Von Eismännern bis hin zu zahnspangentragenden Schwestern – Ein chinesischer Englischwettbewerb

„Dies ist ein Hase. Sein Lieblingsessen sind Karotten. Der Hase lebt auf einem großen Feld und isst den ganzen Tag Karotten.“ „Er hat große weiße Zähne!“ flüstert mir meine ältere kleine Gastschwester ins Ohr. Die ganze Zeit über fährt sie damit fort, die Bilder mitzubeschreiben und auch die Fragen der Jurymitglieder in mein Ohr flüsternd zu beantworten, was mich als Englischlehrerin natürlich ganz besonders freut. Der Junge vorne auf der Präsentierfläche, dessen Alter ich auf acht Jahre schätze, ist fertig mit der Bildbeschreibung, äußert ein „Thank you“ und blickt aufgeregt den drei Jurymitgliedern entgegen.
„Welche Farbe haben Karotten?“ „Orange!“ antwortet der Junge. „Und woher hat der Hase die Karotten?“ Nach einer Denkpause weiß der Kandidat auch darauf eine Antwort: „Er hat sie aus einem Garten geklaut“ Durch das „Publikum“ bestehend aus Eltern und noch auf ihren Auftritt wartenden Kindern geht ein belustigtes Raunen. „Und was ist dein Lieblingsessen?“ Etwas irritiert von diesem Themenwechsel, stockt der Junge ein wenig, kommt dann aber auf die richtige Spur. „Pizza“ kann er noch aussprechen, bevor er auf seinen Stuhl zurückgebeten wird. Als nächstes tritt ein junges Mädchen auf die Bühne.
So geht das etwa eine halbe Stunde lang, bis die Gruppe, in die Judy, meine jüngere Gastschwester eingeteilt wurde, fertig ist. Doch wo befinden wir uns gerade? Wir lehnen an der Wand eines kleinen Raumes inmitten eines Trainings- und Wettbewerbszentrums, das etwa 30 Minuten von der Wohnung meiner Hostfamily in Chongqing entfernt liegt. Dort sind heute alle Parkplätze belegt, denn an diesem Samstag findet hier ein Englischwettbewerb statt. 20% der Teilnehmer dieser ersten Auswahlrunde werden dabei herausgesucht. In Altersgruppen eingeteilt treten sie jeweils gegeneinander an. Mich erinnert der Ablauf an eine Art Castingvorrunde für diverse Singshows wie DSDS Kids oder TheVoiceofGermany – zumindest so wie ich mir diese vorstelle. Nur, dass man hier in China nicht stundenlang warten muss.
Kaum sind wir angekommen, werden wir auch schon als Gruppe in den besagten Raum geführt, wo nun eins nach dem anderen Kind auf die Präsentationsfläche tritt. Die Aufgabe: Es muss ein Bild beschrieben werden und im Anschluss werden dazu Fragen gestellt. Doch dies ist nur der grobe Rahmen. Wie ich nach den ersten fünf Kindern bereits erfahren habe, geht es hier hauptsächlich darum, in der kurzen Zeit möglichst viel und möglichst fehlerfrei Englisch zu reden. So erzählen manche Teilnehmer z.B. auch einfach nur Geschichten, die irgendetwas mit dem Bild zu tun haben. Ein Junge berichtet z.B. von einem heißen Sommertag, an dem sich seine Mutter und er eine Kugel Eis gekauft haben und schmückt diesen Vorgang mit allerlei Details aus. Auf dem vorgegebenen Bild ist dabei nicht mehr als ein Eisverkäufer mit zwei Eisbechern in den Händen zu sehen. Eine weitere Kandidatin trägt bei der Betrachtung der Zeichnung eines Kindes mit Zahnspange einen zu hundert Prozent zurechtgelegten Text vor, in dem sie das Mädchen auf dem Bild zu ihrer Schwester macht und deren halbes Leben erzählt. Die Fragen im Anschluss dienen zur Überprüfung ob die Teilnehmenden ihre Texte lediglich auswendig gelernt haben, oder tatsächlich auch verstehen, was sie sagen, und das Englischniveau ausreicht, um auch auf spontane Fragen eingehen zu können.
