Von einer verschwindenden Schrift bishin zum Malen von Fischen – Chinesische Sprache, Schrift und Kunst

 

Sinologiestudium wahrscheinlich nicht so ganz das Richtige
Immer und immer wieder werde ich danach gefragt, warum ich gerade Mandarin lernen möchte. Eine eindeutige Antwort darauf habe ich nicht. Meine Mutter hat schon immer von den chinesischen Sternzeichen erzählt, nur weil sie darüber ein dickes Buch besitzt, und das ein oder andere Mal habe ich in meiner Kindheit eine Dokumentation über das alte China mitverfolgt. Aber ansonsten hatte ich eher wenig Kontakt mit China. Vielleicht ist es aber auch gerade die Tatsache, dass man in der Schule eben kaum etwas über den asiatischen Kontinent erfährt, was mich so neugierig macht.
Egal woher es auch kommen mag – ich habe in jedem Fall eine Faszination für das Reich der Mitte entwickelt. Von asiatischen Fächern war ich schon immer unheimlich begeistert und anstelle von Tieren und Pflanzen, fing ich an, mit Windows Colour chinesische Schriftzeichen zu malen. Auch einige meiner Leinwände benutzte ich, um mein Interesse an der chinesischen Schriftsprache auszuleben.
Selbst wenn ich mir diese Faszination nicht vollständig erklären kann, bleibt festzuhalten: Von klein auf wollte ich diese Sprache lernen, und jetzt hatte ich die Möglichkeit dazu.


Mit kaum Kenntnissen reiste ich nach China. Mit einer Handy-App hatte ich mir zwar schon einige Grundlagen beigebracht, so wirklich viel war das aber nicht. Daher startete ich direkt in der Anfängerklasse der Universität. Die ersten Stunden waren gefüllt mit Nachsprechen von Vokalen und Umlauten, wobei nicht nur der Mundraum zur Produktion der Töne und Konsonanten sondern auch das Gehör geschult wurde. Man muss es erst einmal schaffen, zh ch und sh sowie j q und x in der chinesischen Aussprache voneinander zu unterscheiden. Dann begann das „richtige“ Lernen. Eigentlich hatte ich immer gedacht, dass es eine recht schöne Abwechslung sein würde: Schriftzeichen, Aussprache, Lautschrift, Hören… als so ganz abwechslungsreich stellte es sich schließlich nicht heraus. Ich glaube, mir fehlt in dieser Sprache irgendwie die Grammatik, die ich in allen Fremdsprachen, die ich bisher gelernt habe, immer liebte. Chinesisch hat kaum Grammatik was dazu führt, dass 90% der Zeit, in der man für den Sprachunterricht büffelt, daraus besteht, Vokabeln zu pauken – und angesichts der unglaublichen Fülle an Schriftzeichen und Worten, fühlt man sich nicht selten in all dem Strichesalat etwas verloren und weiß nicht, wo man anfangen soll.
Lernen, wiederholen, eine Eselsbrücke bauen, ausversehen mit einem anderen Zeichen verwechseln, irgendwo einen Haken vergessen, noch einmal wiederholen… Das Prozedere, bis sich die Vokabeln endgültig im eigenen Gehirn gefestigt haben, ist langwierig. Natürlich ist es dadurch ein umso größeres Erfolgserlebnis, wenn man in einem Diktat dann tatsächlich kaum Fehler macht, oder wenn man in den täglichen Gesprächen ein neues Wort versteht. Gerade dieser letzte Aspekt ist auch das, was mich am meisten motiviert. Überall um mich herum wird Chinesisch geredet und ich möchte endlich mehr verstehen, besser kommunizieren können, anwenden, was ich im Sprachkurs lerne. Darüber hinaus habe ich auch das generelle Interesse an der Sprache noch lange nicht verloren – selbst wenn das viele sture Vokabelpauken manchmal ganz schon eintönig werden kann.

