„Von Fotoshootings und illegalen Sonnenuntergangsbeobachtungen“

Good-bye China
Es ist schon ein witziger Anblick: Ein Kofferwagen mit einer fetten roten Reisetasche, einem orangenen kleinen Rollkoffer obendrauf der aufgrund der Bücher fast genauso schwer ist, eine vollgestopfte Plastiktüte in der oberen Ablage – und daneben eine 18-Jährige, die die obere Stange des Wagens ein wenig überragt und die trotz für ihre Schultern viel zu schwerem schwarzem Rucksack ein paar Ballettfiguren tanzt. Diese Situation ergibt sich im Aufzug. Gerade mal eine Ebene muss ich in diesem nach oben fahren, aber die klassische Musik in dem schmalen verspiegeltem Raum veranlasst mich dennoch dazu, ein wenig zu tanzen. Außerdem bin ich fürs erste erleichtert – denn diese kostenlosen Kofferwägen sind in meinem Fall ein Segen.
Kurz zuvor: ich hoffe zumindest immer darauf, dass mir irgendjemand helfen wird – da das zwischen Zugankunft und Couch-Surfing-Haus nicht so geklappt hat und ich von der fehlenden Bereitschaft der Pekinger Bevölkerung doch ein wenig enttäuscht war, weiß ich inzwischen aber auch meine Hoffnungen realistisch einzuschätzen und ich habe mir selbst bereits mehrmals bewiesen: auch wenn niemand hilft, klappt es irgendwie.
Heute Abend, aber bekomme ich Hilfe und dadurch wird mein Transfer zum Flughafen um einiges angenehmer. Eine meiner Couch-Surfing-Hosts begleitet mich netterweise zur Einstiegsstation des Railway-Expresses. Sie muss nicht viel helfen und zieht nur den kleinen orangenen Koffer, während ich mich der roten Tasche, dem schwarzen Rucksack und der Geschenkeplastiktüte widme – aber alleine dass dieser eine Koffer wegfällt, den ich sonst in meine ohnehin schon roten Armbeugen hätte platzieren müssen, ist eine enorme Erleichterung. So schaffen wir es sogar unerwartet schnell, die Station zu erreichen. Nur die vielen Treppen muss ich stehts Stufe für Stufe in Angriff nehmen, wodurch meine Wunden doch wieder erneuert werden. Auch meine Schultern schmerzen von dem Druck des Rucksacks enorm. Ich glaube so hart waren meine Nackenmuskeln noch nie. Aber – alles halb so schlimm.
Och nö! Jetzt war alles so fließend verlaufen. Nach dem Durchlaufen der Ticketkontrollschranke und dem Herunterrollen auf der glücklicherweise vorhandenen Rolltreppe hatte ich sofort in den Zug einsteigen können. Und jetzt? Auf einmal werden wir alle herausgescheucht. Mir bleibt gerade noch Zeit, meine Zahnbürste wieder im Rucksack zu verstauen, da zieht auch schon eine Bahnangestellte an meiner Tasche – wenigstens helfen sie den überstürzten Passagieren. Seufz. Dann wird eben ein wenig gewartet, bis der neue Zug einrollt. Warum der Zug nun ausgetauscht werden musste, scheinen wohl auch die um mich herumstehenden Chinesen nicht verstehen.
Heute sind die Menschen irgendwie netter als am Mittwoch. Vielleicht liegt es daran, dass die sich am Flughafen befindenden Menschen nicht alle aus Peking kommen. Vielleicht habe ich auch einfach Glück, dass ein junges chinesisches Pärchen mir begeistert die Koffer abnimmt. Eine Erleichterung hoch zehn selbst wenn es nur ein kurzes Stück ist, bis ich meinen Koffertransportwagen erreiche und wir uns voneinander verabschieden.
