Von Geistertheater und Abschiedstränen – meine letzten eineinhalb Monate in China – Teil II

Wochenende
Aufgrund der Hitze geht es leider nicht mehr so viel am Samstag und Sonntag raus. In der ersten Woche ist der Sonntags-Hauptattraktionspunkt ein Besch in dem Einkaufsladen METRO (Wa für ein Ausfug!!) und eine Woche darauf geht es früh morgens ins Kino. Kinobesuche sind hier ganz interessant, da man für einen 3D Film nur 4 € zahlt und dafür meist einen ganzen Kinosaal für sich alleine hat. (Bislang war ich noch in keinem Vorstellungsraum mit mehr als zwei weiteren Zuschauern außer meiner Gastschwester und mir). Da meine Gastschwester super schnell Angst bekommt, ist das gar nicht so schlecht, denn in den fast leeren Sälen kann sie Aufschreien so laut sie und sich an mich klammern so fest sie möchte. Die Kinderfilme sind teilweise ganz nett – nach zwei Filmen reicht es mir aber auch. Dennoch lassen sie sich sehr gut fürs unterrichten nutzen, da ich anhand der Handlungsstränge Themen veranschaulichen kann und wir ausführliche Zusammenfassungen schreiben, sowie ein Thema haben, über das wir uns während der Mahlzeiten und im Auto unterhalten können.
Nur in Ausnahmefällen wird es ein wenig spannender:
Ich zucke zusammen, als das kalte Wasser meinen Rücken zum ersten Mal bespritzt und mein T-Shirt vollkommen durchnässt. Meine Gastschwester vor mir schreit kurz auf, dann höre ich ihr Lachen. Schaue ich über ihre Haare herüber oder an der orangenen Schwimmweste die sie trägt vorbei, kann ich ihren Vater erblicken, der sich auf der anderen Seite des Raftingbootes an den Griffen festhält. Nach einer kurvigen Autofahrt und einigem Anstehen haben wir es endlich geschafft: wir sitzen im Boot und können uns die Wasserfälle und Steinrutschen mit dem Boot treiben lassen. Vorwärts, rückwärts, mal geschlossene, mal offene Augen. Alles wird ausprobiert. Ganz so aufregend wie erwartet finde ich es dann doch nicht – aber wenn man bereits Vierjährige in der Anstehschlange erblickt, kann es ja auch nicht allzu gefährlich sein.
Trotzdem hat mich meine Gastschwester zuvor stundenlang mit ihrer Angst genervt. Schon nach den ersten Sekunden ist diese zum Glück verflogen und ihre Schreie rühren nur noch von der Freude her. Und: Ihre Mutter hat sich überhaupt nicht aufs Boot getraut, da muss ich also umso mehr stolz auf die 8-Jährige sein. Ich freue mich besonders darüber, dass es an diesem Tag sehr warm ist. So kann ich die Fahrt genießen. Bei niedrigeren Temperaturen hätte ich bei solch durchnässten Klamotten ansonsten sofort zu bibbern angefangen.

Eines Abends im Wasserspielpark wird es auch recht spaßig. Als ich vom Schließfächerbereich in die Außenanlage trete, ärgere ich mich darüber, in meinen Augen keine eingebaute Kamera zu haben. Zu gerne würde ich in diesem Augenblick ein Foto schießen: Überall sind Chinesen, die meisten mit Schwimmreifen ausgestattet. Es ist unglaublich voll und dementsprechend lange muss man leider auch anstehen.
Etwas Besonderes ist nicht dabei, aber wir amüsieren uns mit dem Herumklettern auf einem Wasserspielplatz und der Benutzung einiger Rutschen. Nach der Einigung, auf einige Attraktionen aufgrund von Wartezeiten, die 60 Minuten überschritten hätten, zu verzichten, finde ich eine Einzelrutsche, die so frei ist, dass ich die Treppen hochrennen, herunterrutschen und gleich wieder zurück an den Anfang sprinten kann. Dabei handelt es sich um eine Senkrechtrutsche, die auch erst ab einer Körpergröße von 1,50m benutzt werden darf – und die sich angesichts der wenigen Benutzer wohl nicht so viele trauen. Ich finde sie ganz gut. Meine Gastschwester darf sich die Minuten, die ich zum Rutschen aufwende ein wenig mit ihrer Mutter beschäftigen. Ich werde indes nach meiner Handynummer gefragt – war ja mal wieder zu erwarten, denn selbst die Dunkelheit, die sich inzwischen über Chongqing gelegt hat, kann mein ausländisches Aussehen nicht verbergen.