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Kalligrafie – eine beeindruckende Kunst
Das allerfaszinierendste an dieser Sprache sind jedoch nicht die dahingehudelten und kaum zu lesenden Zettel, die ein Durchschnittschinese am Tag schreibt – da danke ich doch dem digitalen Zeitalter durch das ich recht sicher gehen kann, später auch wirklich etwas lesen zu können, wenn ich die abgedruckten oder am Computer zu lesenden Schriftzeichen lerne. Handschriftliches wird mir kaum begegnen.
Diese „Computerzeichen“ sind zwar einfacher zu identifizieren, aber durch das Weglassen all der Schnörkel und des vom Schreiber abhängigen individuellen Schwungs, geht natürlich auch eine gewisse Qualität der chinesischen Schriftsprache verloren. Besonders auffallend ist dieser Verlust, wenn man kalligraphische Meisterwerke betrachtet. Es ist wirklich beeindruckend, wie selbst in riesigen Formaten jeder Strich kunstvoll gesetzt wird und die im Computer als einfache Striche dargestellten, nach unten verlaufenden Zeichnungen durch die Dickenveränderung über ihre Länge hinweg, auf einmal eine ganz neue Dynamik erhalten.
Ich selbst hatte leider erst ein Mal die Gelegenheit, nicht nur meine neu gelernten Zeichen in mein Übungsheft zu schmieren und sie mir so detailliert wie möglich einzuprägen, sondern tatsächlich mit Pinsel und Wasser auf eine „magische Tafel“ zu schreiben, auf der die zunächst erscheinenden Zeichen nach wenigen Minuten wieder verschwinden. Hier übte ich das erste Mal meinen eigenen chinesischen Namen zu schreiben. (Mehr dazu siehe LINK)
Auch ein Kalligraphieworkshop wird mich im Monat Mai noch erwarten. Zumindest laut Veranstaltungsplan der Austauschorganisation – da bin ich mal gespannt.
Interessant ist in jedem Fall die Veränderung, die durch die Digitalisierung in die Chinesische Schriftsprache und die Anforderungen an die Schüler einzieht. Viele junge Chinesen geben selbst zu, die Zeichen kaum mehr im Detail zu können. Zum einen liegt das daran, dass sie sich gerne den Sprachnachrichten bedienen, zum anderen daran, dass selbst wenn sie schreiben, sie nur die Lautschrift, also das pinyin schreiben müssen und dann aus den Vorschlägen des Programms das Gesuchte auswählen. So müssen sie also nur noch lesen und erkennen können – das detaillierte Zeichenschreiben ist am Laptop und Handy kaum erforderlich.
Zudem habe ich den Eindruck, dass digitale Dictionaries für die Chinesen und Chinesischlernenden noch viel nützlicher sind, als in anderen Sprachen. Schließlich ist es nicht so einfach, die Zeichen nach Anfangsbuchstaben alphabetisch zu sortieren. Im Endeffekt basieren chinesische Dictionary-Bücher daher auf zwei Systemen: Zum einen werden sie nach der Lautschrift und nach dieser alphabetisch sortiert, zum anderen nach im Schriftzeichen enthaltenen „Charaktern“ dem Grundaufbau der chinesischen Schriftzeichen.
Sprache und Dialekte
Glücklicherweise bin ich in einer Familie gelandet, die nicht ursprünglich aus Chongqing stammt. Beide Elternteile wurden in einer anderen Provinz weiter im Norden geboren und großgezogen. Interessanterweise haben sie dabei, obwohl sie in der gleichen Klasse waren, nicht denselben Dialekt geredet (aufgrund der unterschiedlichen Herkunft ihrer Väter) – sprich: Die einzige Möglichkeit, sich untereinander zu verständigen, ist, das Standard-Mandarin zu sprechen, das sie auch mit den Kindern reden. Den Dialekt aus Chongqing, den zwar meine Gastmutter nach 23 Jahren Aufenthalt in dieser Stadt sprechen kann, redet sie nur mit Freundinnen. Für mich ein klarer Vorteil, da ich so wenigstens rund um die Uhr mit Standard-Mandarin umgeben bin, was hoffentlich einen positiven Einfluss auf meine Lernfortschritte haben wird.

Von Fischen und Blumen
Verdammt. Nun habe ich doch wieder zu viel schwarz erwischt. Den Fisch kann ich jetzt also auch wieder vergessen. Nun ja. Ich versuche nicht länger darüber nachzudenken und fange an, gemeinsam mit Coco, zu scherzen. „Das ist gar kein Fisch, sondern ein Seemonster!“ rufe ich aus und verziere meine neue Kreation mit besonders dicken roten Barthaaren, nachdem ich den Pinsel gewechselt habe. „Und das hier ist eine Wassermaus!“ Meine Gastschwester lacht mir entgegen, wobei ihre Augen noch schmaler werden, als sie nach chinesischem Standard ohnehin schon sind. Nun tritt die Lehrerin zu Coco und nimmt ihre Hand samt Pinsel zwischen ihre Finger. Der nächste Fisch wird von ihr mitgeführt. So soll die Schülerin ein Gefühl dafür bekommen, mit welchem Druck sie den Pinsel über den pergamentartigen Untergrund führen darf, damit die richtige Struktur herauskommt. Nicht zu deutlich, aber auch nicht zu wässrig. Nicht zu dick aber auch nicht zu dünn. Und in keinem Fall gleichmäßig. Selbst wenn ich die Anmerkungen, Korrekturvorschläge und Verbesserungen der Künstlerin sprachlich nicht verstehen kann, lerne ich schnell, worauf es ankommt – ob das in der Umsetzung so klappt ist die andere Frage

Zum Hintergrund:
Jeden Freitagmittag hat die jüngere meiner beiden „Host-Geschwister“ und Englischschülerinnen Zeichenunterricht. Gemeinsam mit anderen Kindern ihres Alters lernt sie dort den Umgang mit unterschiedlichen Materialien, das Anwenden verschiedener künstlerischer Techniken, das Zeichnen verschiedener Motive… Am Abend folgt dann der Kunstunterricht für die ältere der beiden. Hierfür kommt extra eine Lehrerin von auswärts zu ihr nach Hause. Gezeichnet wird auf speziellem weißen und fast durchsichtigem Papier und mit speziellen Pinseln. Auch ich darf jede Woche mitmalen, auch wenn ich mir angesichts der ungewohnten Materialien manchmal wie ein Kindergartenkind vorkomme. Ich muss erst einmal lernen, den Pinsel im richtigen Winkel zu halten, die Menge an Wasser und Farbe einschätzen zu können, sodass mein Papier nicht zu nass wird und alles verwischt, andererseits aber die Farbe auch nicht zu konkret und kräftig hervorsticht. Denn weiße Lücken und ungleichmäßige Striche werden gerne gesehen. Es bleibt abzuwarten, wie weit ich mich in den kommenden Monaten verbessern werde. In jedem Fall ist es interessant, diese traditionelle Kunstrichtung austesten und ein Stück weit erlernen zu können. Außerdem kann ich all meine Kunstwerke als Erinnerungsstücke mit nach Hause nehmen.

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