Wo würde ich nun wohl hinfliegen, wenn ich die freie Wahl hätte? Auf dem Bildschirm erstreckt sich ein Angebot von Manchester, Busan, Ashkabat, Amsterdam bis hin zu Colomba. Klingt alles interessant. Als ich mir diese Gedanken durch den Kopf gehen lasse, ist es gerade kurz vor 23 Uhr und ich habe es mir auf dem Steinboden vor der elektronischen Anzeigetafel bequem gemacht. Mein Flauschhandtuch wird als Sitzkissen genutzt und schon kann mein Laptop noch ein wenig aufgeklappt werden, denn: die Flugdaten zu meiner Verbindung werden noch gar nicht angegeben. Kein Wunder. Die Abflugszeit ist schließlich erst um 5:50 Morgenfrüh. Warum bin ich also jetzt schon am Flughafen in Peking? Der Railway Express fährt ähnlich wie die Subways in der chinesischen Hauptstadt leider nicht die ganze Nacht. Die letzte Verbindung ab meiner Station startet um 22:30 – und bei der Auswahl mich um 2 Uhr aus dem Bett zu schälen und ein die Umwelt verpestendes und doppelt so teures Taxi zu nehmen, oder einfach ein paar Stunden am Flughafen zu warten, musste ich nicht einmal überlegen, bis meine Auswahl auf Zweiteres fiel. Bislang bin ich mit meinem „gemütlichen“ Arbeitsplatz auch noch zufrieden. Kurz darauf mache ich mich ans Dehnen und de Ausführung kleiner Yogaübungen. Nach dem vielen reinen Herumlaufen der letzten Tage ohne sonstige körperliche Bewegung tut mir alles mögliche weh. Der Flughafen ist um diese Uhrzeit recht leer, dennoch ziehe ich einige Blicke auf mich. Ein Chinese schenkt mir schließlich eine Wasserflasche und schießt einmal wieder ein Foto mit mir. Dann packe ich mein Musiklehrebuch aus. Die Warterei macht mir also nichts aus. Mal sehen, wie das wird, wenn dann die Müdigkeit anfängt.

Ich atme auf. Tatsächlich wiegt mein großer Koffer nur 21,7 kg. Ich bin stolz auf meine Umpackaktion am vorangegangenen Tag, in dem ich noch einmal alle Bücher und alles, was irgendwie Gewicht auf die Wage bringen könnte, in meinen pinknen Koffer gesteckt habe. Sehr gut. Mein Plan B wäre gewesen, alles was jetzt noch schwer ist ins Handgepäck zu nehmen – diese unangenehme Alternativlösung muss ich nun also nicht angehen und ich kann mich bereit dazu machen, mich fürs Erste von China zu verabschieden.
Reise und Ankunft
So – nach einer Tomatensaftumstoßaktion kurz vorm Flugzeugausstieg (klar, dass das mir passiert, dabei wollte ich nur meinem interessierten chinesischen Nebensitzer zeigen, wo ich beim Hinflug umgestiegen bin – und zwar habe ich das ganz stolz auf Chinesisch erklärt!), befinde ich mich nun in Moskau am Flughafen und – kann euch endlich nicht nur von meinen Flughafenerlebnissen, sondern von meinem Gesamttrip in Beijing berichten. Schließlich habe ich noch 11 Stunden, bis es im nächsten Flugzeug nach Belgrad geht. Mit meiner Erzählung setze ich gleich wieder bei Koffern an.

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Packesel
Ein Blick in den Spiegel bestätigt meine Vermutung, dass meine Schmerzen erstens nicht unbegründet waren und zweitens, nicht so schnell abklingen werden. Meine Arme sind um meine Armbeugen herum komplett aufgeschürft. Schon ohne dass Wasser herankommt, brennen die Stellen. Ähnlich ergeht es meinen Schultern. Das alles kommt von den vielen Treppen und der reinen Menge an Koffern, die ich habe. So ist es nicht zu vermeiden, streckenweise meinen orangenen Koffer an der Schulter oder in der Armbeuge zu transportieren, oder nacheinander Meine Koffer die Treppen nach oben zu tragen. Dass ist schließlich meine Spontanstrategie nachdem ich feststellen muss, dass mir leider niemand zu Hilfe eilt, außer einem etwa ein Jahr jüngeren High School Mädchen, die auf einem Teil meiner Strecke von meiner Zugankunftsstation und meiner Unterkunft meine Plastiktüte trägt. Also: Die Hälfte des Gepäcks die Treppe hochtragen, nach unten rennen und die schwere Tasche Stufe für Stufe nachschleppen. Da zeigt sich doch, wie sehr sich Krafttraining lohnt. „Boah! Die Menschen um mich herum finden es total unglaublich, dass du es schaffst, diesen Koffer all die Treppenstufen hochzutragen!“ bekomme ich dann schließlich von meiner einzigen Helferin zu hören. Na toll. Scheinbar schauen die Pekinger lieber zu, als selbst Hand anzulegen.
