Von Geistertheater und Abschiedstränen – meine letzten eineinhalb Monate in China – Teil III

 

Ausflüge
Ausflüge gab es aufgrund der Hitze und der Arbeitszeiten des Vaters als Polizist leider bei weitem nicht so viele, wie es mir versprochen wurde – aber dennoch, verließen wir wenigstens ab und zu das Haus. Dabei ging es ins Kino, ins Schwimmbad, einmal ins Madame Tussaud Museum und ein Wochenende verbrachten wir mit Arbeitskollegen des Vaters in einer bergigen Region etwas außerhalb der Stadt, wo wir neben geselligen Abendessen die Zeit zum Mountainclimbing und Rafting nutzten.
Dora Musical Adventure
Ich blicke die Stuhlreihen entlang. Dann wieder auf meine Armbanduhr. In 5 Minuten soll die Vorstellung beginnen und auf den Sitzen finden sich nur vereinzelt Kinder mit ihren Eltern und Großeltern. Also doch nichts Besonderes. Ähnlich wie ich es bereits bei den Aufführungen traditioneller Musik, beim Kindergeschichtenerzählabend sowie bei zahlreichen Kinobesuchen erlebt habe – Zuschauerräume bleiben hier in China stets leer. Dabei dachte ich, dass die Vorstellung des heutigen Abends in einem professionell wirkenden Konzertsaal, etwas besser besucht würde. Vorne auf der Bühne tanzen wenige Minuten später Schauspieler aus aller Welt in großen Kostümen. Von einem Affen, über ein Krokodil und einen bunten Fuchs werden alle Figuren der bekannten Kindergeschichten rund um die Hauptfigur „Dora“ präsentiert. Sie muss heute das Land der verlorenen Kuscheltiere finden.
„Ladies and Gentlemen, boys and girls. Welcome to the Dora musical adventure“ Mit diesen Worten wird die Vorstellung eingeleitet. Nein, sie kommen ausnahmsweise nicht von einer versteckten Lautsprecherstimme, sondern von Angel, meiner Gastschwester. Gut eine Woche zuvor hatte ich mit ihr einen Text geschrieben, den sie anschließend für ein Video auswendig lernte, das dem Veranstalter geschickt wurde. Dieser wählte schließlich Angel aus, um die Einführung an diesem Tag zu übernehmen. Stolz waren wir alle natürlich bereits als wir diese Rückmeldung erhielte. Nun ging die Arbeit aber erst richtig los. Jeden Tag musste Angel die Englische sowie Chinesische Fassung des Textes ihren Eltern oder ihrer Oma vortragen. Wenigstens war ich aus dem Schneider und musste es mir nicht hunderte Male anhören. Die Übertreibung dieses fünf Minuten-Auftritts vor letztendlich etwa 30 Kindern+ Elternteilen gipfelte am Morgen des Auftrittes. Nicht nur wurde das edelste Kleid aus dem Schrank geholt, auch wurde einiges an Make-up aufgetragen und der Kleinen wurden künstliche Wimpern angeklebt. Sie nahm das zwar eher als spaßig als lästig auf – dennoch kam es mir wirklich als weit über das Ziel hinausgeschossen vor.
Am Tag der Vorstellung erlebten wir alle eine Überraschung. Angeblich sei es den ausländischen Schauspielern in Chongqing zu heiß, sodass sie aufgrund der warmen Kostüme nicht mehrmals am Tag spielen könnten. Sie seien alle krank. Wie bitte? Das ist zumindest das, was wir meine Gastschwester erklärt, als ich an dem Morgen, an dem die Vorstellung eigentlich für den Nachmittag geplant ist, aus meiner Zimmertüre trete. Die Vorstellung wäre nun auf den Morgen verschoben worden. Wie? Und morgens sind die Schauspieler noch nicht krank? Oder sind es dann morgens chinesische Schauspieler? So ganz wird das Rätsel nicht gelöst , fest steht nur, dass wir um 9 Uhr statt um 13 Uhr aufbrechen und auf der durchaus klimatisierten Bühne (dank Klimaanlage kann einem hier in Chongqing das Wetter draußen in der Regel egal sein) letztendlich doch die ausländischen Darsteller zu sehen bekommen. Die Texte werden dabei vom Band abgespielt – und sind Chinesisch. Ich verstehe also diese ganze Aufregung und Terminänderung nicht – Die Verschiebung einer ganzen Vorstellung um vier Stunden nach vorne kann einem eben nur in China passieren. Vielleicht trägt aber auch das dazu bei, dass der Zuschauerraum noch nicht einmal zur Hälfte gefüllt ist.
„Sehr gut gemacht! Super!“ rufe ich Angel entgegen und strecke ihr meinen nach oben zeigenden Daumen entgegen. Sie hat den Text wirklich selbstsicher und fehlerfrei vorgetragen. Ihre Mutter kann also beruhigt die Vorstellung dazu nutzen, das Video in ihren WeChat Verlauf hochzuladen und bei Freunden und Verwandten Glückwünsche und Lobe einzuholen.
