Von einer Überblasflöte bis hin zu Zeitlupenbewegungen – eine Probestunde Tai-Chi

 

„Empety, empety. The left feed empety now. Dui!” Ich bewege meinen linken Fuß in Zeitlupe nach oben und versuche mich gleichzeitig mit den rechten Zehen zur Stabilisation in den glatten Boden zu krallen. Der etwa 25-jährige Mann mit langen schwarzen Haaren und weißem Gewand blickt mich lächelnd an. Zu Beginn des Einzeltrainings habe ich mindestens zehn Minuten gebraucht, um herauszufinden, was genau er mit empety meint. Er möchte damit eigentlich das englische Wort „empty“ aussprechen, was in meinem Fall bedeutet, dass einer meiner Füße „leer“ sprich unbelastet sein sollte. „Dui“ ist das chinesische Wort für richtig. Auf diese Art klappt es mit dem englisch-chinesisch-Mischmasch doch erstaunlich gut, zum ersten Mal original chinesisches Tai-Chi auszuprobieren, sodass ich sogar zweieinhalb Stunden in diesem Trainingszentrum verbringe. Von außen muss es schon recht lustig aussehen, wie eine in schwarzer Leggings und rotem Top gekleidete Deutsche zwischen all den erwachsenen Chinesen in ihren weißen Gewändern herumspringt, denn nachdem mir fünfzehn Minuten lang die Hintergründe zu Tai-Chi erklärt wurden, wovon ich dank einiger chinesischer Worte, die ich bis zu diesem Zeitpunkt schon in mein Gedächtnis geprügelt habe, und Zeichensprache, sogar die Hälfte verstehe, wird mir ein großes Gemälde des Urvaters des Tai-Chi gezeigt. Zugleich lerne ich die richtige Verschränkung der Hände und die Art und Weise, wie ich mich vor diesem Bild und dem davor aufgebauten Altar zu verbeugen habe. Danach werde ich in den Haupttrainingsraum geführt, in dem ich die Aufwärmungs- und Dehnungsübungen der Anderen einfach nachmache , was sehr gut funktioniert. Die sich daran anschließenden mir eine Ewigkeit vorkommenden Stillstehminuten, bei denen man die Augen geschlossen hält und irgendetwas auf Chinesisch geredet wird, sind doch etwas sehr langweilig. Trotz, dass ab und an ein Geflüster an meiner rechten Schulter vernehmbar wird, das mir die Keyworte auf Englisch übersetzt, sodass ich zumindest weiß, wann ich meinen Kopf nach rechts oder links drehen soll, oder wann ich welchen Bereich meines Körpers in Tiefenspannung zu versetzen habe.
Als die Trainingsgruppe dann mit ihren zusammenhängenden Übungen bei denen sich die gesamte Masse fließend von einer zur anderen Seite des Raumes bewegt, fortführt, werde ich von ihrem Haupttrainer in den Nebenraum geleitet, in dem ich mich nun befinde. Hier erlerne ich meine erste Tai-Chi Abfolge. Heute nur die Beine und wenn ich wiederkommen sollte, die begleitenden Armbewegungen, wie ich von dem nun zum Privattrainer gewordenen Verantwortlichen erfahre. Insgesamt ist es schon recht interessant, das Ganze einmal mitzuerleben, nach dem hundertsten Mal, dass ich diese Folge nun durchführe, wird es aber etwas sehr langweilig und ich hätte mich doch sehr darüber gefreut, auch gleich noch die Armbewegungen zu lernen. Doch alles muss schließlich seine Ruhe und Perfektion haben. Der Winkel meines gebeugten Knies muss exakt stimmen, mein Fuß muss genau zwei Zentimeter über dem Boden zum Stoppen kommen, meine linke Fußspitze muss genau mit meiner rechten Ferse in einer Linie liegen. Dies darf ich natürlich nicht mit einem Blick überprüfen, sondern muss die Fußpositionen spüren.


Während ich konzentriert meine Fußabfolge wieder und wieder durchgehe und die Verbesserungsvorschläge des Mannes neben mir versuche, umzusetzen, luge ich ab und an in den Nebenraum hinein. Dort haben die Teilnehmer der Trainingsgruppe inzwischen damit begonnen, Einzel- und Partnerübungen auch mit Schwertern und weiteren Waffen durchzuführen. Das Ganze sieht ja schon recht interessant aus, aber wenn ich dafür erst einmal stundenlang diese langsamen Abfolgen erlernen muss, glaube ich, ist Tai-Chi wirklich nicht das Richtige für mich. Da bevorzuge ich doch lieber gleich eine schnelle Kampfsportart – auch wenn ich dort natürlich auch zunächst die Grundlagen werde erlernen müssen.
Das Training wird mit einem dann doch etwas zügigeren gemeinsamen Ablauf von Figuren beendet, bei dem ich mich mit einreihe und so gut wie möglich folge. Danach stürmen die Kinder in den Raum, denn ihr Training schließt lückenlos an die Erwachsenenstunde an. Ich blicke auf die Uhr. Eigentlich hätte bereits vor zehn Minuten eine Verabredung mit einer chinesischen Nachbarin begonnen. Nun ja, Chinesen sind bekanntlich nicht sonderlich pünktlich. Zudem habe ich aktuell ohnehin nicht die Wahl, sofort weiterzustürmen, denn erst wird mir das „Freundschaftswasser“ angeboten und ich muss mir den Kleiderkatalog anschauen, denn auch traditionelle Hemden und Frauenkleider werden hier hergestellt und verkauft. Dann werde ich in einen weiteren Nebenraum geführt, in dem ein paar der Erwachsenen ihren Übungen auch nach dem Training noch weiter nachgehen. Zudem wird mir dort eine Holz-Überblasflöte gezeigt, aus der ich es leider nicht schaffe, auf Anhieb einen Ton herauszuzaubern und ich darf eine Zither bewundern. Als mir dann noch der Leiter des Zentrums vorgestellt wird, der ebenfalls Anstalten macht, mir irgendetwas zeigen zu wollen, deute ich vorsichtig an, jetzt dann doch aufbrechen zu müssen. Ich werde mit den Worten, jederzeit willkommen zu sein, was sich nicht nur auf das Tai-Chi Training bezieht, bis an den Fahrstuhl geführt. Denn das Zentrum besteht nicht nur aus dem Trainings- und dem Musikraum. Stattdessen finden sich dort zahlreiche Sitzbänke und Tische umrahmt von gefüllten Bücherregalen. Diese scheinen nicht nur für die auf ihre Kinder wartenden Eltern am Samstagvormittag gedacht zu sein, sondern für zahlreiche Menschen offen zu stehen, die in Ruhe ein Glas Wasser oder Tee trinkend, ein Buch lesen möchten. Wirklich eine schöne Atmosphäre.
Wie mein weiterer Samstag verlief, könnt ihr im Artikel Schön klingende Melodie – Gespräche mit einer chinesischen Internatsschülerin und meine Namensfindung nachlesen.

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