Nun ja – meine Blessuren werden schließlich mit einem komplett blau-grünen hinteren Unterschenkel getoppt, der ebenfalls zu erwarten war: meine Tragetasche lässt sich leider nur so an ihren Rollen ziehen, dass sie stets gegen die Unterschenkel schlägt. Die einzige Lösung um dis zu vermeiden: Rückwärtslaufen, was ich streckenweise auch tue.
Für all die Stellen hätte ich jetzt gerne ein Kühlpack – oder ich lege mich am besten gleich in einen Heileispool – aber dafür habe ich weder Zeit noch verfüge ich über derartige örtliche Möglichkeiten. Ich finde mich also mit einem kurzen Kaltwasserabspritzen am Waschbecken ab und lächle meinem Beijingaufenthalt entgegen.

Mal wieder eine Berühmtheit
Die Nacht zuvor war so lala verlaufen. Nachdem ich noch kurz vorm Zugeinstieg die Heulvideos meiner Gastschwester zugeschickt bekam, die meine beim Abschied ebenfalls mit Tränen in den Augen winkende Gastmutter mir zuschickte, hieß es nun nicht nur von den Personen, sondern auch von Chongqing als Stadt Abschied nehmen.
Ab jetzt bin ich wieder auf mich alleine gestellt. Ein wenig traurig finde auch ich das Tschüsssagen aber – das positive Gefühl der Freiheit und die Freude auf Erlebnisse und Abenteuer überwiegt. Den Nachmittag kann ich gut zum Lesen und Arbeiten nutzen (aber es gibt leider in chinesischen Zügen – zumindest in den günstigen Abteilen– keine Steckdosen, was etwas nervig ist!). Als dann die Nacht anbricht, wache ich in den ersten drei Stunden andauernd auf. In dem engen Sechsersitz zwischen all den anderen Passagieren bleibt einfach kaum Platz, eine gemütliche Position zum Nächtigen zu finden. Dann aber schlafe ich drei Stunden lang bis um 6 Uhr die Sonnenstrahlen durch die Zugfenster fallen. Die Lösung: ich legte mich einfach quer über den Rucksack eines anderen Passagiers – wenn er sein Gepäckstück so ungeschickt platziert, darf er sich schließlich auch nicht beschweren, wenn es von Anderen als Kopfkissen umfunktioniert wird. Insgesamt also o.k. Und 19 Stunden Zugfahrt dauern eben auch keine Ewigkeit. Immer wieder werden zudem die Rufe des Personals laut. Während meiner Zugfahrt kommen ständig Verkäufer mit warmen Mahlzeiten, Snacks und Getränken, Powerbanks und allerlei Zubehör durch die Sitzreihen. Die meisten von ihnen haben dabei ein solches Tempo drauf, dass ich gar nicht wüsste, wie ich sie unfallfrei stoppen könnte, würde ich ernsthaft etwas erwerben wollen. In meinem Abteil kauft ihnen auch kaum jemand etwas ab. Sinnvoll fände ich es, Massage im Zug anzubieten. So ein bisschen von hinten die Schultern durchgeknetet zu bekommen – das würden doch bestimmt mehr Menschen in Anspruch nehmen als irgendwelche komischen Stifte und Spielzeuge. Unangenehm wird wie in Xi’an auch bei dieser Zugfahrt wieder der immer stärker werdende Geruch nach Zigarettenrauch. Daran werde ich mich wirklich nie gewöhnen.