Auf der Bühne wird nun getanzt und gesungen. Ganz nett insgesamt, aber als sich meine Gastschwester nach einigem Abwägen dazu entschließt doch schon die Pause zu nutzen um nach Hause zu gehen und die zweite Hälfte des „Musicals“ nicht mehr mit anzusehen, bin auch ich nicht traurig. Die meisten um uns herumsitzenden Kinder sind ohnehin deutlich jünger und genau für diese jüngere Zielgruppe ist das Stück wohl ausgelegt, sodass Angels Halbbegeisterung nachvollziehbar ist. Schlecht fand sie es trotzdem nicht. Zudem haben wir die Karten dank Angels Auftritt umsonst erhalten – und sie ist im Anschluss um eine Bühnenerfahrung reicher.
Die restliche Zeit verbringen wir viel zu Hause, besonders da der Vater an den letzten beiden Wochenenden, die ich noch in China bin, arbeiten muss. Er ist Polizist und kann seine Arbeitszeiten daher nicht flexibel einteilen. Angel und ich erfinden zum Zeitvertreib eine eigene Geschichte eines Ehepaars das vom Beruf als Straßenmusiker bis hin zum König und zur Königin aufsteigen und beschäftigen uns damit einige Tage lang neben dem Englischlernen. Ganz geschickt kann ich in dieses Schauspiel Diskussionen darüber miteinbauen, was im Leben denn wirklich wichtig ist, und was man sich Stück für Stück vom erlangten Geld erwerben sollte. Besonders beliebt bei ihr ist auch das Schminken und Frisieren. Am liebsten würde sie mir jeden Tag zehn Mal das Gesicht bemalen und die Haare flechten. Ich bringe ihr bei, wie man einen Französischen Zopf macht – und nach einigem Üben wird der sogar gar nicht so schlecht!
Das fiktive „Verkaufen“ von Dingen liebt meine Gatsschwester ganz besonders, sodass wir das Wohnzimmer eines Tages in einen Schuhladen verwandeln. Als Nebeneffekt kann ich die High-Heel-Sammlung der Mutter begutachten, die sie seit der Geburt ihrer Tochter überhaupt nicht mehr nutzt. An einem anderen Tag stellen wir selbst Perfüm her und versuchen die kleinen Fläschchen, uns gegenseitig anzudrehen. Auch werden mir stolz Kindervideos vom ersten Geigenauftritt, Tänzen im Kindergarten und viel mehr gezeigt. Als Angel mein Schlagzeugübepad erblickt, wird ein gemeinsamer Rhythmussong geschrieben und nachdem ich ihr ein Lied von High School Musical vorgespielt habe und sie ganz Feuer und flamme dafür ist, kann ich meine eigenen Kindheitserinnerungen aufleben lassen. So viel Zeit bleibt letztendlich dann auch nicht mehr bis ich in den Zug ab nach Peking steige.
Auf WIEDERsehen
Der Abschied verläuft recht ruhig. Zwei Tage vorher übergebe ich Angel und ihren Eltern meine Geschenke. Angel wühlt daraufhin ganz aufgeregt in ihrem Schatzeschrank und möchte mir irgendwelche Plastiktierchen und Muscheln überreichen, wovon ihre Mutter sie abhält. „Deine große Schwester braucht so Kleinkrams nicht!“ Es bleibt also letztendlich bei einer Muschel, deren Farben sie noch passend mit meinem Charakter in Verbindung bringt. Ihre Mutter geht nach der Geschenkeübergabe gleich Proviant für meine Fahrt nach Beijing einkaufen – auf meinen Wunsch hin hauptsächlich Obst – und überreicht mir am nächsten Tag eine große Tüte voller essbarer Kleinigkeiten für meine Eltern.
Wirklich Herzzerreißend sind dann die vier Videos, die mir meine Gastmutter schickt. Ganz tapfer hat Angel beim Abschiedwinken des wegfahrenden Taxis noch keine Träne verschüttet. Wahrscheinlich ging es ihr einfach zu schnell. Doch kaum realisierte sie nach der Rückkehr in die Wohnung, dass es nun keine physisch anwesende große Schwester mehr gibt, brach für sie wohl eine Welt zusammen. Schon die Tage zuvor hatte sie immer wieder aus dem Nichts heraus den Satz „Und bald musst du gehen!“ ausgesprochen und mich mehrmals gefragt, warum ich denn gehen müsste. Ich fühle mich geschmeichelt, so weiß ich doch, dass ich meinen Job nicht schlecht gemacht habe. Außerdem ist es auch eine wichtige Erfahrung für sie – und: dank heutiger Technik sind wir nicht aus der Welt. Im nächsten Jahr schon plant die Familie den Sommerurlaub in Deutschland zu verbringen und über WeChat kann ich sogar weiterhin ihre Englischtexte korrigieren und wir können uns gegenseitig regemäßig Bilder zukommen lassen.

 

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