Abenteuerreich wird es noch einmal im Wellenbecken. Zwar habe ich schon zahlreiche Wellenbecken in Deutschland besucht und habe auch schon an einigen Stränden der Welt gegen richtige Wellen „gekämpft“, aber – bei all diesen Gelegenheiten hatte ich meinen Vater anstelle eines 8-Jährigen Mädchens an der Seite. Jetzt also: radikaler Perspektivwechsel. Je weiter wir uns in den tiefen Bereich des Beckens wagen, desto unmöglicher wird das Stehen und umso stärker werden die Wellen. Während ich zu Beginn noch bequem mit Angel um die Hüften abspringen kann, sobald eine Welle auf uns zurollt, gilt irgendwann nur noch: Hauptsache sie bleibt oben und muss kein Wasser schlucken. Ich gebe dieses Ziel ziemlich bald auf und versuche nur noch rechtzeitig Nase und Mund zu schließen, bevor die Welle mich unter sich vergräbt.
So unangenehm ist das gar nicht und ich finde ziemlich bald das richtige Timing. Von außen muss es aber doch gefährlicher aussehen, als es sich anfühlt, denn nach einiger Zeit spüre ich einen Arm an meiner Schulter. Einer der zahlreichen Rettungskräfte, die um das Becken herumstehen und sich auch verteilt im Wasser befinden, zieht uns in flachere Gebiete, sodass ich nun wieder abspringen kann.
Neben den Rutsch- und Wellenattraktionen gefällt mir besonders der abendliche Ausblick, der sich vom Geländer aus kur vorm Rutschen ergibt: der Fluss, die Brücke und die vielen beleuchteten Hochhäuser.
Mehr spannende Ausflüge ergeben sich leider nicht. Aber wenn es etwas gibt, das Angel und ich in jedem Fall gemein haben, dann ist es Kreativität – und so fällt uns auch zu Hause genug ein, mit was wir uns beschäftigen können

Essen, Tanzen, Singen…
Beim Essen zeige ich ihr das aus meiner Kindheit bekannte Spiel „Doppelstopp“ durch das wir auf einmal im Stehen essen, uns unter dem Tisch verkriechen, oder auf einmal unsere Gläser in Turbogeschwindigkeit leertrinken. Auch eine günstige Variante des „Dark-Dinners“ gestalten wir auf unsere eigene Art: Wir binden uns einfach Tücher um die Augen. In jedem Fall eine interessante und für die Eltern, die uns zuschauen, wie wir wahllos auf dem Drehtisch nach Essensschalen suchen, um uns daraus etwas herauszupicken, was auf dem Weg in unsere Schüsseln ohnehin wieder herunterfallen wird, sehr amüsant. Danach geht es gleich weiter mit Blindtanzen – die dabei entstehenden Videos sind wirklich lustig.
Einen Englischtext, den meine Gastschwester auswendig lernen muss, nutze ich als Theatertextgrundlage und wir finden uns bald nebeneinander heulend auf dem Wohnzimmerboden wieder, nachdem wir uns kurz zuvor gegenseitig spielerisch angeschrien haben.
Auch eine Radiosendung samt eines selbst geschriebenen Gedichts, einem Interview über deutsches Essen, einer selbst verfassten und vertonten Geschichte und aufgenommenen Liedern, erstellen wir und in einem selbst ausgedachten Werbespot preisen wir einen Handtaschenspiegel zum Verkauf an.