Zudem kommt zur Auflockerung der Atmosphäre ein regelrechtes Fotoshooting auf mich zu. „Es ist das erste Mal, dass ich eine Ausländerin sehe!“ Eine etwas dickliche Dame hört mit ihren überschwänglichen und aufgeregten Dankesrufen gar nicht mehr auf. Sie bleibt nicht die Einzige, die ihr Handy zückt und mit mir ein Foto schießt. Alleine ein Gang zur Toilette endet in einer Ewigkeit, weil ich auf dem Weg ununterbrochen um ein Foto gebeten werde. Es ist schon ein wenig seltsam, wenn eine Person ein Foto von dir schießt und alle Passagiere eines gesamten Abteils, von denen sich einige vielleicht nicht trauen zu fragen, ein eigenes Foto zu bekommen, dich dabei anstarren. Aber – so lange ich die Menschen damit glücklich machen kann, nehme ich mir eben die Zeit für die Fotos. Eigentlich hatte ich gedacht, dass Menschen, die sich auf dem Weg nach Peking befinden, oder sich vor Ort aufhalten, genug „Weiguoren“ (Ausländer) zu Gesicht bekommen und ich nicht wie in Chongqing ununterbrochen angesprochen werden würde, aber – da habe ich mich wohl geirrt. Es muss scheinbar das junge blonde Mädchen sein. So bildet sich also selbst im Railway Museum in Peking noch eine Menschenschlange, um mit mir ein Foto zu machen, sodass ich mir manchmal als das interessantere Ausstellungsstück vorkomme, das sogar die Zugmodelle in den Schatten stellt. Hätte ich von Anfang an Geld pro Foto verlangt, wäre ich jetzt sicher reich und – hätte ich mir alle Fotos die fremde Asiaten seit meinem ersten Schritt auf chinesischem Boden von mir gemacht haben, geben lassen, so könnte ich sicher eine Wand meines zukünftigen Wohnheimzimmers mit diesen Bildern in Briefmarkengröße tapezieren.
Ich wusste es! Mich in Peking zurechtzufinden würde einfach werden – bis auf den ersten Schritt: Meinen Übernachtungsplatz. Mit der Subway klappt erwarteterweise alles reibungslos, aber dann: eine hilfsbereite Chinesen lotst mich in die komplett entgegengesetzte Richtung und eine weitere, geht mit mir ein Stück zu Fuß mit dem Versprechen mit mir zum Zielort zu laufen, es sei ja nicht weit – als sie dann aber feststellt, sich selbst verlaufen zu haben und die Karte auf ihrem Handy nicht zu verstehen, ruft sie ein Taxi. Und dort wo mich das Taxi absetzt, kann ich natürlich auch nichts finden. Super. Mit all meinem Gepäck schleppe ich mich von Person zu Person und frage – ohne Erfolg. Als ich schließlich in der Mitte einer Straße auf einer kleinen Straßeninsel verschnaufe, eilt eine Familie aus Pakistan mir zu Hilfe, deren Vater ganz stolz die Englischkenntnisse seines Sohnes zur Schau stellen möchte. Vielmehr als diese drei Touristen kann mir schließlich eine Chinesin helfen. Sie steht vor der Häuserzeile die mir zumindest als Adresse genannt wurde – doch auch sie weiß nicht, wo ich hinlaufen soll. Ich fühle mich nicht mehr ganz so dumm. Denn wie sich herausstellt, befinden wir uns gerade Mal 50 Meter von dem Appartment entfernt und sogar eine in Peking Geborene und in direkter Nachbarschaft wohnende weiß nicht weiter. Endlich die Lösung: nachdem sie meine Couchsurfing Hosterin telefonisch erreicht hat, holt mich ein weiterer Schweizer Couchsurfer ab, der mich in die Wohnung leitet. Bis dieser uns findet bleibt genug Zeit, mich mit meiner „menschlichen Telefonzelle“ über deren Aufenthalte in Schweden und Frankreich zu unterhalten. Ersteres findet sie zu kalt und zu dunkel. In der aktuellen Hitze plus der Körperwärme aufgrund des Kofferschleppens würde ich mir die Temperaturen Schwedens aktuell aber tatsächlich wünschen.
