„Von chinesischen Donuts bis hin zum Töpfern – der familiäre Part des Monats Mai“ – Teil II

Tatsächlich schaffen wir es nach zwanzig Mal vorschlagen und drei konkreten Terminvereinbarungen mit einer Freundin, die dann kurzfristig wieder abgesagt wurden, uns zum Backe zu treffen. Ich starte mit einem einfachen Rezept: Schokohörnchen. Da die Familie noch Schokoladencreme im Kühlschrank stehen hat, muss nur noch der Hefeteig vorbereitet werden, und los geht’s. Meinen beiden Gastschwestern und ihrer Freundin macht das Backen so sehr Spaß, dass sie sich am nächsten Tag bei ihrer Tante gleich noch einmal in die Küche stellen, um dort Hörnchen für den anstehenden Kindergeburtstag zuzubereiten. Zum Glück besitzen beide Haushalte, der der Freundin sowie der Tante, kleine Backöfen – hier in China eine Seltenheit, denn die Chinesen „backen“ normalerweise, indem sie die Backware auf ein Gitternetz über erhitztem Wasser platzieren.
Das Ergebnis unserer Schokohörnchen ist recht interessant. Während beim ersten Mal unter meiner Aufsicht gut aufgehende Hefehörnchen herauskommen, die aber doch etwas salzig schmecken, weil die Mutter der Freundin beim Zubereiten des Hefeteigs wohl doch etwas zu viel Salz verknetet hat, gehen die Hörnchen, die meine Gastschwestern am nächsten Tag ganz alleine machen, überhaupt nicht auf. Dass diese Hörnchen gut schmecken, kann man nicht gerade sagen, aber mit einem Tee zusammen, kann man die trockene Masse doch auch irgendwie genießen.
In der nächsten Woche schaffen wir es dann gleich wieder, uns mit derselben Freundin zur Bananenmilchherstellung zu treffen. Sojabananenmilch schmeckt einfach super lecker!

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Dieses Produkt ist tatsächlich ohne meine Beihilfe entstanden. Für die Schule muss Coco mit einigen Freundinnen ein Video drehen und sie haben sich für ein Backvideo entschieden – das Produkt: donutähnliche Teigkringel. Beim ersten Mal haben sie sich selbst ein Anleitungsvideo angeschaut und hatten keine Ahnung welche Mengen dem Teig hinzugefügt werden sollen, so dass sie die Zutaten auf gut Glück vermischten. Bevor das in einem einzigen Backklebspaß endete, schritt ich doch ein und half den Teig fertigzukneten und die richtie Zusammensetzung für eine optimale Konsistenz herauszufinden. Eine Woche später, als ich gegen 22:15 aus dem Fitnessstudio komme, finde ich Mutter und die beiden Töchter in der Küche. Eigentlich ist um 22 Uhr Schlafenszeit, aber scheinbar wurde Coco spontan von der Backlust überfallen, sodass mir jetzt noch ein Donut serviert wird. Gar nicht so schlecht. Witzig finde ich jedoch besonders, dass die Kinder die Sahne zu Butter geschlagen haben und selbst die Mutter keinen blassen Schimmer hat, was da gerade passiert ist – Milchprodukte sind für die Chinesen eben doch noch recht neu.
Auch interessant: Das Donutrezept wird zum Liebling der Kinder und innerhalb der nächsten zwei Wochen wird es gleich noch zwei weitere Male zubereitet. Ähnlich wie beim Wandern frage ich mir zwar, wie es den Kindern dabei nicht langweilig wird, aber nun gut. So können sie wenigstens ihre Fettkringelzubereitungsfertigkeiten perfektionieren.

DAS ENGLISCHVIDEO

Sehr niedlich wird es auch stets, wenn ich mit einem der Töchter Hausaufgaben mache. Da die Schule wie bereits detailliert ausgeführt, sehr interaktiv ist und moderne Lernmethoden gehyped werden, kommt es so zum Beispiel dazu, dass ich gemeinsam mit der kleinen Tochter in einem englischen Video einen Elefanten spiele. Die Geschichte, die wir in diesem kurzen Film vorstellen, haben wir uns zuvor auf dem Nachhauseweg von der Schule gemeinsam ausgedacht. Sehr spaßig.
Auch helfen mir die Kinder im Gegenzug einmal bei meinen Chinesischhausaufgaben. Ich muss mindestens drei Minuten lang frei reden und ein fünfminütiges Gespräch mit einem chinesischen Bürger führen. Ich bereite also einen roten Dialogfaden vor, Coco setzt sich neben mich an den Tisch und Judy filmt die Unterhaltung. Dabei sind die beiden wirklich super motivierend und beglückwünschen mich netterweise zu meinem „so guten“ Chinesisch.
Auch in meinen Englischstunden darf der Spaß natürlich nicht fehlen. So erkläre ich Judy anhand eines selbst produzierten Daumenkinos auf welchem Prinzip Film und Fernseher beruhen und zeige ihr Schwarz-weiß- sowie Stummfilmausschnitte, was beides ganz neu für sie ist. Auch englische Geschichten dürfen sie fleißig schreiben und mit Schere und Kleber lernen sie, wie eine Zeitung aufgebaut ist.

