Von Geistertheater und Abschiedstränen – meine letzten eineinhalb Monate in China – Teil I

Das niedlichste meiner Au-Pair-Erlebnisse als Nachtrag gleich zu Beginn: kurz nach meinem Familienwechsel weigert sich meine neue Gastschwester, meiner Bitte nachzugehen, ihren Eltern zu übersetzen, dass sie sich wegen mir keine Umstände machen sollen und ich einfach mitesse bzw. ihren Alltag mitmache – ich möchte ihnen keine zusätzliche Arbeit bereiten. Meine Gastschwester antwortet mir daraufhin „Aber ich mag, dass meine Eltern extra für dich etwas tun, da ich dich so lieb habe!“ – sie hat sich mich wirklich ausgesucht. (Wer sich nicht mehr erinnert: Von ihrer Mutter erfahre ich, dass Angel jeden Tag, an dem sie mich beim Abholen meiner Gastgeschwister der ersten Familie gesichtet hat, zu Hause nachfragte „Warum kann diese große Schwester nicht bei uns leben!?“). In den kommenden Monaten musste sie zwar erfahren, dass es mit einer ausländischen Schwester die nicht nur ihre eigenen sondern auch die Wünsche ihrer Mutter erfüllen muss, kein reines Zuckerschlecken ist und es kam sogar Neid auf, wenn ihre Mutter etwas für mich kaufte, aber alles in allem haben wir doch eine schöne Zeit zusammen verbracht.

Backen
Es ist wirklich nicht einfach mit einer 8-Jährigen zu backen, für die das Zubereiten von Keksen, Muffins und Kaiserschmarrn komplettes Neuland ist. So kommt es dazu, dass das Eiweißschlagen nicht nur aufgrund fehlendem Rührgerät zu einer geduldigen Kraftarbeit wird. Beim ersten Eiertrennen, von dem ich die begeisterte Neubäckerin natürlich nicht abhalten kann, gerät selbstverständlich Schale und Eigelbstücke mit in die falsche Schüssel. Zudem stolpern wir nicht selten über das Problem, die richtigen Zutaten zu finden, da das was es in Deutschland ganz selbstverständlich überall gibt, hier entweder schwer zu finden, oder sehr teuer ist. Aber – es lassen sich auch ausreichend „chinesisch angehauchte“ Rezepte finden, und das ein oder andere lässt sich auch unproblematisch ersetzen. Improvisiert schaffen wir es also einige köstliche Dinge zu zaubern: Zitronen Cup-Cakes, Regenbogenmuffins (die Lebensmittelfarbe habe ich ganz zufällig für physikalische Experimente im Rahmen meiner Physikwettbewerbsteilnahme Anfang April dabei), Schokoladenkekse, Cookie-Dough mit Blaubeeren, was wirklich super lecker schmeckt und Schokosoufflée. Alles in allem also nicht nur eine Geduldsprobe für mich, sondern auch eine gute Erfahrung für uns beide und – die Grundsteinlegung einer jungen begeisterten chinesischen Hobbybäckerin.
Chongqinger Sommer – Hitze und Moskitos
Die Hitze ist wie angekündigt enorm. 42°C sind keine Seltenheit und auch abends kühlt es kaum ab. Ich schlafe zum ersten Mal in meinem Leben dauerhaft ohne Zudecke. Einige Chinesen lassen auch nachts die Klimaanlage laufen – das ist aber nichts für mich, da sich dem sowohl mein Gesundheitsempfinden als auch mein Umweltbewusstsein in den Weg stellen.
Die Klimaanlagennutzung ist hier sowieso eine Sache für sich. Während es keine Heizungen in den chinesischen Haushalten gibt, obwohl es im Winter durchaus kalt werden kann, ist jeder Raum hier in Chongqing mit einer solchen Anlage zum Kühlen ausgestattet. Auch ich finde diese Geräte im Hochsommer nicht unpraktisch – aber bitte nicht in Über- und Dauernutzung. Nachdem ich meine Gastfamilie aber auf die Stromnutzung aufmerksam mache, beginnen sogar sie, die Klimaanlage regelmäßig auszulassen und ab und an kommt stattdessen sogar der Fächer zum Einsatz.
Insgesamt lassen sich die Chinesen durch die Verwöhnung klimatisierter Räume enorm in ihrer Alltagsgestaltung einschränken. Unsere Wochenenden werden auf Kino- und Schwimmbadbesuche eingeschränkt, da es für alles andere ja „zu heiß“ sei. Besuche in Parkanlagen oder anderen Außenattraktionen sind für chinesische Familien im Sommer unvorstellbar. Insgesamt sehe ich das als faule Ausrede und „Ergebenheit“. Ich persönlich lasse mich doch nicht von den hohen Temperaturen besiegen! So schlimm ist es draußen nun auch nicht. Viel Zeit wird einfach in der Wohnung verbracht – das würde ich auf Dauer nicht aushalten und ich bin froh darüber, dass wir wenigstens eine Stunde pro Tag am Abend nach draußen in Park, auf den Spielplatz oder zum Tischtennisspielen gehen.