Zwar ist es schon halb eins mittags, aber trotzdem scheint Amy, die sich als Mitbewohnerin meiner Hosterin herausstellt, erst durch meinen Ankunftslärm geweckt zu werden. Gerade als ich mich mit dem Schweizer austausche und er mir Aufnahmen von der Great Wall zeigt, schält sie sich verschlafen aus dem Bett. Ich sage es doch: viele Chinesen lieben es zu schlafen. Das gibt auch sie zu. Aber: sie scheint nun Energie zu haben und eine halbe Stunde nach dem „Ich muss nur noch kurz mein Gesicht waschen“ geht es im internationalen Dreierpack los.


Zu Fuß legen wir die meisten Strecken zurück: Wir durchstreifen die pittoresken Hutings, betrachten den „Temple of Confucius“ sowie das „Guozijan Museum“ von außen, die Anlage um den Lama-Tempel herum schließlich von innen. Im Anschluss an all die Buddhafiguren und kunstvoll gestalteten Gebäude schlage ich die Weiterfahrt in die Nanluoguxiang vor. Zwischen all den Souvenir- und Snackläden dieser alten Straße finden wir einen Holzbrenner, der nach dem Kauf eines Lesezeichens durch den Schweizer noch sein Englisch verbessern möchte und dem wir die beiden Sätze „I can write your name“ und „You are welcome“ beibringen. Über einen kleinen Markt, bei dem ich die Gelegenheit beim Schopf packe und mir zum Probieren das erste Mal einen Mooncake kaufe – Fazit: recht lecker, aber zu süß! -, geht es in eine Parkanlage und von dort aus – zum nächsten Park. Dem Beihaipark. Ein Stück laufen wir zusammen – dann muss der Schweizer uns aufgrund seiner heute anstehenden Weiterreise verlassen.
„Ich möchte da hinauf!“ Amy wirkt ein wenig trotzig, als wir vor den weißen verschlossenen Toren stehen. Wir gehen einmal um die weiße Pagoda herum. Wirklich – um diese Uhrzeit ist alles geschlossen. Nachdem wir uns durch Zunicken zu verstehen gegeben haben, diesen Park nicht zu verlassen, ohne diese Fläche betrete zu haben, bin ich in wenigen Sekunden über das niedrige Törchen geklettert. Sie braucht trotz meiner helfenden Hand ein wenig länger. Schließlich sind wir aber beide zumindest auf den Stufen unterhalb der Pagoda. Der Blick über die Stadt gerade um die aktuelle Sonnenuntergangszeit ist gigantisch. Ich gehe noch einen Schritt weiter und klettere auf die Pagoda. Wirklich wundervoll hier in der Stille und im Dunkeln!

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Wir drehen noch ein paar Schleifen – insbesondere weil wir den Ausgang nicht mehr direkt orten können – was uns dann aber doch gefällt, da wir auf dem Weg nicht nur Brücken überqueren und Wasserlilien sowie Tretboote sichten können, sondern weil wir auch eine lange Reihe hochgelegener und sehr kunstvoller Holzmalereien finden. Was sich ein König nicht alles in seinem Privatgarten leisten ließ!
Während des ersten Ausflugstags stellt sich bereits heraus, dass Amy erst kommende Woche arbeiten muss, und durchaus Lust dazu hat, die nächsten Tage gemeinsam mit mir Peking zu entdecken. Schließlich ist sie erst vor einem Monat in die Hauptstadt gezogen und kennt sich auch noch nicht gut aus. Klingt nach interessanten kommenden Tagen!
Dass Unis Eintritt kosten!