An ganz banalen Dingen kann man ebenfalls Gefallen finden. Beispielsweise gebe ich ihr ein Halsbonbon. Während des Englischunterrichts beginnt sie damit, es jede Minute herauszunehmen und es zu betrachten. Wir bewundern die Farbveränderung von dunkelgrün bis hin zu fast durchsichtig und interpretieren in die entstehenden Formen von magischen Steinen und Diamanten bis hin zu Monstern und Familienmitgliedern alles Mögliche hinein. So einfach lassen sich Kinder beschäftigen und gleichzeitig bezeichne ich diese Art Tätigkeiten als „kreativitätsfördernd“ und daher pädagogisch sinnvoll.
Außerdem ist meine Gastschwester super neugierig. Ihre „Warum-Fragen“ sind zwar anstrengend, aber insgesamt möchte ich ihren Fragendrang nicht unterbinden und – erinnere mich daran, dass ich nicht anders war – und es auch heute noch liebe Antorten und vermeintliche Tatsachen zu hinterfragen.

Angst
Meine Gastschwester hat wirklich vor zu vielem Angst: Vor Regenwürmern, Schlangen, ja, sogar Vögeln. Erblickt sie in ihrem Sciencebook mit dem wir täglich Englisch lernen ein Foto eines dieser Tiere fährt sie beängstigt auf ihrem Stuhl zusammen, und ich muss es dann mit einem Papier abkleben. Alles „das ist nur ein Bild, was kann es dir denn anhaben“ Gerede von mir bringt nichts. Ich kann es ja verstehen, wenn man eine Phobie gegen ein Tier hat, aber dass man bei jedem Tier loskreischt und auch von dem harmlosesten Kinderfilm, der ab 4 Jahren freigegeben ist, mit acht noch Albräume bekommt, ist dannoch ein wenig viel Furcht. Kommt die Mutter in eine Science-Unterrichtsstunde herein, muss ich nur mit den Augen rollen, denn diese hat volles Verständnis für ihre Tochter. Sie selbst hat vor vielem Angst. Und so kommt es eines Mittags zur Vollkatastrophe:
Als Angel und ich zum Mittagessen in die Küche kommen, finden wir den gesamten Kühlschrank ausgeräumt vor. Meine Gastmutter sitzt halb heulend am Esstisch an ihrem Handy. Immer wieder betont sie, wie sehr sie Angst habe – vor was? Vor einem einer Küchenschabe ähnlichen Insekt. Gut, ich kann es ja verstehen, dass es nicht gerade zu einem Freudenschrei führt, wenn man dieses Tier in der Küche entdeckt – aber dass man dann Kreidebleich am Esstisch sitzt und das Mittagessen mit Schokolade ersetzt, weil man sich beruhigen muss …? Die Mutter ist schon etwas hysterisch.
Der Kammerjäger kommt entgegen der Ankündigungen schließlich doch nicht, sondern stattdessen am Abend der Vater, der den Kühlschrank einfach wieder einräumt – damit hat es sich dann auc. Ich frage mich nur, was diese Familie anstellen würde, wenn sie nicht in der Innenstadt im siebten Stock, sondern in einem Haus mit Garten und direkt angrenzendem Wald, ähnlichem meinem Elternhaus, wohnen würden. Da sind tierische Besucher eher die Regel als die Ausnahme – klar, jetzt auch nicht gerade im Kühlschrank, aber durchaus im Wohn- Schlaf- oder Kinderzimmer.
Schwestern auf bestimmte Zeit
Interessant ist auch unsere geschwisterliche Interaktion. Immer wieder betone ich, wie wichtig es ist, dass wir ab und an unterschiedlicher Meinung sind und auch mal diskutieren – daran müssen sich die Eltern erst gewöhnen. Auch wenn ich natürlich nicht ihre eigene Tochter bin, tragen sie doch auch eine gewisse elterliche Verantwortung für mich. Dass Angel noch nie ein Geschwisterkind hatte und daher den typischen unter Einzelkindern verbreiteten Egoismus aufweist, kann ich ihr nicht übel nehmen. Insgesamt geht sie doch recht nett mit mir als neue Schwester um. Sie hat sich mich ja schließlich mit wochenlangem Betteln bei den Eltern erst erkämpfen müssen.