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CHINESISCHER GEBURTSTAG – Eine für Deutsche etwas seltsame Angelegenheit
Schließlich steht im Mai auch der Geburtstag meiner älteren Gastschwester an. Das seltsamste daran: Ich erfahre, dass man in China nicht etwa nach- sondern vorfeiert. Ersteres würde hier in China Unglück bedeuten, während es für mich als Deutsche sehr seltsam ist, dass meine Gastschwester, die am Montag Geburtstag hat, bereits am Sonntagabend ihre Freundinnen trifft und allerlei Geschenke auspackt. Auch das Geburtstagsständchen wird ihr schon einen Tag „zu früh“ gesungen und der Geburtstagskuchen wird verspeißt. Auch wenn dieses Vorfeiern in meinen Augen bis zum Ende ein wenig ein Verbrechen bleibt, ist es ganz nett. Es gibt an dem Abend, an dem wir mit Freunden und Freundinnen sowie deren Eltern in einem Restaurant zusammentreffen viel zu viel Essen. Die Bedienung ist vollkommen damit überfordert die vollen Teller noch irgendwo auf der Drehglasplatte unterzubringen. Leider bleibt von all den Gerichten mindestens die Hälfte übrig, was schließlich alles in große Müllsäcke geworfen wird. Anschließend spielen die Kinder noch ein paar Fangenspiele. Viel mehr ereignet sich nicht. Am wirklichen Geburtstag, dem Montag übergebe ich dann als einzige noch mein Geschenk. Schon eine andere Welt!! Wenigstens gibt es auch an diesem Tag noch einmal einen Geburtstagskuchen mit Kerzen. Der Vater lässt sich an beiden Tagen nicht blicken, da er sich auf einer Geschäftsreise befindet.
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KUNSTUNI
Gebäude dieser Art finden sich leider nicht überall in Chongqing, sodass die meisten, die Chongqing bereits bereist haben, sofort erkennen, wo ich hier stehe: vor dem Ausstellungsgebäude des Campus der Kunstuniversität in Chongqing. Das gesamte Gelände ist von Dozenten sowie Studierenden selbst gestaltet und leider sehe ich an diesem Sonntag, an dem die Klassenkameraden und deren Eltern von Judy gemeinsam einen Ausflug hierhin machen, viel zu wenig davon. Lediglich einige Kunstwerke und Statuen auf dem Weg vom Bus zur Kunsthalle begegnen mir. In diesem beeindruckenden Gebäude aus reiner Mosaikfassade besuchen wir schließlich eine Ausstellung mit Skizzen, Gemälden und Plastiken des ehemaligen Leiters der Kunstakademie Chongqing. Am Nachmittag werden den Kindern Stifte, Papier und kleine Farbspritzflaschen in die Hand gedrückt und ihre Kleidung sowie ihre Haare werden mit roten Malkitteln bzw. Kopftüchern geschützt, bevor sie sich selbst daran versuchen können, ein Kunstwerk zu erschaffen, das am Ende vor den anderen Kindern vorgestellt und von der Zeichenlehrerin beurteilt wird.
Auf dem Platz vor dem Kunstzentrum erregt zudem ein großes Zelt meine Aufmerksamkeit, in dem unter anderem Luftballons in Herzform verteilt werden. Ich erfahre, dass heute der 20. Mai ist. Die Aussprache dieses Datums entspricht dem chinesischen „Ich liebe dich!“ sodass an diesem Sonntag natürlich eine ganz besondere Stimmung herrscht und Veranstaltungen stattfinden.

frühstückzubereitung

BACKEN UND KOCHEN
Bereits in den vergangenen Wochen haben wir einige Male gemeinsam Teig geknetet und das ein oder andere Gebäck bei einer befreundeten Nachbarin in den Backofen geschoben, doch nun begannen wir, fest jeden Freitag zu „backen“ und jeden Sonntag etwas Besonderes für das Frühstück zuzubereiten. Wir beginnen mit dem Zubereiten von Nussschokolade, was auch ohne Backofen funktioniert, und wenn die Freundin einmal keine Zeit hat, habe ich noch viele Ideen für andere Leckerein, die man entweder in der Pfanne, oder im Topf zubereiten kann. Für ein besonderes Frühstück am Sonntagmorgen begannen wir mit Porridge und ergänzten in der darauffolgenden Woche unser Büffet mit dem Gericht „Armer Ritter“. Mal sehen, was uns noch alles einfällt, was wir in den kommenden Wochen gemeinsam zaubern können. Ich zu meinem Teil möchte unbedingt einmal Mohnkuchen backen und probieren – den gibt es hier nämlich massenweise nur um die Zeit des Herbstfestes herumzukaufen und so lange werde ich mich nicht in China aufhalten. Und auch in meiner neuen Familie habe ich bereits sichergestellt, dass meine neue Gastschwester backbegeistert ist, sodass ich auch mit ihr einige meiner Ideen umsetzen können werde.

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