Von Chinesischen Dynastien bis hin zu Sissi

TAG1
„Ich kann nicht gut zeichnen und das wird nur lächerlich!“ kam zwei Tage vor Reiseantritt von meinem Bekannten Yangwei aus Xi’an per WeChat. Eigentlich hatte er mir versprochen, mit einer Deutschlandflagge in der Hand auf mich zu warten. Meine Gastschwester und ich mussten uns bei dieser Nachricht erst einmal die Lachtränen gegenseitig aus den Augen wischen. Wie kann man unfähig dazu sein, eine Deutschlandflagge zu malen? Ich meine, bei anderen Ländern mit komplexeren Formen als drei verschiedenfarbigen Streifen kann ich das ja noch nachvollziehen – aber nicht beim deutschen Muster. Halb so schlimm. Tatsächlich finde ich meinen Bekannten, der vor den Türen des Bahnhofs auf mich wartet, schnell – trotz fehlender Deutschlandfahne.
Während der Taxifahrt, erhalte ich einen ersten Eindruck von Xi’an. Recht nett, aber – auch nicht großartig anders als Chongqing. Anzahl und Höhe der Gebäude sind etwas niedriger und es gibt Fahrräder an den Straßenseiten. Der wie mir scheint größte Unterschied. Denn im Gegensatz zum hügeligen Chongqing ist Xi’an eine flache Stadt, die sich auf zwei Rädern gut erkunden lässt. Die klapprigen ganglosen Räder können dabei über eine App bequem freigeschalten werden.

Nach einem schnellen Check-in in mein kleines Hotelzimmer geht es zum Frühstück. Nach meiner Betonung nicht viel essen zu können, werden mir zwei Schüsseln mit Nuseln, süßer Suppe mit Reisbällchen plus ein Baozi (Weißbrot mit Füllung) vor die Nase gestellt. Chinesisches „nicht viel“, ja das ist mir schon bekannt. Die Hälfte davon wird – ganz untypisch für China – eingepackt, sodass ich sie am Nachmittag essen kann. Vor dem Museum erwartet uns eine lange Schlange., die meinen Bekannten vollkommen überrascht. Natürlich hätte man damit rechnen und den Besch irgendwie anders planen können, aber – wie an bereits so vielen Stellen erwähnt – ist Planung nicht gerade eine der Stärken von Chinesen
Während des Anstehens finde ich gemeinsam mit meinem Bekannten aber ausreichend Gesprächsthemen und es dauert nicht lange, bis sich die typische „Oh, woher kommt sie denn, wie alt ist sie, wie habt ihr euch kennengelernt?“ Konversation zwischen um uns herumstehenden Fremden und uns beiden entwickelt. Wenn ich in diesem Fall auf eine der Fragen einfach direkt antworte, oder die Antworten Yangweis mit „Dui“ (richtig) kommentiere, geht das Gefrage in dritter Person dann an mich in „Du-Form“ weiter – in der Regel nach einem begeisterten „Oh, sie kann Chinesisch sprechen!“ Zwischen einem Pärchen und uns hält das Gespräch etwas länger an, als wir erfahren, dass alle Vormittagskarten bereits vergriffen sind und uns erst ab 12:30 Uhr der Einlass gewährt wird. Ein kurzer Blick auf mein Handy kündigt mir eine Wartezeit von einer Stunde an. O.k. geht ja noch. Das Gespräch ist inzwischen über die Bewunderung meiner Naturlocken auf die Fußball-WM abgeschweift und ich nutze die Zeit, um zunächst die Architektur des Museumsgebäudes zu betrachten und mich dann mit meiner Gastschwester zu beschäftigen. Schließlich ist diese nicht aus der Welt, sondern nur in Australien und ich bin daher auch nicht von meinen Arbeitspflichten befreit, sprich: jeden Tag werden Sprachnachrichten und Fotos hin- und hergeschickt und ich muss dafür sorgen, dass ihre angefangenen Englischthemen nicht über die zehn Tage in Vergessenheit geraten. Etwas nervig, aber auch recht niedlich und informativ – und: so kann ich selbst hunderte Kilometer entfernt, ein wenig von Australien miterleben.
Von Chinesischen Dynastien bis hin zu Sissi – das Museum von innen
Das Shaanxi Museum hält was es verspricht und das Warten hat sich in jedem Fall gelohnt. Von Ausstellungshalle zu Ausstellungshalle lese und staune ich über die Geschichte Chinas, insbesondere der Provinz Shaanxi und lerne dabei nicht nur einiges dazu, sondern behalte auch Bilder von besonders schön gearbeiteten Objekten im Kopf. Der Museumsbesuch endet schließlich in einer Sonderausstellung über Sissi und der Geschichte Ungarns. Wirklich ein ganz seltsames Gefühl nach all den Monaten in China und all den vorangegangenen Ausstellungsräumen mit asiatischen Themen auf einmal Gemälde und Kleidung zu finden, die mir so bekannt vorkommen.
Nach einem schnellen Kleiderwechsel im Hotel geht es einen Schritt in Richtung Erfüllung eines meiner persönlichen Ziele, die ich für diesen Urlaub aufgestellt habe: alle Fitnessstudios in Xi’an von innen zu Gesicht bekommen. Gleich bei meinem ersten Kurs mache ich nähere Bekanntschaft mit der chinesischen Yogalehrerin Lia Kim, die sich aktuell im Fachbereich Tanz weiterbilden möchte und auf dieselbe Universität geht wie Yangwei. Auf der Rückfahrt zum Hotel mit ihr gemeinsam begegnet mir einmal wieder das Phänomen: „so viel wie möglich mit der Ausländerin gemein haben wollen“. Sätze wie „Wir sind uns so ähnlich!“ und „Da denke ich genauso wie du!“ fallen hier nicht zum ersten Mal, sondern sind mir bereits aus meinen beiden Gastfamilien bekannt.
Zudem muss natürlich nach dem Training noch ein Gruppenfoto geschossen werden, das ich noch am selben Abend mit der Unterschrift: „ein kleiner Engel mit 100% Energie hat meinen Abend versüßt“ auf dem Profil von Lia Kim entdecke.
Tag 2
Nach der ersten Nacht im Hotelergibt sich bei der eigentlich geplanten Bezahlung des Zimmers für meinen gesamten Aufenthalt ein Gespräch, das ich sogar rein ohne Übersetzungshilfe verstehe: das Hotel vermietet nicht an Ausländer und hatte bisher gedacht, mein Bekannter selbst würde hier übernachten. Dieser entschuldigt sich nun hundert Mal bei mir, obwohl ich ihn schon nach dem ersten Mal beruhige und sage, dass alles nicht so schlimm sei. Als wir nach draußen treten, kommen wir etwas umständlich darauf zu sprechen, dass er einen kleinen Raum bei sich zu Hause in der Wohnung hat, in dem ich die nächsten Tage wohnen könnte. Ich bin überaus glücklich darüber, da mir das ohnehin lieber ist, als jeden Abend in ein einsames Zimmerchen zurückkehren zu müssen – und er ist vollkommen erleichtert, weil er mir diese Übernachtungsmöglichkeit eigentlich von Anfang an hatte anbieten wollen, er nur dachte, ich sei höhere Standards gewohnt. Wir drehen also auf dem Absatz wieder um, vereinbaren mit der netten Rezeptionistin, dass ich meinen Koffer bei ihr unterstellen kann und können nun unserem Tagesplan nachgehen – von dessen Gestaltung ich keinen blassen Schimmer habe.

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