Ich finde das Verhalten der Einheimischen ebenso wie der anderen Au-Pairs hier stets übertrieben. Natürlich ist man recht schnell verschwitzt, wenn man z.B. wie wir beim Au-Pair Ausflug einen ganzen Tag lang draußen verbringt. Aber wenn man sich mit Sonnencreme, Sonnenhut und ausreichend Wasser versorgt, ist das Ganze durchaus aushaltbar. Am Wetter kann ich ohnehin nichts ändern, und muss mir nicht durch ununterbrochenes Motzen und Beschweren die Laune versauen. Man freut sich einfach auf die kalte Dusche oder ein Getränk aus dem Kühlschrank und hält bis dahin die hohen Temperaturen aus – oder freut sich umso mehr darüber, dass bis zu meiner Rückkehr aus Xi’an die meisten Tage tatsächlich noch aushaltbar frisch waren. Der Sommer trat also ungewöhnlich spät ein. Extrem auffällig ist die Hitze. Drei Wochen lang im Juli fällt kein einziger Tropfen. Dann kommen die Sommergewitter, die häufig zunächst mit Donner starten, zu dem erst nach einer Weile der Starkregen hinzutritt.
Freizeitaktivitäten
Vorsichtig löse ich meine Hände vom Lenkrad und stützte meine Gastschwester nun nur noch am hinteren Ende des Sattels. Einige Meter schafft sie gerade zurückzulegen, bevor ich wieder eingreife, um einen Zusammenstoß mit einem kleinen Jungen zu vermeiden. Ja, richtig erraten. Ich befinde mich gerade im Park mit meiner Gastfamilie, um meiner 8-jährigen Gastschwester das Fahrradfahren beizubringen. Wirklich ungewohnt darüber nachzudenken, wie man eigentlich fahrradfährt, wenn man es seit Jahren jeden Tag ganz automatisch macht und es für mich eigentlich wie Laufen zu den Alltagsbewegungen zählt. Dennoch erweise ich mich als sehr gute Fahrradlehrerin und vor Ende meines Aufenthaltes kann Angel zumindest einige Fortschritte aufweisen. Mal sehen, ob sie mit ihren Eltern weitertrainiert und beim nächsten Mal wenn wir aufeinandertreffen fahrradsicher sein wird.
Das schlimmste am ersten Fahrradausflug in den Park: die Moskitos. Ich beiße die Zähne zusammen, um nicht nach zehn Metern wieder umzudrehen. Es ist der reinste Wahnsinn. Überall schwirrt und juckt es. Als ich nach Hause komme und alleine an einem Bein 30 Stiche zähle, ist bewiesen, dass ich mir all das nicht nur eingebildet habe und wirklich einen Ehrenpreis verdiene, dass ich das eine Stunde lang ausgehalten habe. Neben dem Fahrradfahren kam nämlich noch ein Spielplatzbesuch dazu, bei dem ich auf den Geländern so sehr herumturnte, dass Angel andauernd stolz über das Können ihrer „Schwester“ ihre Mutter rief – und auch immer mehr der anderen fremden Spielplatznutzer ihre Blicke auf mich richteten.
Aber zurück zu den Moskitos. Diese habe ich auch in Deutschland und Afrika um mich herumgehabt, aber – hier plagen sie mich schon seit einigen Monaten auf einem ganz anderen Level. Im Juli erreicht mein Ärgernis über diese kleinen Blutsauger dann wirklich seinen Höhepunkt und ich erkläre ihnen den Krieg. Da ich das Ganze aber doch nicht ganz so blutrünstig gestalten möchte, entscheide ich mich dazu, ab jetzt bei jedem Draußenausflug am Abend eine lange Hose anzuziehen – an den Armen muss „No bite“ Spray ausreichen, damit ich in der Hitze nicht ganz eingehe. So werde ich nicht mehr allzu schlimm von den kleinen Viechern gejagt und finde nur noch den ein oder anderen neuen Stich an den Fußgelenken oder dann doch an den Armen. Ein paar wenige Stiche kommen auch neu an den Oberschenkeln hinzu. Denn die Stechmücken scheinen Gefallen daran gefunden zu haben, mich auch innerhalb der Wohnung zu tyrannisieren. Alleine beim Frühstück muss ich schon aufpassen! Den ganzen Tag zwinge ich mich durch diese kleinen Tiere aber nicht in eine lange Hose!