Dennoch fällt es ihr nicht immer einfach, dass es da noch jemanden gibt, mit dem sie das ein oder andere teilen muss. Zwar schenkt sie mir großzügig Muscheln und Steine, andererseits möchte sie mir von besonders leckeren Keksen manchmal nichts abgeben. Spannend sind die eingeschnappten Nachfragen an ihre Eltern: „Warum muss meine große Schwester jetzt noch nicht ins Bett/ jetzt nicht die Füße waschen…“ was wir meistens mit den Worten – wenn du 18 bist, darfst du auch lange wach bleiben und deine eigenen Duschzeiten bestimmen – kommentieren. Auch wird mir ganz offen gesagt, dass ich immer Angels Meinung sein muss. Wenn es also ans Spielen geht, soll ich immer auf das eingehen, was sie spielen will, ich soll ihre Regeln und Regeländerungen mitten im Spiel akzeptieren – und soll sie am besten auch immer gewinnen lassen. So haben es schließlich Großeltern und Eltern seit jeher praktiziert. Na gut – dann gebe ich eben meine erzieherischen Ansprüche, die ich zu Begin in das Geschwisterdaein hineininterpretiert hab, auf und tanze nach ihrer Nase.
Planung
Selbst wenn die Chinesen keine Planer für die kommende Woche sind, sorgen sie sich durchweg doch sehr um die Zukunft. Besonders die Zukunft ihrer Kinder. Andauernd werde ich also von meinen Gasteltern gefragt, ab welchem Alter ich empfehle, die Tochter in welchem Land auf College oder High-School zu schicken. Auch für das Thema, welche die beste Uni für Design in Australien sei, werde ich zu Rate gezogen. Als ich darauf keine Antwort weiß, wechseln sie zu England. Das liegt schließlich in Europa, ich habe das also gefälligst zu wissen! Ich muss sie aber wieder enttäuschen und fühle mein Unwissen auch gerechtfertigt: 1. Ich habe mich noch nie für ein Designstudium interessiert 2. In vielen Ländern ist es nicht so eindeutig, wie hier in China, was denn die beste Universität ist. Während in China genau zwei Top-Unis in Peking berühmt sind und es ganz klare Ranglisten gibt, würde ich behaupten, dass in Deutschland bei den meisten Fachrichtungen der Studienort nicht die entscheidende Rolle spielt, und es stattdessen viele Unis gibt, die eine ähnlich gute Lehre anbieten. 2. In 10 Jahren, wenn das wirklich zum Thema für Angel wird, hat sich alles noch einmal verändert. Schließlich kommen andauernd neue Universitäten hinzu, die beruflichen Anforderungen verändern sich und dementsprechend auch die Rankings. 3. Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele Menschen mit 8 Jahren dachten, etwas werden zu wollen, was sie nach dem Abitur in keinem Fall mehr in Betracht gezogen hätten. Ich antworte also ausführlich, dass sich die Eltern doch bitte dann informieren sollten, wenn es an der Zeit ist und vor allem, dass sie sich zunächst darüber klar werden sollten, was für sie eine „gute“ Universität bedeutet. Schließlich legt jeder eine andere Gewichtung auf: Lage und Umgebung der Uni, Betreuungsschlüssel Studierender – Professor, Auswahl- und Spezialisierungsmöglichkeiten, Auslandskooperationen… Den Chinesen geht es natürlich ganz oberflächlich erst einmal um Namen und Ruf, ich versuche Angels Famile da aber mehr auf den Inhalt umzustimmen und erkläre, dass die Uni mit dem „schönsten“ Namen individuell nicht zu jedem passen muss.
Dass die Chinesenum die Zukunft ihrer Kinder umsorgt sind, lässt sich auch an Zahlen festmachen: Chinesen weisen die höchste Sparquote weltweit auf. Die meisten Sparer geben an, das Geld für ihre Kinder zur Seite zu legen.

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