesen Bäumen das vergangene Mal erfreut, weil sie uns vor den Regentropfen bewahrten. Denn am letzten Wandertag war es neblig und regnerisch zugegangen, wodurch sich damals eine richtig tropische Atmosphäre entwickelt hat. Aber auch dieses Mal bei Sonnenschein gefällt es mir gut.
Beim dritten Mal wandern zwei Wochen darauf schaffe ich es tatsächlich, die Kinder auf meine Seite zu schlagen und wir können den Vater davon überzeugen, heute die erste Abbiegung nach links zu nehmen. Die neu entdeckte Wandertour erweist sich als unglaublich schön. Die Wege verengen sich bald zu kleinen Pfaden, die Betontreppen verschwinden und werden mit losen Steinen zur Aufstiegshilfe ersetzt und – man begegnet kaum anderen Menschen. Alle sind wir froh, dass wir uns an diesem Tag auch ohne zu wissen, wohin der Weg uns genau führen wird, auf diese Route getraut zu haben. Geht doch!

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