Geplanter „Stromausfall“
„Ich zähle 1,2,3 und auf drei kannst du loslaufen!“ „O.k!“ Ich warte, warte „Zählst du?“ „Du kannst anfangen!“ Derartige Situationen können einem wirklich nur mit Kindern passieren. Gerade befinde ich mich auf einem Geländer im nahegelegenen Park. Auf diesem laufe ich im Entengang auf die andere Seite des Steges, während mich meine Gastschwester dabei filmt. Selbst wenn ich sie vor meiner schlechten Handykamera gewarnt habe, möchte sie an diesem Abend unbedingt Aufnahmen machen. Das Ergebnis: schwarz mit ein paar Lichtern im Hintergrund und einigen Personenumrissen. Genau wie erwartet. Momentan befinde ich mich mit meiner Gastschwester gemeinsam im Park. Wie jeden Tag zwischen 8-9 Uhr gehen wir auch heute aus dem Haus. Der Hauptgrund: in dieser Stunde wird der Strom abgestellt. Lichter, Kühlschränke, W-Lan… all das wird für eine Stunde lahmgelegt. Der Grund: laut der Eltern kollektives Stromsparen. Erst dadurch fällt mir auf, dass ich in Deutschland fast noch nie einen Stromausfall erlebt habe. Aber bei der Geschwindigkeit in der die chinesischen Städte wachsen, ist es kein Wunder, dass es zu Schwierigkeiten in der Stromversorgung kommt.
Da die Eltern der Meinung sind, dass selbst mit drei Taschenlampen und zwei Tischleuchten das Schreiben unter derartigen Bedingungen immer noch schädlich für die Augen sei, haben wir unsere Sportaktivität und das Schreiben auf dem Plan ausgetauscht und verbringen unsere „Sportstunde“ seitdem entweder im Wohnzimmer bei Taschenlampenlicht, oder eben draußen. Nicht selten komme ich von den Spielplätzen mit Sand zurück, den ich nicht nur aus meinen Haaren und meiner Hose herausschüttle, sondern auch in meinen Ohren finde. Mitten in der Großstadt vermittelt mir das wenigstens etwas Strandfeeling.
Ganz aufgebracht kehrt an einem Abend meine Gastschwester mit mir nach Hause zurück, als auf dem Spielplatz ein paar Kinder untereinander darüber tuschelten, sie sei die Tochter eines „gemischten Pärchens“ . Eine Ausländerin und ein Chinese. Ich erzähle ihr daraufhin von dem deutschen Lied „Lass die Leute reden“ von den Ärzten, und empfehle ihr, sich nicht weiter um die Gedanken der anderen zu scheren, was sie aber auch nicht beruhigt. Ausreichend Mut um zu den entsprechenden Kindern zu gehen und ihre falschen Vermutungen klarzustellen, bringt sie dann aber doch nicht auf.
Familienkrise
Insgesamt ist es schon spannend, die Ereignisse in einer Familie mit einem zumindest etwas distanzierten Blick zu betrachten. Zwar bin ich einerseits in die Familie integriert und erfülle quasi die Rolle der großen Schwester, andererseits ist eindeutig definiert, wie lange ich diesen Platz „einnehmen“ werde und ich kenne Angel nicht wie ihre Eltern und Großeltern seit bereits 8 einhalb Jahren. Erstaunt bin ich, wie schnell Kinder zwischen verzweifeltem Heulkrampf, ungeheurer Wut auf die Eltern und Schmusezeit samt Wiederversöhnung und glücklichem Durch-die-Lüfte-Springen wechseln können. Ich lasse meine Kindheit Revuepassieren. Habe ich mich wohl auch so verhalten?
Jetzt muss ich mich jedenfalls an das manchmal sehr tapfere, manchmal sehr sensible Wesen meiner Gastschwester gewöhnen. In manchen Situationen nehme ich zwischen Eltern und Kind eine seltsame Rolle ein. Die Lernerwartungen der Mutter zu erfüllen ist nicht immer einfach, wenn ich gleichzeitig das Ziel zu erreichen versuche, meine Gastschwester glücklich zu machen. In einigen Punkten stehe ich zwischen den beiden Parteien, was die Sache nicht einfach macht. Aus einigen Streitereien kann ich mich aber getrost zurückhalten und kann den oftmals unnötigen Diskussionen entspannt und interessiert sowie mit einem Schmunzeln auf den Lippen, wenn es nicht allzu heftig wird, folgen.
Spaß bereitet es auch, eines Abends nach einem Streit mit Angel im Park spazieren zu gehen und „Fluchtpläne“ zu entwickeln. Aus ihrer Wut heraus überlegen wir uns, was wir alles zum „Ausreißen“ brauchen. All das bleibt aber von Anfang an auf spielerischem Niveau, denn in meiner Gastfamilie herrschen Liebe und Harmonie vor – in meinen Augen sind die aufflammenden Konflikte ganz normal und treten nicht in beunruhigendem Ausmaß auf.

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