Ich muss zugeben: die Preise sind hier wirklich nicht allzu hoch. Sowohl Parks als auch Museen liegen für Studierende bei umgerechnet etwa 2€ . Aber dass selbst die Besichtigung des Universitätsgeländes Geld kosten soll? Es ist schon lange dunkel, als wir vor dem Eingangstor der QinghuaDaXue stehen und dies zur Kenntnis nehmen müssen. Seufz. Mindestens 30 Minuten lang waren wir vom Ausgang des Summer Palace Parks gelaufen, und nun das. Nun ja. Ich fand es auch interessant, mich an den abendlichen Pekinger Geschäftsstraßen ein wenig außerhalb der Innenstadt entlang zu bewegen und sehe es daher nicht als Zeitverschwendung an. Bei der Dunkelheit lohnt es sich nun aber wirklich nicht mehr, den Campus zu besuchen. Zudem habe ich schon von vielen Anderen gehört, die den Campus gar nicht so spektakulär fanden. Es ist scheinbar mehr der Ruf, der die Schule so begehrt macht, dass sogar das Eintrittverlangen möglich ist.
Mit dem Auskundschaften meines morgendlichen Flughafenweges nach der Subwayrückfahrt endet unser heutiger Tag – doch wie hat er angefangen? Schließlich sind Summer Palace und Unispaziergang nicht tagesfüllend.

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Ich habe doch Recht behalten – die meisten Geschäfte sind noch zu, als ich um kurz vor acht aus der Subway aussteige. Dennoch bereue ich es nicht, morgens eine Einkaufsstraße auf mein Programm gelegt zu haben: die Wangfujing Street. Denn – in überfüllten Einkaufsstraßen am Tag habe ich mich bereits häufig genug wiedergefunden. So genieße ich es mehr, das morgendliche Alltagstreiben auf den Straßen zu erleben und die Menschen auf dem Weg zur Arbeit anstelle der Touristenchinesen zu beobachten. Danach finde ich erfolgreich meinen Weg zum Tiananmen-Square. Die Verbotene Stadt wird aufgrund der langen Warteschlangen nur von außen angeschaut und am Abend im Detail im Internet recherchiert, das Mao Zedong Mausoleum, das Monument der Sieger sowie die anderen Bauten auf dem Tiananmen-Square nehme ich gleich mit und auch um den Zhougshanpark laufe ich herum, bevor ich ein Foto des wirklich beeindruckenden National Theatres schieße und schließlich die Sicherheitskontrollen am Eingang des National Museums passiere. So lange muss ich dafür gar nicht anstehen.


Viele Stunden verbringe ich in den verschiedenen Ausstellungen und lerne Allerlei über die chinesische Geschichte. Mit guten Zusammenfassungstexten und sauber ausgewählten Ausstellungsstücken vermitteln die unterschiedlichen Säle mir ein gutes Bild. Erst gegen Nachmittag treten wir aus den Türen – wir? Ja, nachdem Amy ausgeschlafen hat, haben wir im Museum zusammengefunden – nach langen Telefonaten und Navigationshilfen, denn das Nationalmuseum ist groß und die Besucherzahl noch größer, sodass wir ein wenig brauchten, um uns in dem Gewusel zu entdecken.
Amy hatte mir nicht zu viel versprochen. Eine Ecke komplett mit Holz ausgekleidet, eine schöne Glasfront, eine Ecke ausgestattet mit Pflanzen. Ich kann verstehen, warum sie diesen Buchladen mag. Kaum sind wir aus diesem wieder draußen, befinden wir uns auch schon in der nächsten berühmten Straße. Wieder eine Einkaufsgelegenheit. Und wieder mit dem Fokus auf Essen. „Essen ist für die Chinesen seeehr wichtig!“ betont Amy. Sie habe z.B. bei der Entscheidung in welche Stadt sie ziehen möchte, am stärksten das Essen gewichtet. Lange halten wir uns in der Straße nicht auf, denn unser nächstes Ziel wartet auf uns: der Summer Palace. Schon wieder können wir dort einen Sonnenuntergang beobachten und der Besuch lohnt sich: schließlich gilt der Palast samt Gartenanlage als der am besten erhaltene kaiserliche Garten in der Welt, und der größte seiner Art. Ein eigenes Theater wurde sogar einzig für die „Kings-wife“ erbaut, wie mir Amy nach dem Lauschen einer Touristenführerin übersetzt, woraufhin ich ihr die Vokabel „Queen“ beibringe. Durch eine Baumkletteraktion werde ich zur Sensation unter den chinesischen Besuchern und – wir sehen nachdem wir uns von diesen wieder losreißen können, den wirklich kunstvoll gestalteten „Palast“. Nicht schlecht. Nach dem Parkbesuch folgt schließlich unser misslungener „Unibesuch“. Auch für den Botanischen Garten ist es leider zu spät. Der Tag hat eben nur 24 Stunden.