Am Mittwoch haben die beiden Kinder und ich davon erfahren, dass dieser Wettbewerb bereits am kommenden Samstag stattfinden wird. Bis zum Mittwoch hieß es, dass irgendwann – vielleicht so etwa Ende Mai/Anfang Juni – ein Englischwettbewerb ansteht. Auch die Fotos hatte ich als Übungsmaterial bereits ausgedruckt erhalten. Dass der Wettbewerbszeitpunkt nun aber so schnell naht, war niemandem bewusst. Daher waren meine Kinder nicht, wie viele derjenigen, die ich in diesem Gruppendurchgang sehe, auf jedes einzelne Foto vorbereitet und kannten keine ellenlange Geschichte dazu. Zudem hatte mir bis dato niemand erklären können, wie genau der Wettbewerb denn überhaupt ablaufen würde. Inzwischen bin ich schlauer.
In der Vorbereitung habe ich mich also darauf konzentriert, meinen Mädchen grundlegende Fertigkeiten zu vermitteln, die zur Bildbeschreibung benötigt werden, sowie ihnen wichtige Vokabeln beizubringen.
Cocos Auftritt konnte ich leider nicht mit ansehen, aber sie lächelt ganz glücklich – und egal wie gut oder schlecht sie im Endeffekt abschneiden wird – dass sie zufrieden ist, und dass sie sich getraut hat vor den Jurymitgliedern und all den Zuhörern zu sprechen, ist der wichtigste Erfolg des heutigen Tages.
Als Judy an der Reihe ist, kann ich ihr die Aufregung auch von der anderen Seite des Raumes aus ansehen. Viel zu schnell ist sie mit ihrem Monolog fertig. Sie stockt, ist sich unsicher und schweigt schließlich. Fast meine ich, sie würde gleich losweinen. Die extrovertierte und aufgeweckte Judy, die normalerweise vor keinem Klassenvortrag zurückschreckt, lernt hier noch einmal eine neue Stufe des Präsentierens und freien Redens kennen. Auch auf die Fragen kann sie nicht flüssig antworten – selbst, wenn ich mir ganz sicher bin, dass sie versteht, was die Erwachsenen, die ihr gegenüber sitzen und fleißig mitschreiben, von ihr wollen.
Das bestätigt auch ihr Bericht. Nachdem wir den Raum verlassen und meiner Gastmutter begegnen, legt sie gleich los. Sie habe alle Fragen verstanden, habe aber nicht gewusst, wie sie darauf richtig antworten soll. Selbst im Auto bemerke ich noch, wie sie mit ihrer Leistung unzufrieden ist und bereut, wie der Wettbewerb verlaufen ist. Ich kann ihre Gedanken nachvollziehen. Wie häufig hätte ich gerne schon die Zeit zurückgedreht, um noch einmal die Chance zu erhalten, eine Situation besser zu gestalten. Doch ihre Mutter ist in diesem Punkt wirklich gelassen. Sie sieht es ähnlich wie ich: Wichtig ist es, dass die beiden Kinder Erfahrung sammeln, sich trauen, vor anderen zu reden und ihr Englisch auch außerhalb der eigenen vier Wände anzuwenden. Viel mehr als das Auswendiglernen irgendwelcher Bildergeschichten, ist das Trainieren des spontanen Erzählens und Unterhaltens in englischer Sprache. Genau deshalb haben wir auch im Voraus versucht, den Druck von den beiden Kindern zu nehmen. Vielleicht etwas, das man in chinesischen Familien nicht erwartet, aber tatsächlich gar nicht so unüblich ist – schließlich besteht auch China nicht nur aus Familien, in denen die Kinder zu allem gezwungen und nur getriezt werden. Dass bei der ersten Teilnahme nichts herausspringen wird, ist bereits jetzt absehbar. Jetzt werden die Mädchen erst einmal für ihren Mut gelobt – und man redet vom nächsten Mal. Schließlich ist noch genug Zeit, sich auf die nächste Runde vorzubereiten – und jetzt wissen wir auch alle, wie der Wettbewerb in der Realität verläuft.

 

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