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Von High-Speed-Trains bis hin zu VW Bussen
Interessant. Aufgrund des Subway-Baus haben sie den Ursprungsbahnhof, weil sie ihn als historisches Gebäude erhalten wollten, einfach komplett achsengespiegelt. Der Turm blieb unbewegt, nur der längliche Anbau wurde an die andere Seite gestellt. Eine einfache Lösung! Neben diesem interessanten Fakt, kann ich im National Railway Museum die unterschiedlichsten Zugmodelle betrachten, und laufe im obersten Stockwerk an den Bildern einer Fotoaussstellung entlang, die wirklich gelungen ist. Züge zu jeder Jahreszeit und in allen möglichen Landschaften -der Künstler hat es wirklich gut getroffen. Die unterste Ebene finde ich auch sehr gelungen: Im abgedunkelten Saal werden die Zugstationen und -strecken gezeigt, auf die China ganz besonders stolz zu sein scheint. Modelle der Stationen mit blinkenden Lichtern gibt es neben einer an den Leinwänden präsentierten Animation zu bestaunen.
Besonders stolz bin ich auf mich aber ohnehin, dass ich das Museum überhaupt gefunden habe. Denn noch vor sieben Uhr am Morgen bin ich zu einem „Außerhalb des Zentrums“ Spaziergang aufgebrochen. Interessant war es, durch die Gassen zu laufen, in die sich normalerweise kein Tourist verirrt. Wie überall in Peking scheint auch hier die Bebauung mit niedrigen eher älteren Häusern direkt neben den hochgezogenen Büro- und Shoppinggebäuden normal zu sein. Durch das Herumschauen und spontane Entscheiden meines Weges habe ich irgendwann die Orientierung verloren und versuche meinen inneren Instinkten folgend, auf einen bekannten Pfad zu kommen. Dass hihr auch weit und breit keine Bahnhaltestelle in der Nähe ist! Dabei ist das Pekinger-Bahnnetz wirklich riesig. Doch – ich unterschätze mich. Tatsächlich scheint meine Orientierung besser als gedacht und ich lande nach einem zwei-Stunden-Morgenspaziergang am Tiananmensquare von dem aus ich problemlos an das Railway-Museum gelange.


Ich habe keine Ahnung wohin es geht, aber ich vertraue Amy. Getroffen habe ich sie wieder an unserer „Heimatsubwaystation“ und nun fahre ich zum ersten Mal in Peking Bus. Nicht wirklich aufregend. Spannend wird es dann aber vor Ort, sodass ich auch nicht enttäuscht bin, dass der eigentlich angedachte Besuch des Olympiastadions flachfällt – dann müssen eben Bilder und Internetrecherchen ausreichen.
Stattdessen laufen wir bis in den Abend in der „798 – Art Zone“ umher. Das Gelände einer stillgelegten Fabrik wurde hier in eine Künstleroase verwandelt. Galerien, kleine Geschäfte und besondere Architektur soweit das Auge reicht. Dabei halten sich kostenlose Angebote mit ticketbedürftigen Ausstellungen und Museen die Waage. Nett ist die Musik, die in jedem Laden wechselt. Die Straßenkünstler, die reihenweise Cartoons und Porträts zeichnen, tragen auch zur angenehmen Atmosphäre bei. Insgesamt wird der Besuch des Viertels für mich wie der Besuch von gleich zehn Museen. Meine absoluten Favoriten: der Blick von den erhaltenen Fabriktreppen über das Gelände, eine Ausstellung über Kunst im Iran samt Schmuck und Wandteppichen, eine Ausstellung über Personen in Dänemark und eine Bildershow des wirklich talentierten chinesischen Künstlers Cao Yong.

Anlockende Gitarrenklänge
Erst beim Schreiben dieses Absatzes fällt mir auf, dass ich seinen Namen gar nicht mitbekommen habe. Nur, dass er ganz fest darauf besteht, Canadier und kein Amerikaner zu sein. Das ist ihm besonders wichtig, sodass er es bevor ich mit all meinen Koffern ausgestattet die Tür hinter mir zuziehe, noch einmal wiederholt. Angelockt hatten wir ihn mit etwas Gitarrengeklimper. Amy hatte die Zeit meiner Online-Weiterführung meines Peking-Sightseeings über Olympiastadion, Filmmuseum, Militärmuseum, Weltraummuseum, und das Prince Gong’s Mansion dazu genutzt, die Gitarre auszupacken, die der Ex-Freund ihrer Mitbewohnerin den beiden heute überlassen hat. Zwar hatten mir Amy und Kenzi bereits davon erzählt, noch einen Mitbewohner aus der Schweiz und einen aus Canada im selben Zimmer zu haben, bis auf den Schweizer, der nur gestern gerade als ich meinen Laptop herunterfuhr, durch die Appartmenttür huschte und nach einem kurzen „Hallo“ in seinem Zimmer verschwand, hatte ich bisher von diesen Personen aber nichts mitbekommen. Auch der Canadier wundert sich darüber, wie er mich die vergangenen zweieinhalb Tage lang verpasst haben kann. Nun ja. Ich war auch wirklich kaum in diesem Raum außer zum Schlafen. Schließlich wollte ich die Zeit des kurzen Aufenthalts voll und ganz nutzen. Jetzt jedenfalls freut er sich darüber, mich kennenzulernen, wir sophistizieren ein wenig über das Gitarre- und Klavierspielen sowie über verwöhnte chinesische Kinder – auch er ist Englischlehrer und seine Erfahrung mit Kindern aus reichem Elternhaus klingen sehr ähnlich zu den meinigen – und er versucht als Linkshänder auf der Rechtshändergitarre anhörbare Klänge zu erzeugen. Dann aber heißt es für mich – Abschied von meinem Couchsurfingappartment nehmen. Der erste Schritt auf dem Weg zum vorläufigen Tschüss von ganz China. Denn wer weiß, wann ich das nächste Mal zum Reich der Mitte aufbrechen werde. Jetzt möchte ich erst einmal den Rest der Welt bereisen. Die erste Etappe: Weiter nach Serbien. Ich bin gespannt, wie ich dort mit dem Gepäck klarkommen werde.

Eure Meinung
Wie geht es euch? Reist ihr gerne? Auch alleine? Ich z.B. genieße nicht nur meinen Aufenthalt vor Ort, sondern oft auch die Reisen an sich. Ich weiß nicht warum, aber ich verbringe gerne Zeit am Flughafen, im Flugzeug oder im Zug. Klar, wenn ich im überfüllten Zug vergeblich versuche, einzuschlafen ist es auch nicht gerade meine Lieblingssituation, aber so ganz im Allgemeinen muss ich schon sagen, dass ich das Reisen an sich genieße. Selbst wenn ich mitten in der Nacht auf einem Bahnhof auf meinen Anschlusszug warten muss. Vielleicht liegt es daran, dass ich jedes Mal andere Menschen beobachten und tlw. auch neue Menschen kennenlernen kann? Vielleicht bin ich auch jedes Mal erleichtert, wenn ich im Zug- oder Flugzeugsitz Platz nehme? Erleichtert darüber, dass alles geklappt hat? Schreibt mir, ob ihr gerne verreist und woran diese Reiselust bei euch liegt.

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